"Wir wollen weg vom Stalinismus"

Der Dichter und Schriftsteller Manfred Streubel
Der Lyriker und Kinderbuchautor Manfred Streubel Bildrechte: Beate Rieß

Niederschlag fand Chruschtschows Abrechnung mit Stalin auf dem XX. Parteitag unter Künstlern und Intellektuellen. Der Germanist Hans Mayer wandte sich gegen Stalins Diktum, wonach die Schriftsteller "Ingenieure der Seele" seien, die jungen Dichter Manfred Streubel, Heinz Kahlau, Manfred Bieler und Jens Gerlach forderten auf dem "Kongress junger Künstler" im Juli 1956 in Karl-Marx-Stadt Freiheit für die Kunst, der Philosoph Ernst Bloch rief in Leipzig nach einer Überwindung des Stalinismus und Walter Janka und Wolfgang Harich forderten: "Wir wollen weg vom Stalinismus" ...

Es war dies die kurze Phase des sogenannten "Tauwetters" nach dem XX. Parteitag. Vieles schien möglich zu sein. Doch nach der blutigen Niederschlagung des Ungarn-Aufstands im November 1956 war es mit den Reformversuchen wieder vorbei. Und Walter Ulbricht konnte nun – mit ausdrücklicher Billigung Chruschtschows - in aller Ruhe wieder gegen "Revisionisten" und sonstige "Abweichler" vorgehen.

1961: Der Name Stalins wird getilgt

Im Oktober 1961 fand in Moskau der 22. Parteitag der KPdSU statt. Parteichef Chruschtschow hatte das Thema "Entstalinisierung" erneut auf die Tagesordnung setzen lassen, vor allem deshalb, weil er innerparteiliche Gegner schwächen wollte. Die Delegierten verabschiedeten unter anderem einen Beschluss, wonach Stalins Name aus der Öffentlichkeit zu tilgen sei und der Leichnam des Diktators aus dem Mausoleum an der Kremlmauer, wo er noch immer neben Staatsgründer Lenin ruhte, entfernt werden sollte.

SED-Chef Ulbricht, der sich als Gast des Parteitags in Moskau aufhielt, schrieb in einem Brief an die Genossen zu Hause, dass in der Berichterstattung über den Parteitag der Bruderpartei darauf abgezielt werden müsse, dass sich die SED eng an der Seite der sowjetischen Genossen befände. Als Ulbricht in die DDR zurückkehrte, sagte er in einer kurzen Ansprache den kryptischen Satz: "Es waren inhaltsreiche und erregende Tage, die wohl niemand von uns jemals vergessen wird."

Stalinstadt wird Eisenhüttenstadt

Zwei Wochen später wurde der Beschluss der KPdSU, wonach Stalin aus dem öffentlichen Bewusstsein zu verschwinden habe, auch in der DDR umgesetzt. Tausende Plätze und Straßen in der Republik wurden eilig umbenannt. In einer Nacht-und Nebel-Aktion wurde etwa das fast fünf Meter hohe Stalin-Denkmal auf der nach dem Diktator benannten Pracht-Allee in Berlin vom Sockel gehoben. Zahlreiche Volkspolizisten bewachten die Aktion, denn man fürchtete Proteste. Doch es blieb alles ruhig, niemand schien der Abtransport Stalins zu stören. Die Allee selbst hieß ab dem 14. November 1961 Karl-Marx-Allee. An diesem Tag wurden auch die Ortseingangsschilder von "Stalinstadt an der Oder" durch "Eisenhüttenstadt" ersetzt …  

Stalins Verbrechen weitestgehend tabuisiert

Christoph Hein am 4.11.89 in Berlin
Christoph Hein am 4.November 1989 in Berlin Bildrechte: DRA/ DDR Fernsehen

Stalins Verbrechen wurden in den folgenden Jahren und Jahrzehnten in der DDR zwar nicht mehr geleugnet, blieben praktisch aber bis weit in die 1980er Jahre hinein ein Tabu; die geheimen Zusätze im sogenannten "Hitler-Stalin-Pakt"  - selbst in der UdSSR unter Gorbatschow nicht mehr offiziell geleugnet - galten gar bis zum Ende der DDR als "antisowjetische Propaganda". "Noch immer kennen wir die Wahrheit nur andeutungsweise. Noch werden Stalin und der Stalinismus von unserer Geschichtsschreibung höchst unvollständig erfasst", beklagte Christoph Hein im Oktober 1989 in seiner immer noch als mutig angesehenen Rede auf dem Schriftstellerkongress der DDR in Berlin. "Stalin brach Hitler das Genick, das ist eine unbestreitbare Wahrheit, die keiner vergessen soll. Aber Stalin brachte auch seine Genossen und Millionen seiner Landsleute um. Auch das ist eine unbestreitbare Wahrheit. Und wer so verschiedene Wahrheiten nicht erträgt und die eine mit der anderen zu verdecken und auszulöschen sucht, fälscht die Geschichte."

XX. Parteitag der KPdSU vom 14.-25. Februar 1956 Dieser Parteitag war der erste Parteitag nach dem Tod Stalins drei Jahre zuvor. Nachfolger Nikita Chruschtschow macht am letzten Tag in einer fünfstündigen Geheimrede hinter verschlossenen Türen einige von Stalins Verbrechen bekannt und verurteilt sie. Am 5. März entscheidet Chruschtschow, wesentliche Inhalte der Rede den Parteimitgliedern zugänglich zu machen. Sie erfahren erstmals, dass ihr Idol ein Massenmörder war. In der Sowjetunion und den sozialistischen Bruderländern wird ein Kurswechsel, die so genannte "Tauwetter-Periode", eingeleitet. Während dieser Phase der Entstalinisierung schwächt sich die Zensur merklich ab.

Über dieses Thema berichtete der MDR auch im TV: LexiTV | 28.02.2017 | 15:00 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 23. Februar 2016, 16:30 Uhr