Bericht Meine Lehrausbildung bei der DEWAG

Der Schrift- und Grafikmaler wurde unentbehrlich in der politischen Werbelandschaft der DDR. Die DEWAG-Schule war die einzige Berufsschul-Einrichtung ihrer Art in der Republik. Besonders gefragt waren die Werbeabteilungen am 1. Mai, dann galt es die etwa 50 Leitsprüche vom Politbüro werbewirksam auf Plakate und Transparente zu bannen.

Ein neuer Zeitgeist für den Staat

"Schrift- und Grafikmaler" -so lautete meine Berufsbezeichnung -der Kürze halber SGM. Dieser Beruf hatte als solcher zu "meiner Zeit" noch keine sehr lange Tradition, nannte sich früher noch SPM, Schrift- und Plakatmaler, und rekrutierte sich aus den schon länger bestehenden und artverwandten älteren Berufen wie Gebrauchswerber, Kino- bzw. Kulissenmaler oder Dekorateur. In der gesamtdeutschen Landschaft nennt man die Vertreter dieses Gewerks heute "Schilder- und Lichtreklamehersteller".

Man hegte staatlicherseits die Absicht, mit der neumodischen Wortschöpfung "SGM" eine niveauvolle Grundlage für die politische und wirtschaftliche Werbung aufzubauen. Der "Konsumdekorateur" der fünfziger Jahre mit altbackenem Berufsbild sollte ein für allemal ausgestorben sein. Aus bescheidenen Anfängen heraus entstand somit ein Gewerk, welches für die vorrangig politische Werbelandschaft der Deutschen Demokratischen Republik immer unentbehrlicher wurde und dessen fachlichen Anforderungen immer weiter in die Höhe geschraubt werden sollten. Der Staat brauchte neuen Zeitgeist, wollte auch grafisch nicht zurückstehen und forderte deshalb gut ausgebildete Leute auf dem gestalterischen Gebiet.

Jedoch: Von der Arbeitsproduktivität, der materiellen Vielfalt und den technischen Voraussetzungen des so verteufelten Kapitalismus in derselben Branche waren wir im Osten noch die sprichwörtlichen Lichtjahre entfernt.

Die DEWAG immerhin -die am 1. Oktober 1945 nach Erteilung einer SMAD-Lizenz in Dresden gegründete "Deutsche Werbe- und
Anzeigengesellschaft" - entwickelte sich fortan zum uneingeschränkten Werbemonopol der SED. 1949, im Gründungsjahr der DDR, nach Berlin als den politischen und wirtschaftlichen Hauptsitz der neuen deutschen Republik verlegt, wurden in Folge weitere DEWAG-Hauptstellen in acht Bezirken der DDR geschaffen. Diese wiederum verwalteten ihrerseits eine oder zwei Bezirksstellen, so dass jeder der 15 DDR-Bezirke eine solche Einrichtung besaß.

In meiner Heimatstadt Suhl gab es eine Filiale der DEWAG-Werbung, -eher eine bescheidene Verkaufseinrichtung von Propagandamaterialien- die der DEWAG-Werbung Erfurt untergeordnet war.
Die DEWAG war also ein reiner politischer Werbebetrieb und unterstand unmittelbar der Abteilung Agitation des Zentralkomitees der SED, denn Wirtschaftswerbung spielte zumindest bis Ende der 70er Jahre nur eine ausgesprochen untergeordnete Rolle.

Es wurde nur für solche Dinge Werbung betrieben, die mit den Ideen und Zielen der Partei- und Staatsführung übereinstimmten. Fachlich unbeschlagen diktierte ein verknöcherter Clan der Partei in kleinkariertem Denken aber großspuriger Manier die seiner Meinung nach richtigen Gestaltungselemente jener Grafikergilde vor, die diese dann resignierend auszuführen gezwungen war. Für selbst den politischen Richtlinien der Partei entsprechende, aber eben eigenständige, andere, frische Kreationen war absolut kein Platz. Wenn also in der DDR Großveranstaltungen oder politische Angelegenheiten im Zusammenhang mit Werbung und Gestaltung anstanden, war immer auch der Name DEWAG in irgendeiner Form mit im Gespräch.

Werbung in der DDR

Werbung in der DDR hieß meiner Einschätzung nach etwa zu 75 Prozent Werbung für die sozialistische Gesellschaft. Von der betriebsinternen Aktivisten, Wandzeitung bis zur werbeseitigen Absicherung, über regionaler Staatsfeiern und Zentralkundgebungen, 1.Mai-Demos aber auch politisch getragenen Kultur- und Sportveranstaltungen war alles vertreten. Politisch visuelle Werbung war das A und 0 in diesem Lande. Wo in der westdeutschen Republik mannshohe Coca-Cola-Reklame eine Giebelwand zierte, hing im sozialistischen deutschen Staat mit Sicherheit ein rot-weißes Transparent, welches beispielsweise die "unverbrüchliche Freundschaft zur brüderlichen Sowjetunion" weithin proklamierte oder die Steigerung der Arbeitsproduktivität der Betriebskollektive anregte.

Die restlichen 25 Prozent galten dem normalen Aufkommen an Wirtschaftswerbung, wie zum Beispiel der Beschriftung von Firmenautos, der Ausstattung von Betriebsveranstaltungen oder VKSK- und Züchtermessen und ähnlichen "unpolitischen" Sachen. Doch auch die äußere Gestaltung eines Sommerfestes oder Weihnachtsmarktes, das Geschäftsschild an der Hausfassade eines Ladenbesitzers "Obst- und Gemüse-Meyer" - auch das war, wer möge es bestreiten, Werbung, ganz klar. Und auch diese Dinge mussten von den Fachleuten, den Schrift- und Grafikmalern, hergestellt werden.

Ohne Werbung, zumindest dieser wirtschaftlichen Art, lief es also auch nicht, während die andererseits überall in jeder Stadt, jeder Gemeinde, jedem noch so kleinen Bahnhof oder Betrieb, an fast jeder Straßenecke präsentierenden Aufsteller mit politischem Inhalt die Bürger kaum noch für sich einnehmen konnten; eben weil diese Plakate in ihrer Masse übermächtig und erdrückend wirkten. Man meinte wohl seitens der Parteiführung, je mehr sozialistische Sprüche zu sehen, je größer die Tafeln bemessen seien, um so staatstreuer würde sich das Volk erweisen.

Dem war natürlich nicht so; das funktionierte nicht und bewirkte eher das Gegenteil. Selbst in unseren Berufskreisen teilte man sich die Meinung, dass weniger (politische Werbung) manchmal doch mehr sei.

Auch Wortklaubereien waren ab und zu Gegenstand eines allgemeinen Kopfschüttelns in unserer Abteilung, wie das Beispiel des zu gegebener Zeit überaus häufig strapazierten Spruches "Dem X. Parteitag der SED entgegen!" zeigen soll: Eines Tages erreichte uns die zentrale Weisung, das Wort "entgegen" dürfe auf den Transparenten in diesem Zusammenhang nicht mehr benutzt werden; "entgegen" enthielte ... gegen, und gegen bedeute doch eigentlich Widerstand. Ergo: Widerstand gegen Partei und Staat - der Bürger könne das so interpretieren. Freilich gab es dazu im gleichen Atemzug verbindliche Order für Sinn entsprechende neue, präziser formulierte Losungen.

Das waren eben solche Dinge, die sich bei mir eingeprägt haben, und die besonders deutlich zeigten, wie festgefahren, eng und haarspalterisch in dieser Beziehung von unseren Politikern gedacht wurde.

Werbung bedient, selbst nur als Wort, immer auf irgend eine Weise das Klischee des schillernden Kapitalismus und des übersättigten Wettbewerbsmarktes. Etwas, was so gar nicht zum sozialistischen Staat passen wollte. In der Planwirtschaft galt wirtschaftliche Werbung in verstärkt anpreisender Form als nicht notwendig, hatte mehr oder weniger den Ruf, Relikt einer zum Untergang verurteilten, auf den totalen Konsum, das totale Erleben ausgerichteten
Verbrauchergesellschaft zu sein.

Nicht von ungefähr wurden deshalb die Werbespots des DDR-Femsehfunks, den Älteren vielleicht noch bekannt als die neutral betitelten "Tausend Tele-Tips", im Jahr 1976 nach wenigen Jahren Sendezeit wieder eingestellt. Für Kenner der Szene eigentlich schade, weil auch diese Spots mit ihren Stilmitteln und ihrer Textgestaltung ein Stück DDR-Kulturgeschichte verkörperten, ja sie können, wie ein jeder andere (kapitalistische) Reklameclip auch, in gewissem Maße künstlerischen Anspruch erheben.

Denn trotz allem verkörperte auch die TV- Werbung des Ostens einen nicht zu negierenden Teil der Politik des Landes DDR, die die Entwicklung seiner Gesellschaft auch dahingehend sichtbar machte. Doch die DDR-Medien-Allmächtigen entschieden anders.

Improvisation, kreatives Mitdenken und geschickte Hände

Produktwerbung sollte der Bürger nicht nötig haben müssen. Außerdem war es nicht unwahrscheinlich, dass mit der Herstellung dieser Werbefilme natürlich auch Kosten verbunden waren, die sich im Endeffekt für den Staat nicht auszahlten. Denn die Bevölkerung behauptete, sicher nicht zu Unrecht, dass man ja für Konsumgüter nicht zu werben brauche, die man sowieso nicht oder nicht ausreichend kaufen konnte. Zum Beispiel gab es zu Anfangszeiten einen mit Stolz geschwängerten Werbefilm für den "wendigen, robusten Trabant 601", für den, Jahre später, der normale, nicht privilegierte DDR-Bürger zwischen zwölf und fünfzehn Jahren Wartezeitraum auf sich nehmen musste.

Und ich? - Wählte also einen Werbeberuf!
Ein Beruf, der immerhin eine Tendenz zum Aufstreben erkennen ließ. Eine Absurdität zu den zuvor geäußerten Bemerkungen? Bestimmt nicht. Die Deutsche Demokratische Republik brauchte -siehe oben - diese Werbung für sich selbst, für ihr Staatswesen, nicht zuletzt für ihr internationales Ansehen.

Dazu aber musste sie zuverlässige Fachleute bei der Hand haben, welche die staatlicherseits heraus gebrachten, nie versiegenden und immer neu erscheinenden Parolen visuell werbewirksam und bombastisch umsetzen konnten. Einer unserer Lehrer in der Berufsschule verstieg sich gar zu der denkwürdigen Bemerkung, unsere Tätigkeit sei neben den Aspekten des Handwerks und der Kunst vorrangig (!) eine politische. Die DDR erhob für sich selbst den Anspruch, ein moderner, leistungsstarker Industriestaat zu sein. Daher also wurde unsere verschwindend kleine Berufsgruppe - geführt als Handwerks-, nicht als Künstlerberuf - gefördert und mit den dem Staat zur Verfügung stehenden Mitteln solide und hart genug ausgebildet.

Gerade der Mangel an geeigneten Materialien und Werkstoffen, das Nicht- oder nicht ausreichende Vorhandensein von bestimmten Arbeitsmitteln ließen in unserer Tätigkeit nicht allzu viele Möglichkeiten offen. Trotz alledem musste solide und haltbar gearbeitet werden. Und das machte nicht zuletzt eine handwerkliche Perfektion aus. Nicht Maschinen und Apparate dominierten, sondern es waren häufig Improvisation, das kreative Mitdenken und vor allem das Geschick der eigenen Hände gefragt. Frei Hand eine 40 Zentimeter große Wortzeile mit einem Ringpinsel so exakt zu malen, dass es dem Auge des Betrachters nicht weh tat, dass man diese ohne Scham der Öffentlichkeit darbieten konnte, das musste von den Vertretern unseres Gewerks einfach beherrscht werden.

Exakter und schneller freilich tat es nach der Wende die Maschine, der Computer. Und "steriler" eben auch. Eine handgemachte Arbeit aber trug eine Seele in sich; war so individuell wie die Person selbst, die sie gefertigt hatte. Wenn man drei Leute das selbe Wort in der seIben Schrifttype malen ließ, war das zwar gleich, doch nicht hundertprozentig identisch. Erfahrene Profis, die ihre Akteure kannten, sahen sofort, wer welche Buchstaben geschrieben hatte. Und heute? Da werden sogar oft genug -falls man sich angesichts Telefon und SMS überhaupt noch die Mühsal leistet -private Briefe mit dem Computer geschrieben, unpersönlicher geht's fast nicht mehr.

Arbeitsbedingungen

Nach der gesellschaftlichen Wende lief verständlicherweise die ökonomische Seite der politischen den Rang ab. Schließlich mussten weder eine ganze Menge staatlich verordneter 1.Mai-Spruchbänder noch umfangreiche Ausstattungen von groß aufgezogenen FDJ- und Pioniertreffen oder Ehrenparaden hergestellt werden. Stattdessen begann dann auch im bis dato unbedarften Osten die Hoch-Zeit für teils überdimensionierte, bislang für uns in dieser Form völlig ungewohnte Konsumgüter-Reklame: visuelle Ankündigungen von Service- und Dienstleistungsangeboten; es dominierte die Produktion von Betriebs- und Firmenschildern sowie ganz massiv die Fahrzeugbeschriftungen.

Hieran war besonders der Umschwung wohl am deutlichsten zu spüren: Fahrzeuge aller Art, die als rollende Werbeträger mehr und mehr das vormals etwas graue ostdeutsche Straßenbild farblich bereicherten. Neue Werkstoffe und Arbeitsmittel hielten Einzug: Allen voran Computerhard und -software, Schneidplotter, Scanner, Farb- und Laserdrucker, Kopierer und und und. Statt schwergewichtiger Holzwerkstoffe nutzte man die viel vorteilhafteren Kunststoff- und Piacryltafeln als Werbeträger, welche mit selbst haftender Klebefolie in allen erdenklichen Farbtönen sauber, exakt und vor allem im Nu beschichtet wurden.

Freilich sollte nach Angaben unserer Berufsschullehrer die Berliner DEWAG über einen Folieschneidplotter schon zu DDR-Zeiten verfügt haben. Von diesem Gerät wurde uns gegenüber wie von einem Heiligtum gesprochen und keiner konnte sich vorstellen, wie ein solches ausschaute, geschweige denn funktionierte.

Dass aber in der Hauptstadt der DDR als dem "Schau-
fenster der Republik" mit dem unmittelbaren Nachbarn Westberlin alles ein wenig besser, größer und exklusiver als in der Provinz sein musste, durfte allgemein als gegeben gelten. Ein Facharbeiter oder Meister des Schrift- und Grafikmaler-Gewerks, der irgendwann den Wunsch verspürte, einen eigenen kleinen Betrieb zu gründen, und der überdies auch die fachlichen, räumlichen und finanziellen Voraussetzungen dazu mitbrachte, konnte seine Pläne nur selten in die Praxis umsetzen.

Dies hatte auch mit einer gewissen Furcht der DDR-Staatsführung vor möglicher konspirativer Vervielfältigung und Verbreitung von staatsgefährdenden (Hetz- )Schriften etc. zu tun. Obwohl die Voraussetzungen für solcherart Tuns denkbar ungünstig waren (Kopiergeräte der modernen Generation gab es damals meines Wissens nach gar nicht), schien doch die Angst davor zu groß zu sein. Andererseits war ja allbekannt, dass die DDR das private Handwerk zumindest bis gegen Anfang der 1980er Jahre nicht gerade förderte. Auch dies war neben weiteren Problemen mit geeigneten Gewerberäumen, die meiner Erfahrung nach nur vom örtlichen Wohnungsamt als zugleich kontrollierendes Organ vermittelt werden durften, ein arger Hemmschuh für junge Existenzgründer.

Und drittens schließlich war die gewünschte Politreklame von den größeren Betrieben besser, fachmännischer und monumentaler zu machen, war vor allem aber leichter überwachbar.

Ich wurde als Lehrling im bezirksgeleiteten volkseigenen Betrieb "Ausbau und Werbung Suhl" eingestellt. Es war ein eher kleines, fast als familiär zu bezeichnendes Werk der Baubranche, das als Anhängsel eine Werbeabteilung integriert hatte. Diese Werkstatt deckte das Südthüringer Territorium werbemäßig weitestgehend ab. Ein paar kleine Privatwerkstätten in der näheren Umgebung, die sich ebenfalls der Sichtwerbung verschrieben hatten, waren eher untergeordneten Ranges und machten sich vorrangig innerhalb der wirtschaftlichen und privaten Seite nützlich.

So begann im September 1979 mein neues Werktätigenleben mit damals -ohne Pausenzurechnung -fast 44 Wochenarbeitsstunden (wir standen bereits 6.30 Uhr am Arbeitsplatz und verließen das Haus feierabends im Normalfall um 16.00 Uhr -ein knapper Neunstundentag). Meine praktische Ausbildung reichte -den damaligen technischen Mindeststandard in ostdeutschen Werbebetrieben zugrunde gelegt- vom Kaschieren, Schriftstempeln, -schablonieren, Grundieren, Farbmischen usw. über Pinselschrift-Schreiben bis hin zur Glasmalerei. Diese reine Praxis erfolgte im Suhler Heimatbetrieb.

Die Grundlagen der Theorie -weitaus mehr als ich vorweg ahnen konnte- sollte den SGM's neben natürlich auch Fach praktischer Tätigkeit in einer Betriebsschule der DEWAG vermittelt werden. Dort wurden letztendlich auch die Leistungsvergleiche und Abschlussprüfungen organisiert und durchgeführt, denn zentrale Prüfungen, die dann nach der Wendezeit über die örtlichen Industrie- und Handelskammern liefen, gab es in dieser Form nicht.

Überstunden für den 1. Mai

Meine Betriebsschule war an ein Internat angegliedert, denn wie allgemein üblich verteilte sich der theoretische Unterricht über mehrere Lehrgängen pro Ausbildungsjahr. Die DEWAG-Schule war die einzige Berufsschul-Einrichtung ihrer Art in der Republik, die Sichtwerbeschmiede der DDR gewissermaßen. Sie befand sich von meiner Warte aus betrachtet nicht gerade um die Ecke sondern einige Kilometer nördlich von Berlin, in der Ortslage Wandlitz, im damaligen Landkreis Bernau, Bezirk Frankfurt/Oder.

Ob es einen tieferen Grund hatte die Werbeleute dort ausbilden zu lassen, wo quasi nebenan die Wohnsiedlung der DDR-Regierung lag oder ob die Nähe der DEWAG-Generaldirektion Berlin oder vielleicht nur die wirklich landschaftliche Anmut dieser Gegend den Ausschlag für den Schulstandort gegeben hatte, weiß ich bis heute nicht. Denn etwas außerhalb der Gemeinde, gut abgeschirmt und streng bewacht im Walde, lag die Waldsiedlung der DDR-Partei- und Staatsführung. Diese Tatsache war einem Großteil der DDR-Bevölkerung, auch mir selbst, nicht unbekannt.

Das war kein besonderes Geheimnis, es wurde allerdings auch nicht groß darüber gesprochen. Als Tabu-Zone galt das Gebiet so oder so - es hatte als abgesicherter Staat im Staate niemand weiter zu interessieren.

So kam ich 1979 in die Wandlitzer Berufsschule und träumte nicht im geringsten davon, dass zehn Jahre später ganz in der Nähe ein düsteres und nicht Beispiel gebendes Kapitel in der Geschichte der DDR zuende gehen würde. Für viele unserer Lehrlinge galt die Wandlitzer Schule -jetzt übrigens wieder ein nobles Hotel "Zur Kehlheide" wie auch schon vor der DEWAG-Zeit - als die "Werbeschmiede am A... der Welt". Übrigens wurde anfangs der 80er Jahre ein Internat nebst Schulhaus und Turnhalle sehr großzügig neu gebaut, um den nachfolgenden SGM-Generationen bessere Lernbedingungen zu bieten.

Stellt sich für mich heute die Frage, was nach der Wende aus den "Neubauklötzen" geworden ist oder ob diese wie so viele unliebsam gewordene Überbleibsel
"geschliffen" wurden, denn die Investitionen dafür waren wirklich nicht gering. Standen die bekannten Höhepunkte und Staatsfeiertage ins Haus, kam unsere Werbeabteilung ins Rotieren. Überstunden bis teils Mitternacht waren an der Tagesordnung. Der Monat April hatte mit einem Überstunden-Hoch die jährliche Spitzenposition inne. Ursache dafür war der 1. Mai, der "Kampf- und Feiertag der Werktätigen", welcher Jahr für Jahr mit großen Kundgebungen in jeder Stadt und Gemeinde begangen wurde.

Man konnte in etwa sagen: je größer ein Ort war, um so mächtiger und bombastischer gestaltete sich in der Regel die Maidemonstration. Und da hatte unsere Suhler Werkstätte, die ja als einzige kompetente Firma im näheren Umkreis bestand, wirklich vollauf zu tun. Neben den Auftraggebern vom Rat der Stadt, von SED-Kreis- und Bezirksleitung, Blockparteien, FDJ-Vorstand, Sportvereinigungen -überhaupt also von allen "Staatsorganen", gab sich bei uns während des April-Monats ein Personenkreis vom größten bis zum kleinsten Betrieb, von Schulen, Institutionen und Einrichtungen aller Art die Türklinke in die Hand.

Mit jenem Tag, an dem in allen parteigeleiteten Tageszeitungen bzw. bezirklichen Presseorganen der DDR - so etwa Ende März / Anfang April - die für das jeweilige Jahr geltenden und auch nur so und nicht anders zu benutzenden Mai-Losungen veröffentlicht wurden, ging der Run auf die Werbefirmen los. Damit war klar, dass wir mit unserer 1.-Mai-Arbeit gar nicht früher anfangen, sprich: praktisch Vorlauf schaffen konnten. Etwa 40 bis 50 Losungen und Leitsprüche wurden vom Politbüro jährlich herausgegeben, von denen sich die Betriebe "ihre" passenden herauszunehmen hatten.

Eigene "Kreationen" auf die Mai-Plakate und Transparente zu bringen, war meiner Kenntnis nach nicht möglich. Es wurde wie immer parteimäßig vorangedacht.

Apropos Maikundgebung: Wie nicht wenige Betriebe der DDR versuchte auch unsere Werkstätte ihren Angehörigen die Teilnahme an der Maidemonstration schmackhaft zu machen und das im wahrsten Wortsinn. Denn alljährlich stand pünktlich am Morgen des 1. Mai ein Grillrost nebst einem ordentlichen Fass Bier auf dem Firmenhof. Der Grill wurde, während unser Trupp Leute im Umzug brav winkend, Fähnchen schwenkend und mit der obligatorischen papiernen Mainelke im Knopfloch an der Ehrentribüne der Obrigkeit vorbeidefilierte, inzwischen von einem zurück gebliebenen Mitarbeiter angeblasen.

Nach der Demo strömten wir in die Firma zurück, wo leckere Bratwürste, Rostbrätel und ein guter Schluck Bier auf uns warteten. Gratis natürlich. Einige Mitarbeiter blieben bis in den Abend hinein auf dem Hofe. Der Rost war da zwar schon kalt, aber zu trinken gab es ja meist noch. Da es auch in unserem Betrieb nicht jeder als seine "sozialistische Pflicht" betrachtete, am Maiumzug teilzunehmen, waren Freibier und Röstfleisch ein gutes Zug- bzw. Druckmittel für Demo-Müde.

Wer essen wollte, musste auch marschieren. So einfach war also die, natürlich inoffizielle, Version. Zumindest konnte der Betrieb damit eine hohe Zahl an Kundgebungsteilnehmern "nach oben" melden. Und so eine zentrale Betriebsgrillparty blieb bei manch einem Mitarbeiter länger im Gedächtnis als der eigentliche Anlass dafür.

Ein schöner Beruf

Mein Beruf machte mir großen Spaß; ich habe nicht einmal bereut, ihn ergriffen zu haben. Mich interessierte weniger der politische bzw. agitatorische Inhalt auf den vielen von uns anzufertigenden Werbeträgern, sondern vielmehr die rein handwerkliche Seite. Das war wirklich eine Herausforderung für mich, ein sechs mal zwei Meter großes Plakat so einzurichten und aufzuteilen, dass die per Hand geschriebene Losung "Mit der Kraft des Volkes für die Sicherung des Friedens" sauber zentriert, typografisch exakt, orthografisch einwandfrei und vor allem in der Buchstabenkonstruktion untadelig erschien.

Viel technische Vorarbeit war notwendig, rechnen, ausprobieren, vorzeichnen und letztendlich
"lospinseln" und dabei aufpassen, dass man sich nicht vermalte. Gerade Letzteres war sehr wichtig. Es soll nach glaubhaften Berichten (nicht in meinem Betrieb) vorgekommen sein, dass eine überdimensionale Werbetafel weithin verkündete: "Schluß mit der imperialistischen Agression!" Die Aggression mit nur einem "g" geschrieben. Und so etwas war sehr, sehr peinlich.
Doch es soll noch viel härtere Fälle dieser Art gegeben haben.

Im Kunstgeschichtsunterricht machte unsere Klasse Exkursionen in die Berliner Museen, nach Stralsund, Kloster Chorin etc. Manch einer hätte damals sicher gern ein paar Tage seines Jahresurlaubs hergegeben für das, was uns gratis geboten wurde. Es wurde sich um uns aber auch am Wochenende gekümmert. Nicht jeder konnte aus Zeitgründen die Möglichkeit des Zwischenheimreisens - nach drei von fünf Lehrgangswochen am Stück - nutzen, es wurde ja das gesamte Territorium der DDR per Eisenbahn befahren.

Für die Zurückgebliebenen bot man, völlig kostenfrei für uns, Busfahrten zu bekannten Ausflugszielen (z. B. Schiffshebewerk Niederfinow, Seelower Höhen) an, wir machten ausgedehnte Radtouren oder anderweitige Exkursionen. Das fand ich völlig in Ordnung; da konnte sich wirklich keiner langweilen oder auf "dumme Gedanken" kommen. Alles in allem: Unsere DEWAG-Schule war eine Einrichtung, in der ich mich rundum wohl fühlte, eine Stätte des zwanglosen und doch manchmal recht harten Lernens, doch zu keiner Zeit eine
verknöcherte, diktatorisch agierende Werbeschmiede.
Solch eine Internatsschule musste man sicher in der DDR damals suchen, denn die Regel waren solche Gepflogenheiten mit Sicherheit nicht.

Ich war stolz am 15. Juli 1981 meinen Facharbeiterbrief in der Hand zu halten, doch auch ein wenig traurig gestimmt, da die schöne Internatszeit nun zu Ende war. Am folgenden Tag stand ich dann in voller "Facharbeiternorm", wie man so schön sagte. Und daran habe ich auch heute noch angenehme Erinnerung, denn ich bin gewissermaßen in meinem Beruf voll aufgegangen; es gab damals keinen schöneren für mich.

Leider war ich ab diesem Zeitpunkt nur noch knapp zwei Jahre an meiner Arbeitsstelle tätig, denn ab dem 3. Mai 1983 trug ich die steingraue Uniform der NVA. Als Berufsunteroffizier (10 Jahre Mindestdienstzeit) verpflichtet, hatte ich wenig Hoffnung, meinen Betrieb, die netten Mitarbeiter, meine mir lieb gewordenen Maltafeln, Pinsel und Farben so schnell wieder zu sehen. Doch meine Verpflichtung hatte eine tiefgründigere Ursache.

Während meiner Berufsunteroffizierszeit wurde mir ein Meisterlehrgang in Aussicht gestellt und zwar auf ziviler Basis: der SGM-Meister. Den hätte ich sonst kaum im Betrieb bekommen. Und so sagte ich, bevor ich groß überlegen konnte, zu und wurde Knall auf Fall Armeeangehöriger mit o. g. Bedingung, die ich meinerseits stellte und die bei den NVA-Genossen eigentlich nicht so üblich war.

Und dann waren plötzlich neue Weichen gestellt und eine Entscheidung von für mich damals gigantischer Tragweite. So nahmen die nicht immer angenehmen Dinge ihren Lauf. Ich habe inzwischen den Meister des SGM-Gewerks in der Tasche, aber einen auch noch so geringen Nutzen hat er mir im Vergleich zum betriebenen Aufwand bis heute nicht gebracht. Aber das ist schon wieder eine andere Geschichte.

Wie gesagt, ich habe hier nur einen nur kurzen Einblick in meine Lehrausbildung in der DDR zu geben versucht, eben das, was mir so auf die Schnelle als wesentlich erschien. Charakteristiken von Lehrern und Erziehern, unsere persönliche Freizeitgestaltung und gesellschaftlichen Aktivitäten, "verordnete" Arbeitsgemeinschaften und Verantwortlichkeiten, die wir als Jugendliche übertragen bekamen, das Internat, sein Umfeld, die Beziehungen zu den Einwohnern usw. - tausende Dinge könnten noch Gegenstand der Erinnerung und Diskussion sein. Erst in der Gesamtheit betrachtet würde es dann ein rundes Bild ergeben.