Erzählung (W)Ende für beflügelte Jahresendfiguren 12.10.00 II

Wir lernten konservativ zu leben und zu denken. Wir lernten ordentliche Menschen zu sein, die sich anzupassen hatten. Grenzen wurden schnell erreicht, wenn man sich individuell entfalten wollte.

von Susan Hehnel

Kapitel II

Ich sitze mit Student Peter am Fenster und sehe heuer den Fackelumzug der verkleideten Nachwende-Kinder. Nachbarskind Pauline ist auch dabei. Es ist bereits am späten Nachmittag dämmrig. Die goldgelben Blätter glänzen durch den gefallenen Nieselregen und mit Kerzen beleuchtete Fratzen werden herumgetragen. Es ist Halloween. Diese neue Fest, die Nacht der Hexen, Gespenster und der ausgehöhlten Kürbisse haben die Kinder sehr schnell angenommen. Pauline, unserer fünfjährigen Nachbarin macht dieser Halloween höllischen Spaß. Der Brauch stammt aus dem Keltischen. In den USA wurde er kommerzialisiert.

Nun ist er zu uns herübergeschwappt. Pauline geht als Hexe verkleidet, sie trägt beim Umzug ein Lampignon vor sich, sie tanzt und schunkelt nach der Musik der Begleitkapelle. Diesmal ist Mutti neben Pauline, das ist etwas Besonderes. Ansonsten kümmert sich Oma um die Kleine. Sie holt das Mädchen mit dem Pferdeschwanz täglich vom Kindergarten ab. Weil die Mutter des Mädchens länger arbeitet, als der Kindergarten geöffnet hat. Da erinnere ich mich heuer wehmütig an die Zeiten, als die Mütter im System bessere Bedingungen vorgefunden hatten. Kindergärten gab es genug und sie hatten lange Öffnungszeiten. Zudem kostete ein Kindergartenplatz im Monat ein für jeden erschwingliches Entgelt. So wurde es den Muttis damals leicht gemacht, berufstätig zu sein.

Peter wollte wissen, wieso fast 90 Prozent der Mütter im System trotz Kleinkinder arbeiten gegangen sind. Nach dem Baby-Jahr mit Peter, hielt es Betty als Mutter vom Kleinkind nicht mehr länger "am eigenen Herd", sie wollte wieder arbeiten gehen. Deine Mutter wollte nicht mehr zu Hause bleiben, berichtet Betty, und mehrere Kinder wollte sie auch nicht. Einmal trug sie zum Familienbudget bei und sie dachte sich zu bestätigen durch die Arbeit. Die Nachbarin, die eine andere Lebensplanung hatte, bekam insgesamt fünf Kinder und blieb zu hause. Die merkte bald, dass sie als Exotin behandelt wurde.

Wieso? Wurde das nicht von den Nachbarn oder vom System toleriert? Eigentlich nicht. Abweichungen vom üblichen Lebenslauf traten selten auf, wir lernten wir konservativ zu leben und zu denken. Lebensweisen wie die der Nachbarin, also außerhalb dieser Norm, wurden vom System misstrauisch beäugt und nicht gern gesehen. Warum hat die Nachbarin trotzdem ihre Kinder selbst erzogen und nicht in einen der Kindergärten gegeben? Die mehrfache Mutter sah einen Sinn darin, ihre Kinder selbst aufzuziehen und verzichtete auf ihre Berufs-tätigkeit. Sie wollte ihren Kindern all das beibringen, was ihr wichtig war. Sie wollte für die Kleinen keine Beeinflussung durch das System. Sie musste sich dabei aber auf manche Unbequemlichkeit einrichten, genauso wie jene, die auf einer kirchlichen Erziehung bestanden haben.

Betty hatte in den 70ern wieder zu arbeiten begonnen und sie fühlte sich gar nicht unwohl bei ihrem Tun, trotz der Doppelbelastung. Auch konnte sie in ihre alte Abteilung zurück, zu ihren Kollegen und dem gewohnten Umfeld. Sie konnte mitarbeiten an dem wirtschaftlichen Fortschritt, der bereits damals begonnen hatte zu stagnieren. Insgesamt bedeutete das für Betty, jeden Tag sehr früh aufstehen und eine lange Strecke zur Kinderkrippe zurücklegen, bevor sie im Betriebsbus zur Arbeit befördert wurde. Vorher aber an der Pforte der Kinderkrippe oder am Kindergarten spielten sich Tragödien ab, das läßt sich denken. Nicht jeden Tag ging es ohne Tränen und Widerstand ab, wenn Betty ihren Peter in der Kinderstätte abgab. Und nach der Arbeit im Betrieb wartete auf sie ein Alltag mit Windeln waschen, einkaufen und putzen.

Betty erzählt, wie sich das System in Europa festigte. Unser Staatsratsvorsitzender Honecker mitsamt der Regierung triumphierte, weil viele Länder die DDR anerkannten. Nachdem die Regierungen das Viermächte-Abkommen unterschrieben hatten, war der Weg frei zur KSZE. An dieser für Europa wichtigen Konferenz durfte auch unser System-Chef teilnehmen. Peter wollte wissen, ob es uns im System eigentlich egal war, dass wir nicht in den Westen reisen durften. Nicht wirklich! Wir versprachen uns Erleichterungen, als beispielsweise der damalige Bundeskanzler Willy Brandt die Stadt Erfurt besuchte. Begleitet hat ihn der Ministerpräsident des Systems Willy Stoph. Brandt sprach zu den Menschen, die ihm zujubelten. Kurios erwies sich dabei, dass die begeisterte Menge im Sprechchor „Willy, Willy“ rief und keiner wusste genau, wer gemeint war. Zahlreiche Schutzengel im Ledermantel waren zu der Kundgebung anwesend. Wie war damals die Stimmung in der Bevölkerung?

Na es waren ja trübe Aussichten, denn Reformen waren zwar notwendig, aber sie wurden im Keim erstickt, so geschehen in der benachbarten Tschechoslowakei. Der Aufstand in Prag, bei dem es um dieselben Dinge ging, den hatten sowjetische Militär-Truppen gerade gestoppt. Das sollte uns eine Lehre sein. Wir stellten uns vor, wie es gewesen wäre, hätte der Aufstand in Berlin oder Leipzig damals stattgefunden. Aber das kam erst zwei Jahrzehnte später. In jener Zeit herrschte bei uns im System das konservative Erziehungsmodell vor. Disziplin und Ordnung, Betragen und Höflichkeit waren die Maximen. Wir als Kinder erhielten in Schule und Kindergarten eine Erziehung zu ordentlichen Menschen, die sich anzupassen hatten. In der Ganztagsschule mit dem Hort und im Kindergarten waren die Kleinen gut aufgehoben. Meist von 6 Uhr bis 18 Uhr während die Muttis arbeiten gingen. Es gab für Schichtarbeiterinnen sogar Einrichtungen, wo die Kleinen über Nacht dort bleiben konnten. Die meiste Zeit des Tages verbrachten die Kinder in den Einrichtungen und es gab Möglichkeiten, die Zeit mit Spiel und Sport zu vertreiben. Zu vorderst entwickelte sich der Gemeinsinn und wie man sich anpassen konnte. Meist wurde von oben bestimmt. Die Menschen wähnten zwar dass sie bisweilen demokratisch abstimmen durften, aber nicht bei wichtigen Dingen. Wer sich individuell entfalten wollte, der stieß beizeiten an seine Grenzen.

Peter, das erste Kind von Melanie und Franz, war in den 70ern ein Prachtbursche, er wuchs heran und er stellte den Mittelpunkt der Familie dar, bis die Schwester das Licht der Welt erblickte. Soweit ich mich erinnere, zog mein Neffe Peter Ende der 70er gern mit Laterne in der Dunkelheit um die Häuser. Das war im Spätherbst. Und die Weihnachtsfeiern im Betrieb begannen: Sie zählten zu den wichtigen Ereignissen, die uns Kinder der Beschäftigten des Großbetriebs, in dem Mutter arbeitete, beschert wurden. 5000 Beschäftigte zählte der Großbetrieb damals. Jede Woche fand eine Weihnachtsfeier für tausend andere Kinder statt. Alles lief in Etappen ab, weil wir eine große Kinderschar waren, die mit Geschenken bedacht werden sollten. Unsere Kinderaugen glänzten jedes Mal zu Beginn der Feier, als das Märchenspiel mit Feen, Weihnachtsengeln, Riesen und anderen Märchenfiguren aufgeführt wurde. So durften wir Kinder obligatorisch im großen Kinosaal einfinden. Trubel herrschte dann auch bei der Vergabe der Geschenke. Der Weihnachtsmann ging herum und übergab jedem Kind ein Geschenk. Später eilten wir Kinder eine Treppe hinauf in den kleinen Saal an die festlich mit Kakao und Stollen geschmückten Tische, vorbereitet wurden die Geschenke und die Tische von den Frauen des FdGB, der Gewerkschaft. Leider hatten die Funktionäre später diese beliebten Weihnachtsfeiern ebenso rationalisiert, wie man das überall tat. So gab es dann Gutscheine, die im Spielwarengeschäft oder bei den Konfektionskaufhäusern eingelöst werden konnten. Die System-Machthaber hatten für ein paar Wochen im Jahr dafür gesorgt, dass es dort genug Spielzeug und Kinderbekleidung zu kaufen gab.

Zuletzt aktualisiert: 14. August 2004, 14:27 Uhr