Der DEFA-Regisseur Kurt Maetzig Kommunist, Revolutionär, "Bambi"-Preisträger

Er war Leiter der Nachkriegs-Wochenschau, doch als der Einfluss der SED immer stärker wurde, nutzte er die Chance zum Absprung ins fiktionale Fach. Für sein Debüt als Spielfilm-Regisseur wurde er 1948 mit dem "Bambi" ausgezeichnet. Lesen Sie hier einen Abriss der Erfolgsgeschichte des Regisseurs Kurt Maetzig.

DEFA-Regisseur Kurt Maetzig bei Dreharbeiten Mitte der 60-er Jahre
Bildrechte: MDR/RBB

"Es war Mai, der Flieder blühte. Auf einer Anhöhe über unserem Labor gab es ein Lager mit gefangenen Russinnen. Sie stürmten den Weg herunter, rissen den Flieder ab und warfen ihn vor die einrückenden Panzer." Wie kann es anders sein, wenn ein Filmemacher erzählt: Es sind die Anekdoten, die kleinen Szenen, in denen Geschichte begreifbar wird. Für Kurt Maetzig war dieser Mai 1945 eine Befreiung. Eine Befreiung aus dem inneren Exil, in das Maetzig als Sohn einer jüdischen Mutter gedrängt worden war.

Goebbels' Reichsfilmkammer hatte Maetzig die Aufnahme verweigert, auch der Weg zur ufa (Universum Film AG - traditionsreiches deutsches Filmunternehmen mit Sitz in Potsdam) blieb dem Filmbegeisterten versperrt. Die Euphorie der Befreiung trug den damals 34-Jährigen durch ein Arbeitsleben hindurch, ein Leben, das er dem Aufbau eines sozialistischen Deutschland widmen wollte. 1944 war er der damals im Untergrund agierenden KPD beigetreten, nach langen Gesprächen mit einem Freund und in der Erkenntnis, "die Kommunisten haben sich am vehementesten gegen den Faschismus gewehrt".

Seinen Beitrag zum Widerstand hat Kurt Maetzig immer als gering eingeschätzt, immerhin: Illegal verschaffte er sich Zutritt in ein Zwangsarbeiterlager und informierte die russischen Gefangenen über das Herannahen der Roten Armee. Folgerichtig zählten sowjetische Kulturoffiziere auf Maetzig, als es um den Neuaufbau eines Filmwesens in ihrer Besatzungszone ging. Maetzig gehörte zu denen, die aus dem Luftwaffen-Ateliergelände in Berlin-Lichterfelde die ersten arbeitsfähigen Studios entwickelten. Er wurde zum Leiter der Nachkriegs-Wochenschau und war 1946 bei der Gründung der DEFA (Deutsche Film AG) einer ihrer Lizenzträger.

Wochenschau im neuen Format – "Der Augenzeuge"

Mit Kameras und Filmen war Kurt Maetzig bestens vertraut. Sein Vater betrieb schon in den frühen 1920ern ein Filmkopierwerk. Maetzig selbst hatte 1935 über das "Rechnungswesen einer Filmkopier-Anstalt" promoviert. Nach Jahren im chemischen Labor (immer wieder hatten es einflussreiche Freunde vermocht, den zum "Halbjuden" abgestempelten Maetzig vor der Deportation zu schützen) konnte Maetzig nun sein Handwerkszeug und seinen Witz verwenden: "Sie sehen selbst, Sie hören selbst, urteilen Sie selbst" – so hieß das von ihm erdachte Motto der Nachkriegswochenschau "Der Augenzeuge".

Anders als die propagandistischen Wochenschauen der ufa sollten sich die neuen Bewegtbilder auszeichnen durch "freundliche Nüchternheit, eine etwas ironische Geistigkeit, eine gewisse Distanz – nicht ohne starke Beteiligung". Später erinnerte sich Maetzig: "Zum Beispiel in der ersten Nummer gleich, da machten wir einen Streifzug mit unseren Kameras durch das zerstörte Berlin und drehten Berlin mit den Augen eines Pessimisten und mit den Augen eines Optimisten. Und sehen Sie schon in dem Titel dieses Sujets erkennen Sie, dass wir Partei nahmen, und Partei zu nehmen versuchten. Und dass wir die vielen Menschen, die damals mit Verzweiflung und Pessimismus in die Welt guckten, davon zu überzeugen versuchten, dass wir nicht an einem Ende, sondern dass wir an einem Anfang standen." Als mit dem beginnenden Kalten Krieg der Einfluss der SED auf die Macher von "Der Augenzeuge" immer stärker wurde, nutzte der Chefredakteur die Chance zum Absprung ins fiktionale Fach – die DEFA bot ihm mit dem NS-Bewältigungsdrama "Ehe im Schatten" das Debüt als Spielfilmregisseur. Und es entstand der erste und vielleicht wichtigste Film Maetzigs.

"Ehe im Schatten" – Erfolg in allen Sektoren

Das Drehbuch zu "Ehe im Schatten" griff den authentischen Fall des Schauspielers Joachim Gottschalk auf. Die Rassengesetze der Nazis stellten ihn vor eine brutale Wahl: Entweder er lässt sich von seiner jüdischen Frau scheiden oder er riskiert den eigenen Untergang. Die Eheleute wurden in einen Doppelselbstmord getrieben. Zwölf Millionen Zuschauer in Ost und West sahen den Film und waren ergriffen. Als einer der ersten deutschen Filmemacher hatte sich Maetzig des Themas der Judenverfolgung angenommen. "Ehe im Schatten" war zugleich der letzte Film, der zeitgleich in allen vier Sektoren seine Premiere erlebte. Nach den Aufführungen habe das Publikum immer wieder schweigend im Saal verharrt, erinnerte sich Maetzig. In Hamburg erhielt der Film sogar einen Preis, den der Verleger Franz Burda 1948 gestiftet hatte – Kurt Maetzig wurde so zum ersten Preisträger des "Bambi".