BBB steht bis heute für Bagger-, Bugsier- und Bergungsreederei Rostock. Die BBB war zu DDR-Zeiten die größte Spezialreederei Europas und hatte einen Maschinenpark von 140 Fahrzeugen
BBB steht bis heute für Bagger-, Bugsier- und Bergungsreederei Rostock. Die BBB war zu DDR-Zeiten die größte Spezialreederei Europas und hatte einen Maschinenpark von 140 Fahrzeugen. Bildrechte: Hoferichter & Jacobs GmbH

Kriminalfälle der Einheit Subventionsbetrug in Millionenhöhe – Das Ende der BBB

Bei der Privatisierung ostdeutschen Volksvermögens landen drei Männer einen Coup: Sie erwerben die größte Spezialreederei Europas, schlachten sie finanziell aus und hinterlassen einen wirtschaftlichen Scherbenhaufen. Wie war das möglich?

BBB steht bis heute für Bagger-, Bugsier- und Bergungsreederei Rostock. Die BBB war zu DDR-Zeiten die größte Spezialreederei Europas und hatte einen Maschinenpark von 140 Fahrzeugen
BBB steht bis heute für Bagger-, Bugsier- und Bergungsreederei Rostock. Die BBB war zu DDR-Zeiten die größte Spezialreederei Europas und hatte einen Maschinenpark von 140 Fahrzeugen. Bildrechte: Hoferichter & Jacobs GmbH

In Europas größter Spezialreederei in Rostock, der Bagger-, Bugsier- und Bergungsreederei, blicken die meisten der 2.500 Arbeitnehmer beim Fall der Mauer hoffnungsvoll in die Zukunft. Sie haben keinen Grund daran zu zweifeln, dass ihre Jobs gesichert sind, auch in Zeiten freier Marktwirtschaft.

Viele von ihnen sind bestens ausgebildete Fachkräfte, die ihr Können jahrzehntelang national und international unter Beweis stellen konnten. Dass die Treuhandanstalt das Traditionsunternehmen an drei Unternehmer verscherbeln wird, die innerhalb kürzester Zeit den Standort Rostock zum Investitionsgrab machen werden, ahnt zu Beginn der 1990er-Jahre noch niemand.

Hohe Düne in Rostock. Hier war einst die Zentrale der BBB. Heute steht hier ein Luxushotel
Hohe Düne in Rostock. Hier war einst die Zentrale der BBB. Heute steht hier ein Luxushotel. Bildrechte: Hoferichter & Jacobs GmbH

Bis dahin genießt die Bagger-, Bugsier- und Bergungsreederei einen guten Ruf, steigert noch Ende der 1980er-Jahre die Umschlagzahlen und beherbergt eine stattliche Flotte von Spezialschiffen, die unter anderem Seeschlepper, Eisbrecher, Bergungsschiffe, Lotsenboote, Baggerschiffe und einiges mehr umfasst. Die Rostocker sind Spezialisten – und solche werden in jedem System gebraucht.

Wie man Millionen versenkt

Seit 1974 gehörte der VEB Bagger-, Bugsier- und Bergungsreederei zum VEB Kombinat Seeverkehr und Hafenwirtschaft. Ab 1990 kommt die BBB, wie die Reederei kurz genannt wird, unter Verwaltung der Treuhandanstalt in Berlin. Der einstige Volkseigene Betrieb verfügt nach der Wende über ein Stammkapital von 15 Millionen D-Mark, die in die umgewandelte GmbH übernommen werden.

Die BBB in Rostock steht mit dem Eintritt in die Marktwirtschaft vor großen Umstrukturierungen: Wie zu DDR-Zeiten können die Geschäfte nicht weitergeführt werden. Arbeitsplatzabbau, die Neuanschaffung von Equipment und Investitionen in Standort und Flotte stehen bevor – finanzkräftige Investoren sind genau das, was die Treuhand braucht.

Im Juli 1991 verkauft sie die Reederei deshalb an die niederländischen Unternehmer Jan Zwagerman und Theodorus Danel sowie an den Deutschen Dieter Borchers. Für die Mega-Behörde Treuhand scheint das Gespann Zwagerman, Danel und Borchers ein guter Griff zu sein, um die Zukunft der BBB und der Arbeiter in Rostock zu sichern.

Treuhandanstalt ignoriert Zweifel

Ingo Schöngraf ist 1990 Betriebsratsvorsitzender der BBB. Von Beginn an ist er an den Geschehnissen des Verkaufs interessiert und lernt früh Borchers und Danel kennen. Sofort habe er "irgendwie ein blödes Gefühl gehabt", sagt Schöngraf rückblickend. Er sucht Belege für seine Zweifel, stellt Erkundungen über die Geschäftsmänner an und teilt diese in Berlin vor Abwicklung des Verkaufs mit. Doch die Treuhandanstalt wischt alle Zweifel beiseite und verkauft Europas größte Spezialreederei für drei Millionen D-Mark an die vermögenslose Zwagerman-Holding über deren ebenso vermögenslose Tochter-GmbH in der Nordheide. Das Versprechen der Niederländer: Sicherung von 900 Arbeitsplätzen und Investition von mindestens 41 Millionen D-Mark in den kommenden Jahren.

Ingo Schöngraf war damals Betriebsratsvorsitzender in der Reederei. Er warnte die Treuhand vor dem Verkauf an die Investoren aus den Niederlanden und Deutschland. Doch seine Einwände wurden ignoriert.
Ingo Schöngraf war damals Betriebsratsvorsitzender in der Reederei. Er warnte die Treuhand vor dem Verkauf an die Investoren aus den Niederlanden und Deutschland. Doch seine Einwände wurden ignoriert. Bildrechte: Hoferichter & Jacobs GmbH

Ingo Schöngraf schüttelt noch immer den Kopf, wenn er an die Vorgänge von damals denkt: "Die Firma Zwagerman-Holding gab es eigentlich im Prinzip gar nicht in den Niederlanden. Das war nur eine eingetragene GmbH, die Aufträge an Land gezogen hat. Für diese Aufträge wurden dann Geräte, zum Beispiel Schiffe, gekauft oder geleast. Der Auftrag wurde abgearbeitet und die Firma wieder aufgelöst." Diese Informationen lagen der Treuhandanstalt vor dem Vertragsabschluss bereits vor, aber sie wurden nicht geprüft.  

"Wir haben uns selbst gekauft"

Besonders schwer wiegt in diesem Zusammenhang, dass alle finanziellen Leistungen, die fortan erbracht werden müssen, direkt aus den Betriebsmitteln der Reederei genommen werden – auch der Kaufpreis von drei Millionen D-Mark, den die Treuhandanstalt von Zwagermann, Danel und Borchers verlangt. "Wir haben uns selbst gekauft", sagt Ingo Schöngraf, weil niemand bei der Treuhand die Finanzierung überprüft.

Die Auftragslage der BBB bleibt nach der Wende mager, die drei Herren an der Geschäftsspitze greifen jedoch konstant in die Betriebskasse und lassen die Rücklagen der Reederei schrumpfen. Ein Geschäftskredit der Dresdner Bank landet nicht etwa auf dem Konto der BBB sondern direkt auf einem Konto in Luxemburg. Fördergelder versickern, Erlöse aus Verkäufen wandern auf die Privatkonten der Geschäftsführer, darunter 20 Millionen D-Mark aus einer Transaktion mit einer Hubinsel.

Gleichzeitig beginnen sich in der Firma Rechnungen und Mahnbescheide zu stapeln – für Dienstleister, Steuern und Sozialabgaben. Betriebsratsvorsitzender Schöngraf macht zusammen mit anderen Leuten aus der Belegschaft der Reederei auf die Missstände aufmerksam. Sie melden regelmäßig bei der Treuhandanstalt, wie ihr Geld – im wahrsten Sinne des Wortes – verschwindet. Aber man ignoriert sie.

Haftbefehl und Hubschraubereinsatz

Bereits ein Jahr nach dem Verkauf droht der BBB die Zwangsvollstreckung. Nun endlich schalten sich die Behörden ein, die Staatsanwaltschaft Rostock erlässt Haftbefehl wegen Betrugs gegen die Herren an der Spitze. Bei einem spektakulären Polizeieinsatz auf der Autobahn werden Theodorus Danel und Dieter Borchers verhaftet. Bernhard Autrum, der früher für die BBB arbeitet, erinnert sich noch daran, als die Geschichte von der Verhaftung die Runde macht: "Der Kraftfahrer hat heute noch die Hosen voll, wenn er dran denkt, dass die mit Maschinenpistolen auf dieses Betriebsauto zugelaufen sind, Hubschraubereinsatz alles drum und dran. Und dann haben die Herrn Borchers und Danel auf der Autobahn kassiert und in Gewahrsam genommen."

Das Geld ist weg

Allein für die Angestellten und ihre Reederei ist deren Festnahme nur ein kleiner Funken Gerechtigkeit. Denn die Ermittlungen ergeben: Das veruntreute Geld bleibt verschwunden und die Angeklagten kennen die Schlupflöcher, die ihnen das Gesetz bietet. Einzig Jan Zwagerman wird zu sechs Jahren Haft verurteilt. Dieter Borchers kommt wegen Krankheit recht bald aus der Haft, Theodorus Danel genießt als Honorarkonsul eines Südseestaates Immunität.

1994 kommt der Untersuchungsausschuss des Bundestages zu dem Ergebnis, dass die Treuhand in erheblichem Maße für das Desaster bei der BBB verantwortlich ist. Die Angestellten ahnten es lange vorher.

(IB)

Über dieses Thema berichtet der MDR auch im TV: Kriminalfälle der Einheit | 24.09.19 | 22:05 Uhr
MDR Zeitreise | 05.05.2019 | 22:25 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 24. September 2019, 10:34 Uhr