Kurzgeschichte Das Finkenmanöver III

Hubert Jung erzählt in "Finkenmanöver" von den ereignisreichen Tagen und Wochen vor der politischen Wende in der DDR. Schauplatz ist ein Sperrgebiet im Ost-Harz.

von Hubert Jung

"Na dann zum Wohl", Ottchen erhob seine mit goldschäumenden Hasseröder Pils angefüllte Biertulpe, und prostete in die Gesellschaft. Mit einem Zug leerte er sein Glas, um es dann über die Köpfe der anderen in die Runde, in Richtung Wirt zu halten, was für diesen bedeutete, noch ein Bier. Otto Maluschke befand sich nun im unauffälligen Zivil, an seinem Lieblingsplatz an der Theke des Lokals "Zum Goldenen Anker". Hier war er unter seinesgleichen, man kannte sich und schätzte sich als Biertrinker.

Mit den meisten der Anwesenden verbanden sich angenehme, gesellige Erinnerungen an die Zeit des Talsperrenbaus. Ortsfremde waren an den Kneipentischen des Lokals "Zum Goldenen Anker" nie zugegen, man befand sich schließlich in der behüteten Abgeschiedenheit des Sperrgebietes.

In solch sicherer Runde konnte Ottchen sein geheimes Wissen von heute Nachmittag in dosierten Andeutungen preis geben. "Leute", sagte Ottchen mit aufgebrachter Stimme, "Es ist was im Busch. Natürlich darf ich darüber nichts erzählen, aber ich komme gerade von einer geheimen Konferenz aus der Kreisstadt, unsere Partei und Staatsführung lässt sich das Heft des Handelns nicht aus der Hand nehmen!" Nachdem die Begriffe "geheime Konferenz" aus Ottchens Mund traten, wiegte dieser seinen Kopf leicht nach rechts und links, senkte die Stimme ein wenig, kniff die Augen leicht zusammen, um im Flüsterton fortzufahren, als könnte doch ein "Unzuverlässiger" die Worte aus Ottchens Mund zum Verrat nutzen.

Die eingetretene Pause sollte den Wissenden drängen mehr Wichtiges zu berichten. Die Runde signalisierte Bereitschaft sich mit Vertraulichem, Geheimen bereichern zu lassen, das erwartete man in diesen Augenblick von Ottchen. "Es sind bereits Internierungslager eingerichtet und es werden Schusswaffen an zuverlässige Genossen ausgegeben. Leute, es ist todernst. Wir Polizisten sind praktisch Tag und Nacht einsatzbereit, besitzen Erlaubnis jederzeit von der Schusswaffe gebrauch zu machen. Sollten sich Menschenaufläufe bilden, hier in der Nähe der Staatsgrenze zur BRD, so rufe ich euch hiermit zu erhöhter Wachsamkeit auf.

Ihr könnt mich oder meine Frau ständig zu Hause erreichen, oder ihr wählt am Telefon einfach die 110. Jeder Pilzsucher, der sich angeblich ins Sperrgebiet verirrt hat, kann sofort verhaftet werden und für mindestens 48 Stunden ohne Angabe von Gründen in eines der nahegelegenen Internierungslager gebracht werden."

Alle Anwesenden in der Runde nickten still, der Wirt stand regungslos hinter seinem Tresen, die übrigen Tische blieben in dieser Jahreszeit sowieso leer. "Wo ist denn das nächste Internierungslager?", fragte einer der Anwesenden aus der Runde der Biertrinker. "Das ist noch streng geheim", wickelte Ottchen den Fragesteller brüsk ab. "Aber wer hat denn nun die Hosen an?", wollte Willi der Ankerwirt wissen. "Unsere Partei und Staatsführung schläft nicht, sie hat die Lethargie, welche sich zugegebener Maßen seit dem vierzigsten Geburtstag unserer Republik eingestellt hatte, überwunden. Niemals wird sich die Arbeiter- und Bauernregierung die Macht von so ein paar aufrührerischen, ausreisewilligen Leuten und schon gar nicht von der Springer Presse aus den Händen reißen lassen."

"Das ist Fakt.", dabei schlug Ottchen mit der Faust auf die Tischplatte. Otto Maluschke wunderte sich selbst über seine Stammtischagitation, denn Dienstliches und Privates konnte er in der Vergangenheit einigermaßen gut von einander trennen. Niemals ließ er sich zu politischen Äußerungen im "Anker" verleiten.

Nach Ottchens Andeutungen wollte keine rechte Bierseeligkeit mehr eintreten, so löste sich gegen 22:00 Uhr die Stammtischgemeinschaft auf, und Willi der Wirt vom Lokal "Zum goldenen Anker" schloss die schwere Eichentür von außen ab und hängte das Schild: "Heute Ruhetag" gut sichtbar über die Klinke.

"Was ist das für eine Zeit in der wir leben"

Wolfgang Pluschke, vertieft in seine Arbeit, dem gleichmäßigen Verlegen von quadratischen Bodenfließen, war in guter Stimmung. Konzentriert und zielstrebig erreichte er mühelos sein Tagespensum und freute sich auf seinen Feierabend. Ein langes Wochenende lag vor ihm. Gern fuhr er nach 12 Tagen harter Arbeit nach Hause, schließlich galt es nicht nur Wäsche zu wechseln, er mochte seine grünen Bergesgipfel und die Täler von überschaubarer Vertrautheit.

Die Geschwindigkeit der Veränderungen in der Hauptstadt nahm zu, sie schien den einfachen schüchternen jungen Mann eher zu verwirren, als zur Hingabe anzustiften. Heute verweigerte er sich der Veränderung der Großstadt noch mehr, es stellte sich Heimatliches ein, je mehr er sich von dem großstädtischen Leben entfernte und je näher die Landschaft des Harzes rückte.

"Was ist das für eine Zeit in der wir leben", dachte er, als er seinen reservierten Platz im Eilzug am Bahnhof Westkreuz einnahm. Einige Zeitungen erschienen nicht mehr, andere kamen plötzlich über Nacht hinzu. Sie schrieben anders, erschienen in äußerst geringen Auflagen. Las er nicht erst einen Aufruf zu freien und geheimen Wahlen, ging es nicht ständig um Reisefreiheit, die Abschaffung von Grundwehrdienst, der Einrichtung von Zivildienst, ja er traute seinen Augen nicht, selbst die Unfehlbarkeit der Einheitspartei wurde schon in Frage gestellt.

Eine solche Thematik in unseren Zeitungen, alles stand zur Disposition und zur Diskussion. Werktätige aus großen Berliner Kombinaten nahmen kritisch Stellung zu der angespannten Versorgungslage. Dies alles erschien dem naiven Wolfgang nicht ganz geheuer. Ängstlich las er eine Ausgabe des "Reformblattes", welche er heute Morgen auf dem Weg zur Arbeit von einen "Fliegenden Zeitungshändler" käuflich erworben hatte. Als ungeheuerlich empfand Wolfgang, was da zu lesen stand, ein "Forum für Erneuerung" redaktionell verantwortlich.

Schicht im Schacht

"Mal sehen wie weit die mit solchen Forderungen kommen.", provozierte ein Kollege während der Mittagspause. "Die Mauer wird auch in 100 Jahren noch stehen.", sagte Erich erst kürzlich. "Vielleicht fällt sie auch Portionsweise, so wie momentan die Flüchtlinge ihren Weg über Ungarn in die Freiheit nehmen", rief forsch ein anderer Fliesenleger über den Mittagstisch. "Damit machen sie die Mauer durchlässig, vielleicht stürzt sie dann in 5 oder 10 Jahren ganz ein. Dann herrschen wieder die Verhältnisse wie 1961, vor dem Mauerbau", entgegnete Wolfgang. "Vielleicht kommt es aber auch zu einer Konföderation?"

"Aber wie soll es denn hier weiter gehen, wenn wir einen strengen Winter bekommen ist für einen großen Teil unserer Volkwirtschaft entgültig Schicht im Schacht", mischte sich der Brigadier kopfnickend ein. Für gewöhnlich ist der ältere drahtige Mann ein besonnener und überwiegend unpolitischer Mensch, wenn auch er der Einheitspartei angehört, ohne das er sich jemals davon Vorteile versprach.

"Wie lange reicht eigentlich noch der Zement für diese Baustelle hier", fragte Manfred, er war Lehrling und der Jüngste am Tisch. "Na vielleicht noch bis heute zum Feierabend, oder ein wenig länger, aber wenn dann nichts nachkommt, die Fliesen sind sowieso in zwei Tagen restlos aufgebraucht", fiel der Brigadier mit erhobener Stimme ein.

Schweigen durchzog die Runde der Männer. "Wenn dann kein Material ankommt, sieht es schlecht aus für unsere Baustelle, der Plan ist nicht zu halten." verkündete kauend der Meister, "...und unsere Jahresprämie wäre dann vielleicht auch futsch." Aber bisher ging es ja immer gut. Notfalls leistete man an Dezembersonntagen Sonderschichten und das was noch fehlte wurde auf dem Papier schöngerechnet.

"Ach warum soll nicht alles so bleiben wie bisher, hatten wir nicht dieses Jahr einen traumhaften Sommer, das Wasser der Ostsee hatte bestimmt 21 Grad, der Bungalow auf Prora ist bereits für nächsten Sommer reserviert, und von der Jahresendprämie kaufen wir uns einen Farbfernseher, eine meiner Schwägerinnen arbeitet in der RFT -Abteilung des Konsument Kaufhauses. Ich brauche das Geld hier. Was die Spinner nur im Westen wollen? Hauen einfach ab, als ob denen da im Westen die gebratenen Tauben ins Maul fliegen würden?"

Der Kauf eines Reformblattes

Mit diesem Argument ging die Mittagspause zu Ende und Holger, ein dicker Kollege mit blonden Locken und Schnauzbart, der ranklotzen konnte, da gab es nichts auszusetzen, rief seine Meinung ungefragt in die Gesichter der aufbrechenden Männer. Niemand aus der Brigade widersetzte sich dem Gesagten. Sicher hatte er Recht, man sollte nicht mit unbekannten Größen spielen. Außerdem, wer weiß, vielleicht ist der hilfsbereite Holger ja ein Zugträger?

Man weiß nichts mehr in diesen Tagen, aber im Moment galt es noch ca. zweihundert Quadratmeter Bodenfliesen der Größe 12 x 12 cm zu verlegen, um sich anschließend schnell Hände und Gesicht mit kaltem Wasser zu waschen, um den Eilzug 15.18 Uhr ab Bahnhof Ostkreuz zu erreichen. "Ich glaube, das System ist endgültig am Ende", sagte leise der in sich gekehrte Wolfgang, als er die vorbeifliegenden Fabrikruinen der Märkischen Landschaft sah.

Der morgendliche Kauf dieses "Reformblattes", wie es sich nannte, lies ihm keine Ruhe. "Eine Regierung, die sich solch einer Meinung nicht mehr erwehren kann, ist doch am Ende, da kann einem so einer wie der Holger sagen, was er will. Na was solls in knapp zwei Stunden beginnt mein langes Wochenende beim Ankerwirt, dort gebe ich mir die Kugel mit herrlichem Hasseröder Pils. Morgen kann ich ausschlafen. Meine Mutter freut sich immer, wenn ich nach Hause komme und etwas länger bleibe, gern wäscht sie meine Wäsche, dann ist sie und die alte Schwarzenberger den ganzen Sonnabend ausgelastet.

Die dampfschnaufende schmalspurige Harzquerbahn

Die Tatsache des ständig knapper werdenden Zements lies Wolfgangs Gedanken wieder zu der Diskussion am Mittagstisch zurück kehren. Mit der Bereitstellung von Zement fiel oder stieg die Bauwirtschaft im ganzen Land. "Das kriegten die einfach nicht in den Griff. Niemals gab es ausreichend Zement, Sand oder Estrich. Wenn dieser wichtige Rohstoff nicht bis zu unserer Arbeitsaufnahme am Dienstag eingetroffen ist, dann rücken wir dem Erich oder Egon auf den Pelz. Schließlich sind wir hier um gutes Geld zu verdienen.

Zufrieden und ausgestattet mit genügend Vorrat an Berliner Pils lehnte sich Wolfgang Pluschke im Zugabteil zurück. Der Zug war gut besetzt, aber nicht übervoll, nach dem vierten halben Liter Berliner Bärenpils schlief er ein, unterstützt von dem monotonen Geräusch der Zugachsen. Halberstadt war erreicht, nun betrat er schon heimatlichen Boden, er verlies den Zug, um in die kleine altmodische dampfschnaufende schmalspurige Harzquerbahn zu steigen. Diese sollte den Flüchtigen nach Hause bringen. Er vernahm vertraute Laute, den leicht singenden Dialekt, wie ihn die Menschen hier im Harzvorland sprachen. Hin und wieder ein vertrautes Gesicht, ein stilles grüßendes Nicken, oder ein "Hallo, wie gehts? Na, auch wieder mal da."

Es dämmerte bereits als Wolfgang den Bahnsteig seines Heimatortes betrat. Natürlich konnte er nicht so einfach den Bahnsteig verlassen, hier befand man sich im Sperrgebiet, und das betreten war nur den Inhabern eines Passierscheines gestattet. In Besitz eines solchen war Wolfgang Pluschke, da er hier seinen Hauptwohnsitz hatte. Unaufgefordert, routiniert zeigte dieser seinen blauen Personalausweis mit dem darin befindlichen weißen Passierschein fürs Sperrgebiet. Die Polizeistreife, bestehend aus zwei Polizeiobermeistern und einem Offizier der Grenzpolizei im Rang eines Leutnants, prüften die vorgelegten Dokumente gründlich, beanstandeten jedoch nichts.

So wurde der Heimkehrer freundlich von einem der beiden Volkspolizisten durch die Absperrung am Bahnsteig gewunken.

"Hackus und Knieste"

Nur ein paar Schritte führten den jungen Mann über das graue und menschenleere Pflaster, schon bog er in die Straße, die nach einem großen deutschen Arbeiterführer benannt wurde. Die Mutter erkannte die Silhouette ihres Sohnes schon von weitem, sie erkannte ihren Ältesten am Gang, wie dieser leicht gebückt, mit den Füßen etwas über den Asphalt schlurfend ging, ja das war ihr Wolfgang.

Nachdem sie sich Gewissheit über seine Ankunft verschafft hatte, eilte sie in die Küche um nach dem Abendessen zu sehen. Sein Lieblingssgericht, "Hackus und Knieste", ein ehemals Arme-Leute-Essen, kam auf den Tisch. "Hackus" ist mit Knoblauch gewürztes Schweinegehacktes und "Knieste" sind kleine Kartoffeln, welche mit Schale grob zerkleinert und mit Kümmel auf einem Blech im Backofen geröstet werden. Dazu reicht man in Salzlage eingelegte kleine, krumme Gurken und natürlich heimisches Hasseröder Pils.

Vereint wie zu Zeiten seiner Kindheit nehmen die vier Familienmitglieder am Tisch in der schmalen Küche Platz. Dem Vater sitzt die Mutter gegenüber und an der schmalen Seite des Tisches sitzen Bruder und Schwester Vis a Vis.

"Na, Junge, nun erzähl mal, wie geht es so in der Großstadt, und was macht eure Baustelle?", fragt der Vater. "Ja, unserer Baustelle geht es gut, aber wenn wir bis Dienstag keinen Zement kriegen, dann ist Schicht im Schacht, das heißt, wir haben dann keine Arbeit mehr. Ja und, was die politische Lage betrifft...", er greift in die Gesäßtasche seiner verwaschenen grauen Jeans und präsentiert dem Vater das Exemplar der neusten Ausgabe des Reformblattes. "Du siehst Papa, in Berlin stehen die Signale auf Veränderung."

Ungläubig schaut der Vater auf die Zeitung. "Was soll das? Das ist doch Hetze aus dem Westen? Das glaubst Du doch nicht." "Doch Vater, im Kollegenkreis haben wir es heute am Mittagstisch diskutiert, wenn am Dienstag kein Zement angeliefert wird, dann ziehen wir vor das Haus des Zentralkomitees."

"Jürgen, Junge das kannst Du doch nicht machen, was glaubst Du wird geschehen, die lassen euch doch gar nicht soweit ran. Die knüppeln euch doch nieder oder schießen auf euch." Der Finkenvater redete ruhig, ängstlich und energisch, wie es so seine Art war, auf Wolfgang ein, doch dieser schien überzeugt von der Richtigkeit seiner Argumente.

Wie selbstverständlich verheimlicht Wolfgang seinen Eltern, dass nicht alle Kollegen mit einen Streik einverstanden sind. "Was soll aus der Bevölkerung werden, wenn ihr euch gegen den größten Teil der arbeitenden Menschen in diesem Lande stellt?", fragte der sanfte Gernot Pluschke seinen Sohn. "Was heißt denn hier, wenn ihr euch gegen den größten Teil der arbeitenden Menschen stellt? Was machen denn die meisten jungen Leute hier im Land, die hauen einfach ab, über Ungarn, lassen hier alles im Stich und fangen im Westen irgendwo in Böblingen, Sindelfingen, Düsseldorf oder Gießen neu an." Auch wenn Wolfgang nicht genau wusste, wo diese Städte lagen, so hörte er doch häufig im Westfernsehen deren Namen, entweder weil sich die Flüchtlinge dort Arbeit erhofften oder weil Freunde oder Bekannte dort untergekommen waren.

"Was soll aus uns Alten werden, wir haben doch hier unser Leben gelebt, wir sind hier verwurzelt, hier kennen wir uns aus, man kennt und ehrt uns hier, wir haben unsere Arbeit und unser Auskommen, wenn auch der Mangel mehr und mehr um sich greift, aber verhungern muss hier niemand, und nicht zuletzt, was soll aus den Finken, den Traditionen und unseren Festen werden?", stöhnte der Vater. Nein, das ginge nicht, die Familie Pluschke ist in diesem Ort seit Jahren ansässig, sie wird geachtet, es gäbe keinen Platz auf dieser Welt, der für diese malerische Harzidylle Ersatz bieten könnte.

Gernot Pluschke regte sich auf, er wollte seinem Sohn aufzeigen, wie abwegig sein Vorhaben ist. Mutter und Tochter erstarrten während des Streites. "Gernot rege dich nicht auf", mit diesen Worten versuchte Rosi Pluschke hin und wieder schlichtend in den Streit zwischen Vater und Sohn einzugreifen. "Nein, Papa du befindest dich im Irrtum. Du möchtest mir verbieten, meinen Protest öffentlich zu machen, nur weil du hier deinen Frieden mit deinen Vögeln gefunden hast. Alles Glück liegt für dich in deiner Schichtarbeit, in der Hütte, und nach Feierabend unterhältst du dich mit deinen Finken."

"Ich sage es dir noch einmal, wenn am Dienstag kein Zement geliefert wird, dann ziehen wir mit Sicherheit, und mit uns noch zahlreiche andere Maurer von benachbarten Baustellen vor Erichs Lampenladen oder vor das Haus des Zentralkomitees, wo die Herren dienstags immer tagen und beratschlagen, wie es hier im Land weiterzugehen hat. Wir wollen doch mal sehen was die hohen Herren im ZK uns dann antworten."

"Die werden euch den Weg verstellen, da kommt ihr niemals an, Polizei und Kampfgruppenverbände werden euch aufhalten, niederknüppeln und nach Hohenschönhausen bringen, das wird passieren", rief Gernot Pluschke seinem Sohn Wolfgang nach. Nach diesem Wortwechsel trat Ruhe ein, in die Küche der Familie Pluschke, Mutter und Tochter begannen
das Geschirr abzuspülen, die wenigen Worte welche die beiden Frauen während ihrer monotonen Arbeit wechselten, beinhalteten Unwesentliches, nichts Grundsätzliches, nichts Gegensätzliches.

Wolfgang Pluschke, der sich in den Tagen seiner Abwesenheit so auf die heimische Harmonie seiner Familie gefreut hatte, fand kein Verständnis. Verärgert zog er seine olivgrüne Baumwollkutte über, eilte zur Tür hinaus, in Richtung des "Goldenen Anker", während der Rest der Familie, bestehend aus Gernot, seiner Ehefrau Rosi sowie der jüngsten Tochter Annemarie, im behaglichen Wohnzimmer ihrem gemütlichen Fernsehabend mit Kommissar Derrick entgegensehnten.

Zuletzt aktualisiert: 26. August 2004, 12:08 Uhr