Kurzgeschichte Himmlische Gerüche

Gedacht werden sollte auch den mageren Zeiten als ich zehn, elf, zwölf Jahre alt war. Gern erinnere ich mich dieser Kindheit in Leipzig, besonders der Weihnachtszeit.

Heute fängt Weihnachten im August an, wenn die ersten Printen in den Geschäften auftauchen. Aber damals war es etwas ganz anderes, wenn man bereits im August an Weihnachten dachte. Die Sehnsüchte, auch meine, gingen in Richtung Westen. Mit einer feinen, zurückhaltenden, doch bestimmten Art wurden Wünsche geäußert, deren Erfüllung man zwar nicht erwartete, aber mit der man heimlich rechnete. Die Wünsche der damaligen Weihnachtszeit bezogen sich auf Schokolade, auf Süßigkeiten und bei Mutter ganz besonders auf die Zutaten, die für den Christstollen erforderlich waren. Die Wünsche waren nur im Westen Deutschlands zu erfüllen.

Himmlische Düfte strömten aus den Westpaketen

Mit der Zeit trafen die Westpakete ein, aus Düsseldorf, aus München, aus Olpe, aus Erlangen. Mein Bruder in Düsseldorf verzichtete auf die Erfüllung manch eigenen Wunsches und brachte damit seine ganze Zuneigung zur Familie zum Ausdruck. In die Westpakete wurde erst einmal hineingerochen, sie blieben noch eine Zeitlang nach der Durchsicht, wurde von den Kommunisten auch nichts geklaut und beschädigt, liegen. Welch ein Duft, komponiert von Schokolade, Zitronen, Rosinen, Datteln, Orangen und Kakao.

Die Zutaten komplettierten sich nach und nach, Sultaninen, Rosinen, Korinthen und Mandeln in verschiedenen bunten Packungen. Um Orangeat und Zitronat wurde noch gebangt. Es kam schließlich alles zusammen. Notfalls wurde noch einmal geschrieben, dass die Christstollen dieses Mal nicht so gut sein würden, denn ohne Zitronat und Mandeln wäre dies so eine Sache...

Die Rosinen und artverwandten Produkte wurden dann verlesen. Nicht naschen! Die verschiedenen Pakete wurden geöffnet, die in Blöcken zusammengepressten Rosinen gelockert und alles auf einen großen Haufen geschüttet.

Die Gerüche der Weihnachtsbäckerei

Ich weiß es nicht mehr ganz genau, aber ich glaube: Ein Pfund Mehl auf ein Pfund Rosinen. Die Masse der Rosinen bestimmte also die Anzahl der Christstollen.

Waren die Stiele und auch einmal ein kleines Steinchen herausgelesen, wurde der Stollenteig hergestellt. Die Stollen wurden ausgeformt und dann die acht, zehn, zwölf Stück auf Bretter gelegt und mit dem Handwagen zu Bäcker Schmitz gefahren. Viele fuhren so ihre Stollen an, nur nicht verwechseln, Bäcker Schmitz! Welch eine Geschichte hatten die Zutaten dieses wertvollen Teiges schließlich hinter sich. Und manche hatten nicht so viel Westverwandtschaft, deren Stollen fielen etwas magerer aus. Der gebackene Stollen wurde auf gleichem Wege nach Hause transportiert. Er durfte nicht zu hell und nicht zu dunkel sein. Na ja, ein paar Rosinen waren außen verbrannt, aber ansonsten war alles gut.

Für mich war der Prozess der Stollenwerdung eine aufregende Sache. Die Gerüche sog ich ein. Und die besten kamen noch.

Zu Hause wurden die Stollen mit Butter, guter Butter, eingepinselt und staubgezuckert. Sie waren dann fertig, die gewickelten Jesuskinder, eine Komposition aus finanziellem Aufwand, Liebe, Arbeit und natürlich, nicht zu unterschätzen, sächsischer Stollenbackkenntnis. Und dann verschwanden erst einmal die duftenden, leckeren Christstollen. Das Risiko, dass sie vielleicht innen nicht gut gebacken waren, wurde bewusst in Kauf genommen.

Sie wurden in Pergament eingepackt und auf den Schlafzimmerschrank gelegt. Einige, aber wahrscheinlich nicht all zu viele, wurden verschenkt mit der dringenden Bitte, diese feucht zu lagern, damit sie nicht austrockneten. Die Verwandten im Westen mochten glänzende Rosinenbesorger gewesen sein, aber ob sie Ahnung von der sachgemäßen Lagerung eines Christstollen hatten, wer weiß?

Am 24. Dezember, nachmittags, wurde der ersten Stollen angeschnitten. Natürlich war er gut, köstlich wie immer, bis zum letzten Stück, Ende Januar.

Ich ging 1961 nach Düsseldorf. Die Mutter meines Freundes in Leipzig brachte auch ihren Teig zum Steinofen des Bäckers Schmitz. Ich war in der glücklichen Lage, davon immer einen abzubekommen.
Der Christstollen aus Leipzig war stets der allergrößte Genuss. Natürlich habe ich ihn feucht gelagert.

Nach der Wende hat Bäcker Schmitz seinen Laden zugemacht. Schon vorher hatte er das Fremdstollenbacken eingestellt. Es hatte sich nicht mehr gelohnt. Schade! Magere Zeiten haben eben auch ihre Vorteile.