31. August '90 | Teil 3/3 Vereinigung zweier Armeen

Mit den Unterschriften unter dem Einigungsvertrag ist auch das Ende der NVA besiegelt. Zunächst werden alle Soldaten in die Bundeswehr übernommen - probehalber. Später aber werden viele von ihnen aus der Armee der Bundesrepublik entlassen.

Am 3. Oktober 1990 geschieht etwas Einmaliges: Zwei Armeen, die sich über Jahrzehnte in Feindschaft gegenüber standen, vereinigen sich – Bundeswehr und NVA. An diesem Tag übergibt Rainer Eppelmann, Minister für Abrüstung und Verteidigung der DDR, seinem Amtskollegen Gerhard Stoltenberg offiziell die Nationale Volksarmee. In allen Kasernen Ostdeutschlands geloben NVA-Soldaten und Offiziere, fortan der Bundesrepublik Deutschland treu zu dienen und Recht und Freiheit des deutschen Volkes tapfer zu verteidigen. Und nicht nur das: Waren sie bislang mit der NVA in das östliche Verteidigungsbündnis "Warschauer Vertrag" integriert, gehören sie nun der Nato an.

"Durchbruch im Kaukasus"

Die Bündniszugehörigkeit des vereinigten Deutschland war eine der umstrittensten Fragen auf dem Weg zu deutschen Einheit. Sowohl die westlichen Siegermächte USA, England und Frankreich als auch die Bundesrepublik bestanden kategorisch auf einer vollen Mitgliedschaft Deutschlands im westlichen Verteidigungsbündnis. Der sowjetische Staats- und Parteichef Michail Gorbatschow lehnte dies stets ebenso vehement ab. Der "Durchbruch", so Bundeskanzler Helmut Kohl, gelang am 16.Juli 1990 im Kaukasus: Für Kohl völlig überraschend stimmt Gorbatschow plötzlich einer Nato-Mitgliedschaft des vereinigten Deutschland zu. Damit war der Weg vorgezeichnet: Die Armee der DDR hört am Tag der deutschen Einheit auf zu existieren, und NVA-Soldaten werden über Nacht Soldaten der Bundeswehr.

Nur 50.000 Soldaten im Osten

Knapp zwei Monate nach dem Treffen im Kaukasus, am 12. September 1990, wurde von den Außenministern der vier Siegermächte, der Bundesrepublik und der DDR im Rahmen der "Zwei-plus-vier-Gespräche" der endgültige "Vertrag über die abschließende Regelung in Bezug auf Deutschland" unterzeichnet. Der Vertrag legte eine Obergrenze von 370.000 Soldaten für die gesamtdeutschen Streitkräfte fest. Im Westen sollen höchstens 320.000, im Osten 50.000 Soldaten stationiert sein. Die übergroße Mehrheit der etwa 155.000 NVA-Soldaten würde also entlassen werden. Lediglich 6.000 Offizieren, 11.200 Unteroffizieren und 800 Mannschaften konnte eine Weiterbeschäftigung in der Bundeswehr in Aussicht gestellt werden. Allerdings vorerst nur in einer Art Probezeit.

NVA-Generale werden nicht übernommen

Rainer Eppelmann hatte noch bis Mitte September 1990 angenommen, dass neben den Offizieren und Soldaten auch zwölf jüngere Generale der NVA von der Bundeswehr übernommen werden. Stoltenberg machte seinem Amtskollegen aber unmissverständlich klar: Das ginge nicht. Die Soldaten der Bundeswehr wollten nicht von ehemaligen NVA-Generalen Befehle empfangen, sagte der Bonner Minister. Am 28. September 1990 erfolgte daraufhin die Entlassung fast aller Generale, die das als einen Akt der "Siegerjustiz" werteten. In den Dienst der Bundeswehr wurde am Ende nur ein einziger NVA-General übernommen, allerdings in einem niedrigeren Dienstrang.

Militärisches Gerät der NVA wird verschenkt

Manövergelände, Kasernen samt Mobiliar sowie das gesamte Kriegsgerät der NVA gingen am 3. Oktober in den Besitz der Bundeswehr über. Die meisten Militärstandorte wurden nach und nach abgewickelt und geschlossen. Die militärische Ausrüstung wurde entweder von der Bundeswehr weiterverwendet, zum großen Teil aber verschrottet. Ein Teil des militärischen Geräts ging als Geschenk an andere Staaten: die Türkei erhielt Schützenpanzer, Schweden Pionierfahrzeuge, Griechenland Luftabwehrsysteme und Indonesien bekam einige Kriegsschiffe der DDR-Marine. Die USA interessierten sich für die gesamte Ausrüstung der NVA – und so wurde von allen Waffen und Fahrzeugen wenigstens ein Exemplar auf die Reise geschickt.

1992 werden von den einstigen NVA-Soldaten, die 1990 probeweise von der Bundeswehr übernommen worden waren, kaum die Hälfte für ein weiterführendes Dienstverhältnis ausgewählt.

Zuletzt aktualisiert: 10. September 2010, 16:40 Uhr