Bericht Turn- und Sportfest 1987 in Leipzig

Peter Conrad schildert abenteuerliche Kühl- und Lagermethoden der Lebensmittelbestände beim 8. Turn-und Sportfest. Sie beweisen wieder einmal das vielzitierte ostdeutsche Improvisationstalent.

von Peter Conrad

Leipziger Turn- und Sportfest 1969 im Zentralstadion
Bildrechte: MDR/ Sendung "Die größte Show der DDR: Das Leipziger Turn- und Sportfest"

Es war im Juli 1987, und in Leipzig fand in der größten Sommerhitze das 8. Turn- und Sportfest der DDR statt. Mein Vater war damals im Kombinat Großhandel, Waren des täglichen Bedarfs, Nahrungs- und Genußmittel tätig. Als Leiter des Betriebsteils Sonderversorgung war er dafür zuständig, daß die zigtausenden Teilnehmer aus der ganzen DDR ordentlich verpflegt wurden.

Ich war damals 18 Jahre alt, Lehrling und immer auf der Suche nach einem kleinen Nebenverdienst. Arbeitskräfte waren eh schon knapp, also war es kein größeres Problem an einigen Einsätzen in der Sportfestversorgung teilzunehmen. Bei dieser Gelegenheit bekamen auch wir Nicht-Berliner Lebensmittel zu sehen, die es ansonsten in Leipzig höchstens noch zu Messezeiten in den Aussteller-Shops gab. H-Milch in Tetrapacks, Minisalamis oder portionierte Butter, Marmelade und Honig gehörten dazu.

Handtuchtrockene Salami

Aber wie schon im ersten Satz erwähnt: es herrschte hochsommerliche Hitze, und diese stellte uns vor gewaltige Probleme! Es gab kaum Kühltransporter und Kühllager. Die alte Messehalle 16 wurde zur Lager-
halle umfunktioniert, und die Probleme begannen schon bei der Anlieferung. Ein Container-LKW brachte portionierten Honig - und dieser kam uns beim Öffnen des Containers bereits entgegengeflossen. Ein sehr unangenehme, klebrige Angelegenheit.

Die "doppelt verpackten" Minisalamis (doppelt verpackt hieß, im Darm plus zusätzlich in Folienverpackung) wurden zwar gekühlt geliefert, fingen dann aber in der ungekühlten Halle sofort an zu schwitzen. Was wurde getan? Nun, Kühlung gab es nicht, dafür aber fleißige Hände, und so wurden mehrere Leute dazu abgestellt, jede einzelne Salami mit Handtüchern abzutrocknen. Ja, wir haben die Salamis sogar kistenweise mit nach Hause genommen und dort noch weitergearbeitet, damit am nächsten Morgen die Futter-Beutel für die Sportfest-Teilnehmer gut gefüllt waren. Dies alles immer unter den wachsamen Augen der Hygieneinspektion, zumindest da gab es keine Kompromisse!

Meister im Improvisieren

Das war aber nur ein Herumdoktern an den Symptomen, das Problem, sprich: die warme Lagerhalle, blieb ja bestehen. Also wurde auch hier DDR-typisch improvisiert: Die Feuerwehr der Messe stellte Schläuche zur Verfügung und öffnete die Hydranten, dann wurde das Hallendach stundenlang mit kaltem Wasser bespritzt, um die Temperatur in der Halle um die wenigen entscheidenden Grad zu senken, die den Unterschied zwischen Problem und Katastrophe ausmachten. Irgendwie haben wir es geschafft. Kein Sportfest-Teilnehmer mußte hungern, und auch keiner litt unter verdorbenen Lebensmitteln. Für uns fiel - welche wunderbares Großereignis! - immer mal eine der erwähnten Minisalamis oder eine H-Milch ab.

Mein Vater schob vor und während des Sportfestes (wie auch zu den Messen und zu Weihnachten) wochenlang 14-Stunden-Schichten. Der Dank dafür bestand üblicherweise in einem feuchten Händedruck, in einer Leitungsfunktion wurden ja nicht einmal die Überstunden bezahlt. Und Abfeiern ging auch nicht, es stand ja ständig irgendeine Messe oder irgendein Feiertag vor der Tür. Die Gesundheit hat er sich damit ruiniert, das Familienleben hat extrem darunter gelitten. Nach der Wende durfte er dann noch das ehemalige Kombinat abwickeln...

Zuletzt aktualisiert: 26. August 2004, 13:05 Uhr