Erzählung (W)Ende für beflügelte Jahresendfiguren 12.10.00 III

Von Perlonstrümpfen und Petticoats zur Tanzstunde konnten wir nur träumen. Wir tanzten nach strengen Etiketten, aber nebenbei sickerte auch die Musik der "westlichen Dekadenz" zu uns herüber. Und dann die Jugendweihe mit alle den schönen Westsachen. Rosi ging mit Mutter in den Intershop, wo es herrlich nach West-Waschmittel roch.

von Susan Hehnel

Kapitel III

Heuer sitzen Jenny und ich nach dem Besuch an Omas Grab noch bei einer Tasse Tee zusammen. Jenny besucht mich oft und wir reden über vergangene Zeiten. Oma Lydia, so berichte ich meiner Nichte, besaß damals sehr bald einen Fernseher. Bei ihr stellte sich immer viel Besuch ein. Dann, als sie Rentnerin geworden war, klagte sie manchmal über Geldsorgen. Die Mindestrente, etwa 300 Mark, reichte halt nicht weit, obwohl die Miete wie bei jedem DDR-Bürger nur ein Zehntel davon betrug. Eigentlich empfand sie die Rente als ungerecht, sie habe schließlich ihr ganzes Leben gearbeitet. Damit meinte sie im Haushalt, bei der Kindererziehung und auf dem Feld. Rente bekam sie nur für die kurze Zeit, als sie als Postbotin gearbeitet hat. Einmal hat Oma geäußert, dass die Monatsrente nicht mal für einen Wintermantel reicht. Die wenigen Altenheime, die es damals gab, waren überbelegt. Meist pflegten die Töchter zu Hause ihre Angehörigen. Die Heime litten darunter, dass sie selten renoviert oder saniert worden sind. Mietzuschüsse gab es in jener Zeit keine. Bei alledem nahm Oma Lydia regen Anteil am Leben von Enkelinnen Betty und Rosi, die gerade ihre Tanzstunde absolviert hatten.

Hattet ihr damals auch Petticoats und Nylons getragen? Von Perlon-Strümpfen und von Petticoats, diesen steifen Unterkleidern für die Mode in der Zeit, konnten Betty und ich nur träumen. Jene, die wir im System erwerben konnten, entpuppten sich als bieder und mit langweiligem Schnitt. Euer Besuch in den 60ern in Westberlin, wie war das? Wir waren mit den Eltern noch vor dem Mauerbau in den 60ern einmal zu Besuch im westlichen Teil Berlins. Möglich war das durch die S-Bahn, die von Ost Lichtenberg nach West Bahnhof Zoo gefahren ist. Wir Mädchen hatten uns vorgenommen, einen hübschen Petticoat, diesen weiten Unterrock aus dem neuen Material Schaumgummi, zu kaufen.
Unser Vater hatte genügend Geld dabei, um seine Ost-Mark in Westgeld umzutauschen. Dafür konnten wir dann auch Beat-Musik Schallplatten ersteigern. Konntet ihr damals überall hinfahren, wo ihr wolltet? Das Verhältnis der beiden deutschen Staaten war in jener Zeit unterkühlt. Walter Ulbricht, der Regierungschef, untersagte damals den westdeutschen Ministern die Durchfahrt nach West-Berlin. Und Westdeutsche, die nach West-Berlin reisen wollten, hatten ein Zwangsvisum vorzuzeigen. Das stand nicht im unmittelbaren Zusammenhang damit, dass vorher Georg Leber, Verkehrsminister (West) den Ausbau der Autobahnen beschlossen hatte. Das Regime unter Walter Ulbricht beschloss, dass die Partei SED die Führungskraft übernimmt und es wurde das sozialistische Eigentum in der neuen Verfassung proklamiert.

Betty und ich erlebten die Zeit, als wir ins jugendliche Alter kamen. Es gab Mitte der 60er offiziell eine Tanzstunde, ganz sittsam. Die Mütter durften auf der Empore des Klubhauses zusehen. Zum Abschlussball mussten sich alle nach strenger Etikette bewegen. Aber nebenher in den Tanzstunden sickerte doch die wilde Musik (Rock’n Roll) aus der "westlichen Dekadenz " durch bis zu uns. Spencer Davis Group und ihr "keep on runing" brachte jemand auf Schallplatte mit. Nach der Musik wurde heftig getanzt. Jaife wird es heute genannt. Die Musik hatte Pfeffer und wir tanzten sehr gern mit Überschlag. Vergessen war alle gewohnte sittsame Manier. Die klassischen Schlager der 60er im System mit Bärbel Wachholz kamen nicht mehr an. Wir schwärmten für Bill Haileys Musik, für Elvis Presley und vor allem für die Beatles. Diese Platten gab es,wenn überhaupt, nur auf dem Schwarzmarkt in Berlin. Ein bisschen Ersatz dafür sollten die DDR-Rockbands wie Puhdys, City Uwe Schikoras, die Rattles, und Karat sein. Diese Bands spielten dann für die Jugend in den Clubhäusern und wurden zum Idol. Die Kontrolle über das, was gespielt wurde, lief dann aus dem Ruder. Es war vorgegeben 40%Westschlager und 60% Ost zu spielen. Musikgruppen, die nicht opportun waren, durften nicht mehr auftreten. Dann wurden die jungen Burschen zur Armee eingezogen und an ganz unterschiedliche Orte versetzt. So hatten die System-Oberen ihr Ziel erreicht.

Betty und ihre Familie wohnten vor dem Umzug beengt in der elterlichen Wohnung und hatten bei dem Rat der Stadt einen Wohnungsantrag laufen. Dann kam der Brief von der Wohnungsbehörde, der die Verzögerung ankündigte. Es folgte eine Eingabe an den Staatsratsvorsitzenden, Betty und Franz und andere von der Wohnungspolitik enttäuschte Ehepaare beschwerten sich über die Ungerechtigkeit. Da Betty nicht zur Versammlung konnte, war ich als Schwester anwesend: Im Saal brannte die Luft.
Oben die System-Diener unten die verärgerten Nicht-Wohnungsbesitzer. Die dort oben wurden mit Fragen bombardiert und mussten die Massen besänftigen. Am Ende der Veranstaltung mussten sie klein beigeben und sie versprachen dafür zu sorgen, dass der Bau eines weiteren Blocks im Folgejahr in der Heimatstadt forciert wird. Auf die Frage, wieso es zu der Verzögerung kam, hatten sich die System-Diener gewunden. Die Wohnungen habe man vorzugsweise an Bürger vom Zollamt und von der Bereitschaftspolizei vergeben müssen. Auf Franzens Frage, ob die hier Anwesenden nicht auch dringend die Wohnungen gebraucht hätten und wieso es da Bevorzugte gäbe, gaben die Oberen keine Antwort. Die Anzeichen, dass Ende der 70er der Polizeistaat unter der neuen Honecker-Regierung gewachsen war, mehrten sich. So zeigten sich gewisse Nachteile. Der Schutzengel, der für Ordnung und Sicherheit zu sorgen hatte, erwies sich als Hemmschuh, wenn es darum ging den Bürgern ihr Bedürfnis nach einer Wohnung zu erfüllen. Betty und Franz warteten weitere zwei Jahre auf ihre eigenen vier Wände.
Und die Möbel lagerten bis zum Umzug auf dem Speicher, bis zum Umzug und bis der Service-Mann kam und sie aufbaute.

Ich sitze am Tisch und mir kommen die Erinnerungen wie schwierig es vor Jahrzehnten war, das alles zu organisieren. Frisches Gemüse gab es nur im Sommer und Obst im Herbst, ansonsten Kraut und zu Weihnachten Orangen. Da mussten wir auf das zurückgreifen, was wir selbst verarbeitet und eingefroren hatten. Pizzas hätten wir selbst anfertigen müssen, denn Italiener gibt es hier erst seit 12 Jahren. Peter erzählt von seiner großen Feier, die Jugendweihe Ende der 70er, die das Ende seiner Kindheit feierte: Mutter hatte für die Organisation der Feier unbedingt Forum Scheine gebraucht. Damit hatte es so seine Bewandtnis. Erst tauschten wir offiziell DM West, die Tante Käthe mitgebracht hatte, in diese Papierscheine. Dies Papier stellte so etwas wie Geldwertmarken dar. In den INTER-SHOPS, eine Einrichtung der System-Oberen, konnten wir dann damit Obstkonserven, Schokolade, Spirituosen, Spielzeug und andere West-Artikel kaufen. Mutter brauchte Obstkonserven für die Torten zum Fest. Da Rosi mehr Zugang zu dieser Währung hatte, half sie ihr natürlich mit ein paar Forum-Scheinen. Sie hatte durch ein kleines Geschäft Gelegenheit an West-Geld heranzukommen. Handwerker-Leistungen oder auch Dienstleistungen wurden im System oftmals mit West-Mark oder mit Forum-Scheinen bezahlt. Das konnten sich im System nur einige wenige leisten.
Rosi ging mit Mutter gemeinsam in den Intershop, wo es herrlich nach West-Waschmittel roch und die Forumscheine umgesetzt worden sind. Es gab dort all die schönen, bunten begehrten Westartikel. Alpenmich-Schokolade, Malboro, Levis-Jeans, billige Nylon-Strumpfhosen. Gerade jene Strumpfhosen kosteten im System das siebenfache. Das rieche hier so anders, bemerkt Mutter und staunte über das westliche Angebot. Dann tauchte noch ein Problem auf. Woher kriegen wir festliche, moderne Kleidung für meine Feier? Im Geschäft der Handelsorganisation (HO), sie nannten es Jugendmode, wurde Kleidung feilgeboten, die nichts mit dem Namen zu tun hatte. Aber an einem bestimmten Tag im Februar verkauften sie in der Jugendmode Kleidung für Jugendliche, die extra geliefert wurde und genau deren Geschmack traf. Dann sollte es nicht die üblichen Ladenhüter der Handelsorganisation sein. Extra aus dem Nichtsozialistischen Ausland hatte die System-Oberen moderne Jugendkleidung herankarren lassen. In Zweierreihen standen wir dann vor der HO an, etwa zwei Stunden lang in der Kälte. Es wurden schubweise drei bis vier Jugendliche mit ihren Familien vorgelassen. Dann begann das große Wühlen.Mutter schnappte sich Anzugjacke, Rosi die Hose und ich probierte an. Dann an der Kasse mussten Rosi und Mutter tief in die Tasche greifen. Noch war Mutter nicht ganz entnervt, es erwartete sie noch einiges an Schwierigkeiten, bis sie die gesamte Organisation gemeistert hatte.

Für das "Sonderkontingent " zur Jugendweihe, herrschte die Verkäuferin in der Kaufhalle meine Mutter an, bräuchte sie den Jugendweihe-Bezugsschein. Der müsse von Stadtrat bestätigt sein. Dieser berechtigte dann die Kundin unter anderem Tomaten-ketchup, Ananas-Büchsen und Spargel zu kaufen, was sie für die Feier benötigte. Mit Rosis Unterstützung konnte Mutter natürlich rechnen. Schwägerin Renate verstand es ausgezeichneten Kuchen zu backen, so trug sie ihren Part zum Gelingen des Festes bei. Nur die Zutaten hatte Betty zu organisieren. (Intershop oder Delikat). Nun war es an der Zeit auch Tante Käthe aus Hamburg einzuladen und die anderen (unwesentlicheren) Gäste, die nicht aus der "BRD" kamen. Tante Käthe gehörte zwar nicht unbedingt zu den liebsten Verwandten, aber da zu erwarten war, dass sie Geldscheine aus dem westlichen Deutschland als Geschenk mitbrachte, durfte sie gern kommen. Mutter telefonierte überall herum nach einem Nacht-Quartier für die Tante. Es gab Ende der 70er zwar Hotels, aber Pensionen konnte Mutter in der ganzen Kleinstadt nicht finden.

Den Eid auf die sozialistische Verfassung im System legten die Jugendlichen während der offiziellen Feier im großen Saal ab. Für die Offiziellen der Jugendweihe, wie Lehrer und Parteisekretäre, stellte dies den wichtigste Teil dar, aber die Jugendlichen interessierten sich für ganz andere Dinge. Sie wollten wissen, welche Geschenke mitgebracht wurden und wieviel Geld zusammenkam. Und es interessierte sie, wo sie sich nach der Feier, die Betty für die Gäste so mühsam organisierte, im Kreise ihrer Klassenkameraden treffen konnten. Nachdem die drei Musiker das Eröffnungsstück gespielt hatten, rief die Schuldirektorin die Jugendlichen namentlich auf und sie mußten auf die Bühne. Im feierlich geschmückten Saal erhielten sie dann ihre Blumen und das Buch "Weltall, Erde, Mensch". Dies überreichten die adrett gekleideten Erstklässern, die ein weißes Hemd und ein blaues Halstuch trugen. Diese Buch sollte ein Leitfaden sein, der für systemtreue Jugend gedacht war. Meist, so auch bei uns, landete das Buch auf dem Speicher. Beim Hinabtreten von der Bühne mußte so manches Mädchen darauf achten, dass sich ihr langes Kleid nicht verfing.

Es kam der gemütliche Teil des Tages, jener, der so mühsam vorbereitet worden war. Neidlos muss ich eingestehen, dass die Feier insgesamt vortrefflich gelang ,jeder Gast kam auf seine Kosten, ob beim kulinarischen oder musikalisch beschwingten Teil. Vater Franz hielt eine Rede und nach dem Festmahl schwangen Tante Käthe, Opa Friedrich mit Oma Lydia und die anderen das Tanzbein. Der bestellte DJ sorgte für die Stimmung unter den Gästen. Für mich, den Gefeierten, endete dieses Ereignis Ende der 70er damit, dass ich die Norm der Erwachsenen nicht schaffte, jedenfalls überanstrengte ich meinen Magen, der sich dann rächte. Nun muss ich insgeheim froh sein, dass ich einen Schutzengel hatte beim Nachhauseweg. Danach hatte ich noch zwei Jahre die Schulbank gedrückt und ging nach dem Realschul-Abschluß zur Lehre drei Jahre in den Chemiebetrieb.

Zuletzt aktualisiert: 14. August 2004, 14:31 Uhr