Juri Gagarin mit freiem Oberkörper
Juri Gagarin Bildrechte: Ludmila Pavlova-Marinsky

Raumfahrtbegeisterung in der DDR Wir fliegen zu den Sternen

Der Weltraumflug Juri Gagarins 1961 löste eine ungeheure Euphorie aus. Das kosmische Zeitalter sei angebrochen, hieß es damals, und Kinder träumten davon, später Kosmonauten zu werden.

Juri Gagarin mit freiem Oberkörper
Juri Gagarin Bildrechte: Ludmila Pavlova-Marinsky

"Vor den Schaukästen an der Schule blieb ich stehen. 'Welcher Pionier möchte Kosmonaut werden?', stand dort in großen Buchstaben über einer Reihe bunter Bilder. Ich erkannte Juri Gagarin und Valentina Tereschkowa. Sie lächelten mir zu und ich lächelte zurück." So erinnert sich die Leipziger Autorin Kathrin Aehnlich in ihrem Buch "Wenn ich groß bin, flieg ich zu den Sternen" an die Weltraumbegeisterung Mitte der 1960er-Jahre. "Jetzt wusste ich: Ich würde Kosmonaut werden! Ich würde durch das Weltall fliegen und sehen, wo Gott wohnt. Ich sah mich schon im glänzenden Raumanzug auf einer Gangway stehen und kurz die Hand zum Abschied heben."

"Kosmisches Zeitalter"

Dieser Berufswunsch einer Zehnjährigen galt in jenen Jahren als ein durchaus realistisches Vorhaben. Denn mit den Weltraumflügen von Juri Gagarin, German Titow und Valentina Tereschkowa schien ein neues, wissenschaftliches, ja kosmisches Zeitalter angebrochen zu sein, das unter anderem die Eroberung und anschließende Besiedelung des Weltraums mit sich bringen würde. Die Planeten sollten in nicht ferner Zukunft bevölkert werden, riesige, stadtgleiche Raumstationen im All herumschweben und Raketen zwischen der Erde und ihren Außenposten wie in einer Art Linienverkehr hin- und herpendeln. All dies schien ohne weiteres möglich.

In diesem Jahrzehnt entwickelte sich auch die Vorstellung, dass dieses kosmische Zeitalter gleichbedeutend sei mit einem weltweiten Sieg von Vernunft und Frieden. Wenn es gelungen sei, die technischen Probleme bei der Eroberung des Weltalls zu meistern, so die Argumentation, dann müsste es doch ein leichtes sein, auch die sozialen Probleme auf der Erde zu lösen. "Frieden, das war plötzlich ein Wort, das gelten sollte, Vernunft, Wissenschaft. Das wissenschaftliche Zeitalter", schrieb Christa Wolf 1969 in "Nachdenken über Christa T.".

"Epoche des siegreichen Sozialismus"

Da es nun einmal Bürger der UdSSR waren, die zum ersten Mal in die Weiten des Kosmos gestartet waren, konnte für die Ideologen der Kommunistischen Parteien auch kein Zweifel daran bestehen, dass das kosmische Zeitalter gleichsam "eine Epoche des siegreichen Sozialismus" einleiten würde. Technischer Fortschritt schien, nachdem die Sowjetunion die USA beim Wettlauf um die Eroberung des Weltalls geschlagen hatte, das Kennzeichen des Sozialismus schlechthin zu sein. Der einstige Gießereifacharbeiter Juri Gagarin und die ehemalige Textilarbeiterin Valentina Tereschkowa, die als erste Frau ins Weltall geflogen war, galten als Personifizierungen dieser Epoche. "Die beiden sowjetischen Himmelsgeschwister" (Zitat Walter Ulbricht) galten dabei gleich mehrfach als siegreiche Gestalten: Sie verkörperten den Sieg der Technik über die Natur, den Sieg der UdSSR über die USA und schließlich die Überlegenheit des Sozialismus überhaupt.

"Lauter kleine Gagarins"

Junge Kosmonauten im Raumfahrtzentrum
Junge Pioniere im Kosmonautenzentrum in Karl-Marx-Stadt Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

"Die Raumfahrt war in den 1960er-Jahren der Traum aller Kinder. Und Juri Gagarin, German Titow und Valentina Tereschkowa hießen ihre Helden. Göttergleich waren sie und doch Menschen wie du und ich, eben 'Himmelsbrüder'", schreibt die Historikerin Monika Rüther in ihrem Essay "Lauter kleine Gagarins". "Die sowjetischen Kosmonauten waren die allgegenwärtigen Botschafter eines neuen Zeitalters und dominierten das Alltagsbild - auf Bildern, Plakaten und Briefmarken." Jeder Jungpionier in der DDR besaß damals ein sogenanntes "Sputnikheft", in das er gute Taten eintrug, und in den Pionierpalästen des Landes wurden "Kosmonauten-Zentren" eingerichtet. In selbst geschneiderten Raumanzügen, Helmen und Raketen aus Pappe und Spanplatten spielten die Kinder den Weltraumflug nach. Es gab Diskussionen mit Wissenschaftlern und "Wissenstests für junge Kosmonauten", "denn nur wer theoretisch fit ist, darf auch am simulierten Weltraumflug teilnehmen", hieß es damals. "Die Verbindung von Kindern und Kosmos sprach Hoffnungen auf Neubeginn und Zukunftsphantasien an", so Monika Rüther. "Kometengleich wiesen die sowjetischen Raketen den Weg. Die Kinder von heute würden morgen den Kosmos erobern."

"James Dean der Raumfahrt"

Zur Popularität der Raumfahrt trug in hohem Maß auch die Person Juri Gagarins selbst bei, der nach seinem frühen Tod 1968 zum "James Dean der Raumfahrt" avancierte. "Er war die beste kaderpolitische Entscheidung der Sowjetunion", sagt der Gagarin-Biograf Gerhardt Kowalski. "Gagarin war ein Charmeur erster Güte und sein Lächeln war bezaubernd." "Ich kann mir vorstellen, dass die Russen eine Rakete gebaut haben, die auch fliegen kann", stöhnte damals ein amerikanischer Journalist. "Aber wie zum Teufel haben sie diesen Gagarin geschaffen?"

In der DDR und den sozialistischen Ländern galt der erste Mensch im Weltraum als "der Kolumbus des 20. Jahrhunderts", doch auch im Westen - ob in England, Schweden oder Japan - wurde er überschäumend begrüßt und als Sinnbild einer angebrochenen kosmischen Ära willkommen geheißen und mit Ehrungen überhäuft.

Nichts verlautbarte allerdings jemals darüber, dass Gagarin, wie er in einem Brief Mitte der 1960er-Jahre an die Führung der KPdSU schrieb, der Kult um seine Person "ungeheuerlich" war, dass er sich "unbehaglich" fühle, wenn er Artikel über sich lese, in denen er als "hyperidealer Mensch" glorifiziert werde, und er überdies keine Lust mehr habe, auf seinen Reisen ständig vorgeschriebene Reden aufzusagen. Häufig zitiert wurde hingegen Gagarins Antwort auf die höhnische Frage sowjetischer Parteijournalisten, ob er im Himmel Gott gesehen habe. Gagarin gab die erwartete, aber doch irgendwie trostlose Antwort: "Der Himmel, Genossen, ist leer."

Die Sternenfahrt fiel aus

Die Weltraumhoffnungen Kathrin Aehnlichs zerstoben übrigens bald in einem Leipziger "Kosmonauten-Zentrum", in dem sie sich für einen "Kosmonautentest" beworben hatte. "Nur wer die Höchstpunktzahl erreicht", bedeutete ihr der Pionierleiter des Zentrums mit ernster Miene, "sei für die Kosmonautenausbildung besonders geeignet." Kathrin Aehnlich beantwortete alle Fragen richtig – sie wusste, wie das erste Tier im Weltall hieß und der erste Kosmonaut mit Vornamen und konnte auch sagen, wann der erste "Sputnik" gestartet war – und erreichte prompt die höchste Punktzahl: "Ich war besonders geeignet!" Doch statt ihr nun einen genauen Termin zu nennen, wann die Kosmonautenausbildung beginnen würde, führte sie der Pionierleiter zu einem Tisch, auf dem Fotografien von Kosmonauten und Raumschiffen lagen. "Er drückte mir das Bild eines Kosmonauten in die Hand und schob mich zur Tür ..."

(Quellen: Kathrin Aehnlich: Wenn ich groß bin, flieg ich zu den Sternen, München 2009; Monika Rüther: Lauter kleine Gagarins, Berner Universitätsschriften 2009.)

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Kurzbiografie Juri Gagarin: Am 9. März 1934 als Sohn eines Zimmermanns und einer Kolchosbäuerin geboren. Nach der Schule lernte er Gießer und absolvierte anschließend ein Ingenieurstudium. Während seines Studiums begann er eine Pilotenausbildung und trat 1955 der Roten Armee bei. 1960 wurde Gagarin als potentieller Kosmonaut ausgewählt, im Januar 1961 schließlich unter 20 verbliebenen Bewerbern dazu bestimmt, als erster Mensch ins Weltall zu fliegen. Am 12. April 1961, um 9:07 Uhr, war es so weit: Mit dem Raumschiff "Wostok 1" startete Gagarin und umrundete in 108 Minuten einmal die Erde. Juri Gagarin verunglückte unter bis heute nicht restlos geklärten Umständen am 27. März 1968 bei einem Übungsflug mit einer Militärmaschine tödlich.

Über dieses Thema berichtete der MDR auch im TV: LexiTV | 13.02.2017 | 15:00 Uhr
MDR Zeitreise spezial | 12.02.2017 | 22:30 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 05. Juli 2019, 16:19 Uhr