Dieter Baumann in seinem Büro.
Dieter Baumann in seinem Büro. Bildrechte: Dieter Baumann/MDR

Zeitzeugenbericht Und plötzlich war der Strom weg

Als "Hauptdispatcher" war Dieter Baumann für die Braunkohleversorgung der DDR verantwortlich. Am Neujahrsmorgen 1979 musste er frühzeitig aus seinem Urlaub zurückkehren, da die Auswirkungen des Katastrophenwinters die Energieversorgung lahm legten.

von Steffen Lüddemann

Dieter Baumann in seinem Büro.
Dieter Baumann in seinem Büro. Bildrechte: Dieter Baumann/MDR

Silvester 1978/79: Dieter Baumann macht zum ersten Mal seit zehn Jahren Urlaub zum Jahreswechsel. Er ist im thüringischen Oberhof und erlebt dort den Temperatursturz um knapp dreißig Grad. Der Ingenieur ist als "Hauptdispatcher" für die Braunkohleversorgung der DDR verantwortlich. Ohne Braunkohle läuft im Land nichts, die Energiewirtschaft ist auf den einzigen einheimischen Brennstoff angewiesen.

Einer der größten Blackouts der DDR-Geschichte

Dieter Baumann muss unverzüglich nach Hoyerswerda. Auf den vereisten Straßen braucht er für die knapp 300 Kilometer mit seinem Trabant vierzehn Stunden. Als er im Braunkohlekombinat eintrifft, ist die Lage schlimmer als erwartet: Die Energieversorgung ist bereits zusammengebrochen, Lichter und Heizungen gehen aus. Weil die Oberleitungen in den Tagebauen vereist sind, stehen die Kohlenzüge still. Je länger sie stehen, umso mehr vereist die Kohle. Binnen weniger Stunden sind alle Reserven aufgebraucht.

Braunkohlebagger im verschneiten Braunkohletagebau Jänschwalde 1 min
Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Die niedrigen Temperaturen zum Jahreswechsel 1978/79 bereiteten dem Tagebau Jänschwalde große Schwierigkeiten. Zeitweise konnte nur einer der vier Kohlebagger arbeiten.

Fr 14.12.2018 12:50Uhr 01:27 min

https://www.mdr.de/zeitreise/schwerpunkte/video-258650.html

Rechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Video

Bohrhämmer aus der BRD

Dieter Baumann versucht, die Güterzüge wieder flott zu machen. Tausende Soldaten der Nationalen Volksarmee und Helfer setzt er ein, um die gefrorene Kohle aus den Waggons zu brechen. Was fehlt, sind die geeigneten Werkzeuge.

Ich habe mich erinnert, dass es in Westdeutschland damals im Quelle-Katalog Bohrhämmer gab. Und als dann der stellvertretende Ministerpräsident anrief und meinte: Sagt mir, was ihr braucht. Egal, wo es herkommt, wir organisieren das. Da haben wir gesagt: Hol uns 500 Bohrhämmer aus dem Westen!

Dieter Baumann

Zwei Wochen ununterbrochen im Büro

Einige Stunden später stehen drei Lkws mit der begehrten Fracht an der Grenze in Helmstedt bereit. Damit die Versorgung der Kraftwerke mit Braunkohle wieder anlaufen kann, muss der Zugverkehr wieder rollen. Es dauert vierzehn lange Tage, bis das geschafft ist: Die Kraftwerke arbeiten wieder, es gibt Strom und Wärme. In dieser Zeit verlässt Dieter Baumann sein Büro nicht.

Schweigen über die Ursachen

Auch wenn danach das "Neue Deutschland" ungewohnt offen über die Schwierigkeiten im "Katastrophenwinter" berichtet, die Ursachen der folgenschweren Kettenreaktion kommen nicht zur Sprache: fehlende Maßnahmepläne für ein flexibles Krisenmanagement, der Mangel an Lagerkapazitäten und Werkzeugen, vor allem aber die verhängnisvolle Abhängigkeit der DDR-Energieversorgung von der Braunkohle.

Über dieses Thema berichtet der MDR auch im Fernsehen: "Sechs Tage Eiszeit - Der Katastrophenwinter 1978/79" | 02.01.2019 | 20:15 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 27. Dezember 2018, 16:36 Uhr