Ein Dynamo-Fan erzählt seine Geschichte Das Spiel der Spiele: Dynamo Dresden - Bayern München

von Ronald Rychlewski

Es ist der 7. November 1973. Ich bin damals ein 14-jähriger Schüler einer POS, wohne in Dresden, bin Dynamoanhänger. Um 14 Uhr ziehe ich mich zu Hause an, um ins Dynamostadion zu fahren. Mit meiner schwarzgelben Flagge, warm angezogen, es ist kalt an dem Tag. Ich schwänze in der Schule zwei Stunden Staatsbürgerkundeunterricht, um im Dynamostadion zu sein. Gut zwei oder drei Wochen vorher - so genau weiss ich das nicht mehr - habe ich freitagsabends ab 18 Uhr bis Samstagmorgen gegen 9 Uhr die Nacht bei beissender Kälte, mit Klappstuhl, Thermoskanne und einem Beutel voller Brote im Freien auf der Bodenbacher Strasse in Dresden vor einem einer Vorverkaufsstelle von Dynamo Dresden verbracht. Gemeinsam mit gut 3.000 Leuten, die am Morgen vor diesem Geschäft stehen, um eine Karte zu bekommen. Gegen 5 Uhr morgens fahren VoPo-Einheiten vor und errichten einen mobilen Zaun vom Gehweg zur Strasse, um die Massen von Dynamofans in den Griff zu bekommen und von der Strasse abzugrenzen.

Nach drei Stunden ausverkauft

Ronald Rychlewski
Ronald Rychlewski Bildrechte: Ronald Rychlewski

Als das Geschäft öffnet, bin ich einer von den ersten Hundert, der es betreten kann und eine Karte bekommt. In einem Raum der Verkaufsstelle steht ein einfacher Tisch, auf dem etliche Kartenstapel liegen. Auf einem Stuhl sitzt eine Verkäuferin des Geschäftes am Tisch, eine einfache Handkasse mit Bargeld davor, umgeben von zwei VoPos und drei Herren in Lederjacken und Schlips - Stasileute, die anscheinend alles überwachen sollten. Glücklich komme ich mit zwei Karten für einen Freund und mich nach gut einer Stunde aus dem Hintereingang des Geschäftes, draußen ist Tumult auf der Strasse, es sind noch mehr Leute geworden, die anstehen. Die Schlange geht fast 500 Meter die ganze Bodenbacher Strasse entlang. An diesem Tag sollen etwa 20.000 Dynamofans an fünf verschiedenen Verkaufsstellen in Dresden nach Karten angestanden haben. Das Spiel ist nach gut drei Stunden restlos ausverkauft.

Überheblichkeit in München

Es ging um das Spiel der Spiele - die beiden deutschen Meister Dynamo Dresden gegen den "großen" FC Bayern München aus dem Westen - DDR-Meister gegen den Meister der Bundesrepublik. Und das im Europapokal der Landesmeister - zum ersten Mal muss eine Ostmannschaft gegen eine Westmannschaft antreten. Die auch in die DDR schwappenden Kommentare der Bayern zu diesem Los in der BILD-Zeitung machen sie nicht gerade sympathisch, eine Menge Überheblichkeit kommt da aus München nach Dresden.

Franz Beckenbauer 1 min
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Das Hinspiel hatte Dynamo nach großem Kampf und Spiel in München denkbar knapp mit 3:4 verloren, war den Münchenern teilweise spielerisch sogar überlegen gewesen. Dieses knappe Resultat und die vorher überheblichen Kommentare zu Dynamo ließen uns Dynamogemeinde davon träumen, dem "deutschen" Meister von der anderen Seite zu zeigen, was "unser" Meister Dynamo drauf hatte. In der ersten Runde hatten wir schon vollkommen überraschend die italienischen Stars von Juventus Turin mit ihren WM-Finalisten von 1970 aus dem Wettbewerb geworfen.

Kontrollen und Befehlston

Gegen 15 Uhr laufe ich nach der Fahrt in der brechend vollen, schwarz-gelb gefüllten Straßenbahn vom ehemaligen Fucikplatz hinunter zum Rudolf-Harbig-Stadion. Schon nach gut 200 Metern die erste Kontrolle - rund um das Stadion ist ein mobiler Zaun errichtet worden, bewacht von VoPos und Stasi in Zivil. Überall stehen Mannschaftstransporter vom Typ Robur-LKW der VoPos umher, ganze Hundertschaften von denen bewachen die Zugänge, weitere Hundert in Trainingsanzügen der SV Dynamo werden als Ordner an den Eingängen und in den Blöcken im Stadion platziert. Ich fühle mich unbehaglich und unwohl bei diesem Anblick. Nach weiteren 200 Metern, die ich Richtung Stadion laufe, der nächste mobile Zaun mit Kontrollstellen, an denen ich meine Karte zeigen muss, in ein Zelt kommandiert werde und dort gründlich gefilzt werde. Bei dieser Kontrolle habe ich echt Angst, dass sie mir die Karte wegnehmen und ich nicht ins Stadion darf. Allein diese verbissenen Gesichter bei den Kontrollen, dieser Befehlston, die Herren in Zivil von der Stasi, die überall mit herumstehen - es hat etwas Unheimliches für mich als 14-jährigen Jungen, der doch einfach nur dieses Spiel sehen will.

Bayernfans stark abgesichert

Dann darf ich am Eingang endlich in das Heiligtum eintreten und bin überrascht, dass man zusätzliche Holztribünen über den Stehplätzen errichtet hat. Leider kann ich diesmal nicht in den Fahnenblock der Dynamofans, der sonst immer direkt unter den Stadionsprecherturm platziert ist, man hat die Karten so verkauft, dass man diesen Fanblock auseinandergerissen hat. Trotzdem überwiegen im Stadion die Dynamofans, die sich auch eindeutig zu ihrer Mannschaft bekennen. Die Bayernfans sind in einem extra Block mit starker Absicherung und Trennung durch die VoPos untergebracht, es gibt vielleicht noch ein paar Fussballtouristen, die nur wegen Bayern gekommen sind.

Schwarz-gelb regiert

Das Stadion ist schon eine Stunde vor dem Spiel rappelvoll, offiziell sind damals 34.000 Zuschauer angegeben worden, es dürften real fast 40.000 gewesen sein. Das Flutlicht geht gegen 15.30 Uhr an, die "Giraffen" leuchten, weithin sichtbar in Dresden. Vor dem Stadion am ersten mobilen Zaun müssen Tausende Fans stehen ohne Karten, wie man innen im Stadion erzählt. Dann kommen die Bayern zum Warmmachen aufs Feld. Ein gellendes Pfeifkonzert setzt im ganzen Stadion ein. Trotzdem wir als DDR-Bürger und Fussballfans immer wieder in den Westen schauen zur Bundesliga und zur deutschen Mannschaft, wird hier eines gleich klar gemacht: Hier ist die Heimstatt von Dynamo Dresden, hier ist ein Publikum, dass diese Dynamomannschaft siegen sehen will. Hier gibt es nur Schwarz-Gelb.

Lärm und Jubel für Dynamo

Es vergehen gut drei bis vier Minuten mit diesem gellenden Pfeifkonzert, als das Tor zum Stadioninnenraum an der anderen Seite aufgeht und unter einem orkanartigen Jubelsturm unsere Dynamomannschaft zum Warmmachen einläuft. Minutenlang wird die Mannschaft von den Fans gefeiert. Dann läuft die Zeit, die Mannschaften gehen noch einmal in die Kabinen. Kurz vor 16.30 Uhr dann der Einlauf. Wieder ein orkanartig anschwellender Lärm und Jubel, als beide Mannschaften vom französischen Referee Wurtz auf das Feld geführt werden. Dynamo muss zuerst in Richtung der Südkurve spielen.

Déjà-vu

Das Spiel beginnt, beide Mannschaften schenken sich von Anbeginn an nichts. Doch dann die 10. Minute. Ein weiter Pass auf den späteren Bayernmanager Uli Hoeness, der dem damaligen Auswahlspieler und späteren DDR- und Bundesligatrainer Eduard Geyer davon läuft und überlegt das 1:0 für die Bayern erzielt. Im Stadion ist es totenstill, doch wie zum Trotz kommt das scharfe und heftige "Dynamo.. Dynamo.. Dynamo" von den Rängen. Es nützt aber alles nichts - zwei Minuten später eine Kopie des 0:1 - wieder läuft Uli Hoeness dem falsch postierten Eduard Geyer davon, wieder vollendet er überlegt und es steht 0:2 für Bayern nach nur zwölf Minuten.

Hoffen und Bangen

Die Stimmung im Stadion ist jetzt geknickt, Dynamo ist geschockt, hat sichtlich Probleme, sein gefürchtetes Doppelpasspiel aufzuziehen. Beide Tore fallen direkt vor meinem Block in der Schwimmbadkurve. Aber Mitte der ersten Halbzeit beginnt Dynamo wieder zu kämpfen. Endlich, kurz vor der Pause, erzielt Siegmar Wätzlich mit letztem Einsatz den Anschlustreffer - das 1:2. Das Stadion tobt und brüllt. Dann ist Halbzeit. Überall unter den Fans Hoffen und die bange Frage: Drehen wir das Spiel noch gegen Maier, Beckenbauer, Schwarzenbeck, Roth, Hoeness und Müller und wie die angehenden Weltmeister und amtierenden Europameister alle hießen?

Publikum feiert Dynamo an

Dynamo Dresden Spieler jubelt nach Torschuss gegen Bayern München 1973 1 min
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Die zweite Halbzeit beginnt. Das Stadion tobt und brüllt die Mannschaft nach vorne, Dynamo startet jetzt Angriff um Angriff, die großen Stars aus dem Westen haben sichtliche Mühe, sich gegen dieses Dynamo zu wehren und zu bestehen. Und dann steht es plötzlich 2:2 durch Hartmut Schade durch einen satten Schuss, den Maier erst hinter der Linie abwehren kann. Jetzt brechen alle Dämme im Stadion, eine fast südländische Atmosphäre geht um. Keine vier Minuten später köpft Reinhard Häfner das 3:2 für Dynamo - jetzt ist das Rudolf-Harbig-Stadion nur noch ein einziges Tollhaus in schwarz-gelb, eine brüllende, tobende, jubelnde und euphorische Masse, mit diesem Ergebnis wäre Dynamo eine Runde weiter und die großen Bayern aus dem Wettbewerb ausgeschieden. In dieser Euphorie geht es weiter, das tobende und lautstarke Dresdner Publikum feuert die Mannschaft unablässig an, treibt sie immer wieder nach vorn zu ihrem Offensivspiel.

Der "Bomber der Nation"

In unserem Block drücken wir einfach die ganzen VoPos weg, die uns daran hindern wollen, auf den Zaun zu klettern beim Torjubel. Die Masse im Block ist sich einig, die VoPos ziehen sich zurück auf die Treppenaufgänge, unsicher der großen Masse gegenüber stehend, die nicht unbedingt freundlich in ihren Gesten und Rufen ist. Aber nur zwei Minuten nach der Führung Entsetzen im weiten Rund - eine unübersichtliche Situation im Dresdner Strafraum, plötzlich kommt irgendwoher fast im Liegen ein Bein eines Bayernspielers hervor, ein Schuss - Tor ! 3: 3 - Gerd Müller, der "Bomber der Nation" hatte in unnachahmlicher Art und Weise zugeschlagen. Kurze Stille - jetzt wäre Bayern wieder weiter.

Bayern kommen eine Runde weiter

Aber dann rappelt sich das ganze Stadion wieder auf, macht weiter einen Höllenlärm, treibt die Mannschaft wieder nach vorne, hofft auf die erneute Führung, um wenigstens eine Verlängerung zu erreichen. Dynamo kämpft tapfer und mutig an gegen die routinierten, cleveren Bayern, ist spielerisch eindeutig besser - selbst Bayerntrainer Lattek erkennt das später im "Kicker"-Spielbericht an. Es nützt alles nichts. Nach 90 Minuten pfeift Wurtz das Spiel ab, es bleibt beim 3:3, die Bayern sind eine Runde weiter, auf dem Weg zu ihrem ersten Gewinn des EC der Landesmeister, den sie dann in Folge 3 Mal gewinnen.

Verloren, aber dennoch glücklich

Das Publikum feiert und verabschiedet eine enttäuschte Dynamomannschaft, die den Profis aus dem Westen gezeigt hat, was für gute Fussballer es auch im Osten Deutschlands gibt. Ich dränge nach dem Spiel gemeinsam mit Tausenden Dynamoanhängern aus dem Stadion, laufe in Richtung Fucikplatz zur Straßenbahn. Die mobilen Zäune sind verschwunden, aber immer noch reichlich VoPos und Stasis stehen an der Straße herum und schauen argwöhnisch auf die Masse der Fans. Auch in der Strassenbahn nach Hause ist es wieder brechend voll, wie in einer Dose Ölsardinen kleben die Menschen aneinander. Überall hitzige und erregte Diskussionen über das Spiel, über das Für und Wider, hätte, wenn und aber ... Aber alle glücklich, dieses legendäre Spiel gesehen zu haben, gesehen zu haben, dass diese Dynamomannschaft den großen Bayern fast ein Bein gestellt hätte, voller Genugtuung darüber, dass man es den Stars aus dem Westen sehr schwer gemacht hat.

Strafstunden für das Fußballspiel

Zu Hause hänge ich meine Dynamofahne über mein Bett und schlafe seelig ein. Zwei Tage später bekomme ich von meiner Klassenlehrerin einen Brief nach Hause mit. Meine Eltern sollen in die Schule kommen zum Direktor. Meine Mutter fragt mich, ob ich in der Schule irgendetwas angestellt habe. Ich verneine. Ich muss zu dem Gespräch beim Direktor mit, muss zuerst draußen bleiben. Als ich dann auch hinein muss, werde ich gefragt, was ich mir dabei denke, den Unterricht zu schwänzen. Wahrheitsgemäß erzähle ich dann, dass ich bei dem Spiel war. Dass ich vorher gefragt habe, ob ich wegen der Karten vom Unterricht wegbleiben darf, aber von der Lehrerin für Staatsbürgerkunde keine Erlaubnis bekam, ich aber dieses Spiel unbedingt sehen wollte. Was dann kommt, verstehe ich gar nicht. Man wirft mir vor, für ein Spiel gegen den Klassengegner dieses "wichtige" Fach geschwänzt zu haben, ob das den sozialistischen Idealen entspreche und was ich mir als FDJler dabei denke. Ich weiß überhaupt nicht, was ich antworten soll. Am nächsten Tag ist Schulappell. Vor der ganzen Schule bekommen vier Freunde und ich einen Tadel ausgesprochen wegen dem Schwänzen des Unterichtes, alle fünf waren wir zu diesem Spiel gewesen. Ausserdem mussten wir nach dem Unterricht Strafstunden bei der Verschönerung der Schule machen. Es war mir dann irgendwie egal. Ich war 14, ein Junge, der nur dieses eine Spiel sehen wollte und das alles nicht verstand. Noch heute erinnere ich mich an dieses eine Spiel, als wäre es gestern gewesen.

Über dieses Thema berichtete MDR im TV auch in "Sport im Osten" 20.01.2018 | 16.30 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 01. April 2011, 10:33 Uhr