Material 3 (**/***) Arbeitsauftrag 3 (Sek I und II)

Ein Tribunal gegen Schriftsteller

Im Wortlaut:

Sehr geehrter Herr Staatsratsvorsitzender,
mit wachsender Sorge verfolgen wir die Entwicklung unserer Kulturpolitik. Immer häufiger wird versucht, engagierte, kritische Schriftsteller zu diffamieren, mundtot zu machen, oder, wie unseren Kollegen Stefan Heym, strafrechtlich zu verfolgen. Der öffentliche Meinungsstreit findet nicht statt. Durch die Kopplung von Zensur und Strafgesetzen soll das Erscheinen kritischer Werke verhindert werden. Wir sind der Auffassung, dass der Sozialismus sich vor aller Öffentlichkeit vollzieht; er ist keine geheime Verschlusssache. Über seine Erfolge und Niederlagen, d.h. über unsere Erfahrungen zu schreiben, halten wir für unsere Pflicht und unser Recht.

Wir sind gegen die willkürliche Anwendung von Gesetzen; Probleme unserer Kulturpolitik sind mit Strafverfahren nicht zu lösen. Und wenn ein Schriftsteller sich öffentlich die Frage gefallen lassen muss, warum er eigentlich noch in der DDR bleiben wolle, halten wir das für einen unerträglichen Zustand. Wir bitten Sie, sich unserer Sorge anzunehmen.

Hintergrund und Folge

Am 7. Juni 1979 schloss der Schriftstellerverband unter dem Vorsitz von Hermann Kant (seit 1978) im Roten Rathaus in Berlin Kurt Bartsch, Adolf Endler, Stefan Heym, Karl-Heinz Jakobs, Klaus Poche, Klaus Schlesinger, Rolf Schneider, Dieter Schubert und Joachim Seyppel aus dem Verband aus. Dieser beispiellosen Reglementierung ging ein offener Brief an Honecker voraus, der in den Westmedien abgedruckt wurde. In dem Brief hatten die Unterzeichner Bartsch, Becker, Endler, Loest, Poche, Schlesinger, Schubert und Stade ihre Sorge verdeutlicht, dass die Staatsorgane immer häufiger engagierte, kritische Schriftsteller diffamierten und zu kriminalisieren versuchten.

Aufgaben für Sek. I und II (Jg. 9-13):

1. Benennen Sie die Forderungen der Schriftsteller in dem Brief.

2. Vergleichen Sie die Haltung der Briefschreiber mit Video 1 und dem von Christa Wolf in Video 4 entworfenen Stimmungsbild.

3. Recherchieren Sie, ob Literatur in der Bundesrepublik völlig frei von Zensur ist/war. Diskutieren Sie den Zusammenhang zwischen einer freien Literatur und einem freiheitlichen Staat!

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