GMD-Autor Steffen Jindra im Interview Wie die Ulbrichts ein Kind bekamen

Wo Walter war, war Lotte nicht weit. Allgegenwärtig scheint sie gewesen zu sein, so legen es alte Fotos nahe, die sie an der Seite ihres Gatten, einst DDR-Partei- und Staatschef, zeigen. Welchen Weg das sozialistische Experiment in der ersten Familie des Landes nahm, das zeigt der GMD-Film von Steffen Jindra. Er ging auf Spurensuche und erzählt eine Geschichte grandiosen Scheiterns.

Immer unterwegs in historischer Mission und im Schlepptau ihres Gatten - so zeigen viele alte Fotos aus DDR-Zeiten Lotte Ulbricht bei offiziellen Anlässen ... was finden Sie heute noch spannend an der Lebensgeschichte einer linientreuen Parteisoldatin?

Allein die Geschichte vom Werdegang einer KPD-SED-Funktionärin und Parteisoldatin zu erzählen, das wäre heute vielleicht nicht mehr so spannend gewesen. Spannend aber sind immer noch die Hintergründe des Mutter-Tochter-Dramas zwischen Lotte und ihrer Adoptivtochter Beate. Über diesen Zugriff auf Lotte Ulbrichts Biografie tun sich auch neue Seiten auf.

Aus der freundlich lächelnden Landesmutter wird die "böse Lotte", wenn man den Bekenntnissen der Adoptivtochter Beate glaubt. "Kalt, rabiat und herrschsüchtig" - so sei Lotte Ulbricht gewesen, erzählt sie kurz nach der Wende, 1991, im Boulevard-Blatt "Super!". Im Film hören wir ihre Stimme aus den Interviewmitschnitten. War das nur eine nach der Wende hochgejazzte Geschichte?

Experten und Zeitzeugen im neuen GMD-Film über Lotte Ulbricht
Journalistin Anna Meissner heute Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Genau das versuchen wir herauszufinden. Ich habe mit Anna Meissner gesprochen, die kurz nach der Wende als junge Journalistin durch einen Zufall von Beates Schicksal erfuhr. Sie hieß inzwischen Matteoli. Anna Meissner hat sich mit sehr viel Mühe und über Wochen dieser Frau, die damals schon völlig im sozialen Abseits gelandet war, genähert.

Sie hat mir einen sehr klaren Blick vermittelt, auf die Situation, in der Beate Matteoli damals war und sie hat sich zugleich sehr in die Rolle der Mutter hineingedacht, auch wenn sie in der Schlagzeile im Boulevard-Blatt dann die "böse Lotte" ist.

Experten und Zeitzeugen im neuen GMD-Film über Lotte Ulbricht
Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Welchen Eindruck haben Sie nach Ihren Recherchen von der "bösen Lotte" gewonnen, wo haben Sie mit Ihrer Spurensuche begonnen?

Ich gehe ganz zurück und versuche so im Film, ihren Prägungen nachzuspüren. Sie war nicht immer die Frau an Walter Ulbrichts Seite. Geboren wurde sie 1903 in Berlin als Lotte Kühn in die allerärmsten Verhältnisse. Sie hatte Null-Perspektive, gerade die allernötigste Schulausbildung. Der Vater starb früh, die Mutter musste sich andernorts verdingen. Schon mit 16, 17 Jahren musste sie sich also allein durchschlagen. Die Novemberrevolution war eben gescheitert, auf den Straßen herrschten Terror und Angst.

Eine wichtige Rolle spielte ihr Bruder, der sie in sozialdemokratische, später kommunistische Kreise einführte und dort hat sie angedockt, an die Jugendbewegung, dann an die KPD. Dort hat sie Halt gefunden: Sie lernte Stenotypistin! Sie arbeitete dann sehr schnell für die Partei, stieg auf im "Apparat". Sie hatte plötzlich die Möglichkeit zu reisen, schon in den 1920ern in die Sowjetunion zur Jugendinternationale. Und das war ein Schlüsselerlebnis.

Inwiefern?

Sie kam nach Moskau und das war damals natürlich das größte für eine junge Kommunistin, das war das Herz der Bewegung. In der Schule hatte sie was über Kaiser Wilhelm gehört. In der Sowjetunion lernte sie Lenin kennen. Dessen Schriften und die von Marx waren für Lotte Kühn die Entdeckung, dass es eine andere, sozial gerechtere Welt geben kann, in der Arbeiter und Bauern die Macht haben. Das wollte sie auch für Deutschland. Und um das zu erreichen, unterwarf sie sich voll und ganz dem Diktat der Partei. Die Partei sagte, wohin es geht ...