Autos und Straßenverkehr in der DDR um 1990 Das Geschäft mit den Westautos

Nach dem Fall der Mauer blühte im Osten der Handel mit gebrauchten Westwagen: Windige Geschäftemacher verschacherten alte Rostlauben zu horrenden Preisen. Aber es gab auch viele Ehrliche mit Mut zur Selbstständigkeit in Ost wie in West - lesen Sie hier drei Erfolgsgeschichten, stellvertretend für viele unbekannte.

Vom Wiesenverkäufer zum Autohausbesitzer

Eigentlich leitete Wilhelm Geissel in Mönchengladbach am Niederrhein einen Karosseriebetrieb. Doch die Gerüchte vom boomenden Autohandel in der ehemaligen DDR lockten auch ihn 1990 gen Osten: Geissel stellte erste Fahrzeuge auf Kommission bei einem Bekannten, der eine Videothek geöffnet hatte, ab. Die Wagen gingen weg wie warme Semmeln und Geissel öffnete zur Währungsunion im Juli 1990 seinen ersten Autoverkaufsplatz: Auch hier wurden seine Autos frisch vom Transporter weggekauft, "es war mehr ein Verteilen als ein Verkaufen", erzählt Geissel später einem Fernsehreporter.

Die üppigen Tageseinnahmen bewahrte er unter dem Kopfkissen in seinem Wohnwagen direkt auf dem Verkaufsplatz auf. Nach wenigen Monaten stand für Geissel fest, "Ich bleibe", denn er ahnt, welche Chancen der frisch erschlossene Automarkt im Osten bot. Später belegen Statistiken: Allein 1991 wechselten in den neuen Bundesländern zwei Millionen Autos ihre Besitzer und 700.000 Neufahrzeuge wurden angemeldet. Zum Vergleich: In der DDR hatte es insgesamt nur 3,7 Millionen Autos gegeben. Wilhelm Geissels Autohaus in Dessau erlebte den Boom der Wendejahre und sein Autohaus besteht bis heute.

Vom Schrauber zum Händler

Auch die Kfz-Meister Dirk Taschner und Siegmar Reinsch beobachteten 1990 das Geschäft mit den Autos. In ihrem Hof in Bad Dürrenberg hatten sie in der DDR oft an Ost-Autos geschraubt. Ab 1990 landeten bei ihnen immer mehr Westwagen, die nicht das hielten, was die Verkäufer versprochen hatten.

Dirk Taschner und Siegmar Reinsch 1 min
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Etwa 40 Prozent der Westautos, die Anfang der 1990er-Jahre im Osten verkauft wurden, wären im Westen längst auf dem Schrott gelandet, meint Kfz-Meister Siegmar Reinsch.

Mo 25.04.2011 22:00Uhr 01:26 min

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Siegmar Reinsch vermutet, dass bis zu 40 Prozent der in den Osten verschacherten Wagen im Westen auf dem Schrottplatz gelandet wären. Und die Reparaturen dieser Schrottwagen kostete die geprellten Käufer meist noch mehr als das Auto selbst. So nutzten Reinsch und Taschner jene Zeit, um mit einem Autohaus und einer Werkstatt ins Autogeschäft einzusteigen. Das Geheimnis ihres Erfolgs - ihr guter Ruf. Westwagen, die sie verkauften, waren bestens überholt und voll fahrtüchtig. Bis heute sind die beiden ehemaligen Autoschrauber mit einer Werkstatt und einem Autohaus in Bad Dürrenberg gut im Geschäft.

Vom Busfahrer zum Fahrlehrer

Ob Obst, Auto oder Fahrerlaubnis: Für vieles brauchte man in der DDR Geduld oder gute Beziehungen. Das galt auch für den Erwerb des Führerscheins, bzw. der Fahrerlaubnis, denn so hieß das begehrte Dokument in der DDR. Jahrelanges Warten für einen Platz in einer der staatlichen Ausbildungsstätten war ganz normal.

 Familie Riegel 2 min
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Als 1990 das Führerscheinwesen neu geordnet wurde, schlug Hans Joachims Riegels Herz höher. Riegel hatte in der Nationalen Volksarmee als Fahrlehrer gearbeitet, bevor er Busfahrer wurde. Mit dem Fall der Mauer beschloss er, seinen Traum umzusetzen und ließ sich im Westen wochenlang in bundesdeutsches Verkehrsrecht einweisen. Dann startete er ein Familienunternehmen in Halle-Neustadt. Schon nach ersten Aushängen im Haus bildeten sich Schlangen vor Riegers Wohnungstür. Riegels Frau Uta organisierte Anmeldungen und Büro, Schwiegersohn Ingo wurde Fahrlehrer. Schon bald wurde der erste Unterrichtswagen, ein Trabant, von einem weißen Escort aus dem Westen ersetzt. Auch nachdem das Plattenbauviertel "Ha-Neu" inzwischen etwa 40 Prozent seiner Anwohner verloren hat, ist die Fahrschule der Familie Rieger weiter im Geschäft.

Zuletzt aktualisiert: 20. April 2011, 11:03 Uhr