Tests westlicher Pharmakonzerne DDR-Patienten als billige Versuchskaninchen

Zwischen 1985 und 1989 stellte die DDR-Regierung nach Recherchen des MDR-Nachrichtenmagazins "exakt" westlichen Pharmakonzernen Tausende von Patienten für Medikamententests zur Verfügung. Dafür erhielt Ost-Berlin harte DM für die marode Staatskasse.

Karin Forner sitzt in ihrer Wohnstube vor einem großen Holzbuffet. Dort steht neben einer goldenen Uhr ein Foto ihrer Mutter. Eine freundliche, weißhaarige alte Dame lacht den Betrachter an. Sie ist vor einigen Monaten verstorben, erzählt Karin Forner. Ihre Mutter habe ein langes und erfülltes Leben gehabt. Das wäre im April 1989 beinahe abrupt zu Ende gegangen. Damals wurde die Rentnerin schwer krank, litt unter Depressionen. Ihre Tochter versuchte für sie ein Bett im Plauener Krankenhaus zu bekommen. Schließlich traf sie eine Ärztin, die ihr einen Handel anbot. "Sie sagte mir, dass kein Bett frei sei", erinnert sich Karin Forner. "Aber wenn meine Mutter an einer Studie teilnimmt, dann ließe sich was machen." Karin Forner war froh, einen Krankenhausplatz für ihre Mutter ergattert zu haben. Sie wunderte sich nicht über den merkwürdigen Deal und schöpfte auch keinen Verdacht, als das bewährte DDR-Medikament Amitriptelin von den Ärzten abgesetzt wurde.

Doch der Zustand ihrer Mutter verschlechtert sich rapide. "Ich war erschüttert und habe sie gar nicht mehr erkannt", erzählt Karin Forner heute. "Ich rechnete jeden Tag mit dem Anruf, dass meine Mutter nicht mehr gesund wird." Nur durch einen Zufall erfährt Karin Forner, was eigentlich gespielt wird. Als sie an einem Wochenende ihre Mutter im Krankenhaus besucht, nimmt sie ein Assistenzarzt beiseite, führte sie in einen separaten Raum. "Dort fragte er mich, ob ich wüsste, welche Medikamente meine Mutter eigentlich bekommt". Noch heute ist Karin Forner außer sich, wenn sie sich daran erinnert. Ihre Mutter sei wie ein Versuchskaninchen behandelt worden.

Die Mutter von Karin Forner hatte ohne eigenes Wissen an einem fast tödlichen Medikamententest teilgenommen. Kein Einzelfall. Akten des ehemaligen DDR-Gesundheitsministeriums belegen, dass an einigen tausend DDR-Bürgern Medikamente westlicher Pharmakonzerne getestet wurden. In den Akten finden sich Belege für Versuchsreihen zahlreicher internationaler Pharmakonzerne. Im Falle der Frau aus Plauen handelte es sich um ein Schweizer Unternehmen, das 1996 in der Novartis AG aufging. Dort sieht man sich nicht in der Lage, Auskunft über die damaligen Vorgänge zu geben.

Dunkles Kapitel DDR-Geschichte

1991 erhob "Der Spiegel" erstmals den Vorwurf, dass westliche Pharmakonzerne in der DDR Testreihen durchgeführt hätten. Das Nachrichtenmagazin wurde für seine Berichterstattung scharf kritisiert. Damals reichte der zeitliche Abstand wohl noch nicht aus, um auch offen über diese dunkle Kapitel der DDR-Geschichte zu sprechen. Trotzdem wurde nach dem Spiegelbericht eine Untersuchungskommission einberufen. Diese begutachtete aber nur zwei Ostberliner Kliniken. Das wahre Ausmaß der Test wurde nicht erfasst.

"Westbürger vor ungünstigen Medikamenten bewahrt"

Wie das MDR-Nachrichtenmagazin "Exakt" jetzt herausgefunden hat, gab es Pharmatests auch in Sachsen, Sachsen-Anhalt und Thüringen. Für den Arzt und Pharmakritiker Ulrich Moebius liegt die Schlussfolgerung auf der Hand. "Die DDR Bürger waren quasi Versuchskaninchen für den Westen. Auf diese Weise wurden die Westbürger vor ungünstigen Medikamenten geschützt", sagt Moebius und weiter "Die Testklinik DDR war schon ein Geschenk für die internationalen Pharmakonzerne. Die bekamen für wenig Geld gute Qualität an Prüfleistung."

Reinhard Buthmann ist bei der Birthler-Behörde Experte für den Bereich Kommerzielle Koordinierung. Er weiß, wie die illegal beschafften Devisen verteilt wurden und ist sich sicher, was mit dem Geld aus den Medikamententests passiert ist. Hier kommt ein Name ins Spiel, der immer dann auftaucht, wenn es um Devisen für die stets klamme DDR ging: Alexander Schalck-Golodkowski. "Die Einnahmen aus den Medikamententests müssen zu einem Großteil in den Machtbereich von Schalck-Golodkowski geflossen sein", sagt Reinhard Buthmann. "Das Geld ging nicht an die Kliniken, sondern floss in den Gesamthaushalt." Dafür riskierte der Arbeiter- und Bauernstaat ohne Bedenken auch die Gesundheit und das Leben seiner Bürger.

Die Mutter von Karin Forner hatte Glück. Die resolute Tochter verlangte von der behandelnden Ärztin, den Test sofort zu beenden. Dennoch dauerte es noch über zwei Monate, bevor ihre Mutter wieder genesen war.

Zuletzt aktualisiert: 21. Juli 2010, 11:51 Uhr