Service Meine Eltern – Spione bei der Wismut? – Die Recherche

Harald Scholz ist ohne seine Eltern aufgewachsen. Sein damals 23-jähriger Vater Günther Rehlich verschwindet 1951 spurlos - angeblich von den Russen verschleppt. Seine Mutter, die 25-jährige Jutta Scholz, wird im gleichen Zeitraum verhaftet wegen angeblicher Spionage  - da ist sie bereits mit Harald schwanger. Nach der Geburt in der berüchtigten Frauenhaftanstalt Hoheneck wird sie von ihm getrennt. harals Scholz will das Schicksal seiner Eltern aufklären - wie verläuft diese Suche?

Bis heute weiß Harald Scholz nichts über die damaligen Hintergründe. Warum ist sein Vater verschwunden? Was haben seine Eltern getan? Und was hat das alles mit dem Bergbauunternehmen Wismut -  und dem Bau der sowjetischen Atombombe zu tun? Mit diesen Fragen wandte sich Harald Scholz an das Team von "Die Spur der Ahnen". Filmautor Christian Schulz hat über vier Monate recherchiert. Wie und wo, das haben wir für Sie zusammengefasst.

Firmenarchive

Arbeitgeber können sehr hilfreich sein, wenn es darum geht, den Lebensweg eines Ahnen oder einer Ahnin aufzuzeichnen. Wie lange war jemand angestellt? Wo hat er gewohnt? Was waren seine konkreten Aufgaben? Wieviel hat er verdient? All das sind wichtige Informationen, die helfen, das Bild des Gesuchten zu konkretisieren. Große Firmen haben meist eigene Firmenarchive. Dort können manchmal auch Privatpersonen nachfragen, wenn sie die gesetzlichen Vorgaben des Datenschutzes erfüllen. Meist muss nachgewiesen werden, dass man auskunftsberechtigt ist. Verwandte Ersten Grades sind das in aller Regel.

Allerdings dauert die Beantwortung solcher Anfragen Monate und Firmenarchive verwahren oft vertrauliche Dokumente, die von Außenstehenden nicht eingesehen werden dürfen. Dennoch sollte man ander Stelle nicht aufgeben: Wer freundlich anfragt, wird nur selten enttäuscht.

Im Archiv der Wismut wurde das Team von "Spur der Ahnen" fündig und konnte belegen, dass Günther Rehlich und seine Frau tatsächlich in dem sowjetischen Bergbauunternehmen gearbeitet haben und zwar in einem für den Uranabbau wichtigen Bereich.

Vermisst! – Der Suchdienst Deutsches Rotes Kreuz

Schon damals wusste niemand, was aus Günther Rehlich wurde. Er galt also als vermisst. Gerade für Geschichten, die sich in den Kriegs- oder Nachkriegsjahren zugetragen haben, ist der Suchdienst des Deutschen Roten Kreuzes eine wichtige Quelle. Gab es hier schon früher Suchanfragen? Wenn ja, hat der Suchdienst auch Recherchen begonnen. Was kam dabei heraus? Oft kommen hier neue Erkenntnisse ans Licht.

Auch unsere Anfrage nach "Günther Rehlich" ergab einen Treffer: ein Günther Rehlich wurde gefunden – doch der Todesort war nicht Moskau, sondern: die Haftanstalt Bautzen! Eine neue Spur?

Gedenkstätte Bautzen

Um das herauszufinden, startete das Team eine Namensabfrage in der Gedenkstätte Bautzen. Das Totenbuch der Gedenkstätte erfasst nach bestem Wissen und Gewissen alle Namen der Verstorbenen des Speziallagers Bautzen: Also von Internierten, von Menschen, die das Sowjetische Militärtribunale verurteilt hatte, aber auch von sogenannten "Waldheim-Verurteilten", die zwischen Mai 1945 und Dezember 1956 in Bautzen starben. Das Totenbuch wurde mit Hilfe des Haftbuchs der sowjetischen Lagerverwaltung und der Protokolle von Friedhofsverwaltungen erstellt. Die letzte Aktualisierung des Totenbuches erfolgte im August 2012.

Doch in den dortigen Todeslisten tauchte der Name nicht auf. In solchen Fällen sind Einordnungen von Experten und Historikern wichtig: Was bedeutet das? Wie kann die Suche weitergehen? Dokumente und Quellen alleine führen einen nicht weiter. Im konkreten Fall wurde durch Gespräche mit Experten und nach Abgleich der Unterlagen deutlich: Der beim "Deutschen Roten Kreuz" gefundene Günther Rehlich ist ein Namensvetter – und nicht der von uns gesuchte.

Der Aktenbestand der DDR – das Bundesarchiv

Günther Rehlich verschwand in den ersten Jahren der DDR. Welche Erkenntnisse hatten die damaligen Behörden? Bei solchen Fragen hilft das Bundesarchiv, das unter anderem auch offizielle Dokumente und Behördenunterlagen der DDR aufbewahrt.

Eine Namensabfrage über die damals Verlobten Günther Rehlich und Jutta Scholz führte uns unter anderem zu einer Suchanfrage der DDR aus den 50er-Jahren des letzten Jahrhunderts. Jutta Scholz hatte nach ihrer eigenen Haftentlassung nach ihrem Verlobten gesucht. Die DDR-Behörden leiteten die Suchanfrage an die offiziellen sowjetischen Stellen weiter.

Anschrift: Referat DDR 2 (Inneres, Kirche, Justiz) - Finckensteinallee 63 - 12205 Berlin

Offizielle Akten aus der DDR – die Behörde für die Unterlagen des Staatssicherheitsdienstes

Wichtige Unterlagen liegen oft auch beim "Bundesbeauftragten für die Unterlagen des Staatssicherheitsdienstes der ehemaligen Deutschen Demokratischen Republik". Enge Verwandte oder selbst Betroffene können dort Einsicht in die Akten beantragen.

Gefängnisakten: Sächsisches Staatsarchiv Chemnitz

Bekannt war, dass die Mutter von Harald Scholz in der Frauenhaftanstalt Hoheneck einsaß. Harald Scholz ist dort zur Welt gekommen. Die Unterlagen der Haftanstalt liegen heute im Sächsischen Staatsarchiv Chemnitz. Hier stieß das Team von "Die Spur der Ahnen" auch auf wichtige persönliche Unterlagen wie einen handgeschriebenen Lebenslauf von Jutta Scholz. Als Quelle spielen solche Unterlagen eine wichtige Rolle. Experten und Historiker können bei der Einordnung helfen.

Stiftung Sächsische Gedenkstätten – Dokumentationsstelle

Die Vermutung, dass Günther Rehlich von einem Sowjetischen Militärtribunal verurteilt wurde, lag schon durch die Todesanzeige nahe. Die weiteren Recherchen haben dies bestätigt. Enorm hilfreich waren bei der weiteren Suche die Experten der "Stiftung Sächsische Gedenkstätte". Die Dokumentationsstelle "Widerstands- und Repressionsgeschichte in der NS-Zeit und SBZ/DDR" ist eine historische Forschungseinrichtung der Stiftung Sächsische Gedenkstätten zur Erinnerung an die Opfer politischer Gewaltherrschaft mit Sitz in Dresden.

Sie können bei der Schicksalsklärung von Internierten und deutschen Bürgern helfen, die in der Nachkriegszeit von sowjetischen Justizbehörden verurteilt wurden (Verurteilte sowjetischer Militärtribunale).

Suchen in russischen Archiven - (wie) geht das?

In den 1990er-Jahren wurden von der Russischen Föderation viele Deutsche rehabilitiert, die von sowjetischen Militärtribunalen verurteilt wurden. War unser gesuchter Günther Rehlich auch darunter? Eine wichtige Frage – denn nur dann hat man überhaupt einen Anspruch auf Akteneinsicht in russischen Archiven. Ob sie dann gewährt wird oder nicht, ist damit noch nicht entschieden … Die Dokumentationsstelle hilft bei der Suche nach möglichen Rehabilitierungsurkunden zu Deutschen, die von sowjetischen Stellen verhaftet/verurteilt wurden. Dort hilft man auch bei der Kontaktaufnahme zu russischen Archiven.

Über einen umfangreichen Archivbestand über Deutsche, die durch Sowjetische Militärtribunale verurteilt wurden, verfügt auch die Gedenkstätte Leistikowstraße in Potsdam. Dort saßen viele Inhaftierte ein. Die Experten der Gedenkstätte arbeiten auch mit dem Historikerbüro "Facts and files" zusammen, den Autoren des Buches "Erschossen in Moskau".

Russisches Staatsarchiv

Am Ende seiner Suche reiste Harald Scholz mit Filmautor Christian Schulz und dem Team von "Die Spur der Ahnen" nach Moskau. Dort fanden sie im Russischen Staatsarchiv die Bestätigung: Günther Rehlich wurde zum Tode verurteilt, ein Gnadengesuch abgelehnt. Auch im Archiv des KGB-Nachfolgedienstes FSB konnten sie einen Teil der Ermittlungsunterlagen einsehen.

Zuletzt aktualisiert: 08. Juni 2016, 17:05 Uhr