Fritz Reuter unter Palmen
Das DDR-Handelsschiff "Fritz Reuter" Bildrechte: MDR/Hoferichter & Jacobs GmbH

Wie die DDR zur Seefahrernation wurde

Die DDR wollte mit der Welt Handel treiben, doch es fehlte an Hochseeschiffen. Der DDR-Außenhandel rief daraufhin 1957 die Kampagne "Steckenpferd" ins Leben. Mehr als 1.500 Betriebe übererfüllten in den kommenden Jahren ihr Exportsoll. Von den mehr eingenommenen Devisen wurden im Westen Schiffe gekauft.

Fritz Reuter unter Palmen
Das DDR-Handelsschiff "Fritz Reuter" Bildrechte: MDR/Hoferichter & Jacobs GmbH

Es war als eine wirtschaftsorganisatorische Massenbewegung geplant - die "Steckenpferdbewegung". Sie sollte den Seehandel der DDR ankurbeln und den Einkauf von Handelsschiffen aus dem westlichen Ausland ermöglichen. Zwar kamen aus den neu gegründeten Werften der DDR bald die ersten Frachter, aber es wurden mehr Schiffe gebraucht, als die DDR in den 1950er-Jahren selbst herstellen konnte. 1957 wurde deshalb der Ankauf von gebrauchten Handelsschiffen beschlossen und dafür ein "Valuta- und DM-Fond" gegründet. Denn Schiffe aus dem Westen gab es nur für Devisen.

Erste Erfolge der "Steckenpferdbewegung"

Erster Ansprechpartner des Außenhandelsministeriums der DDR war der VEB Steckenpferd aus Radebeul. Der Seifen- und Parfümhersteller glänzte jedes Jahr mit Exporterlösen bei der Leipziger Messe. Im Mai 1958 verpflichtete sich der Betrieb, sein Export-Soll um 100.000 Dollar überzuerfüllen. Weitere Betriebe schlossen sich der Aktion an, die als Massenbewegung angedacht war. Wenig später waren bereits 1.500 Betriebe Teil der "Steckenpferdbewegung". Und der Plan ging auf - am 5. Januar 1959 übergab Heinrich Rau, Stellvertretender Ministerpräsident der DDR, einen 10.000-Tonnen-Frachter an die Deutsche Seereederei. Ein 23 Jahre altes Schiff war in Schweden gekauft worden und trug fortan den Namen "Steckenpferd". Noch vier weitere Schiffe wurden bis 1960 gekauft und fuhren unter den Namen "Ernst Moritz Arndt", "Kap Arkona", "Stubbenkammer" und "Stoltera" auf den Weltmeeren.

Import von Südfrüchten

Und die "Steckenpferdbewegung" ging noch weiter. Im Januar 1960 verkündete Bruno Baum, Minister für Außenhandel der DDR, in der "Aktuellen Kamera": "Schließlich haben wir die Absicht, aus Mitteln der 'Steckenpferdbewegung' 1960 zusätzliche Importe an Südfrüchten, Kaffee, Kakao, Kühlschränken, Fernsehgeräten und anderem durchzuführen. Wir hoffen, liebe Fernsehzuschauer, dass Sie dieser zustimmen werden."

Eine Reise auf der "Völkerfreundschaft"

Selbst die "Völkerfreundschaft", das Urlaubsschiff der DDR, wurde mit den Geldern der "Steckenpferdbewegung" unterhalten - und eine Reise auf der "Völkerfreundschaft" war Belohnung für erfolgreiche Betriebe der Export-Kampagne. Doch weil die Reisen auf der "Völkerfreundschaft" so beliebt waren, wurden, um die Reisen auf dem Urlaubsschiff finazieren zu können, zunehmend auch Waren exportiert, die auf dem heimischen Markt immer schon knapp waren, Babywindeln etwa. "Was natürlich zur Folge hatte, dass Babywindeln hier und da auch mal nicht vorhanden waren. Damit war natürlich die ganze Bewegung ein bisschen in Misskredit geraten. Und man hat sie dann stillschweigend auslaufen lassen", erinnert sich Gerd Peters, einstmals Pressechef der "Deutschen Seereederei".

Die DDR aber wird schließlich Mitte der 1970er-Jahre mit weit mehr als 200 Schiffen auf Meeren und Ozeanen unterwegs sein und zu einer der führenden Seefahrernationen der Welt avancieren. Angefangen hatte alles auch mit den Schiffen der "Steckenpferdbewegung".

DDR-Urlauberschiff  - Völkerfreundschaft - im Hafen von Warnemünde, 1973
Das Urlauberschiff "Völkerfreundschaft" 1973 im Hafen von Warnemünde Bildrechte: IMAGO

Über dieses Thema berichtet der MDR im TV auch in "MDR Zeitreise" 21.11.2017 | 21.15 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 29. Mai 2018, 08:48 Uhr