Matthias Gabler
Matthias Gabler, Anfang der 1990er-Jahre war er Bauingenieur für Barthels Hof in Leipzig. Bildrechte: MDR / Saxonia Entertainment

Interview mit Matthias Gabler Schneider: "Ein 100-prozentiger Macher"

Im Interview erzählt Matthias Gabler vom "Hoffnungsträger" Schneider, der am Ende die Handwerker betrogen hat. Als junger Bauingenieur leitete Gabler Anfang der 1990er-Jahre eines von Schneiders Prestigeprojekten: Barthels Hof.

Matthias Gabler
Matthias Gabler, Anfang der 1990er-Jahre war er Bauingenieur für Barthels Hof in Leipzig. Bildrechte: MDR / Saxonia Entertainment

Herr Gabler, welche Erinnerungen haben Sie noch an das Projekt Barthels Hof?

Ich kann mich noch erinnern, dass ich im Januar 1993 nach Leipzig kam und stand vor diesem wunderbaren, alten Gebäude. Es hatten noch keine Abbrucharbeiten begonnen. Die große, alte Tür ging gar nicht auf. Dahinter war viel Schutt. Ich bin dann in dieses Gebäude gegangen und es sah natürlich immer noch so aus wie nach dem Zweiten Weltkrieg. Das Gebäude war noch nicht angefasst, da war noch nichts passiert und wir haben dann das komplette Gebäude entkernt.

Wie muss man sich Leipzig Anfang der 1990er-Jahre vorstellen?

Anfang 1993 war alles noch grau. Ich bin in Ostdeutschland groß geworden und kenne die Verhältnisse, wie sich diese Stadt entwickelt hat. Aber in den ersten zwei bis vier Jahren war natürlich von der Aufbruchsstimmung noch nicht so viel zu spüren.

Durch Dr. Jürgen Schneider hat die Stadt in einer immens kurzen Zeit etwas erfahren, was vielleicht eine Dekade gedauert hätte. Ich glaube, das ist etwas positives, was man ihm, natürlich mit etwas zeitlichem Abstand, zu Gute halten muss.

Was für ein Bild hatten Sie von Schneider? War er ein Hoffnungsträger?

Also ich denke schon, dass Dr. Jürgen Schneider zur damaligen Zeit, als er begann in Leipzig zu wirken, schon so eine Art Hoffnungsträger war, weil natürlich die Leute gelechzt haben nach Investitionen in das marode Leipzig.

Ich habe ihn persönlich vier, fünf Mal kennengelernt und jedes Mal war es wie eine Inszenierung. Also für mich war das wie zu DDR-Zeiten, wenn irgendwelche Parteigrößen kamen. Dann haben wir im Barthels Hof richtig so eine Art Inszenierung gemacht, weil Fernsehteams da waren, Spiegel, Stern, die großen Zeitungen, LVZ, die über ihn berichteten. Und diese Gemengelage hat ihn etwas größer darstellen lassen und hat ihm auch persönlich gefallen, weil damit einiges leichter umzusetzen war. Im Umgang mit den Medien war er schon Profi.

Was für ein Typ war Jürgen Schneider?

Also, Schneider war ein 100-prozentiger Macher. Wenn er auf den Baustellen war, dann hat er immer das Kommando übernommen, hat seine Leute dort hin und her geschickt, antanzen lassen, und hat auch ganz klar zum besten gegeben, wie er die Gebäude umsetzen möchte, wie er etwas restaurieren möchte, wie er die Bautätigkeit haben möchte und auch in welcher Geschwindigkeit. Für ihn war auch immer wichtig, relativ zügig zu bauen, um keine Zeit zu verlieren, um die Sachen auch schnell vermieten und vermarkten zu können.

Mehr dazu: Schneiders prächtige Paläste

Seine Gebäude gehören zu den Vorzeigeimmobilien Leipzigs: Kurz nach der Wende kaufte Jürgen Schneider mehr als 70 Gebäude in der Messestadt. Insgesamt gehörten dem Bauunternehmer mehr als 150 Luxus-Immobilien.

Schneider Immobilien in Leipzig mit der Drohne aufgenommen.
Zu den Filetstücken, die Schneider in der Messestadt 1991 erworben hatte, gehört die Mädler-Passage, die er aufwendig sanieren ließ. Bildrechte: MDR/Saxonia Entertainment
Schneider Immobilien in Leipzig mit der Drohne aufgenommen.
Zu den Filetstücken, die Schneider in der Messestadt 1991 erworben hatte, gehört die Mädler-Passage, die er aufwendig sanieren ließ. Bildrechte: MDR/Saxonia Entertainment
Schneider Immobilien in Leipzig mit der Drohne aufgenommen.
Die prächtige Passage wurde im 16. Jahrhundert als Handelshof mit Kaufgewölben errichtet und zwischen 1911 und 1914 von Anton Mädler ausgebaut. Bildrechte: MDR/Saxonia Entertainment
«Schneider-Immobilie» in Leipzig
Auf seiner Einkaufstour im Osten erwarb er auch den "Barthels Hof", direkt neben dem Markt in der Innenstadt. Bildrechte: MDR/Saxonia Entertainment
Schneider Immobilien in Leipzig mit der Drohne aufgenommen.
Die Passage und auch "Auerbachs Keller" gehörten nach der Schneider-Pleite zur Konkursmasse des Immobilienspekulanten. Der Weinkeller wurde durch Goethes "Faust" berühmt. Daran erinnern die Bronzefiguren von Faust und Mephisto. Bildrechte: MDR/Saxonia Entertainment
«Schneider-Immobilie» in Leipzig
Das alte Handelshaus in der Leipziger Hainstraße am Markt gehörte zu seinen ersten Leipziger Immobilien. Bildrechte: MDR/Saxonia Entertainment
«Schneider-Immobilie» in Leipzig
Trotz des Konkurses von Schneider wurde das Gebäude für mehr als 90 Millionen Mark saniert und erstrahlt heute in neuem Glanz. Bildrechte: MDR/Saxonia Entertainment
«Schneider-Immobilie» in Leipzig
1991 erwarb Schneider das renommierte Luxus-Hotel "Fürstenhof" für 46 Millionen DM und verkaufte es später wieder für 450 Millionen DM. Bildrechte: MDR/Saxonia Entertainment
«Schneider-Immobilie» in Leipzig
Das Gebäude wurde 1770 bis 1772 errichtet, diente dann als Residenz des Leipziger Ratsherrn Heinrich Löhr und wurde 1889 als Hotel "Fürstenhof" eröffnet. (Über dieses Thema berichtet der MDR in der Dokumentation "Der Auf-Schneider": TV | 13.01.2019 | 20:15 Uhr) Bildrechte: MDR/Saxonia Entertainment
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Schneider hat qualitätsbewusst gebaut. Also das, was wir dort gemacht haben, war schon eine sehr, sehr hochwertige Sanierung. Ob er das selber immer wollte, das weiß ich nicht. Er war großzügig. Aber es war auch nicht sein persönliches Geld.

Wie haben Sie erfahren, dass die Baustellen gestoppt werden müssen?

Ich bin am 12. April 1994 dreißig Jahre alt geworden und in der Nacht zuvor habe ich mit Freunden reingefeiert. Und da kam ein Straßenverkäufer der Bild-Zeitung in das Restaurant mit einer Sonderausgabe und dem großen Aufmacher: „Schneider verschwunden, Schneider untergetaucht“. Und da waren wir natürlich hellwach, erschrocken und haben gedacht: Um Gottes Willen, was passiert jetzt, was passiert mit dem Projekt, was passiert mit dem Unternehmen? Das konnten wir vorher nicht ahnen, dass er untertauchen würde.

Jürgen Schneider: Ein Imperium bricht zusammen

Im Frühjahr 1994 begann das Imperium von Jürgen Schneider zu wanken. Zusammen mit seiner Frau flüchtete er vor den Milliarden-Schulden. Nach einem dreizehn-monatigen Versteckspiel wurde er gefasst.

Jürgen Schneider
Im Frühjahr 1994 muss Jürgen Schneider seinen Hauptkreditgeber, die Deutsche Bank, über eine drohende Zahlungsunfähigkeit informieren. Am 10. April 1994 vermelden die Nachrichten: Der Bauunternehmer Jürgen Schneider und seine Frau seien verschwunden. Bildrechte: dpa
Blick auf die Türme der Deutschen Bank in Frankfurt am Main (Archivbild 8/1996).
55 Geldinstituten schuldet der Bauunternehmer mehr als fünf Milliarden D-Mark. Jürgen Schneider taucht unter. (Im Bild: Bürotürme der Deutschen Bank in Frankfurt/Main) Bildrechte: dpa
FBI-Fotos des Bauunternehmers Jürgen Schneider nach seiner Verhaftung am 18.5.1995 in Miami.
Erst am 18. Mai 1995 wird der weltweit gesuchte Schneider in Miami verhaftet. Fast ein Jahr sitzt er in einem Gefängnis in Kalifornien, bevor er an Deutschland ausgeliefert wird. Bildrechte: dpa
Der Vorsitzende Richter der 29. Strafkammer des Frankfurter Landgerichts, Heinrich Gehrke, greift vor Verhandlungsbeginn am 3.7.1997 zu einem Aktenordner.
Vor der 29. Strafkammer des Frankfurter Landgerichts beginnt am 3. Juli 1997 der Prozess gegen ihn. Es ist das größte Strafverfahren, das das deutsche Baugewerbe je erlebt hat. 450 Seiten umfasst die Anklageschrift. (Im Bild: Der Vorsitzende Richter Heinrich Gehrke mit Prozessakten) Bildrechte: dpa
Jürgen Schneider mit seinen Rechtsanwälten Franz Salditt und Christoph Rückel im Gerichtssaal in Frankfurt
"Ich bin kein Unschuldslamm", sagt Jürgen Schneider gleich zu Prozessbeginn und gesteht freimütig, die Banken betrogen zu haben. Er habe Scheinrechnungen ausgestellt und falsche Angaben über die Größe seiner Immobilien gemacht, um höhere Kredite gewährt zu bekommen. Bildrechte: dpa
Ein großes Aufgebot von Fotografen erwartet Jürgen Schneider am Donnerstag (22.01.1998) vor dem Gefängnis in Frankfurt. Der wegen schweren Betruges zu sechs Jahren und neun Monaten Haft verurteilte Immobilienspekulant ist zur Verbüßung seiner Reststrafe angetreten.
Ein großes Aufgebot von Fotografen erwartet Jürgen Schneider am 22. Januar 1998 vor dem Gefängnis in Frankfurt/Main, in dem er seine Strafe verbüßen muss. Bildrechte: dpa
Jürgen Schneider
Im Frühjahr 1994 muss Jürgen Schneider seinen Hauptkreditgeber, die Deutsche Bank, über eine drohende Zahlungsunfähigkeit informieren. Am 10. April 1994 vermelden die Nachrichten: Der Bauunternehmer Jürgen Schneider und seine Frau seien verschwunden. Bildrechte: dpa
Der verurteilte ehemalige Baulöwe Jürgen Schneider verläßt am 23.12.1997 verläßt mit seiner Ehefrau Claudia Schneider-Granzow den Gerichtssaal des Frankfurter Landgerichts.
Am 23. Dezember 1997 verkündet das Frankfurter Landgericht das Urteil. Jürgen Schneider wird wegen schweren Betrugs, Kreditbetrugs und Urkundenfälschung zu sechs Jahren und neun Monaten Gefängnis verurteilt. Als strafmildernd wertet das Gericht die ungeheuerliche Leichtfertigkeit der Banken. (Auf dem Bild verlässt er nach der Urteilsverkündung gemeinsam mit seiner Ehefrau den Gerichtssaal.) Bildrechte: dpa
Jürgen Schneider
Die Haftstrafe übersteht er relativ gut. "Ich komme vom Bau, da kann man mit Menschen umgehen", so Schneider. Im Gefängnis schreibt er ein Buch über sein Leben als Immobilien-Mogul und Betrüger, das er 2001 auf der Frankfurter Buchmesse vorstellt. Bildrechte: dpa
Jürgen Schneider mit Ehefrau Claudia während eines Interviews in Leipzig
Jürgen Schneider mit Ehefrau Claudia bei einem Besuch 2009 in Leipzig: Schneider sagt damals: "Die Menschen erkennen mich und freuen sich, weil ich Leipzig schöner gemacht habe." (Über dieses Thema berichtet der MDR in der Dokumentation "Der Auf-Schneider": TV | 13.01.2019 | 20:15 Uhr) Bildrechte: imago stock&people
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Wie war die Stimmung in Leipzig zu diesem Zeitpunkt?

In den ersten Tagen und Wochen war die Stimmung sehr, sehr negativ ihm gegenüber. Denn genau diese Erfahrung hat man uns ja in Ostdeutschland immer wieder versucht, einzuimpfen: Der böse Kapitalismus wird die Arbeiterschaft im Endeffekt betrügen. Und Schneider hat ja, wenn man das so möchte, damit ein Lehrbeispiel gegeben. Er hat nicht nur die Banken betrogen, sondern auch die Handwerker und die Unternehmen, und damit auch die Stadt Leipzig.

Was waren die nächsten Schritte?

Da war natürlich eine völlige Hektik, alle Firmen waren aufgedreht. Es wurde sofort ein Bauzaun hingestellt und zugemacht, der vorher so nicht da war. Die Leute von der Projektleitung waren völlig überrascht. Die wussten ja auch nichts und versuchten natürlich uns im positiven Sinne zu motivieren. Aber diese Meldung, die wir in den Nachrichten hörten, ließen keinen Zweifel daran, dass das ganze Imperium zusammenbricht. Und damit drohte auch für uns als Unternehmer und für die Handwerker Insolvenzgefahr.

Wer hatte am meisten unter der Schneider-Pleite zu leiden? Gab es auch Gewinner in der Geschichte?

Also ich sage mal, für Leipzig war es im Nachhinein Fluch und Segen zugleich. Fluch, weil natürlich mit seiner Flucht erstmal viele Träume geplatzt sind, viel zusammengebrochen ist. Und Segen weil viel in kurzer Zeit gebaut wurde. Schneller als in anderen Großstädten in Ostdeutschland, die das Glück nicht hatten. Uns sind die schönsten Gebäude in dieser Stadt, die ja sehr viel alte Bausubstanz hat, erhalten geblieben. Er hat angefangen, die Gebäude zu modernisieren und zu sanieren. Und die Banken hatten den politischen Druck, diese Gebäude fertig zu machen.

Und Verlierer, das waren die Handwerker, die im Endeffekt durch ihn in die Insolvenz getrieben worden sind, die größere Geldausfälle hatten und damit auch natürlich persönliche Schicksale erlitten.

Über dieses Thema berichtet der MDR in der Dokumentation "Der Auf-Schneider": TV | 13.01.2019 | 20:15 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 07. Januar 2019, 14:00 Uhr