Wolfgang "Paule" Seguin | Europacupsieger 1974 "5.000 Ostmark für den Europacup-Sieg und ein Auto ohne Wartezeit"

Wolfgang "Paule" Seguin spielte 18 Jahre lang für den 1. FC Magdeburg: Drei Mal holte er mit seinem Club den DDR-Meistertitel und 1974 schoss er das 2:0 im Europacup-Finale gegen den AC Mailand. Wolfgang "Paule" Seguin im Interview.

von Thomas Franke

Bis auf ein Jahr war der 1. FC Magdeburg ständig in der Oberliga vertreten. Welche Rolle  spielte der FCM bis 1990?

Wolfgang Seguin (1. FC Magdeburg)
Seguin im Mai 1974 Bildrechte: imago/Kicker/Eissner, Liedel

Ich bin Anfang der 60er-Jahre zum FCM gekommen, und wir sind gleich Pokalsieger geworden. Dann ein Jahr später gleich nochmal. Nach einem kleinen Tief mit dem Abstieg in die Liga ging es dann aber steil bergauf: Direkter Wiederaufstieg unter unserem neuen Trainer Heinz Krügel. Mit ihm hatten wir jemanden, der alles umkremelte. So holte er zum Beispiel junge Spieler wie Jürgen Pommerenke, Axel Tyll oder Detlauf Raugust nach oben. Wir hatten dann Anfang der 70er eine Truppe, die den ersten Meistertitel nach Magdeburg holte. Daran schloss sich auch schon die Ära im Europapokal an. Zeitweise waren wir die Nr. 1 in der DDR.

Der größte Erfolg war dann der Sieg beim Europacupsieg 1974 ...

Europacup-Medaille des 1. FC Magdeburg
Diese Medaille bekamen die Sieger von der UEFA überreicht. Bildrechte: MDR/Thomas Franke

Nun gut, wir sind nach 1974 gleich noch einmal Meister geworden und haben 1978 und 1979 den Pokal geholt. Aber dann hörten unsere Leistungsträger wie Manfred Zapf und Jürgen Sparwasser auf. Ich selbst habe meine Karriere beim FCM 1981 beendet. Eigentlich wollte ich noch ein, zwei Spielzeiten bei der BSG Wismut Aue dranhängen, doch das wurde durch den FCM verhindert. Ich durfte in der Liga nur noch als Spielertrainer bei der BSG Motor Mitte Magdeburg spielen. Danach, 1983, hat der FCM noch ein letztes Mal den FDGB-Pokal gewonnen. Damit waren die goldenen Jahre endgültig vorbei.

Was zeichnete den FCM denn aus?

Wir waren eine sehr junge Mannschaft. Unter Heinz Krügel und seinem Co-Trainer Konzack entwickelten wir uns über all die Jahre spielerisch weiter. Immer unter die ersten drei zu kommen, war unser Ziel! Von der Physis her waren wir top eingestellt. In allen Mannschaftsteilen waren wir sehr gut besetzt. 1975 kam noch Stürmer Achim Streich aus Rostock. Wir hatten eigentlich den kompletten Nationalmannschaftssturm beim FCM.

War Ihnen als junger Spieler bewusst, in welcher privilegierten Situation Sie waren?

Ach, das Geld was heute bezahlt wird, das haben wir nicht mal in Ansätzen bekommen. Für den Sieg im Europacup bekam ich 5.000 DDR-Mark. Und ein Auto, ohne Anmeldung. Aber ich hab es auch bezahlen müssen. Ich war ja gelernter Maschinenbau-Ingenieur und bin in dieser Gehaltsgruppe eingestuft worden. SKET war unser damaliger Trägerbetrieb, der den Club unterstützte. Bei den Thälmann-Werken haben wir zwar nicht gearbeitet, sind aber freigestellt worden für den Fußball. Das waren unsere Privilegien.

Zur Siegehrung in Rotterdam wurde die Mannschaft mit weißen Bademänteln ausstaffiert. Was hatte es denn damit auf sich?

Co Trainer Günter Konzack, Funktionär Günter Behne, Siegmund Mewes, Wolfgang Abraham, Manfred Zapf, Wolfgang Seguin, Trainer Heinz Krügel, Torwart Bernd Dorendorf, Detlef Enge, Torwart Hans Werner Heine, Jörg Ohm, Helmut Gaube, Detlef Raugust, Martin Hoffmann, Torwart Ulrich Schulze, Axel Tyll, Jürgen Pommerenke
Seguin (m.) feiert mit der Mannschaft den größten Erfolg der Vereinsgeschichte. Bildrechte: imago/Kicker/Eissner, Liedel

An dem Abend war es ziemlich kalt, und es hat geregnet. Damit sich niemand erkältet, hat der Veranstalter jedem von uns einen Bademantel gegeben. Auf allen Fotos während der Siegerehrung sieht man uns in diesen Bademänteln. Danach hatten wir sie schon alle eingepackt, da mussten wir sie wieder herausrücken und zurückgeben. Es wurde im Nachhinein erzählt, dass sie aus der Produktion von Malimo aus Limbach-Oberfrohna stammten. Das Etikett hätten einige gesehen. Das kann ich aber nicht bestätigen. Leider konnte ich die Siegesfeier in Magdeburg, als 10.000 Fans die Mannschaft empfingen, nicht mitmachen, da ich wie Pommerenke, Sparwasser und Hoffmann nach Schweden zur Nationalmannschaft fliegen musste. Dort fand die Vorbereitung für die nahende Weltmeisterschaft statt. Die Teilnahme daran hat dann schon etwas entschädigt.

Trainer Heinz Krügel war der Dreh- und Angelpunkt der goldenen FCM-Jahre. Welche persönlichen Erinnerungen haben Sie an ihn?

Für mich war es der beste Trainer, den ich mir vorstellen konnte. Krügel war mehr der Psychologe, denn das eigentliche Training hat immer sein Co-Trainer Konzack geleitet. Krügel wusste, wie er uns anpacken musste. Er sagte zu uns: "Ihr seid meine Diamanten, ihr müsst nur noch geschliffen werden". Es hat uns viel bedeutet, dass er uns Selbstvertrauen gab. Pommerenke hat er gestreichelt, Tyll in den Hintern getreten. Er wusste einfach, wie er uns stark macht. Das hat er meisterhaft verstanden.

In der ersten Runde 1973/74 spielten wir zum Beispiel gegen NAC Breda in dem Stadion, wo auch das Finale stattfand. Krügel meinte zu uns: "Denkt dran, in einem dreiviertel Jahr spielen wir hier das Endspiel." Wir erklärten ihn für verrückt. Das werde ich nie vergessen.

Die undatierte Aufnahme zeigt Heinz Krügel (l), Cheftrainer des 1. FC Magdeburg und Dynamo Dresdens Trainer Walter Fritzsch, die mit einem Glas Sekt in der Hand in der Kabine stehen.
Heinz Krügel, links, zusammen mit Dynamo-Trainer Walter Fritzsch Bildrechte: dpa

Und im Finale haben wir die Weltklassemannschaft von Mailand spätestens in der 2. Halbzeit beherrscht. Krügel hat uns das Selbstvertrauen gegeben, gegen die Italiener als krasser Außenseiter mithalten zu können. Dann kam noch hinzu, dass Krügel ein sehr erfahrener Trainer war, während Giovanni Trappatoni noch am Anfang seiner Karriere stand.

Krügel musste aber 1976 gehen, offiziell aus sportlichen Gründen. Das tat weh. Wir erfuhren es vor dem Oberligaspiel gegen den FC Karl-Marx-Stadt. Da schworen wir uns, wir spielen für den Trainer. Und wir haben gewonnen. Er war zum Objektleiter bei der BSG Motor Mitte Magdeburg degradiert worden. Dorthin folgte ich ihm dann ja auch 1981. Krügels Nachfolger wurde Klaus Urbanczyk aus Halle. Gegen ihn hatte ich ja noch selbst gespielt. Deswegen war die Konstellation nicht so gut für mich.

Die Mannschaft des 1. FC Magdeburg nach dem Sieg gegen ... im Finale des Europapokals der Pokalsieger 1974 in Rotterdam
Selbst Erich Honecker gratulierte etwas hölzern per Glückwunsch-Telegramm über die Partei-Presse. Im Neuen Deutschland heißt es am 9. Mai: "Liebe Sportfreunde! Mit bewundernswertem Kampfgeist, hoher taktischer Disziplin und gewachsenem sportlichen Können haben Sie den Europapokal der Pokalsieger errungen und vielen Fußballfreunden der Deutschen Demokratischen Republik große Freude bereitet. Ich beglückwünsche Sie sehr herzlich zu dieser hervorragenden Leistung und wünsche Ihnen auch weiterhin den besten Erfolg." Bildrechte: dpa