"Man muss erzählen, wie es war" Entkommen aus dem Warschauer Ghetto

Am letzten Tag vor dem Ausbruch des Aufstands gegen die deutschen Besatzer wurde Joanna Sobolewska-Pyz im April 1943 aus dem Warschauer Ghetto geschmuggelt. Dies rettete ihr das Leben - und ihr Schicksal steht für das vieler jüdischer Kinder, die später in polnischen Familien aufwuchsen.

von Monika Sieradzka

Joanna Sobolewska-Pyz nennt sich selbst "besessen". Seitdem sie weiß, dass sie als Kind aus dem Warschauer Ghetto geschmuggelt wurde, forscht sie ständig in Archiven, um mehr über solche Schicksale zu erfahren. Die eigene Geschichte hat sie erst als Erwachsene rekonstruiert und dabei entdeckt, dass es viel Mut brauchte, jüdische Kinder zu verstecken. "Denjenigen, die den Juden halfen, drohte im besetzten Polen die Todesstrafe. Da musste man schon mutig sein. Genau das waren wohl meine polnischen Eltern, bei denen ich aufgewachsen bin", sagt die 79-jährige.

Das Leben im Ghetto

Joanna hat mit ihrer jüdischen Mutter Halina Grynszpan im Ghetto gelebt, wie die meisten Juden in Warschau. Der sogenannte "jüdische Wohnbezirk" war von 1940 bis 1943 von einer drei Meter hohen Mauer umschlossen und von der SS bewacht. Auf nur vier Quadratkilometern waren zeitweise bis zu 500.000 Menschen zusammengepfercht. Der Weg auf die "arische" Seite führte durch die Kanalisation.

So ging Halina Grynszpan mehrmals mit ihrer dreijährigen Tochter durch die Kanäle, um eine befreundete Lehrerin zu besuchen. Bis heute fragt sich Joanna, warum ihre Mutter ständig mit ihr hin und her gingen. "Vielleicht wollte mich meine Mutter bei der Lehrerin lassen, aber es fiel ihr zu schwer, deshalb hat sie mich immer zurück ins Ghetto mitgenommen." Wer im Ghetto lebte, musste mit dem Hungertod oder dem Tod in einem der Konzentrationslager rechnen.

Neue Identität

Doch am 18. April 1943 hat Halina Grynszpan eine Entscheidung getroffen. Sie befestigte ein Kärtchen mit der Adresse der Lehrerin an Joannas Kleid und übergab das Kind einem "blauen Polizisten", dem sie vertrauen konnte. Als "blaue Polizei“ nannte man polnische Polizeitruppen unter deutscher Aufsicht während der Besatzungszeit. Sie galten als Kollaborateure und Verräter, doch es gab offenbar Ausnahmen. Der blaue Polizist hat die kleine Joanna zur Lehrerin geschmuggelt. Warum die Mutter Joanna einem "blauen Polizisten" übergab, weiß Joanna nicht.

Zwei Wochen danach wurde sie vom polnischen Ehepaar Sobolewski aufgenommen. Erst mit 18 Jahren erfuhr Joanna von ihren jüdischen Wurzeln. "Ich war schockiert. Ich wusste mit dem Begriff Juden nichts anzufangen. Ich habe vielleicht nur irgendwo gehört, dass Juden Heringe essen und dass die Deutschen sie nicht besonders mochten. So dumm war ich." Doch was sie in der Schule nicht gelernt hatte, holte sie schnell als Soziologiestudentin an der Warschauer Uni nach. Über eine Anzeige in einer israelischen Zeitung hat sie Verwandte in Israel gefunden und auf diese Weise erfahren, dass sie als Joanna Grynszpan geboren wurde.

Während sie ihre Geschichte rekonstruierte, musste sie mehrmals feststellen, dass ihr Überleben einem Wunder gleichkam: "Wenn ich lese, wie das Leben im Ghetto aussah, denke ich, dass es ein Wunder ist, dass ich überlebt habe." 

Die Aufgabe der Zeitzeugen

Mit ihrem Schicksal war sie jahrelang allein. Im kommunistischen Polen waren der Holocaust und das jüdische Leben aus der Vorkriegszeit so gut wie kein Thema, sogar ein Tabu. Erst nach der Wende begannen sich Juden als Juden zu bekennen und zu organisieren. 1991 war Joanna bei der Gründung des Vereins der Holocaust-Kinder dabei. Seit 2012 ist sie dessen Vorsitzende. "Ich bin eine der letzten Zeitzeugen. Was passiert, wenn wir sterben? So etwas wie der Holocaust darf sich nicht wiederholen. Man muss erzählen, wie es wirklich war", sagt Joanna. Darum hat sie eine Ausstellung organisiert: "Meine jüdischen Eltern, meine polnischen Eltern". Bis 31. Januar 2019 ist diese Ausstellung in der Stadtbibliothek Magdeburg zu sehen.

Zwischen dem heutigen Fremdenhass und der Ideologie, die zur Judenvernichtung führte, sieht sie durchaus Ähnlichkeiten und hat "keine Illusionen". "Den Antisemitismus hat es gegeben und wird es immer geben." Doch Joanna gibt nicht auf und wird weiterhin von den Kriegsschicksalen der jüdischen Kinder erzählen. "Es ist ein Schrei. Vielleicht ist er zu leise und zu schwach, aber ich schreie. Das ist das Einzige, was ich machen kann."

(zuerst veröffentlicht am 19.04.2018)

Über dieses Thema berichtet der MDR auch im TV: MDR Zeitreise Spezial: Zeugen des Holocaust | 27.01.2019 | 22:20 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 25. Januar 2019, 12:28 Uhr