18. März 1990 | Teil 3/3 Die Mauerspechte - Pickern am Grenzbeton

Nach dem Mauerfall ist vor dem Wegräumen. So stellt sich jedenfalls die Situation Anfang 1990 dar. Die Übergangsregierung Modrow stimmt am 29. Dezember 1989 einem Volkskammerantrag zu, die Mauer - das Symbol der deutschen Teilung - abzutragen. Wie aber soll das realisiert werden? Wie sollen 155 Kilometer Stahl und Beton allein aus Berlin zerlegt und abtransportiert werden?

In der Anarchie des Übergangs kommen die "Mauerspechte" fast schon wie gerufen: Menschen, die zur Erinnerung mit dem Hammer ein Stück Beton aus der Mauer hacken und es mitnehmen. Findige Geschäftemacher beginnen mit dem Verkauf der Betonbrocken als Souvenir. Immer größere Löcher entstehen – anfangs noch unter den Blicken der tatenlos zusehenden DDR-Grenzer. Die Grenztruppen selbst bauen im Frühjahr 1990 einige komplette Segmente der Grenzanlage ab. Es handelt sich um Mauerteile, die mit "künstlerisch wertvollen" Graffiti besprüht sind. Sie sollen für den Verkauf geborgen werden. Das Erbe von Schalck-Golodkowski lässt grüßen – oder ist es der neue Zeitgeist, der alles zu Geld machen will? Absurde Provisorien sind die Folge: Die Lücken in der Mauer werden wieder mit zwei Meter hohen Drahtzäunen geschlossen. Denn immerhin ist man ja noch ein souveräner Staat mit einem Grenzregime. Das allerdings arbeitet schon nicht mehr wirklich, es existiert nur noch in den Köpfen von Beton-Genossen.

Neue Besen kehren gut

Die am 18. März 1990 frei gewählte Regierung macht schließlich Ernst mit dem Abriss der Mauer. In seiner Regierungserklärung vom 19. April 1990 bekräftigt Ministerpräsident Lothar de Maizière: "Noch in den nächsten Monaten wird dieses menschenunwürdige Schandmal abgerissen." Tatsächlich fällt der Startschuss für dieses denkwürdige Ereignis am 13. Juni 1990 in der Bernauer Straße. Wie sich aber bald herausstellt, sind die 300 beteiligten wehrpflichtigen NVA-Soldaten und ihre Offiziere personell, gerätetechnisch und logistisch überfordert. So werden nach der Wiedervereinigung am 3. Oktober 1990 600 Bundeswehrsoldaten mit 175 schweren Lkw, 65 Kränen, 55 Baggern und 13 Planierraupen an der Arbeit beteiligt.

Memorabilien des Kalten Krieges

Bis heute werden besonders in Berlin Betonstücke aus der Mauer Touristen zum Kauf angeboten. Die wirklich authentischen und kompletten Betonelemente sind in aller Welt verstreut, wertvoll wegen der aufgespühten und aufgemalten "Mauersprüche" und der Graffiti. Der US-Geheimdienst CIA stellt einige Teile in einem Neubau in Langley ((Virginia) aus, ebenso die Vatikanischen Gärten bei Rom, das Imperial War Museum London oder das Friedensmuseum Caen in der Normandie. Wer nicht so weit reisen möchte, um die steinernen Zeugnisse eines menschenverachtenden Grenzregimes zu sehen, der findet sie in der Berliner East Side Gallery, im Englischen Garten in München, in Weiden in der Oberpfalz, einem Vorgarten in Essen-Rüttenscheid und im Haus der Geschichte in Bonn.