Kurzgeschichte Ein voller Gemüseladen

von Gitta Kamprad

Spargel ist "Bückware"

Zu tiefsten DDR-Zeiten gab es im Gemüseladen Kartoffeln, Möhren, Weißkohl und Rotkraut und sonst nichts. Und wenn es mal etwas anderes außer diesen Sachen gab, war immer eine Schlange von 20 bis 30 Menschen davor. Wenn ich eine Schlange sah, hoffte ich, dass es Spargel gab. Aber das war so gut wie aussichtslos, denn Spargel war "Bück-Ware", wie der DDR-Volksmund immer so treffend sagte. Also, nichts für mich. Ich war zu stolz, um mich zu bücken und zu uninteressant, dass andere sich für mich bückten. Ich hatte nichts zu bieten und ich kannte leider auch niemanden in irgendeinem Geschäft, so dass ich immer hoffte, auf normale Art und Weise zu meinem Spargel zu kommen.

Eine lange Schlange

Eines schönen Tages, auf dem Weg von der Arbeit zum Kindergarten und nach Hause, drängten sich mal wieder Menschen in Form einer Schlange am Gemüseladen. Zuerst dachte ich, es gäbe Bananen und überlegte mir, ob ich mich anstellen sollte. Führe ich morgen nach Dresden zu meiner Mutter, hätte ich nicht lange überlegt. Aber ob die Bananen bis zum nächsten Wochenende halten? Und die Kinder sind auch nicht so scharf auf Bananen. Also kann ich mir die Zeit sparen. Anstehen ist ein Graus. Aber neugierig war ich doch.

Ich ging demzufolge an den Anfang und versuchte das gewisse Etwas zu erspähen. Die Leute gingen mit großen Papiertüten weg. Richtig nah heran getraute ich mich nicht, da würde sicher jemand sofort rufen: "Hinten anstellen". Folglich versuchte ich es aus etwas weiterer Entfernung. Es sah aus, als würden sie Zwiebeln in die Papiertüten füllen. Die Leute, die an der Reihe waren, sagten immer nur "ein Kilo", "ein Pfund" und bekamen eine Tüte in die Hand. Zwiebeln gibt es doch meistens, deswegen stellt sich doch keiner an.

Vielleicht waren es diese Tulpenzwiebeln, aber die hat es hier noch nie gegeben und kiloweise hat man die auch nie verkauft. Gerade wollte eine Frau noch ein paar Möhren haben, das war aber der Verkäuferin zu viel. Sie kam aus ihrem Zwiebeleinfülltrott heraus und schimpfte vor sich hin.

Eigentlich wollte ich gehen, weil die Schlange immer länger wurde, aber die Neugier - was bloß das Besondere an diesen Zwiebeln ist - blieb. Ich stellte mich deshalb doch an das Ende der Schlange an. Nach einer Weile fragte ich meinen Vordermann, was es denn gäbe. Aber der sagte nur: "Das weiß ich auch nicht, ich lass mich überraschen". Auch die Frau davor wusste es nicht. Und der Mann, der sich nach mir anstellte, bekam die gleiche Antwort. Aber alle stellten sich brav in die Reihe. Ich überlegte mir wieder, ob ich gehe oder noch ein Weilchen stehen bleibe. Da hielt gerade wieder eine Bahn.

Alle Leute, ungefähr 15, die ausstiegen, stürzten sich an die Schlange und stellten sich hinter uns an. Mir wurde das immer unerträglicher, außerdem warteten meine Kinder im Kindergarten auf mich, es gefiel ihnen nicht, wenn sie die Letzten waren. Ich trat wieder aus der Reihe, ging weiter vor, um vielleicht doch noch ein paar Gesprächsbrocken zu erhaschen. Da es aber immer noch diese komischen Tüten waren, deren Inhalt mir seltsam und unerklärbar war, ging ich, die Neugier verdrängend.

Was gibt's denn da bloß?

Dafür genoss ich, so glaubte ich, die Ruhe auf dem Weg zum Kindergarten und erfreute mich an den blühenden Blumen in den Vorgärten. Doch ständig kam der Gedanke: Warum kann ich mich nur nicht anstellen, dann gäbe es am Wochenende mal was Anderes. Und auf Arbeit könnte ich auch mal mitreden. Aber dann sträubte sich wieder etwas in mir und das fragt: "Warum? Warum soll ich denn so sein, wie ich gar nicht bin, warum?". Ob ich wohl bei Spargel mehr Ausdauer hätte?

Ach, was mache ich mir nur immer für Gedanken. Ich bin doch nicht am Verhungern. Es geht uns doch gut. Wir essen alle gerne Rotkraut und Möhren und Sauerkraut. Und mein Leibgericht – Kartoffeln und Quark - kann ich mir jederzeit zubereiten, ohne mich großartig anstellen zu müssen. Also, was soll’s. Da gibt es heute Abend Pellkartoffeln mit Butter und alle sind zufrieden und ich habe nicht in so einer demütigenden Schlange gestanden.

Pellkartoffeln statt ...

Zuhause angekommen, freuten wir uns schon auf unsere Pellkartoffeln. Meine beiden Nachbarinnen standen, wie so oft, vor der Haustür und schwätzten miteinander. Als sie mich sahen, sagten sie sofort: "Beim Gemüsemann gibt es Knoblauch, vielleicht haben Sie noch Glück, wir passen auch auf die Kinder auf". Mein Gott, der Gedanke an Knoblauch war mir überhaupt nicht gekommen. Ich wusste ja auch gar nicht, wie der aussieht. "Was macht man denn damit, ich denke, das ist ein Gewürz?" fragte ich und tat interessiert.

Sie erzählten mir gleich mehrere Rezepte und Verwendungsarten von Knoblauch auf. Völlig durcheinander und sogar was von Zehen sagten sie. Mir wurde es immer unheimlicher. "Aber möglichst erst am Freitag Abend essen" sagten sie nochmals mit Nachdruck. "Also, was ist?", sie schauten mich fragend an. "Hält Knoblauch sich so lange? Außerdem fahren wir am Wochenende weg" antwortete ich, glücklich über diese Ausrede, die mir gerade noch einfiel. "Den Geruch übrigens kenne ich schon, unsere Vietnamesen auf Arbeit essen das fast täglich."

Meine Nachbarin empörte sich gleich: "Die machen sich natürlich keine Gedanken um Ihre Mitmenschen". "Wo die den bloß immer herhaben?" wunderte sich die Andere. "Ich kann ja mal fragen", sagte ich erleichtert und war froh von diesem Thema wegzukommen.

Jedenfalls wusste ich jetzt so ungefähr wie Knoblauch aussieht, bevor er zu Pulver wird, und bin froh und erleichtert, mich nicht entwürdigt zu haben. Mein Stolz stieg. Übrigens Spargel habe ich bis zur Wende nicht kaufen können, denn auch an eine Spargelschlange stellte ich mich nie an.

Zuletzt aktualisiert: 26. August 2004, 11:57 Uhr