Zeitzeuge aus der MDR-Doku "1989 - Aufbruch ins Ungewisse" Wolfgang Wehner

Lehrer Wolfgang Wehner nimmt am 7. Oktober 1989 an der ersten großen Demo in Plauen teil und bekennt sich dazu vor seinen Schülern.

Plauen im Vogtland: Auch hier sind am 7. Oktober 1989 offizielle Feiern zum Republikgeburtstag geplant. Für Lehrer Wolfgang Wehner ist dieser Feiertag nur noch eine Farce. Mit dem Abbau der Grenzanlagen in Ungarn Anfang Mai 1989 hat der Eiserne Vorhang ein großes Loch bekommen. Immer mehr DDR-Bürger wagen die Flucht in den Westen. Auch Wehners Sohn Thomas. Ihm gelingt die Ausreise über die Prager Botschaft der BRD.

Es war nicht mehr zu verstehen, dass man einen 40. Jahrestag mit Hurra feiert, wenn auf der anderen Seite Hunderte DDR-Bürger durch die Stadt in Richtung tschechische Grenze fahren, um das Land zu verlassen. Wir haben gesagt, das kann doch nicht sein, dass Menschen so blind, so borniert sind, dass sie das nicht wahrnehmen oder nicht wahrhaben wollen. Und dann stellen die sich hin und wollen den 40. Jahrestag bejubeln.

Wolfgang Wehner

Wasserwerfer gegen 10.000 Demonstranten

Statt zur offiziellen Feier geht Lehrer Wehner an diesem Tag mit seiner Frau in die Plauener Innenstadt. Seit Tagen kursiert das Gerücht, dass es dort eine Demonstration geben soll. Doch die Mächtigen wollen sich die Jubelfeiern nicht verderben lassen. "Als wir dort vor dem Rathaus ankamen, glaubten wir nicht, was wir sahen. Wasserwerfer im Einsatz, Reihen von Polizisten mit Schilden, mit Visieren, mit Schlagstöcken – und auf der anderen Seite eine aufgebrachte Menge. Nach kurzer Zeit dürften so in etwa 10.000 Menschen dort gewesen sein. Menschen aller Altersgruppen, zum Beispiel auch Schüler aus meiner Klasse waren dabei. Es war unbeschreiblich. Über uns kreiste ein Hubschrauber, um uns einzuschüchtern", beschreibt Wolfgang Wehner die Szene in der Plauener Innenstadt.

In breiter Front strömen die Demonstranten auf das Rathaus zu. In der ersten Reihe wird ein Betttuch mit der Aufschrift "Wir fordern Reisefreiheit!" getragen. Trotz des großen Polizeiaufgebots bleiben die Menschen friedlich. "Wir haben uns von dieser Euphorie mitreißen lassen. Zum ersten Mal demonstrierten die Menschen gegen die DDR. Sprechchöre fordern 'Weg mit dem Hubschrauber!' Und es war unglaublich, mir läuft es heute noch kalt den Rücken runter, plötzlich schwenkte dieser Hubschrauber ab. Das war ein Riesenjubel, das war der erste Sieg!", erzählt Wehner. Der Plauener Superintendent Thomas Küttler versucht zwischen Bürgern und Stadtführung zu vermitteln. Ihm gelingt es, ein offenes Gespräch mit dem Oberbürgermeister zu den Forderungen der Bürger zu vereinbaren.

Als wir nach Hause gegangen sind, war eigentlich für mich klar, das muss der Anfang einer großen politischen Wende sein. Denn wir haben zum ersten Mal erreicht, dass die Staatsmacht einen Rückzieher gemacht hat. Also war die DDR verwundbar. Und das war ein starkes Gefühl.

Wolfgang Wehner

Wehners Zwiespalt

Am Montag nach der Demo werden Lehrer Wehner und seine Kollegen zur Schuldirektorin bestellt und auf die offizielle Parteilinie eingeschworen. "Die schändlichen Provokationen" sollen aufs Äußerste verurteilt werden. Wolfgang Wehner, der sich nach der Protestdemo zwei Tage zuvor so frei gefühlt hatte, steht vor einem großen moralischen Dilemma: Lügen oder die Wahheit sagen. Wehner entscheidet sich für die Wahrheit und sagt: "Ich war am Sonnabend dabei. Auch ich gehöre zu den staatsfeindlichen Elementen. Auch ich habe so genannte staatsfeindliche Parolen gerufen. Und auch ich bin ungemein stolz darauf."

Nach dieser Rede verlässt er die Klasse und nimmt beim Gang durchs Schulhaus schon mal in Gedanken Abschied von seiner Arbeit. Denn er ahnt, dass diese Rede Folgen haben wird. "Aber ich hatte trotzdem ein unwahrscheinlich gutes Gefühl. Ich hatte meine Schüler nicht belogen. Ich hatte mich auch nicht feige vor einer Entscheidung gedrückt. Ich war irgendwie an diesem Morgen des 9. Oktober 1989 in der Freiheit angekommen", entsinnt sich Wolfgang Wehner.

Im August 1990 wird Wolfgang Wehner zum Direktor an seiner Schule gewählt.