Tragödie bei Stalins Aufbahrung

Jahrzehntelang war die Tragödie, die sich am Rande der Trauerfeierlichkeiten für den verstorbenen Josef Stalin am 6. März 1953 ereignete, ein gut gehütetes Staatsgeheimnis: Mehr als 100 Menschen waren damals in Moskau ums Leben gekommen.

Moskau, 6. März 1953. Im "Haus der Gewerkschaften" ist der einen Tag vorher verstorbene Josef Stalin aufgebahrt. Hundertausende Russen strömen ins Moskauer Zentrum, um dem verstorbenen Partei- und Staatschef die letzte Ehre zu erweisen. Die Menschen haben sich spontan auf den Weg gemacht. Viele von ihnen weinen. Unter den Menschen auch der damals 17-jährige Sergei Chruschtschow, Sohn des späteren KP-Chefs Nikita Chruschtschow: "Es war nicht organisiert, wir gingen ohne Fahnen, ohne dass wir irgendetwas bei uns trugen, wir wollten einfach dorthin gehen."

"Es war wie in einem Fleischwolf"

Und es machten sich nicht nur Moskauer auf den Weg, sondern den ganzen Tag über kamen aus allen Landesteilen Menschen mit dem Zug, dem Auto oder mit Bussen in die Hauptstadt. Moskau war hoffnungslos überfüllt. Nirgendwo gab es ein Durchkommen. "Sie sind herbeigeströmt und niemand hat sie geleitet. Und die Miliz war unfähig. Sie hat versucht, die Massen abzudrängen, sie schickte sie im Kreis, es war eine  riesige Warteschlange, die sich im Kreise drehte, bis sie dann irgendwann zum Säulensaal gelangte", erinnert sie der Moskauer Edward Radsinski. Die Menschenmasse drängte immer mehr nach. Es gab kein Entkommen. Vor dem "Haus der Gewerkschaften", in dem Stalin aufgebahrt war, standen Lastkraftwagen, um die Massen fernzuhalten. Die Trauernden wurden nur einzeln ins Gewerkschaftshaus durchgelassen. Edward Radsinski: "Es war wie in einem Fleischwolf. Die Menschen kletterten über diese LKW. Nicht etwa, weil sie so ihr Ziel erreichen wollten, sondern weil die Masse so sehr drängte, dass sie sonst buchstäblich zermalmt wären. Sie kletterten auf diese LKW, um nicht zu sterben."

Verheimlichte Tragödie

Sergej Chruschtschow
Augenzeuge der Tragödie: Sergei Chruschtschow Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

"Studenten haben Kreise gebildet, um unsere Mädchen zu schützen, damit sie dort nicht zerquetscht würden und auch ältere oder schwächere Frauen, die dort waren, hob man hoch und setzte sie in Lastkraftwagen und Militärtransporter", erinnert sich Sergei Chruschtschow. Dennoch: Hunderte Menschen verloren bei der Tragödie, die sich nur wenige Meter vom aufgebahrten Stalin ereignete, ihr Leben. Sie wurden Zu Tode gequetscht. Öffentlich wird diese Tragödie nicht, ganz im Gegenteil. Sie wird zu einem gut gehüteten Staatsgeheimnis in der UdSSR. In der Bevölkerung machten Gerüchte die Runde: Es war von vielen Hunderten, ja Tausenden Toten die Rede...

"Stalins Begräbnis"

Jewgeni Jewtuschenko, Dichter
Dichter und Filmemacher Jewgeni Jewtuschenko (2017) Bildrechte: IMAGO

1990, in der Ära von Glasnost und Perestroika, kam ein Film des Dichters und Filmemachers Jewgeni Jewtuschenko in die sowjetischen Kinos: "Stalins Begräbnis". "Dieser Tag, an dem Stalin begraben wurde", sagte Jewtuschenko bei der Premiere, "war ein Umbruch in meinem Leben.“ Er hatte nämlich begriffen, dass künftig niemand mehr für ihn denken würde. Man müsse es nun selber tun, "denken, denken und nochmals denken". Jewtuschenko zeigt diesen 6. März 1953 als einen Tag von geradezu apokalyptischer Wucht. In einer Szene wird auch der Tod vieler Trauernder in der Nähe des "Hauses der Gewerkschaften" gezeigt. Es war das erste Mal, dass diese Tragödie am Rande der Trauerfeierlichkeiten öffentliche Erwähnung fand. Wie viele Menschen zu Tode gekommen waren, blieb freilich in Jewtuschenkos Film unklar.

Bis heute geheim

Genaue Opferzahlen gibt es bis heute nicht. Die diesbezüglichen Akten sind nach wie vor gesperrt. Die einzige, gewissermaßen halboffizielle Opferzahl hatte 1962 Kreml-Chef Nikita Chruschtschow in kleiner Runde verkündet. Er sprach von 109 Toten. Ob das der Wahrheit entspricht, ist unklar.

Nikita Sergejewitsch Chruschtschow
Nikita Chruschtschow: 109 Tote. Bildrechte: IMAGO

Und genauso unklar ist immer noch, warum es überhaupt zu der Tragödie gekommen war. Waren die Moskauer Ordnungshüter schlicht überfordert gewesen? Oder hatte eine allgemeine Paralyse angesichts des Todes des allmächtigen Stalins die Tragödie hervorgerufen? Sergei Chruschtschows Erinnerungen lassen jedenfalls beide Deutungen zu : "Es waren Tausende Menschen, die zum Haus der Gewerkaschaft wollten. Es gab keine Organisation. Da war einfach eine riesige Menschenmenge, die sich im Kreis drehte, so wie bei einem großen Schwarm."

Über dieses Thema berichtet der MDR auch im TV: MDR Zeitreise | 13.03.2018 | 21:15 Uhr