Kriminalfälle der Einheit Spektakulärer Kunstraub in Weimar

Im Chaos der Nachwendejahre werden Galerien, Museen und Kirchen zum Ziel von Dieben. Denn plötzlich sind die Grenzen offen und es gibt einen weltweiten Markt für das Diebesgut. Und: Gebäude sind kaum gesichert, Wachleute unzureichend geschult. So werden 1992 in Weimar acht Gemälde mit einem geschätzten Wert von 63 Millionen D-Mark gestohlen.

Frühherbst in Weimar, es ist der 12. Oktober 1992. Die deutsche Wiedervereinigung liegt nur zwei Jahre zurück. Das beschauliche thüringische Städtchen ist heute wie damals weltbekannt für die enorme Dichte an Kunst und Kulturgütern aus den verschiedenen Epochen deutscher Geschichte.

Das Weimarer Stadtschloss zeigt zu dieser Zeit Kunstschätze von unglaublichem Wert, beispielsweise die bedeutenden Gemälde von Lucas Cranach d. Ä. Darunter sind die Bildnisse von Sibylle von Cleve und Martin Luther - es sind 500 Jahre alte Originale. Sie sind enorm wertvoll, weltberühmt – und daher eigentlich unverkäuflich.

Wenige Minuten nach vier Uhr morgens geht plötzlich der Alarm im Stadtschloss los. Erst kurz zuvor war hier eine neue, dreifache Alarmanlage installiert worden, die das Gebäude außen und innen sichert. Zusätzlich dazu ist noch ein Wachmann vor Ort.

Gemälde im Wert von 63 Millionen D-Mark – gestohlen in wenigen Minuten

Die Ermittlungen werden später ergeben, dass in diesem Moment mehrere Zufälle zusammenkommen: Der Wachmann reagiert nicht, weil er glaubt, dass Tauben den Außenalarm ausgelöst hätten, wie schon einige Male zuvor. Doch dann geht auch der Alarm im Inneren des Gebäudes an. Vor Aufregung kann der Wachmann kaum seine Waffe  laden – und geht in die falsche Richtung. Obwohl der Alarm im Westflügel ausgelöst wird, patrouilliert er im Ostflügel. Ganze vier Minuten haben die Diebe dadurch Vorsprung, die derweil im Westflügel acht Gemälde samt Rahmen aus einer der bedeutendsten Cranach-Sammlungen von der Wand reißen und mit einem Transporter flüchten. Damaliger Schätzwert der Gemälde: rund 63 Millionen D-Mark. Darunter die weltberühmten Portraits von Martin Luther und Prinzessin Sibylle von Cleve. Die Bilder sind nicht versichert. Die Weimarer Sammlungen können sich angesichts des enormen Wertes ihrer Bilder eine entsprechende Versicherung damals schlichtweg nicht leisten.

20-köpfige SOKO sucht nach Dieben

Michael Menzel ist damals Oberkommissar in Weimar, er ist erst 32 Jahre alt, aber er handelt wie ein alter Hase: sofort leitet er eine Ringfahndung ein. Jeder verdächtige Autofahrer, der die Stadt in den kommenden Stunden verlassen will, soll so kontrolliert werden. Die Täter aber haben die Flucht längst ergriffen. Oberkommissar Menzel stellt eine 20-köpfige Sonderkommission zusammen, alle Hinweise werden verfolgt, die Fahndung läuft deutschlandweit.

"Ich bin davon ausgegangen, dass es sich um einfache Gauner handelte, die nur mehr Glück als Verstand hatten und dementsprechend auf ein ausgelobtes Verkaufsangebot eingehen würden, um die Bilder schnell wieder loszuwerden", erklärt er rückblickend. Denn auch dem jungen Oberkommissar ist klar: Cranach-Werke sind letztlich viel zu berühmt, als dass sich ihre wahre Herkunft würde verbergen lassen. Zudem hängen Kunstwerke solchen Kalibers vor allem in Museen und Kirchen. Besitzerwechsel sind daher selten. Aber auch wenn Menzel einen kühlen Kopf bewahrt, sprechen die Fakten eine eindeutige Sprache: die Aufklärungsquote bei Kunstdiebstählen liegt 1992 bei nur 25 Prozent.

Auch der Chef-Restaurator des Museums, Konrad Katzer, erinnert sich an die Nacht und den Schreck, der ihm beim Anblick der leeren Wände in die Knochen fuhr. Der Weimarer Cranach-Sammlung, so sagt er, wurde das "Herz herausgerissen". "Warum ausgerechnet die Cranach-Bilder gestohlen wurden, wird wohl ein Rätsel bleiben. Daneben hingen Tafeln von Dürer, die eigentlich viel wertvoller sind", erinnert sich Katzer.

2,7 Millionen D-Mark im Koffer und ein V-Mann

Minutiös rekonstruieren Oberkommissar Menzel und seine Soko den Tathergang und kommen schnell darauf, dass die Diebe nicht aus Weimar stammen. Zudem hoffen die Ermittler auf Hinweise aus der Bevölkerung und setzen eine Belohnung von einer Million D-Mark aus.

Ein Hinweis bringt sie der Lösung ein Stück näher: Die Diebe haben vor Kurzem in der Nähe von Weimar einen Zwischenstopp eingelegt – im 30 Kilometer entfernten Hohenfelden hatte sich die Besitzerin eines Campingplatzes, auf dem die Täter nächtigten, das Nummernschild des Fluchtwagens notiert. Das führt die Ermittler schließlich zu einer polizeibekannten Bande aus Niedersachsen.

Bald darauf meldet sich ein V-Mann der Polizei bei Oberkommissar Menzel mit weiteren Details zur Bande. Die Beamten planen eine fingierte Übergabe: Geld gegen Gemälde. Dabei sollen die Diebe verhaftet werden. Mit einem Koffer voller Geld – 2,7 Millionen D-Mark – fährt Michael Menzel auf einen Supermarktparkplatz in der Nähe von Göttingen, wo das SEK sich bereithält. Und tatsächlich: Die mutmaßlichen Diebe fahren vor, wollen Kunst gegen Millionen tauschen und tappen der Polizei so nach nur drei Wochen in die Falle.

Am 2. November 1992 bekommt das Stadtschloss die Bilder wieder zurück, wenn auch mit einigen Beschädigungen durch den rabiaten Diebstahl. Der Einbruch in das Museum bleibt allerdings bis heute faktisch ungeklärt, weil nicht zweifelsfrei nachgewiesen werden konnte, dass die Festgenommenen auch den Einbruchsdiebstahl begangen haben.

Die vier Männer werden am 22.10.1993 wegen bandenmäßiger Hehlerei vom Gericht zu kurzen Haft- und Bewährungsstrafen verurteilt.

(IB)

Über dieses Thema berichtet der MDR auch im TV: Kriminalfälle der Einheit | 24.09.19 | 22:05 Uhr
MDR Zeitreise | 05.05.2019 | 22:25 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 24. September 2019, 10:35 Uhr