Geschichte Mitteldeutschlands | 17.07.2016 Lenin, die Deutschen und der Zarenmord

1917 lebt Wladimir Iljitsch Uljanow, genannt Lenin, in Zürich, wohin er vor der Geheimpolizei des Zaren geflohen ist. Wenig später ist der Zar Geschichte und der Chef der Bolschewiki gelangt in Russland an die Macht. Doch welche Rolle spielten die Deutschen dabei?

In der Nacht auf den 17. Juli 1918 werden der ehemalige Zar Nikolaus II. und seine gesamte Familie ermordet. Die Blutnacht von Jekaterinburg beendet unwiderruflich das Ende der jahrhundertealten Zarenherrschaft im Russischen Reich. Verantwortlich für die Morde ist ein Mann, der erst wenige Monate zuvor aus seinem Schweizer Exil nach Russland zurückgekehrt ist – dank der tatkräftigen Unterstützung der Deutschen Reichsregierung unter Kaiser Wilhelm II. Wladimir Iljitsch Uljanow heißt der Mann. Sein Kampfname: Lenin.

Revolution nach drei Jahren Krieg

Zar Nikolaus II.
Regiert mit eiserner Hand: Zar Nikolaus II. (1868-1918) Bildrechte: IMAGO

Russland 1917: Seit drei Jahren befindet sich das von Nikolaus II. regierte Russland im Krieg. Seite an Seite mit Frankreich und England kämpft das Zeranreich gegen die vom Deutschen Reich geführten Mittelmächte. Ausgerechnet jetzt brechen in Russland Unruhen gegen den mit eiserner Hand regierenden Zaren aus. Sein Beiname "Nikolaus der Blutige" kommt nicht von ungefähr: Nationale Minderheiten werden unterdrückt und politische Gegner brutal verfolgt.

Als im Februar 1917 der Zar Petrograd verlässt, kommt es in der Stadt zu Unruhen. In Fabriken wird gestreikt und protestiert, es fehlt an Brot und Heizmaterial. Die Soldaten, die den Protest bekämpfen sollen, schließen sich den Protestierenden an. Gefängnisse werden gestürmt, öffentliche Gebäude werden angezündet. Die Revolution ist da. Der Zar wird auf seinem Weg zur Front festgesetzt. Er hat keine Wahl – und verkündet den Thronverzicht.

Von der Revolution kalt erwischt

Wladimir Iljitsch Lenin
Wladimir Iljitsch Lenin (1870-1924) Bildrechte: imago/Russian Look

In seinem Exil im schweizerischen Zürich wird Lenin von den Vorgängen in Russland kalt erwischt. Der studierte Jurist, Anführer der Bolschiwiki, einem Sammelbecken radikaler russischer Sozialdemokraten, ist vor der Geheimpolizei des Zaren aus Russland geflohen. In Zürich studiert er den Marxismus und träumt von der Weltrevolution. Dass ausgerechnet eine bürgerliche Revolution im zaristischen Russland stattfindet, damit hat er nicht gerechnet. Für ihn ist klar: Er muss zurück. Die bürgerliche Februarrevolution in seiner Heimat hat schließlich nichts mit Lenins marxistischen Idealen zu tun.

Das Problem: Der Weg nach Hause ist durch den Ersten Weltkrieg abgeschnitten. Denn der schnellste Weg von Zürich nach Russland führt durch Österreich oder Deutschland – beides aber sind erbitterte Kriegsgegner Russlands. Eine Durchreise ohne Genehmigung ist zu der Zeit absolut undenkbar.

Deutsche Diplomatie – Krieg mit anderen Mitteln

Doch der umtriebige Revolutionär in Zürich ist auch längst ins Blickfeld der Diplomaten Kaiser Wilhelms II. geraten. Denn das Deutsche Reich reibt sich in einem Zweifrontenkrieg auf – im Westen gegen Engländer und Franzosen, im Osten gegen ein gewaltiges russisches Heer. Für den Sieg im Westen ist dringend ein Friedenschluss an der Ostfront nötig. Doch den verweigert die neue provisorische Regierung in Petrograd ebenso wie zuvor die alte Regierung des Zaren.

Lenin will Krieg beenden

Lenin aber hat kein Interesse an einer Weiterführung des Krieges. Ihm geht es allein um die kommunistische Weltrevolution. Staatsgrenzen, Kriege – in seinen Augen spielen solche Dinge keine Rolle, denn ihm geht es allein um die sozialistische  Weltrevolution. Und für die standen die Chancen nie besser als jetzt, nach der Abdankung des Zaren. So also lässt sich Lenin auf einen Deal mit den Deutschen ein. Ein Deal, der nicht nur am Anfang der Mordnacht von Jekaterinburg steht, sondern die Weltgeschichte für immer verändern wird.

Zuletzt aktualisiert: 25. Juli 2016, 00:09 Uhr

Die Zarenfamilie und ihr Ende

Ein Mann mit Bart, in Uniform mit vielen Auszeichnungen
Die Romanows sind eine über 300 Jahre alte russische Dynastie. Aus ihr gingen die russischen Zaren hervor. Nikolaus Alexandrowitsch Romanow regierte als Nikolaus II., der letzte Zar, von 1894 bis 1917. Bildrechte: IMAGO
Ein Mann mit Bart, in Uniform mit vielen Auszeichnungen
Die Romanows sind eine über 300 Jahre alte russische Dynastie. Aus ihr gingen die russischen Zaren hervor. Nikolaus Alexandrowitsch Romanow regierte als Nikolaus II., der letzte Zar, von 1894 bis 1917. Bildrechte: IMAGO
Historisches Bild: Ein Ehepaar im Kreise seiner fünf Kinder. Alle sind sehr festlich angezonge, die Ehefrau udn die Mädchen mit langen Gewändern.
Verheiratet war Nikolaus II. mit Alexandra Fjodorowna. Sie war die Enkelin der britischen Königin Viktoria und hieß vor der Hochzeit Alix von Hessen-Darmstadt. Zusammen hatten sie vier Töchter und einen Sohn: Olga, Tatjana, Marija und Anastasia sowie den Zarewitsch Alexej. Der jüngste Spross der Familie und Thronfolger litt an einer unheilbaren Bluterkrankheit. Bildrechte: IMAGO
Zar Nikolaus II. und sein Cousin, Prinz George of Wales
Nikolaus (rechts) als Zarewitsch 1890 gemeinsam mit seinem Cousin, dem britischen Thronfolger Prinz George of Wales (links). Die Familienähnlichkeit ist frappierend. Bildrechte: IMAGO
Auf dem Vorsprung eines Gebäudedachs sitzen und stehen sechs Personen
Nach der Abdankung des Zaren im März 1917 wurde die Familie zunächst im Alexanderpalast in Zarskoje Selo im heutigen Ort Puschkin in der Nähe von St. Petersburg unter Arrest gestellt. Im August wurde sie nach Sibirien gebracht, wo sie zunächst am Sitz des Gouverneurs in Tobolsk interniert wurde. Im Bild: Der Zar und seine Kinder 1917 auf dem Dach ihres Arrestgebäudes in Tobolsk. Bildrechte: IMAGO
Gebäude in Jekaterinburg, in dem die Zarenfamilie eingesperrt war
Nach der Machtergreifung der Bolschewiki in der Oktoberrevolution 1917 wird die Familie im Frühjahr 1918 nach Jekaterinburg gebracht und in der Villa Ipatjew interniert. Eigentlich planten die Bolschewiki unter Lenins Führung ursprünglich einen großen Schauprozess gegen den Zaren. Später erschien ihnen das aber zu riskant. Daraufhin beschlossen sie die Hinrichtung der ganzen Zarenfamilie. Bildrechte: IMAGO
Zar Nikolaus II. in sibirischer Gefangenschaft
Wenige Wochen vor der Ermordung der Zarenfamilie entstand diese Aufnahme von Nikolaus II. mit drei seiner Töchter in sibirischer Gefangenschaft. Im Hintergrund stehen zwei Soldaten der Bolschewiki, die die verbannte Zarenfamilie bewachen. Bildrechte: IMAGO
Blick in ein Kellergewölbe. In einer Ecke an der hinteren linken Wand sind dunkle Flecken zu sehen.
Wenige Wochen später - in der Nacht vom 16. auf den 17. Juli 1918 - werden Zar Nikolaus II. und seine Familie in Jekaterinburg in einem Keller erschossen. An der Rückwand des Raumes sind zahlreiche Einschusslöcher zu sehen. Die Zarin und ihre Töchter trugen bei der Erschießung Korsetts mit heimlich eingenähtem Schmuck. An diesen Diamanten- und Perlengürteln prallten die ersten Kugeln ab. Gegen das darauf folgende Massaker mit Bajonetten waren sie aber kein Schutz. Zwanzig lange Minuten soll die Hinrichtung gedauert haben. Danach wurden alle Spuren verwischt und die Leichen verscharrt. Bildrechte: IMAGO
Archivbild: Eine alte Frau in einem Sessel
Mehr als 39 Jahre nach der Ermordung der Zarenfamilie sorgt im März 1957 eine Frau für Schlagzeilen, die behauptet, die Zarentochter Anastasia zu sein: Anna Andersons Fall wurde am 2. April 1958 vor Gericht in Wiesbaden verhandelt. Sie wird nicht als russische Zarentochter anerkannt. Ihr Fall beschäftigt nicht nur die deutsche, sondern auch die britische Öffentlichkeit: 20 Millionen Rubel hatte Zar Nikolaus II. als Erbschaft für seine Kinder bei der Bank of England hinterlegt. Bildrechte: IMAGO
Ein Waldweg, der zu einer Kirche mit mehreren grünen Türmchen führt.
1991 wurden die Überreste der ermordeten Zarenfamilie gefunden. Im Jahr 2000 wurde am Fundort die Ivinon Kirche Ganina Yama errichtet. Sie ist der Eingang zum Kloster der Märtyrer. Bildrechte: IMAGO
Die Blutkirche in Jekaterinburg, Russland
Auch diese gewaltige Kathedrale wurde in Jekaterinburg zur Erinnerung an die Zarenfamilie errichtet: Im Jahr 2000 erklärte die Russisch-orthodoxe Kirche die Romanows zu Märtyrern. Das wiederum steht im Gegensatz zur historischen Einordnung des Zaren: Seine grausame Herrschaft hatte ihm nicht umsonst den Beinamen "Nikolaus der Blutige" eingetragen. Im Vergleich zu der späteren Schreckensherrschaft der Bolschewiki unter Lenin und vor allem unter seinem Nachfolger Stalin nimmt sich das rigide Regime des Zaren aber noch vergleichsweise harmlos aus.
(Über dieses Thema berichtete MDR ZEITREISE auch im TV: 07.11.2017 | 21:15 Uhr.)
Bildrechte: IMAGO
Alle (10) Bilder anzeigen