1. Juli '90 | Teil 2/3 Betriebe am Abgrund

Viele Betriebe in der DDR fürchten, mit der Wirtschafts- und Währungsunion käme für sie das endgültige Aus. Denn der Verkauf von Produkten droht einzubrechen, sowohl auf dem heimischen Markt als auch in Osteuropa. Der DDR-Regierung unter Ministerpräsident Lothar de Maizière ist klar, dass sie den Betrieben helfen muss, um ihnen überhaupt eine Überlebenschance zu geben.

Finanzminister Walter Romberg versucht am 1. Juli 1990 im DDR-Fernsehen zu beruhigen: "Für Juli, August, September sind Voraussetzungen dafür geschaffen worden, dass in allen Betrieben, die nicht eindeutig den Konkurs erwarten müssen, die Löhne, Gehälter und auch eine gewisse materielle Versorgung gewährleistet sind. Wir möchten verhindern, dass für Betriebe, die sich in den nächsten zwei, drei Monaten marktfähig entwickeln können, vorzeitig das Aus kommt." Aber selbst wenn die Löhne gezahlt werden können, ist das weitaus größere wirtschaftliche Problem nicht gelöst: DDR-Produkte müssen ab dem 1. Juli 1990 in D-Mark bezahlt werden. Sie stehen damit ungeschützt in Konkurrenz zu den Waren aus dem Westen.

Nur Westwaren sind gute Waren

Die Konsumenten treffen eine klare Entscheidung: Viele DDR-Bürger wollen mit der D-Mark erst einmal den Westen ausprobieren. Was aus dem eigenen Land kommt, ist plötzlich nicht mehr gut genug und bleibt in den Regalen liegen. Oder gelangt erst gar nicht dorthin, da die westdeutschen Handelsketten ihre eigene Produktpalette präsentieren wollen. Dass damit ihre eigenen Arbeitsplätze auf dem Spiel stehen, übersehen viele DDR-Bürger. Aufrufe von Politikern, DDR-Waren in den Handelsketten zu listen und heimische Produkte zu kaufen, verhallen weitgehend ungehört.

Gravierende wirtschaftliche Folgen

Der Bundesregierung ist von Anfang an klar, dass eine auf diese Weise durchgeführte Währungsunion gravierende wirtschaftliche Folgen für den Osten haben wird. Es überwiegt aber die Sorge, dass bei einem schlechteren Umtauschkurs die Abwanderung von DDR-Bürgern in den Westen ungebremst fortgesetzt wird. Die Regierung in Ost-Berlin hofft dagegen beinahe verzweifelt, dass die DDR-Betriebe in der Lage sind, sich innerhalb der drei Monate, in denen man ihnen finanziell mit Liquiditätskrediten hilft, eine tragfähige Marktposition zu erobern. Trotz aller Hilfsmaßnahmen aber sind bereits zehn Tage nach der Währungsunion etwa 5.000 der insgesamt 8.000 Treuhandunternehmen zahlungsunfähig und auf staatliche Unterstützung angewiesen.