Passanten in der Böhmschen Gasse in der "Bunten Republik Neustadt" in Dresden.
Bildrechte: IMAGO

1990 Das fabelhafte Jahr der Anarchie

Das Jahr 1990 im Osten Deutschlands. Es war das fabelhafte Jahr der Anarchie. Als solches ist es in die Geschichte eingegangen. Begonnen hatte dieses Jahr streng genommen bereits im späten Herbst 1989, kurz nach dem Mauerfall. Eingeläutet wurde sein Ende im Sommer 1990, mit der Einführung der D-Mark im Osten. Endgültig Schluss war dann am 3. Oktober 1990, dem Tag der Deutschen Einheit.

Passanten in der Böhmschen Gasse in der "Bunten Republik Neustadt" in Dresden.
Bildrechte: IMAGO

Diese neun oder zehn Monate, in denen der sozialistische Staat seinem Untergang entgegentorkelte, waren tatsächlich eine Zeit der Selbstermächtigung, der scheinbar unbegrenzten Möglichkeiten. Swinging time. Oder, wie Heiner Müller damals sagte: "Die Steine begannen zu reden." Der Eiserne Vorhang war gefallen, die alte, scheinbar so fest und für alle Ewigkeiten zusammengefügte sozialistische Ordnung lag in letzten Zügen. Die staatlichen Strukturen lösten sich allmählich auf und deren Vertreter hatten mit sich selbst genug zu tun. Die einst so scharfen Regeln, Vorschriften und Gesetze  waren obsolet geworden und kümmerten niemanden mehr. Und diejenigen, die sie einst durchzusetzen hatten, jene sozialistischen Verordnungen und Direktiven, die Volkspolizisten oder Geheimdienstler oder sonstige Vertreter des Systems, hatten ihre Autorität, ihren Schrecken verloren. Sie waren nur mehr noch bloße Pappkameraden, die sich selbst in eine neue Zeit zu retten versuchten. Und noch aber war nichts an die Stelle der alten, zerfallenden Strukturen gerückt: Die neue Ordnung, die neuen Macht, hatte die Kontrolle über die östlichen Landstriche, Behördenstuben, Bürgermeisterämter und Fabriketagen noch nicht übernommen.

Wenn die Eulen fliegen

Es war eine Zeit des Dazwischen, des nicht mehr da und des noch nicht hier, eine Zeit wie die des Morgengrauens, die Stunde zwischen Hund und Wolf, nicht mehr Nacht und noch nicht Tag. Eine Stunde, in der, nach Hegel, die Eulen fliegen, die Vögel der Weisheit.

Im Windschatten der Weltpolitik, im Windschatten aber auch marktwirtschaftlicher Überlegungen und Kosten-Nutzen-Analysen, entstanden wunderbare und ungeahnte Freiräume. Die Leute im Osten nahmen ihre Interessen selbst in die Hände – sie stürmten Geheimdienstzentralen, entmachteten Parteichefs, Bürgermeister und Schuldirektoren, besetzten Kasernen, riefen Naturschutzgebiete aus, schlossen Tagebaue, gründeten Interessensverbände und Bürgerbewegungen. Sie übten "den aufrechten Gang", wie es damals, mit dem Pathos des Aufbruchs, allerorten hieß.

Karrieren und erfüllte Träume

Es war eine Zeit, in der auch etliche wundersame Karrieren begründet wurden: Manche fanden sich urplötzlich im Zentrum der Weltpolitik wieder, andere gründeten Banken oder Unternehmen, von denen sie immer schon geträumt hatten, starteten mit Hinterhofgalerien Weltkarrieren, eröffneten Clubs und Kneipen in verlassenen Fabrikhallen und besetzten Häusern oder fuhren – freilich nicht selten am äußersten Rand der Legalität – Millionen ein…

Nach der Erfahrung, wie leicht es gewesen war, einen Staat zum Einsturz zu bringen, war das Jahr der Anarchie für viele Leute im Osten eine ganz besondere Zeit. Die Monate zwischen Mauerfall und deutscher Einheit gehören denn auch zu den aufregendsten in ihrem Leben: Es war alles verboten, aber wir haben es trotzdem gemacht! Das war die Devise jener Zeit.

Ähnliche Erfahrungen in Osteuropa

Diese Zeit des Dazwischen, des nicht mehr gestern, aber auch noch nicht morgen, gab es – natürlich in unterschiedlichster Ausprägung und gelegentlich auch zeitversetzt - ebenso in den anderen ehemals sozialistischen Ländern: in Polen, Ungarn, Rumänien, Bulgarien, der CSSR oder den Republiken, die ihre Unabhängigkeit nach dem Zerfall der UdSSR wiedererlangten – der Ukraine, Moldawien, Weißrussland oder den baltischen Staaten... Auch hier gab es jene Freiräume, die sich auftaten nach dem Abgang der alten Eliten und der Etablierung neuer Machtverhältnisse. Freiräume, die auch hier von den Leuten genutzt worden für mannigfaltigste Unternehmungen: der Begründung eigener Finanzhäuser, Pelzstudios oder kleiner Manufakturen, für Karrieren in der Politik oder Wirtschaft. Viele der heutigen Millionäre und Unternehmer verdanken ihr Vermögen der Zeit der Anarchie. Dass dabei nicht immer alles mit "rechten Dingen" zugegangen ist, versteht sich dabei von selbst.        

Zuletzt aktualisiert: 04. Januar 2016, 16:18 Uhr