Eine Frauengruppe mit einem Mädchen im Grünen
Ich beim Frauentagsausflug ins Leipziger Rosental 1965. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Ostfrauen "Bei uns endete die Gleichberechtigung an der Wohnungstür"

Das bisschen Haushalt ... erledigten Frauen nach dem Arbeitstag im Betrieb, inklusive Kindererziehung, Wäscheservice und Familienbewirtung - selbstverständlich auch am Wochenende. Ein Rückblick von Kathrin Aehnlich.

von Kathrin Aehnlich

Eine Frauengruppe mit einem Mädchen im Grünen
Ich beim Frauentagsausflug ins Leipziger Rosental 1965. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Als kleines Mädchen wollte ich Kosmonautin werden. Unsere Walentina Tereschkowa hatte es mir vorgemacht, und auch die Hündin Laika war ins Weltall geflogen. Was war eigentlich aus der Hündin Laika geworden? Ich bestand den Kosmonautentest im Pionierhaus und träumte, davon im Raumanzug auf einer Gangway zu stehen und zum Abschied meinen Eltern und vor allem meinen Mitschülern zu winken. Doch mein Traum wurde jäh zerstört. "Mach deinen Mund auf!", sagte mein Banknachbar, dem ich stolz mein Testprotokoll zeigte. Und dann stieß er mich mit dem Satz "Kosmonauten haben keine Plomben!" für immer von der Gangway.

Gleichstellung von Mann und Frau

Es war mein Backenzahn und nicht die Tatsache, dass ich ein Mädchen war. Zu diesem Zeitpunkt war ich sicher, dass ich alles werden konnte: Traktoristin, Kranführerin, Verkehrspolizistin. Berufe, in denen nun endlich auch die Frauen "ihren Mann stehen konnten". Das versprach unsere Heimatkundelehrerin. Wir alle waren vereint in der Klasse der Arbeiter und Bauern und der befreundeten Intelligenz, geleitet von einer "Partei neuen Typus" – die unter meiner Rechtschreibschwäche zu einer "Partei neuen Typhus" wurde. In der DDR gab es keine Männer und Frauen, sondern nur Pioniere, FDJler, Gewerkschaftsmitglieder, Genossen. Alle waren Kampfgefährten der Partei. Und an der Tafel stand der Merksatz: Die Gleichberechtigung der Frau begann sofort mit der Gründung der DDR: Im Artikel 7 vom 7. Oktober 1949 heißt es:

Die Frauenfrage ist der Klassenfrage untergeordnet und löst sich mit ihr selbständig auf.

Tafelaufschrift

Damit waren alle Zweifel beseitigt. "Mann und Frau sind gleichberechtigt. Alle Gesetze und Bestimmungen, die der Gleichberechtigung der Frau entgegenstehen sind aufgehoben." Und Wilhelm Pieck verkündete kurz darauf: "Wichtig ist die Einreihung der Frauen unseres Volkes in die antifaschistische-demokratische Einheitsfront!"

Doch die Gleichberechtigung der Frau war nicht nur eine politische, sondern auch eine wirtschaftliche Notwendigkeit. Der Krieg, mit dem wir als "Sieger der Geschichte" nichts zu tun haben wollten, hatte auch die DDR-Reihen dezimiert. Es fehlten männliche Arbeitskräfte und die Abwanderung von Fachkräften nach Westdeutschland führte zu spürbarem Arbeitskräftemangel. Die Bevölkerung war überaltert. Zwar waren die Grundkosten für Miete, Energie und Lebensmittel erschwinglich, im Gegensatz zu den "Konsumgütern" wie elektronischen Geräten oder Autos. Das zehnjährige Sparen auf einen Trabant war ohne Mitarbeit der Ehefrau fast unmöglich. Das Hausfrauendasein war, zumindest in der Stadt, verpönt und mit dem Verdacht der Faulheit belegt.

Alle Mütter meiner Klassenkameraden gingen arbeiten, was uns nach der Schule eine "sturmfreie Bude" bescherte. Meine Mutter, die sich neben ihrer Arbeitszeit in einem Fernstudium von einer Verkäuferin zur Kindergärtnerin qualifizierte, arbeitete als Erzieherin in einem Kinderwochenheim und verhalf so Schichtarbeiterinnen zur "Selbstverwirklichung" am Arbeitsplatz. Jeden Montagmorgen um sechs gaben die Postangestellten ihre Kinder in die Obhut meiner Mutter, um sie nach erfolgter Pflichterfüllung am Sonnabendmittag wieder abzuholen. 

Gleichberechtigung endete vor der Wohnungstür

Bei uns zu Hause endete die Gleichberechtigung vor der Wohnungstür. Mein Vater ignorierte die staatlichen Vorgaben und verlangte weiterhin pünktlich das von meiner Mutter gekochte Mittagessen und seine von meiner Mutter gewaschenen und gebügelten Hemden. An ihrem Sonntag stand meine gleichberechtigte Mutter um sechs Uhr auf, bereitete das Frühstück vor, wusch das Geschirr ab, bereitete das Mittagessen vor, wusch das Geschirr vom Mittagessen ab, backte einen Kuchen. Jetzt hatte sie eine Stunde Zeit, "um die Beine hochzulegen", und um dann den Kaffeetisch zu decken und sich ihrem Schicksal bis zum Abend zu ergeben. Sie war verantwortlich für unsere Wäsche, unsere Hausaufgaben, die Hausordnung, die Sauberkeit der Wohnung. Mein Vater klebte die Konsummarken ein und unterschrieb unsere Zeugnisse.

Nur einmal im Jahr war alles anders. Einmal im Jahr durfte meine Mutter länger schlafen, und mein Vater deckte den Frühstückstisch und schenkte meiner Mutter eine Azalee mit rosafarbener Schmuckbanderole. Einmal im Jahr waren alle Friseursalons ausgebucht, alle Blumenläden leer gekauft, alle Künstler engagiert und alle Restaurants vermietet. Einmal im Jahr, am 8. März, dem "Internationalen Frauentag", hielten die Chefs ihrer Sekretärin die Tür auf, halfen die Ehemänner ihren Frauen in den Mantel. Danach versank das Land wieder in seiner "Sächlichkeit".

Regieren als Männer-Domäne

Als die Dichterin Ingeborg Bachmann einmal Leipzig besuchte, notierte sie in ihren Skizzen: "Mädchen, die nicht für Männer gemacht sind, sondern Sächlichkeiten sind, ohne dass man sagen könnte, sie entsprächen nun tatsächlich den Leitbildern der Traktoristin, Funktionärin etc. – sie sehen vielmehr wie verschonte, aus dem Erotischen evakuierte Menschen aus." Dieses Bild der müden Heldinnen war lediglich in der Kunst zu finden. Vor allem Wolfgang Mattheuers Gemälde "Die Ausgezeichnete" brachte Mitte der 1970er-Jahre viele Betrachter zum Nachdenken. Darauf konnte die Partei keine Rücksicht nehmen. Die sozialistische Frau war ungeschminkt schön und hatte andere Ziele. Bereits in einem Kommuniqué des ZK der SED aus dem Jahr 1961 "Die Frauen – der Frieden und der Sozialismus" wurde resümiert, dass die Frauen "hervorragende Leistungen im Beruf und bei der Erziehung der Kinder" vollbrachten – und "bei der Lenkung und Leitung des Staates". Und die Vorsitzende des "Demokratischen Frauenbundes Deutschlands", Ilse Thiele, verkündete 1964 stolz: "Bei uns haben die Köchinnen gelernt, den Staat zu regieren."

Beim genauerem Hinsehen war jedoch alles anders. Im ZK der SED gab es lediglich zwei Frauen, Margarete Müller und Inge Lange, die als nicht stimmberechtigte Kandidatinnen jahrzehntelang vergeblich auf die Aufnahme in den Klub der alten Männer warteten. Lediglich die "La Guillotine" genannte Justizministerin Hilde Benjamin und die Ministerin für Volksbildung, Margot Honecker, traten öffentlich in Erscheinung. Unrühmlich. Damit tat es das Zentralkomitee dem großen Bruder (nicht Schwester!) Sowjetunion gleich, in dessen Obersten Sowjet weder bei Lenin noch bei Stalin noch bei Breschnew Frauen regierten. Selbst im Kabinett von Gorbatschow gab es eine einzige Frau, und das auch nur 13 Monate lang.

Das Regieren blieb eine Domäne der Männer, die per Gesetz bestimmten, dass sich die Frauen emanzipieren sollten. Sie versuchten der "werktätigen Frau und Mutter" das Doppelleben so erträglich wie möglich zu machen. Es gab den Hausarbeitstag einmal im Monat, es gab die Möglichkeit zum Frauensonderstudium, eine Freistellung bei Krankheit des Kindes (seit 1976 mit Lohnausgleich) und vor allem das bezahlte Babyjahr, das ab 1986 bereits beim ersten Kind galt. 

Frau als Kopf der Familie

Als ich im Sommer 1987 unter Wehen im Kreißsaal lag, fragte mich der Arzt vorwurfsvoll: "Warum erst jetzt?", denn ich war mit fast dreißig Jahren eine Spätgebärende. Ich verdarb die Statistik, in der 70 Prozent aller Frauen ihr erstes Kind bereits vor dem 25. Lebensjahr bekamen. Dass sie danach weiterhin arbeiten gingen, war selbstverständlich und zudem durch die geringen Löhne in vielen Familien notwendig. Für den Fall, dass jemand zweifelte, lieferte eine Studie die notwendige Erklärung: "Erst die schöpferisch, gesellschaftlich nützliche Arbeit in einer von Ausbeutung freien Gesellschaft, die damit einhergehende soziale und ökonomische Unabhängigkeit, die Verbindung einer sinnvollen beruflichen Tätigkeit mit der Mutterschaft geben Frauen die Möglichkeit, dem Mann als wahrhaft Freie und Gleiche gegenüberzutreten, zur 'Herrin der Geschichte' zu werden, wie August Bebel es vorausgesehen hatte." (Quelle: Autorenkollektiv Panorama, DDR, 1978)

Jetzt war die sozialistische Frau nicht nur "Siegerin der Geschichte", sondern auch "Herrin der Geschichte". Eine Bürde, die meine Cousine wie folgt kommentierte: "Ich war die Legislative und mein Mann die Exekutive." Die Frau bestimmte, der Mann führte aus. Die Frau gab vor, was einzukaufen war, was die Kinder am Morgen anzogen, in welcher Farbe die Wände gestrichen wurden, wohin die Urlaubsreise ging. Zwar stellte sich der folgsame Ehemann brav mit dem von seiner Ehefrau verfassten Einkaufszettel nach einem Korb in der Kaufhalle an, wusch am Wochenende den Trabant und tapezierte nach vorgegebenem Muster. Der Kopf der Familie aber, die "Schaltzentrale", war die Frau. Unmerklich war ein "Ehemann neuen Typus" entstanden. Denn bei allen Bemühen um die Gleichberechtigung der Frau hatte man die Männer vergessen. Niemand sagte den Jungen im Kindergarten, dass sie von nun an weinen durften, wenn sie Schmerz empfanden, niemand empfahl ihnen, später Friseuse zu werden oder Sekretärin. Während Mädchen zunehmend Hosen trugen, verweigerten die Jungen weiterhin die Röcke. Und wenn ein Mann und Vater das auch ihm zustehende Babyjahr beantragte, wurde er belächelt.

Frauen erobern Politik

Und dann eroberten die Frauen auch noch die letzte Bastion: Die Politik. Unaufgefordert. Frauen gründeten 1982 die erste organisierte Oppositionsgruppe "Frauen für den Frieden" (u.a. Bärbel Bohley und Ulrike Poppe), und 1989 wurde im Haus von Katja Havemann das "Neue Forum" gebildet. Die Frauen liefen den Männern im wahrsten Sinne des Wortes davon. Die erste Montagsdemonstration auf dem Leipziger Ring wurde von zwei Frauen angeführt, die ein Plakat mit der Aufschrift "Ein freies Land mit freien Menschen" trugen.

Ich selbst habe nie darunter gelitten, eine Frau zu sein, noch habe ich es als besondere Auszeichnung empfunden. Und selbst heute bin ich von meiner Eignung als Kosmonautin überzeugt. Wäre nicht mein Backenzahn gewesen.

Kurzbiografie der Autorin Kathrin Aehnlich wurde 1957 in Leipzig geboren. Nach einem Ingenieur-Studium studierte sie von 1985 bis 1988 am Leipziger Literaturinstitut und veröffentlichte Hörspiele und Erzählungen.
1989 Beginn der journalistischen Arbeit für die unabhängige Wochenzeitung "Die andere Zeitung" (DAZ), dann erste Hörfunk-Dokumentationen. Seit 1992 ist sie Feature-Redakteurin bei MDR FIGARO.

Kathrin Aehnlich ist Autorin und Regisseurin von zahlreichen Features und Dokumentarfilmen und schreibt Erzählungen und Romane. Ihr Roman "Alle sterben, auch die Löffelstöre" (2007) war ein Bestseller.
Eigentlich aber wäre Kathrin Aehnlich gern Rockmusikerin geworden: "Ich muss Bücher schreiben", sagt sie, "weil ich nicht singen kann."

Über dieses Thema berichtet der MDR im TV: Ostfrauen - Wege zum Glück | 08.03.2019 | 20:15 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 06. März 2019, 16:16 Uhr