Autobiographische Erzählung Der Ernst des Lebens

von Marita Greßler

Ich wurde 1951 in einem kleinen Städtchen in Thüringen geboren. In der damaligen DDR war es ganz normal und erforderlich, dass beide Elternteile arbeiteten. Also kam ich frühzeitig in einen Kindergarten, in einen betriebseigenen Kindergarten. Ich war sehr gerne dort. Es waren viele Räume mit sehr vielen Spielsachen, ein großer Garten zum turnen und toben und sehr liebe Kindergärtnerinnen, die uns den ganzen Tag betreuten, mit uns spielten und sangen. Unsere Eltern brauchten sich keine Sorgen machen, wir waren gut aufgehoben.

Dann war es endlich soweit, der große Tag der Schuleinführung, die erste wirklich große Feier nur für mich. Wie freute ich mich auf meine Zuckertüte, die riesig war, ich konnte sie kaum tragen. Ich glaube, das war das allerwichtigste für mich und alle anderen Schulanfänger. Und an diesem Tag kam zum ersten Mal der Satz von meinen Eltern, nun beginnt der Ernst des Lebens. Ich war gespannt darauf und fühlte mich schon sehr groß.

Ich habe ihn aber nicht gesehen, den Ernst des Lebens. Viele neue Freunde lernte ich kennen und eine Menge neuer Dinge wie Lesen und Rechnen stürmten auf uns ein. Aber es war spannend und der Spaß kam auch nicht zu kurz. Am schönsten waren natürlich die Pausen und die Ferien für mich, sicher auch für die anderen Kinder. Als Jung und Thälmannpioniere unternahmen wir viele gemeinsame Ausflüge und feiern konnten wir, alles wurde gefeiert, Fasching, Ostern, Pioniergeburtstag, Tag der Republik sogar den Frauentag, an dem unsere Muttis geehrt wurden, feierten wir mit.

Kam ich mal mit einer schlechten Note nach Hause, hatte ich schon etwas Angst, vielleicht kam jetzt der Ernst des Lebens? Aber meine Mutti schimpfte nur etwas und ich versprach mich zu bessern. Bei jedem neuem Schuljahr nahm ich mir das vor, aber das Jahr war so schnell vorbei und ich bangte um die Noten und vor dem Ernst des Lebens.

Dann kam das achte Schuljahr, endlich, ich wurde in die FDJ aufgenommen, konnte endlich das Halstuch ablegen und trug mit Stolz das blaue Hemd, wie alle meine Freunde und vor allem, jetzt hatte ich Jugendweihe, ich glaubte, das ist der schönste Tag in meinem jungen Leben. Ich war kein Kind mehr. War ich stolz. Und genau an diesem, meinem wichtigsten Tag, kam der Satz meiner Eltern wieder, nun beginnt der Ernst des Lebens. Ich war gespannt, bis jetzt hatte ich ihn noch nicht kennen gelernt. Wie wird der wohl aussehen, das dachte ich mir so manches Mal.
Die Schule ging weiter, viel Neues stürmte auf mich ein, es gab viel zu lernen, aber der Spaß kam auch nicht zu kurz.
Jetzt war ich ja erwachsen, was sollte mir schon passieren! Dann kamen die Abschlussprüfungen der 10. Klasse. Aufgeregt und mit klopfenden Herzen stellte ich mich dieser schweren Aufgabe, hatte ich doch wie verrückt gelernt. Hoffentlich auch genug, oder besser, hoffentlich das richtige. Jetzt wird er wohl kommen, der Ernst des Lebens? Nein, ich habe bestanden und mit mir alle meine Freunde. Wir jubelten und feierten, denn wir sahen uns zum allerletzten Mal.

Mütter!

Ein neuer Abschnitt begann, die Lehre. Jeder lernte etwas anderes und jeder bekam auch damals eine Lehrstelle. Um solche Dinge brauchten sich die Eltern und Schüler keine Sorgen machen. Als hätte ich darauf gewartet, genau mit dem Start der Lehre, kam auch wieder der Spruch von meinen Eltern, jetzt beginnt der Ernst des Lebens. Die Lehrjahre waren anstrengend aber sehr schön, mitunter sogar lustig.

Ich lernte den Beruf der Fachverkäuferin für Haushaltchemie und in diesen Geschäften verkaufte man auch Kondome. Bisher hatte ich mir nicht so viel Gedanken darüber gemacht und kannte auch noch nicht alle Ausdrücke dafür. So kam eines Tages ein Mann in die Drogerie und verlangte bei mir und das im Flüsterton, Gummischutz. Wobei ich ganz überzeugt davon war, er hat Gummischürzen verlangt. Also legte ich ihm verschiedene Schürzen vor und konnte seinen überraschenden Gesichtsausdruck überhaupt nicht verstehen. Als er das Missverständnis auflöste, wurde ich puderrot und verschwand unter der Ladentheke. Ein wirklich peinlicher Vorfall, aber auch so etwas gehört zum Erwachsenwerden. Ansonsten bereitete mir das Lernen wirklich Freude und es gab auch noch das eigene Geld.

Ich lernte wieder nicht den Ernst des Lebens kennen. Dafür aber einen süßen Jungen, Mann, war ich verliebt. Wir hatten eine schöne Zeit, heimlich Spaziergänge, Kinobesuche und ich durfte sogar zur Disco, so nannte man die nachmittags Tanzveranstaltungen. Dann trennte uns die Pflicht der Einberufung, mein Schatz muss zur Armee, so ein Mist. Er ging nicht gerne, aber es musste sein. Die lange Zeit trennte uns nicht, wir schrieben uns die Finger wund, jeden Tag schrieb ich einen Brief. War die Schule doch für etwas gut.

Auch diese Zeit des Wartens ging vorbei und wir waren wieder zusammen. Schnell beschlossen wir zu heiraten und gingen gleich aufs Wohnungsamt, um eine kleine Wohnung für uns zu beantragen. Wir waren so naiv zu glauben, wenn wir kommen, dann klappt das auch. Pustekuchen, Antrag abgelehnt, erst einmal heiraten, dann wiederkommen, war die Antwort. Na gut, dann heiraten wir eben gleich, wir lassen uns nicht unterkriegen. Und genau an unserem Hochzeitstag kam der Spruch meiner lieben Eltern, auf den ich nun eigentlich nicht mehr gewartet hatte, war ich doch nun wirklich erwachsen. Jetzt beginnt der Ernst des Lebens.

Wir waren glücklich, hatten beide den Ernst des Lebens immer noch nicht kennen gelernt und bekamen tatsächlich durch gute Beziehung, die brauchte man bei allem, was man vor hatte, eine eigene Wohnung und dann auch noch einen prächtigen Sohn, aber der hieß auch nicht Ernst.

Die Jahre fliegen nur so dahin, schon über 30 Jahre. Unser Sohn hat gerade seiner Braut das Ja Wort gegeben und was, glaubt ihr, sage ich zu ihm? Nun beginnt der Ernst des Lebens für euch.
Mütter!!! Mütter wünschen ihren Kindern, dass sie nie den Ernst des Lebens kennen lernen müssen. Jeder muss versuchen aus der jeweiligen Situation das Beste zu machen und keiner will wirklich den Ernst des Lebens kennen lernen.

Zuletzt aktualisiert: 26. August 2004, 11:52 Uhr