Zur Biografie Erich Loest - Durch das Leben ein Riss

Der Schriftsteller Erich Loest
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Am 24. Februar 1926 wurde Erich Loest als Sohn eines Kaufmanns in Mittweida/Sachsen geboren. Seine Eltern führten dort eine Eisenwarenhandlung.

In Mittweida besuchte er auch die Oberschule, legte das Abitur aber nicht mehr während des Zweiten Weltkrieges ab. Im April 1944 stellte er den Antrag auf Aufnahme in die NSDAP. Dass er auch als Mitglied aufgenommen worden war, erfuhr Loest nach eigener Aussage erst Jahrzehnte später durch Recherchen eines Journalisten in der Behörde des Bundesbeauftragten für die Unterlagen des Staatssicherheitsdienstes der ehemaligen Deutschen Demokratischen Republik. Loest trat 1945 gegen Kriegsende dem "Werwolf" bei, einer nationalsozialistischen Kampforganisation, die vor allem junge Menschen für Sabotageakte und Guerillakämpfe akquirierte.

Journalist und Schriftsteller-Funktionär

Nach kurzer amerikanischer Gefangenschaft und der Arbeit auf einem Rittergut bei Leipzig holte Loest sein Abitur nach. 1946 wurde er Volontär bei der "Leipziger Volkszeitung". Ab 1950 lebte er als freischaffender Schriftsteller in Leipzig. Erste Proben seines Könnens datieren aus der Zeit als Journalist. Bis 1947/1948 waren rund 40 Erzählungen entstanden, aber nur zehn bis zwölf davon gedruckt worden. Der Roman "Jungen, die übrig blieben" (1950) machte den Autor in der DDR bekannt. Populär wurde er mit den Erzählbänden "Liebesgeschichten", "Sportgeschichten" und mit dem Berlin-Roman "Die Westmark fällt weiter" (1952). 1955/1956 studierte er am Leipziger Literaturinstitut "Johannes R. Becher".

Die Probleme der DDR-Gesellschaft schienen dem überzeugten SED-Mitglied Loest gelöst, bis der 17. Juni 1953 kam, den er in seiner Funktion als Vorsitzender des Schriftstellerverbandes Leipzig in Berlin erlebte. Sein Weltbild wurde durch die Ereignisse nachhaltig erschüttert. Loests öffentliche Kritik an der SED-Führung nach 1953 und das laute Nachdenken des Leipziger Literaturstudenten über die Konsequenzen einer Entstalinisierung für die DDR trugen ihm, der 1956 die Polen- und Ungarn-Ereignisse als endgültige Zerstörung der Leitbilder der ersten Aufbaujahre erlebt hatte, ab November 1957 eine lange Untersuchungshaft ein.

Sieben Jahre Haftstrafe in Bautzen

Wegen "konterrevolutionärer Gruppenbildung" musste Erich Loest bis 1964 eine siebenjährige Haftstrafe im Zuchthaus Bautzen II verbüßen. "Gemordete Zeit" nannte er diese Jahre in seiner Autobiographie "Durch die Erde ein Riß" (1981; in einem westdeutschen Verlag). Nach der Haftentlassung schrieb er zwischen 1965 und 1975, teilweise unter Pseudonym (Hans Walldorf, Waldemar Naß) humoristische Kurzgeschichten, Kriminal- und Abenteuerromane, auf die in der DDR ein großes Publikum wartete.

Eigenes Erleben spiegelt sich in Prosawerken wie dem Kriegsroman "Der Abhang" (1968) wider, der an das Erstlingswerk "Jungen die übrig blieben" von 1950 anknüpfte. Der Autor machte mit diesem Buch erneut darauf aufmerksam, dass die Epoche des Faschismus nicht als erledigte Vorgeschichte hinter der DDR-Alltagsrealität abzulegen war. 1969 folgte der Sportler-Roman "Der elfte Mann" und 1973 "Schattenboxen", ein Buch, dessen Stoff der Autor aus Bautzen mitgebracht hatte.

Autobiografischer Roman und Übersiedlung in den Westen

Im Frühjahr 1978 erscheint Loests autobiographischer Romans "Es geht seinen Gang oder Mühen in unserer Ebene" gleichzeitig in Ost und West. In der DDR wird er 1979 in einer kleinen Rechtfertigungs-Auflage einmalig wiederaufgelegt. Das Buch überforderte die zu Beginn der Honecker-Ära verkündete Toleranz der DDR-Zensur. Nach dem offenen Protest gegen Zensurmaßnahmen trat Loest 1979 aus dem DDR-Schriftstellerverband aus. Zwar folgte mit dem Karl-May-Roman "Swallow, mein wackerer Mustang" eine allerletzte DDR-Veröffentlichung, im März 1981 aber wich der Autor dem nach Biermann-Ausbürgerung und Schriftsteller-Protest stetig wachsenden Druck und reiste in den Westen aus, die Vorarbeiten für den nächsten Roman im Gepäck.

Ost-Themen auch im Westen

In der Bundesrepublik wurde Loest 1984 in den Vorstand des Verbandes deutscher Schriftsteller gewählt. Seine Werke wurden fürs Fernsehen verfilmt, und er publizierte eine ganze Reihe weiterer, viel beachteter Bücher. Schon 1981 hatte er sich in "Durch die Erde ein Riß. Ein Lebenslauf" den gröbsten Frust gegen die Machthaber in der scheinbar verlorenen wirklichen Heimat von der Seele geschrieben. Auch im Westen blieb er mit der DDR-Gesellschaft im Allgemeinen und seiner Heimatstadt Leipzig im Besonderen befasst.

Am nachhaltigsten prägten sich in den 1980er-Jahren die Leipzig-Romane "Völkerschlachtdenkmal" (1984; TV 1987) und "Zwiebelmuster" (1985; TV 1989) sowie der Roman "Fallhöhe" (1989) ein, in dem sich der Autor über bundesrepublikanische Originalitätssucht lustig macht. Seinem langjährigen West-Wohnort Osnabrück näherte er sich 1987 literarisch mit dem Roman "Froschkonzert" (auch als Theaterstück).

Alle Veröffentlichungen bestätigten nach Kritiker-Meinung Loests realistisches Erzähltalent. Die Texte beziehen ihr Leben aus präzis beobachteten Details und sind mit sicherer Pointierung entfaltet. Dem sächsischen Romancier geht es darum, mit den Mitteln der Literatur die Wirklichkeit zu erhellen, Übersehenes in den Blick zu bekommen, Teilnahme zu wecken - und vor allem zu unterhalten.

Rückkehr nach Leipzig

Nach der Wende 1989 wurde Erich Loest durch das Oberste Gericht der DDR rehabilitiert. Er trat Mitte Dezember 1989 zu einer ersten Lesung in Leipzig auf und wurde im Frühjahr 1990 auch Bürger der Messestadt. Sein Domizil in der Bundesrepublik behielt er zunächst bei. Im Sommer 1990 bekam er Einsicht in die Stasiakte, die in der Zeit von 1975 bis 1983 über ihn geführt worden war.

In den Jahren 1978-1981 hatte man über eine Wanze alle privaten Gespräche in seiner Wohnung mitgeschnitten und die gesamte Korrespondenz in Akten gesammelt. Im September 1990 stellte Erich Loest seine Erkenntnisse zur Stasi in Buchform vor ("Der Zorn des Schafes") und ergänzte sie 1991 durch die Dokumentation "Die Stasi war mein Eckermann oder mein Leben mit der Wanze" (1991; auch im Hörfunk).

Günter Grass: "Genauer Erzähler"

Als um die Jahreswende 1992/1993 Stasi-Vorwürfe gegen Christa Wolf und Heiner Müller in der öffentlichen Diskussion hoch kochten, warnte Loest vor vorschnellen Urteilen. Als "politisches Temperament" und "genauen Erzähler" würdigte Günter Grass den Autor 1996 zu dessen 70. Geburtstag und schrieb es seiner "Größe" zu, nach der Wende der nahe gelegten Versuchung widerstanden zu haben, als ehemaliges Opfer wie ein Richter aufzutreten.

Die Geschichte der Leipziger Montagsdemonstrationen des Jahres 1989 und den Weg zur Wende erzählt Erich Loest in seinem 1995 erschienenen und verfilmten Bestsellerroman "Nikolaikirche". Die eigene Zeit nach dem Wechsel in den Westen dokumentiert in Artikeln, Reden oder Radiobeiträgen sein 1997 erschienenes Buch "Als wir in den Westen kamen. Gedanken eines literarischen Grenzgängers".

Bundesvorsitzender des Verbands deutscher Schriftsteller

1994 wurde Loest in Aachen mit überwältigender Mehrheit zum neuen Bundesvorsitzenden des Verbands deutscher Schriftsteller (VS) gewählt. Viel Beifall fand Loests sogenannter "Polen-Plan" zur "Förderung polnischer Literatur in Deutschland und deutscher Literatur in Polen". Auf der VS-Tagung in Chemnitz gab Erich Loest Ende April 1997 den VS-Vorsitz an den Krimiautor Fred Breinersdorfer ab.

"Tief ins Herz ostdeutscher Behaglichkeit" begab sich der Autor nach Meinung der Süddeutschen Zeitung mit seinem 1999 erschienenen Roman "Gute Genossen", den er im Untertitel "Erzählung, naturtrüb" nannte. Das Geschehen dreht sich um die Familie Hippel in der Blütezeit des Sozialismus (1978), die blind und kritiklos das sprichwörtliche Rädchen im Getriebe sein will.

Roman "Reichsgericht"

Mit 75 Jahren vollendete Loest 2001 den Roman "Reichsgericht". Er beleuchtet darin die Prozesse am Reichsgericht von den 1920er-Jahren bis zum Ende des Zweiten Weltkriegs. So wird der Prozess gegen den "Weltbühnen"-Herausgeber Carl von Ossietzky 1931 und der Reichstagsbrandprozess 1933 aus heutiger Sicht verhandelt. Einer der Romanfiguren gelingt es auf unerfindliche Weise, via Internet mit Carl von Ossietzky und dem mutmaßlichen Reichstags-Brandstifter Marinus van der Lubbe zu chatten.

Abschluss seines "künstlerischen und politischen Treibens"

Erich Loest war Mitglied des deutschen PEN-Zentrums und der Sächsischen Akademie der Künste. 2002 ehrte ihn die Deutsche Literaturkonferenz für seinen Einsatz zugunsten öffentlicher Bibliotheken mit der Karl-Preusker-Medaille. Im September 2010 gab Loest anlässlich der Preisverleihung des Kulturgroschens in Berlin für sein "herausragendes künstlerisches wie politisches Engagement" bekannt: "Der heutige Tag bildet den festlichen Abschluss meines künstlerischen und politischen Treibens." Von ihm seien nun keine Romane oder längeren Erzählungen mehr zu erwarten.

Im Sommer 2013 stürtze sich der 87-jährige Schriftsteller aus dem zweiten Stock der Leipziger Universitätsklinik in den Tod.

Zuletzt aktualisiert: 13. Dezember 2013, 15:14 Uhr