Willy Brandt und Leonid Breschnew Der "Bund mit dem Teufel"

Willy Brandts Ost- und Deutschlandpolitik war im Bundestag umstritten. Politische Gegner befürchteten den Ausverkauf deutscher Interessen. Mithilfe eines Misstrauensvotums wollte die Union 1972 den SPD-Bundeskanzler stürzen. Inzwischen ist bekannt, dass mindestens zwei Stimmen der Opposition von der Staatssicherheit gekauft wurden.

Leonid Breschnew, der sowjetische Staats- und Parteichef, kochte vor Wut: "Ich lasse meine Freunde nicht im Stich. Ich dulde nicht, dass ihm was passiert. Im Notfall schicke ich Panzer." Wjatscheslaw Keworkow, Agent des sowjetischen Geheimdienstes KGB, war gerade aus Bonn nach Moskau geflogen, um dem Kremlchef über eine hochbrisante Neuigkeit zu unterrichten. Im Mai 1974 hing die Kanzlerschaft Brandts am seidenen Faden: In Brandts Umfeld war ein DDR-Spion enttarnt worden, der intime Einblicke in die außerehelichen Aktivitäten des Kanzlers hatte. Bald werde in Bonn die Bombe platzen und der Kanzler im Mittelpunkt einer dramatischen Staatskrise stehen.

Konspirative Treffen mit dem KGB

Keworokow hatte die vertraulichen Informationen von Egon Bahr, dem engsten Mitarbeiter von Brandt bekommen. Die beiden kannten sich seit Jahren sehr gut. Schon 1969 organisierte "Tricky Egon" einen geheimen Kontakt zur Moskauer Machtzentrale und traf sich immer wieder konspirativ mit dem KGB-Agenten. Die Geheimverbindung diente dem direkten Kontakt zwischen der Führung der Sowjetunion und der Bundesrepublik, sodass Brandt und Breschnew direkt über Fragen der Ostpolitik miteinander kommunizieren konnten. Immer, wenn es auf der offiziellen Ebene der Verhandlungen Schwierigkeiten gab, kamen Bahr und Keworkow zusammen, um Nachrichten auf dem kurzen Dienstweg weiterzuleiten. Über die Treffen mit dem gefürchteten Moskauer Geheimdienst wurde gegenüber der Öffentlichkeit strikt geschwiegen. Zu groß war die Angst, dass Bahr in den Verdacht gekommen wäre, eine Marionette des KGB zu sein.

Dank Breschnew scheitert Misstrauensvotum

Die härteste Prüfung des Kanals stand im Frühjahr 1972 bevor. Die CDU/CSU wollte die angebliche Unvollkommenheit der Moskauer Verträge dazu benutzen, die Regierung Brandt über ein konstruktives Misstrauensvotum im Bundestag zu stürzen. Es begann eine Geschichte wie aus einem schlechten Kriminalroman.

Als Breschnew erfuhr, die Union habe mindestens einen Abgeordneten der Regierung gekauft, um gegen Brandt zu stimmen, entschied er: "Wir werden dem Kanzler helfen!" Er schickte Keworkow nach Westdeutschland. Im Gepäck hatte der KGB-Agent eine hochbrisante Ladung: eine Millionen US-Dollar. Keworkow sollte das Geld an Bahr weiterleiten, damit dieser Unionsabgeordnete bestechen könne. Doch Egon Bahr nahm das Geld nicht an. Trotz der abgelehnten Hilfe aus Moskau gewann Brandt die Abstimmung sensationell. Weil Breschnew, darüber sind sich die Historiker mittlerweile einig, über die Stasi zwei Unionsabgeordnete kaufen ließ. So konnte der Kremlchef über Umwege dem Kanzler helfen.

Als "Hand Moskaus" verschrien

Im Mai 1974 wollte der Kremlchef Brandt erneut zur Seite stehen. Er schrieb eine persönliche Botschaft an Brandt, in der er ihm anbot, alle nur mögliche Hilfe zu geben. Doch diesmal kam jede Hilfe zu spät. Als Keworkow in Westdeutschland landete, um Bahr das Schreiben weiterzuleiten, war Brandt bereits zurückgetreten.

Der geheime Kanal war trotzdem ein großer Erfolg: Der Moskauer Vertrag, der Grundpfeiler der sozialliberalen Ostpolitik, wäre ohne diesen Kontakt nicht zustande gekommen. Der KGB-Chef Andropow sagte einmal zu seinem Agenten Keworkow: "Brandt hat es gewagt, sich mit dem Teufel zu verbünden. Er heißt bei seinen Gegner schon heute 'die Hand Moskaus'. Man wird viel Schmutz über ihn ausgießen, dass er sich bis an sein Lebensende nicht davon reinwaschen kann. Ich frage mich manchmal: 'Warum riskiert er soviel?'" Auch Keworkow hatte Brandt diese Frage gestellt, seine Antwort war, "er mache es für Deutschland".

Zuletzt aktualisiert: 30. November 2010, 16:31 Uhr