Studie zur Erwerbstätigkeit von Frauen Westdeutsche Mütter lernen von ostdeutschen Kolleginnen

Auch drei Jahrzehnte nach der Wiedervereinigung gehen Mütter aus Ostdeutschland häufiger und früher nach der Geburt ihres Kindes arbeiten als westdeutsche Mütter. Zu diesem Ergebnis kommt eine Studie des Instituts für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB), die am Freitag vorgestellt wurde. Noch interessanter aber ist, dass westdeutsche Mütter oft von ihren ostdeutschen Kolleginnen "lernen", wenn sie zusammen arbeiten, und dem ostdeutschen Muster einer berufstätigen Mutter folgen.

Symbolbild: Berufstätige Mutter im Büro
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Die Studie analysiert unter anderem das Erwerbsverhalten von Frauen, die auf die jeweils andere Seite der ehemaligen innerdeutschen Grenze gezogen sind. Dabei zeigt sich, dass Mütter, die im Osten aufgewachsen sind, auch nach ihrem Umzug in den Westen am ostdeutschen Muster der berufstätigen Frau festhalten: Sie gehen nach der Geburt früher als westdeutsche Mütter an den Arbeitsplatz zurück und arbeiten häufiger Vollzeit - selbst dann, wenn sie schon seit Jahren im Westen leben, wo Mütter nach wie vor nach der Geburt längere Zeit zu Hause bleiben.

DDR in 10 MInuten - Teaserbild 9 min
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Die Gleichstellung der Frau war in der DDR offizielles Staatsziel – Jahrzehnte, bevor es vergleichbare Regeln in der Bundesrepublik gab. Die DDR, das "Land der Emanzipation und Gleichberechtigung". Stimmte das wirklich?

MDR Dok Sa 26.09.2020 18:00Uhr 08:44 min

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Westdeutsche Mütter lernen von Ostdeutschen

Umgekehrt passen Mütter, die in Westdeutschland aufgewachsen sind, aber inzwischen im Osten arbeiten, ihr Erwerbsverhalten nach der Geburt fast völlig an das Erwerbsverhalten ihrer ostdeutschen Kolleginnen an. Dem ostdeutschen Rollenbild bleiben die westdeutschen Arbeitsmigrantinnen auch dann treu, wenn sie später in den Westen zurückgehen. "Migration kann ein Katalysator für den kulturellen Wandel sein", erklären die Autorinnen der Studie.

Aber auch im Westen lernen Frauen von ihren zugewanderten Kolleginnen aus Ostdeutschland - sobald etwa zehn Prozent der weiblichen Belegschaft in einer westdeutschen Firma aus dem Osten stammen, wird der Betrieb der Studie zufolge familienfreundlicher und die einheimischen westdeutschen Mitarbeiterinnen kehren nach der Geburt eines Kindes schneller zur Arbeit zurück. Westdeutsche Mütter lernen die Vereinbarkeit von Familie und Beruf also von Ostdeutschen

Dennoch große Unterschiede zwischen Ost und West

Generell sind die Unterschiede im Erwerbsverhalten von Müttern zwischen Ost und West allerdings nach wie vor groß, so die Studie. Nur im ersten Jahr nach der Geburt des Kindes verhalten sich ost- und westdeutsche Frauen gleich und bleiben zu Hause. Danach kehren ostdeutsche Mütter aber oft schon in den Beruf zurück, wie es der Norm der DDR entsprach, in der Frauen ein vollbezahltes Babyjahr gewährt wurde. Nach zwei Jahren ist die Mehrheit der ostdeutschen Mütter bereits wieder regulär beschäftigt. In Westdeutschland hingegen kehren viele Mütter erst mit dem Ende der Elternzeit nach drei Jahren in den Beruf zurück.

Finanzielle Nachteile für westdeutsche Mütter

Der Unterschied im Rückkehrverhalten zwischen ostdeutschen und westdeutschen Frauen hat langfristige monetäre Auswirkungen: Sieben Jahre nach der Geburt verdienen ostdeutsche Mütter um die 70 Prozent ihres Einkommens aus der Zeit vor der Geburt und liegen damit in etwa gleichauf mit Müttern in den USA und Schweden - westdeutsche Mütter kommen dagegen nur auf knapp 45 Prozent ihres Vorgeburtseinkommens.

Arbeiterin bei der Montage einer MZ-Maschine ES 150 in der Fertigungshalle des VEB Motorradwerkes Zschopau.
In der DDR war die Erwerbstätigkeit von Frauen und Müttern eine Selbstverständlichkeit: hier eine Arbeiterin bei der Montage einer MZ-Maschine ES 150 in der Fertigungshalle des VEB Motorradwerkes Zschopau. Bildrechte: IMAGO

Ostdeutsche Frauen als "Rabenmütter" verschrieen

In der DDR wurde die Vollzeiterwerbstätigkeit von Müttern forciert, während in der BRD das traditionelle Modell des männlichen Familienernährers sehr verbreitet war. Mehr als 90 Prozent der Frauen waren in den 1980er-Jahren in der DDR berufstätig - in der BRD nur ungefähr die Hälfte. Entsprechend unterschiedlich war auch das Rollenverständnis: Während im Osten die "traditionelle" Hausfrau kritisch beäugt wurde, waren berufstätige Mütter im Westen schnell als Rabenmütter verschrien.

Diesem Vorwurf mussten sich auch ostdeutsche Frauen nach 1990 stellen. In den ersten Jahren verloren sie deutlich schneller als Männer ihren Job - 1994 waren doppelt so viele Frauen wie Männer erwerbslos. Auf dem Arbeitsamt mussten sie sich von den oft westdeutschen Sachbearbeitern dann besonders häufig die Frage gefallen lassen: Warum bleiben Sie nicht zu Hause mit ihren Kindern? Zwei unterschiedliche Kulturen prallten hier aufeinander.

Über die Studie Die Studie „Wind of Change? Cultural Determinants of Maternal Labor Supply“ vom Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung in Auftrag gegeben. Verantwortlich zeichneten drei Wissenschaftlerinnen aus London und Köln vorgelegt: Uta Schönberg, Barbara Boelmann und Anna Raute.

MDR AKTUELL | Frauentag | 08. März 2020 | 21:44 Uhr