18. März 1990 | Teil 1/3 Die erste und einzige freie Wahl der DDR

Seit Ende Januar haben sich die Parteien in der DDR einen erbitterten Kampf um die Stimmer der Wähler geliefert. Heute ist es soweit: Die Wähler entscheiden, welche Partei die Regierung stellen wird. Umfragen sehen die SDP weit vorn.

Am 18. März 1990 findet die erste und gleichzeitig letzte freie demokratische Wahl zur Volkskammer der DDR statt. Im Wahlkampf in den Wochen zuvor hatten sich bundesdeutsche Parteien mit ihren Spitzenpolitikern stark engagiert. "Und dadurch wurde der Wahlkampf sehr stark von den westlichen Parteien dominiert, die zum Teil auch Plakate gedruckt und geklebt haben, die mit den östlichen Partnern gar nicht abgestimmt waren", erinnert sich Richard Schröder, Kandidat der ostdeutschen Sozialdemokraten. Ganz klar aber auch, so Schröder, dass "diese Volkskammerwahl vor allem eine Abstimmung über die deutsche Einheit war." Insgesamt 24 Parteien und Listenverbindungen stellen sich an diesem Tag zur Wahl. Es gilt keine Sperrklausel. Damit können Parteien bereits ab einem Stimmenanteil von etwa 0,125 Prozent Abgeordnete in die Volkskammer entsenden.

Wahlsieger: "Allianz für Deutschland"

Der Bundeskanzler unterstützte die "Allianz für Deutschland", ein unter maßgeblichem Einfluss der bundesdeutschen CDU gegründetes Wahlbündnis aus CDU, DSU und Demokratischem Aufbruch mit Lothar de Maizière an der Spitze. Zentrale Ziele des Bündnisses waren die schnelle Einheit Deutschlands und die Wiederherstellung der alten Länder der DDR, wie sie bis 1952 bestanden hatten. Die "Allianz für Deutschland" erzielt bei der Volkskammerwahl 48,15 Prozent der Stimmen und 192 Mandate (CDU 40,9 Prozent; DSU 6,3 Prozent; DA 0,9 Prozent) und ist damit klar stärkste politische Kraft.

SPD und PDS abgeschlagen

Die SPD wird mit 21,9 Prozent lediglich zweitstärkste Partei. Noch wenige Wochen vor dem Wahltag hatte sie nach Umfragen wie der sichere Sieger ausgesehen. Entscheidend für die günstigen Prognosen war Willy Brandt, der sich im Wahlkampf sehr engagierte. Ungünstig wirkte sich bei den Ostdeutschen hingegen der Kurs von SPD-Chef Oskar Lafontaine aus: Er bremste die Forderungen nach einer schnellen Währungsunion und auch das Thema Deutsche Einheit wollte er langsam angehen. Die aus der ehemals allmächtigen Staatspartei SED hervorgegangene PDS erreicht immerhin 16,4 Prozent der Stimmen.

Bund Freier Demokraten

Am 12. Februar 1990 wurde dieses Wahlbündnis als Zusammenschluss der ehemaligen Blockpartei "Liberaldemokratische Partei Deutschlands" (LDPD) mit der "Deutschen Forumspartei" (DFP) und der F.D.P. der DDR gegründet. Im Unterschied zur "Allianz für Deutschland" trat der Zusammenschluss der Liberalen mit einer gemeinsamen Liste an. Das Bündnis erreicht 5,3 Prozent der Stimmen und 21 Sitze in der Volkskammer.

Bürgerbewegungen bleiben unter fünf Prozent

Diejenigen, die die Revolution gemacht haben, spielen nach der Wahl keine Rolle mehr im politischen Tagesgeschäft spielen. Die meisten Parteien, die sich aus den Bürgerbewegungen gegründet haben, bekommen nur darum Sitze in der Volkskammer, weil es keine Sperrklausel gibt. So erzielt das "Bündnis 90" nur 2,9 Prozent der Stimmen. Damit kommt die am 7. Februar gegründete Listenverbindung aus das "Neue Forum", "Demokratie Jetzt" und die "Initiative für Frieden und Menschenrechte" (IFM) auf insgesamt zwölf Mandate. Der Wahlzusammenschluss aus "Grüne Partei" und "Unabhängiger Frauenverband" (UFV) erzielt bei der Volkskammerwahl 2,0 Prozent der Stimmen und damit acht Mandate. In der Volkskammer bilden die Abgeordneten später eine gemeinsame Fraktion mit Bündnis 90 (Grüne/Bündnis 90).

Der Liedermacher Wolf Biermann bedauerte dieses Ergebnis zutiefst: "Als alles hier anfing, da dachte ich allen Ernstes, dass diejenigen, die die Revolution gemacht haben, die sich gewehrt haben gegen die Unterdrückung, die von der Staatssicherheit verfolgt wurden, dass diese Menschen nach der Revolution auch eine Rolle spielen werden", so Biermann am Wahlabend. "Aber genau diese Menschen sind es, die heute nicht mal drei, vier Prozent gekriegt haben. Das tut mir weh, das bedaure ich."

Aktionsbündnis Vereinigte Linke (AVL)

Die am 2. Oktober 1989 gegründete "Vereinigte Linke" (VL) aus kritischen Mitgliedern der SED, christlichen Sozialisten und Autonomen schloss sich zur Volkskammerwahl mit der neuen marxistischen Partei "Die Nelken" zusammen. Für insgesamt 0,18 Prozent der Stimmen erhält das AVL ein Mandat in der Volkskammer.

Hohe Wahlbeteiligung

400 Abgeordnete aus insgesamt 14 Parteien und Wahlbündnissen werden in die letzte Volkskammer gewählt. Die Wahlbeteiligung lag bei 93 Prozent - es war die höchste, die bei demokratischen Parlamentswahlen in Deutschland jemals gemessen wurde. Am 5. April 1990 konstituiert sich die Volkskammer, eine Woche später, am 12. April, wird Lothar de Maizière (CDU) zum Ministerpräsident der DDR gewählt.

Zuletzt aktualisiert: 09. September 2010, 18:20 Uhr