Erzählung W-Ende für beflügelte Jahresendfiguren 12.10.00 I

Neffe Peter hinterfragt die Widrigkeiten im realen sozialistischen System. Und die Autorin erzählt ihm von Wünschen, Träumen und Werten, den konservativen Erziehungsmethoden, der guten Kindbetreuung und der Erkenntnis, die später kam.

Kapitel I

Es wird Neugeborenen nachgesagt, sie hätten Schutzengel, egal in welche Zeit sie geboren werden. Es wird meine Schwester Betty freuen den neuen Erdenbürger, ihren Enkel, im Park am Fluß entlang spazierenfahren zu können. Jetzt, zwölf Jahre nach der Wende, als diese Jahresendfiguren mit Flügel wieder Engel genannt werden, sind sie allgegenwärtig im Park der Kleinstadt. Wie immer um diese Zeit, wenn die Laubbäume dort ihre goldenen Blätter abwerfen, kann der Parkbesucher oft helles Kinderlachen oder Babys Blubbern aus den Kinderwagen hören und die anwesenden Schutzengel erahnen.

Betty ist jetzt im besten Alter, sie ist sozusagen im mittleren Generationsalter. Ich denke, Betty fühlt sich noch jung und ich weiß, dass sie jederzeit mit allen kleinen und großen Kindern in ihrer Umgebung liebevoll umgehen kann. Wie sie es mit ihren beiden eigenen getan hat. Dass Betty Oma geworden ist, darüber mußte ich sie in diesen herbstlichen Tagen erst informieren. Durch die Tatsache, dass sich Betty seit ein paar Monaten im Süden der Republik aufhält, hält sie zu ihren Lieben, Ehemann Franz, Tochter Jenny, Sohn Peter und der Oma erst mal nur eine Wochenendbeziehung. Sie befindet sich dort, um ihre täglichen Brötchen zu verdienen.

Es war die Zeit, als Neffe Peter Mitte der 70er das Licht der Welt erblickt hat, und zwar die Welt des Systems. Betty sagte einmal, dass ein bestimmtes Merkmal Peter prägte, sein Denken und Handeln. Und dies war sein Geburtstermin, nicht der Kampf- und Feiertag der Werktätigen, sondern einen Tag später. Bettys und meine Generation, wir sahen über die Widrigkeiten, die uns im realen sozialistischen System begegneten, hinweg. Peter hinterfragte alles. Letztlich nahmen Bettys und meine Generation diese Nachteile im Alltag nicht mehr wahr. Wir machten uns Luft in unseren vier Wänden, in unserem Privatbereich.

Ich besitze einen guten Draht zu Bettys einzigartiger Familie. Ich partizipiere zu jeder Zeit am abwechslungsreichen Leben meiner Schwester und deren Lieben. Weil ich in der Nähe vom Haus von Betty und Franz wohne und weil ich helfend eingreife, wenn das nötig ist. Meine Schwester sagt immer zu mir: "Rosi, du wirst wohl nicht in den Genuss kommen, Großmutter zu werden. Du bist zwar jünger als ich, aber mit einem wesentlichen Unterschied: du bist und bleibst unbemannt". Wenn sie mich fragen würde, würde sie überrascht sein. Ich finde mein Leben so in Ordnung, da erspare ich mir jede Menge. Ich bin nicht anpassungsfähig und wahrlich nicht unterwürfig genug für ein längeres Zusammen-leben und für eine Ehe. Doch ich bin sehr froh über den guten Draht zu Bettys Familie.
Es tut gut, soziale Kontakte zu pflegen, auch Kontakte zu Kollegen. Irgendwie bedeuten solche Kontakte für mich, dass in unberechenbaren Zeiten ein Schutzengel vorhanden ist. In dieser hektischen Nachwendezeit gingen leider viele Kontakte verloren. Ich bin froh, dass ich nicht arbeitslos wurde und deshalb Kontakte verlor. So bin ich auch nicht herausgerissen worden wie viele andere Mitmenschen aus der Jahrzehnte gewohnten Umgebung mit lieben Kollegen. Manchmal wird mir bang, wenn ich sehe wie die Kontakte heuer zu Freunden verkümmern oder auf Sparflamme gehalten werden.

"Aber sagtest du nicht, dass ihr euch im System in den 70ern geborgen fühltet, es schien euch ein Leben mit Schutzengeln zu sein?" - fragt Peter. „Ja genau das trifft es“, ich konnte mich nicht mehr winden, ich musste meinem Neffen wahrheitsgemäß antworten: „Wir empfanden es als angenehm, dieses Behütetsein. Bis wir es anders wussten“. "Was meinst du damit?" - Peter fragt nach.
"Lebensweisen außerhalb dieser konservativen Norm wurden vom System misstrauisch beäugt und nicht gern gesehen. Bei öffentlichem Widerstand gegen das Regime erwarteten uns strenge Strafen. Gegen den Strom schwimmen, das konnte demjenigen bei seiner Entwicklung sehr schaden, das wussten wir." "Was hatte sich unter Honecker geändert?" Peter fragt, denn er interessiert sich für die alten DDR-Zeiten. "Das kann ich dir sagen, er sorgte umgehend und übergreifend für Ordnung und Sicherheit. Wir hatten das Gefühl, dass im Alltag alles seinen richtigen Gang geht. Es war damals, als wir vom System gelebt worden sind."
"Sahst du das als Vorteil und was war das wertvolle, das erhaltenswerte im System?" will Peter noch wissen. Darauf fiel es Rosi nicht schwer zu antworten: "Nicht in allem, aber das Beste war der Zusammenhalt der Menschen, die Nachbarschafts-hilfe und die Geselligkeit über Jahre, nicht die sogenannte Ordnung".

Wunschlos und ohne Bedürfnisse lebten wir auch nicht als Betty und ich volljährig wurden. Alles, was gut und modern anmutete, das wollten wir haben, die sogenannte "Bück-dich-Ware". Wir litten in dieser Zeit, drei Jahrzehnte vor der Wende, unter dem Mangel an Konsumgütern, wie man im System alles nannte, was man nicht essen konnte. Unsere Cousine Renate, Verkäuferin im Kaufhaus kannte sich aus. Sie musste sich bücken, um diese limitierten Dinge unter dem Ladentisch hervorzuholen. Sie saß sozusagen an der Quelle und sie verteilte die Mangelware erst mal an gute Bekannte oder Verwandte. Es funktionierte mit der Erfüllung von Bedürfnissen im System sowieso alles ganz anders.

Es wurde im System überall gespart, auch bei der Möbelherstellung. Da entstanden uniformierte Schrankwände und Sitzmöbel. Zwei Drittel der im Systems hergestellten, modernen Möbel wurden geliefert an Discounter, Möbelmarkte in Westdeutschland, das waren die so genannten Export-Möbel. Rationalisiert wurde an den Furnierplatten, an der Möbelvorderfront. Export-Möbel aber blieben gleich in der Qualität.
Die Furniere ersetzen die Möbelbauer damals durch aufgeklebtes Foliendekor. Das war einer der Verbesserungs-vorschläge, für die schlaue Arbeiter ein zusätzliches Geld erhielten. So ereigneten sich Ende der 70er Missverständnisse mit dem Möbel-Service. Möbel mussten gekauft werden, wenn es sie gab und nicht, wenn die Wohnung bezugsfertig war. Ich musste Jenny davon erzählen, wie ihre Mutter mit dem Service-Mann fertig geworden ist. Betty, sonst auch kein Kind von Traurigkeit, beorderte gleich nachdem sie umgezogen waren umgehend einen Service-Mann vom Möbelhaus. Nebenbei bemerkt, war der Aufbau nicht ganz legal, denn die Möbelteile für die "Werkstatt", wie es Bettys Ehemann Franz mit einem breiten Grinsen bezeichnete, hatten sie bereits vor zwei Jahren gekauft. Betty ermunterte den Service-Mann: Bauen Sie gleich den Schlafzimmerschrank auf... Im Nebenzimmer hörte ich den Service-Mann nach dem Lieferschein fragen. Da kam sie ganz schön in Schwulitäten. Sie hätte ihm den Schein nicht zeigen können, dann wäre der Schwindel aufgeflogen. So erfand sie eine Ausrede und so begann der Servicemann dann zügig, aber brummend den Schrank aufzubauen.

So hatte er sich mehrmals lautstark gewundert: Komisch, die Front vom Schrankteil sei noch richtiges Furnier, das hätten sie seit vorigem Jahr nicht mehr verwendet. Heute sei das gegen Folie ausgetauscht. Dann sagte er noch, die Führung der Kästen sei noch mit einer Metallschiene versehen, heuer hätten die Möbelmacher das ersetzt durch eine Holzführung. Rationalisierung eben. Er murmelte etwas von Exportrücklauf, aber Betty wusste es besser, sicher war das wieder mal ein Verbesserungs-Vorschlag. Der entwickelte sich nicht immer zum Vorteil der Produktqualität. Zwei Jahre sind lang und so manches wurde in dieser Zeit rationalisiert. Der Servicemann hatte nach drei Stunden seine Arbeit getan und Betty bedankte sich sehr und bewirtete ihn noch mit einer Tasse Kaffee und Kuchen. Dann konnte sie den Schrank einräumen. Der Einzug hatte sich um die zwei Jahre verzögert. Es hatte eine Ursache, im System begründet.