Wenn das "Rotkehlchen" seine "Bärenvotze" aufsetzt Soldatensprache in der NVA

Schnüffeltüte, Kettenknecht, Glasmantelgeschoss. Die Soldaten der Nationalen Volksarmee (NVA) haben mit ihrem Jargon den Ton in der Stube geprägt. Es war eine Geheimsprache, die vor allem eines bot: Eine Flucht in Ironie und Zynismus.

Fahrausbildung der Unteroffiziersschule "Paul Fröhlich" im Gelände auf dem mittleren Panzer T-55 in Schneeberg, aufgenommen am 21.3.1986
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Der Soldaten-Jargon der NVA ist legendär und längst Forschungsgegenstand für Laien und Experten. In Online-Foren, die sich dem Leben in der DDR widmen, kümmern sich ehemalige Armeeangehörige bis heute um eine sprachliche Bestandsaufnahme ihrer Militärzeit. Die Kantine wurde damals schon mal als "Fressbaracke" bezeichnet. Und die dort verabreichte Teewurst hat man "Panzerfett", die Fleischklöße "Elefantenpopel" genannt. Begriffe wie diese zeigen, dass die Lebensmittelversorgung in der Truppenkantine nicht immer auf Beifall stieß. Die Kantinenangestellten wurden darum zuweilen auch mit dem nicht schmeichelhaften Begriff "Küchenschaben" bedacht.

Ablehnung des Armeedienstes

Dennoch scheint sich in manchen Wörtern seltsamerweise eine Verharmlosung der Verhältnisse in der Armee auszudrücken. Als "Schnüffeltüte", "Schnuppersack" oder "Schnuffi" haben die Soldaten die Schutzmaske bezeichnet, die einer nuklearen Kontamination vorbeugen sollte. Die Verniedlichung als "Schnuffi" war zynisch, denn die immer wieder durchgeführten Kilometermärsche in ABC-Ausrüstung und Schutzmaske waren atemraubend, schweißtreibend und schikanös.

Auch für andere Übungen haben sich in knapp 35 Jahren NVA-Zeit spezifische Begriffe herausgebildet wie etwa der meist als Strafaufgabe befohlene "Maskenball", dem wiederholten Umziehen und Heraustreten in unterschiedlichen Kleidungsstilen – Ausgehuniform, ABC-Schutzkleidung, Turnanzug, Felduniform. Und da gab es noch den allseits gefürchteten Befehl "Truppensatellit". Dabei musste ein Soldat die marschierende Einheit immer wieder im Laufschritt umrunden. Ob "Schrubberparade" (Flurdienst), "Eichmann-Gedächtnisraum" (Prüfkammer für ABC-Schutzmasken) oder "Eisenschwein" (Schützenpanzer): Die meist aus unterschiedlichen Bedeutungsebenen zusammengesetzten Wörter haben hier einen neuen, oft spöttisch oder makabren Assoziationsraum geschaffen – und Distanz zum NVA-Alltag.

Der Jargon als Gegenstand der Geschichtsforschung

Aus dem Soldatenjargon zieht der Historiker Matthias Rogg vom Militärhistorischen Museum in Dresden auch Rückschlüsse auf den Alltag in der Kaserne: "In der Sprache der Soldaten drückt sich die Verachtung für die Armee und ihre Funktionsträger aus." Der Sprachvorrat bediente sich demnach häufig aus anal und sexuell konnotierten Begriffen. So wurde die Winterfellmütze zum Beispiel abfällig "Bärenvotze" genannt. Neue Rekruten nannten die Altgedienten oft "Pisser" oder "Spritzer".

Die Soldatensprache war damit ein Gegenentwurf zur technokratischen Funktionssprache der Armeeführung einerseits und zum rüden Umgangston der Ausbilder mit ihren Untergebenen andererseits. Befehle und Kommandos, so hört man von ehemaligen Wehrdienstleistenden immer wieder, hat man damals oft als "Anschiss" erlebt. Die Antwort auf Schikane und Diskriminierung kam freilich nur hinter vorgehaltener Hand, etwa wenn man den Feldwebel als "Feld-, Wald- und Wiesenwebel", den Politoffizier als "Rotkehlchen" oder den Panzerkommandeur als "Kettenknecht" verballhornte.

Es war eine freche Reaktion auf den Drill in der auch "VEB Gleichschritt" genannten Nationalen Volksarmee. Dem harten 18-monatigen Kasernendienst konnten Wehrpflichtige meist nur durch sprachliches Talent und etwas Humor entfliehen, zumindest zeitweise.

(zuerst veröffentlicht am 18.06.2015)

Über dieses Thema berichtete der MDR auch im TV: MDR Zeitreise Spezial: Die NVA - Dienen für das Volk? | 28.02.2016 | 23:15 Uhr