Hintergrund Beate Südbeck - die unbekannte Adoptivtochter

Zuschauerhinweis führt auf die Spur

Gerade erst wurde das traurige Schicksal der Ulbrichts und ihrer Adoptivtochter in einem neuen Teil der MDR-Reihe "Geschichte Mitteldeutschlands" verfilmt. Nach Ausstrahlung der Folge bekam die Redaktion einen unglaublichen Zuschauerhinweis: Die Ulbrichts hatten eine zweite Adoptivtochter. MDR ZEITREISE enthüllt ihr Geheimnis.

"Lotte Ulbricht -Zwischen Parteidisziplin und Mutterrolle": Fast eine halbe Million Menschen sahen am 2. August im MDR FERNSEHEN die Auftaktfolge der 17. Staffel "Geschichte Mitteldeutschlands" über die Ehefrau von DDR-Partei- und Staatschef Walter Ulbricht und das schwierige, tragisch endende Verhältnis zu ihrer Adoptivtochter Beate. Diese hatten Lotte Kühn und Walter Ulbricht im Januar 1946 auf Vermittlung des Dresdner Jugendamts gefunden. Sie nahmen die anderthalbjährige Maria Pestunowa zunächst in Pflege und adoptierten das Mädchen vier Jahre später. Zudem gaben sie ihm einen anderen Namen: Aus Maria wurde Beate. Doch warum wollten das die Ulbrichts so?

Die "wahre Beate"

Die kleine Maria war nicht das erste Kind, welches das Funktionärspaar adoptieren wollte. Zuvor hatte bei ihnen die dreijährige Beate Krause gelebt, die sie aber nach nur sieben Monaten wieder an ihre leibliche Mutter zurückgeben mussten. Weder Ulbricht-Biographen noch andere Wissenschaftler wussten davon. Bis MDR ZEITREISE mit ihr sprach.

Ein Zuschauer gibt den Hinweis

Beate Krause heißt heute Beate Südbeck, ist 73 Jahre alt und lebt im niedersächsischen Vechta. Auf ihre Spur kam die Redaktion durch die Mail eines Zuschauers. Er hatte den Film über Lotte Ulbricht gesehen, jedoch eine entscheidende Geschichte vermisst: die, der ersten Adoptivtochter Beate. Der Mann kannte Beate und ihr unglaubliches Schicksal aus seiner Jugendzeit in Vechta. Dort wären das Mädchen und ihre spannende Familiengeschichte allseits bekannt gewesen. Schließlich half er, die Frau ausfindig zu machen.

Wie es dazu kam

Die spannende Geschichte beginnt vor 70 Jahren, als Beate gerade einmal drei Jahre alt ist. Wie viele Deutsche fliehen auch Beate, ihre ältere Schwester sowie Mutter und Großmutter aus Ostpreußen in den Westen. Die kräftezehrende Reise fordert besonders die 80-jährige Großmutter und die kleine Beate, sodass sie sich einem Treckfahrer anschließen. Getrennt von Mutter und Schwester landen beide völlig erschöpft in einem Zug nach Berlin. Was dann folgt, ist trauriges Schicksal. Auf der Reise stirbt die Großmutter noch im Zug und hinterlässt das dreijährige Kind allein.

Beate hat Glück. Eine Mitreisende kümmert sich um sie, sodass sie schließlich in eines der restlos überfüllten Berliner Heime gelangt.

Die Heimkapazitäten, die dafür in Deutschland in den einzelnen Besatzungszonen zur Verfügung standen und eben auch in der SBZ reichten eigentlich nicht aus. Insofern war es durchaus ein gesellschaftliches Bedürfnis, welches auch im Prinzip gefördert wurde, dass elternlose Kinder in Pflegefamilien untergebracht werden.

Ilko-Sascha Kowalczuk, Historiker

Dort weckt sie das Interesse nicht irgendwelcher Pflegeeltern, sondern das von Walter Ulbricht und seiner Lebensgefährtin Lotte Kühn, die gerade aus dem Moskauer Exil zurückgekehrt sind. Weil Lotte keine eigenen Kinder bekommt, entschließen sie sich zur Adoption und ihre Wahl fällt auf Beate. In ihrem Haus in Berlin Pankow bekommt die Kleine ein eigenes Kinderzimmer und Luxus, der in dieser Zeit nur wenigen Kindern vergönnt ist: Wenn Vater Walter Ulbricht am Abend nachhause kommt, gibt es für Beate ein Stück Schokolade.

Trennung für immer

Während Beate sich in Berlin einlebt, kommt ihre leibliche Mutter nach monatelanger Flucht in Ostfriesland an. Dort erfährt sie, dass Beate in Berlin zurückgeblieben ist und macht sich auf den Weg, ihre Tochter zu finden. Immer wieder fragt sie in der Anlaufstelle nach. Immer wieder wird sie ohne Hinweise weggeschickt. Niemand weiß, wo Beate ist.

Erst nach Wochen erhält sie die Information, dass sich das Kind bei "Genosse Ulbricht" befinde. Sie fährt hin, überzeugt die Pfelegeltern und will Beate mitnehmen. Doch das Kind zögert:

Erst hab ich ja gesagt: Nein, du bist nicht meine Mutter. Das war ganz klar. Da war gar keine Erinnerung da. Das war wie `ne Fremde.

Beate Südbeck, geb. Krause

Die Mutter leistet Überzeugungsarbeit. Schließlich verlässt Beate das Haus der Ulbrichts, nach sieben Monaten dort, um bei ihrer richtigen Familie zu leben. Nur drei Wochen später holen sich Lotte Kühn und Walter Ulbricht ein neues Kind in die Familie. Sie nennen es Beate.

Zuletzt aktualisiert: 12. Oktober 2015, 09:10 Uhr