Kurzgeschichte Stube 73

Eine Karte war mit der Post gekommen, aus Dijon, darauf abgebildet die berühmte Fontaine und handschriftlich eingetragen die Zauberformel: "Kommst Du einmal nach Dijon...“ Geschrieben war die Karte von Johannes und Bärbel, ein triumphierender Hinweis auf unsere Erlebnisse in der Stube 73.

Begrüßung

Nach einer Fahrt durch den goldenen Herbstwald bei Jena am 2. November 1973, dem Abtransport auf einem schmutzigen und dieselstinkenden KRAS hinauf auf den Jägersberg, eingekleidet in eine schlecht sitzende Uniform, die Haarpracht auf soldatische Kürze gestutzt, den Arm voll schmuddeliger Wäsche und lächerlicher Hemdkragen, zu andauernder Eile lautstark angetrieben, müde und beeindruckt von der konzentrierten Hässlichkeit der Kaserne - so betrat ich am späten Abend die Stube 73. Die anderen waren schon alle da.

Sie standen auf, beäugten mich, und ein großgewachsner junger Mensch sah mir freundlich in die Augen, reichte mir die Hand: "Guten Abend, ich bin Johannes", und seine Stimme war sanft und so aufmunternd, dass ich ihm noch mal in die Augen sehen musste. Die Augen waren aber nicht sanft, aber klar und freundlich, und die ganze Art ungewöhnlich für die Kaserne der Nationalen Volksarmee der DDR, in der ich nun 6 Monate "Ehrendienst tun" sollte. - Ich streckte ihm die Hand noch mal entgegen und sagte fest: "Ich bin Peter und Physiker von Beruf." "Ja, wir stellen uns doch besser gleich richtig vor", lenkte Johannes das Gespräch, "ich bin vielleicht der erste evangelische Pfarrer, der zum aktiven Wehrdienst eingezogen worden ist".

Noch ehe ich anfangen konnte mich zu wundem, hatte ein anderer meine Hand ergriffen und hielt sie fest: "Ich bin Ralph und Sekretär der SED- Kreisleitung Jena", und bevor ich mich noch der ungleichen Streiter Don Camillo und Peppone recht erinnern konnte, schob sich ein kleiner Dicker in die Runde und stellte sich in reinstem Erzgebirgisch vor: "Reiner, echter Arbeiter". Etwas leise kam es von einem Blondschopf: „Andreas, Architekt", und recht missmutig-gelangweilt: "Lutz und Ingenieur". Ein hochaufgeschossener Schönling meinte mit Rundfunksprecherstimme "Bodo, Abiturient", und zum Schluss hatte ich eine Pranke in der Hand: "Artur. Ich bin nur Traktorist", und eine große menschliche Wärme strahlte von dieser wuchtigen Person. Mein Gott, welch eine Mischung in dieser Stube!

Hannes und Lutz erboten sich, beim Wäschezeichnen und Spindeinräumen anzuleiten und zu helfen, aber mittendrin ertönte eine befehlsgewohnte Stimme "Kompanie LÜK, Nachtruhe", und Reiner schoss von seinem Stuhl hoch und schrie als Stubenältester: "Stube 73, Nachtruhe!", und so mussten wir alle schnellstens unter die Decken kriechen. Ich war immer noch in Straßenkleidern und strampelte mich aus den Strümpfen, als das Licht verlosch und ein Augenblick lang Ruhe war. Dann aber schnarrte eine Stimme auf dem Gang etwas von "Genosse Kommandeur" und "keine besonderen Vorkommnisse", das Stubenlicht ging wieder an und die Schnarrstimme befahl: "Soldaten, Stillgelegen, zum Gruß an den Kommandeur die Augen links!"

Schon wegen der Lage meines Bettes musste ich die Augen rechts wenden, um nicht an die Wand zu sehen, aber das war nicht wichtig, links war die Hauptrichtung. Der Kommandeur befahl, dass wir bequem liegen sollten und ließ sich von jedem den Namen sagen. "Soso", kommentierte er jedes Mal und ließ dann schließlich unsere Stube zurück in der Nachtruhe, die so bald keiner finden konnte. Denn unsere Stube war keine Mischung, sondern eine Konstruktion, nach Art des "Arbeiter- und Bauernstaates".

Seelenfrieden

6. NOVEMBER
Schweißgebadet hatten wir schließlich die kunststoff`ne Atemschutzkleidung vom Kopf gezogen, die Atomschläge von allen Seiten waren im Nu vergessen und die Atmung normalisierte sich langsam. „Warum machst Du das alles?", hatte ich Johannes gefragt. Er senkte seinen klaren Blick, wurde verlegen. "Ja, weißt Du... Wenn später mal ein junger Wehrpflichtiger aus meiner Gemeinde zu mir kommt und sein Herz ausschüttet, da will ich verstehen können, was er fühlt, und was er erlebt hat. Nur dann finde ich auch das richtige Wort für ihn. " "Du könntest Dir aber doch alles viel einfacher machen und den bewaffneten Dienst einfach ablehnen? Das tun doch so viele von Euch. " "Ob ich das könnte, weiß ich nicht. Aber warum darf ich mir das Leben leichter machen, wenn das tausend andere nicht können?"

Ich sah ihn aufmerksam an und fragte dann: "Hast du denn keine Familie?". "Meine Frau lebt schon in der Gemeinde, in der ich mal Pfarrer sein werde, zusammen mit unserem Töchterchen und dem kleinen Sohn, der gerade erst geboren ist.“ Ich war ein wenig erschreckt bei diesen Worten, denn auch meine Frau ist mit unseren drei Kindern allein, aber ich bin "Resi", das heißt Reservist, und meine Familie bekommt 65 Prozent meines Gehaltes. Ein Aktiver wie Johannes aber bekommt nur 85 Mark Dienstbezüge im Monat. So fragte ich vorsichtig: "Und was arbeitet Deine Frau?" "Meine Frau ist Lehrerin. Sie ist jetzt aus dem Schuldienst gegangen, das ist besser auch für die Kinder und für sie. Mein Vater ist auch Pfarrer, und so habe ich Hilfe von zuhause und hoffe auch auf meine sechs Geschwister. "0h je, da wird wohl Schmalhans Küchenmeister sein! Ich muss das Christel schreiben.

10. NOVEMBER
Johannes und Ralph kommen zu aller Erstaunen sehr gut miteinander aus. Beide vermeiden Gespräche über irgendwelche weltanschaulichen Dinge, über die es eine Verständigung ja auch nicht geben kann. Beide achten einander und sind kameradschaftlich. Johannes hat mit dem Politoffizier gesprochen und vorgeschlagen, dass wir in der Kompanie eine Singegruppe gründen, und dass seine Frau zur Vereidigung in die Kaserne kommen und seine Gitarre mitbringen könne. "Dann kommen wir vielleicht hier manchmal heraus zum Singen in die Stadt", hatte Johannes gehofft und uns angestrahlt.

15. NOVEMBER
Heute nun war Vereidigung, "der wichtigste Höhepunkt im Leben eines Soldaten". Man hatte uns gestern schon moralisch dafür gerüstet: keine Ausbildung, sondern Politunterricht, Sonntagskleidung und gutes Essen. Der Politnik hatte sein Süßholz geraspelt, "Märchenstunde" nannten wir das. Ich hatte Johannes gefragt, ob er denn diesen Eid sprechen könne. "Darüber mache ich mir große Sorgen", hatte er gesagt. "Das hat mich nämlich damals schon mein Landesbischof gefragt. Ganz sicher mache ich mich irgendwie schuldig, wenn ich solchen Eid spreche, jedenfalls vor den Menschen. Aber für mich ist das alles ein bisschen anders. Gegenüber aller menschlicher Macht ist doch immer das Gebot meines Herrn wichtiger, und dieses Gebot sieht oft anders aus als Menschenbefehl. Vielleicht werde ich gar nicht mitsprechen. Juristisch gelte ich dann als vereidigt und unterstehe der Militärgerichtsbarkeit wie jeder andere auch. Aber mein Gewissen ist frei. Wenn man das weiß, und wenn man bereit ist, die Folgen zu tragen, dann ist man über den Berg. "

Wer hatte Johannes so sprechen gelehrt? Ob er wohl wusste, was er in diesem Moment für meinen Seelenfrieden getan hatte? Mein Mütterlein hat die weite Reise auf sich genommen und ist auch gekommen, Christel im fernen Dresden muss ja bei den Kindern bleiben. Auch Johannes Frau, die Bärbel, ist gekommen. Wir saßen zusammen auf der Bank und sprachen von unseren Kindern. Johannes aber hielt seine Gitarre im Arm. Und dann sangen wir uns eins.

Singen befreit

24. NOVEMBER
Seit zehn Tagen hat die Sonne nun nicht mehr geschienen, und auch sonst ist alles sehr grau. Wir hatten 72 Stunden lang Wache zu stehen, hinterher war Küchendienst, dann gab es als Nachtübung den 10-Kilometer-Marsch mit den Tellerminen, stundenlang mit Sturmgepäck Teil 1 und Teil 2 auf dem Rücken. Aber jeden Abend finden wir uns noch auf eine halbe Stunde zum Singen zusammen. Alle in der Kompanie hatten zuerst mitmachen wollen, aber die Strapazen sondern die Spreu vom Weizen, und nun sind wir noch neun. Der Politnik hat uns Noten und ein Liederbuch gebracht und manches Lied empfohlen, aber oft singen wir abends ganz andere Sachen. Sogar Ralph hat heute mitgesungen, das Claudius'sche Lied vom Mond und den goldenen Sternen. Hannes hatte im Liederbuch auch das Lied von dem schönen Mädchen Madeleine am Brunnen von Dijon gefunden, und alle waren ganz still geworden als wir es probten, das Lied von der ewigen menschlichen Sehnsucht nach Liebe, Leben und Freiheit.

"Ob ich da wohl jemals hinkomme?", hatte Johannes gefragt. "Ganz bestimmt nicht!", war die einhellige Meinung. Ich habe es früher immer verabscheut, wenn jemand abends Sorgen und Tageslast mit einem Glas Alkohol wegzuwischen versuchte. Ralph hat irgendwo eine Flasche Korn aufgetrieben, und wir haben sie redlich geteilt und "den Alk" in unsere Cola gemischt. Und wirklich kam eine wohlige Gelassenheit und Gelöstheit über uns alle, und das viele Befehlsgeschrei auf dem Flur störte uns plötzlich nicht mehr. - Das Verhältnis zu den Uffzen hat sich jetzt deutlich verschlechtert. Vor ein paar Tagen hatten sie unsere Stube abends noch mal antreten lassen zum Großreinemachen, wischen und wachsen unter den Schränken, und Fenster putzen bei Dunkelheit.

25. NOVEMBER
Unser stiller Andreas hat sich heute bei der Übung das Bein gebrochen und wird nun also nicht mitsingen können bei unserem ersten Auftritt im Volkshaus Jena. Es soll ein Splitterbruch sein...

27. NOVEMBER
Stabsfeldwebel 0., unser Spieß, ist ein Schwein. Heute früh hatte er an Klaus aus der Nebenstube eine große Flasche Korn verkauft, zum Wucherpreis von 25 Mark. Zehn Minuten später ließ er durch die Unteroffiziere eine Stubenkontrolle durchführen, bis die Flasche gefunden war. Klaus bekam 14 Tage Ausgangssperre und kann also auch nicht mitkommen zum Singen. Die Flasche Korn hat der Spieß dann mit den Uffzen ausgetrunken.

5. DEZEMBER
Unser Auftritt gestern im Volkshaus wäre um ein Haar geplatzt. Ralph hatte, aus welchem Grunde auch immer, vom Spieß ebenfalls eine Flasche Schnaps gekauft, und sie aber, damit der Spieß vergeblich suchen käme, gleich mit uns zusammen ausgetrunken, sorglich darauf achtend, nicht zu kurz zu kommen dabei. Und als dann der Politnik uns abholte zum Singen, lag Ralph lallend auf dem Bett und hatte Delirien. Eilig haben wir Artur zum Autopark geschickt, eine Flasche Diesel zu holen. Und dann haben wir Ralph damit begossen und berichteten unserem Politnik, dass Ralph beim Fahrzeugreinigen offenbar Diesel geschluckt habe. So kam Ralph in den MED-Punkt und wir, auch recht angeheitert, doch noch in die Stadt.

Ein Kinderchor hatte zuvor gesungen im Volkshaus, zarte, zaghafte Stimmchen, und als wir dann loslegten, schmetterten wir unsere ganze Lebensfreude in den Saal, zum ersten Mal endlich außerhalb der Kaserne zu sein. Als aber dann, nach all den politischen Liedern, das Lied von der einsamen Madeleine am Brunnen, die vom ganzen Bataillon getröstet werden musste, verklungen war, wurde uns so freundlicher Beifall gespendet, dass wir wie Kinder glücklich waren.

Wir durften des Erfolges wegen dann noch unter Aufsicht unseres Politoffiziers ein Bier trinken in der Gaststätte. Auch Hannes war aufgeräumt wie noch nie und erzählte mir von seiner Musterung, die seiner Einberufung vorangegangen war. Er hatte damals sein Einverständnis zum Wehrdienst erklärt, und davon waren die Herren Offiziere offenbar so erfreut, dass sie ihm das Zugeständnis machten, er dürfe sonntags Ausgang beantragen zum Kirchgang. Freilich solle er keine Reklame machen damit, denn man könne dieses Sonderrecht nur ihm gestatten und wolle vermeiden, dass die ganze Kompanie zu Kirchgängern werde, nur um aus der Kaserne zu kommen.

Johannes hatte versprochen, dieses Recht nur ausnahmsweise zu nutzen, und ein Kirchgängertum der Soldaten sei ganz sicher nicht vonnöten, da ja ein Pastor nun direkt in der Kompanie sei. Die Herren Musterungsoffiziere brauchten einen Augenblick, um das zu verstehen, und auf dringliche Nachfrage erklärte Johannes unumwunden,
dass er festen Willens sei, auch als Soldat seelsorgerisch tätig zu sein in der Kompanie zu jedem, der immer dieses wünsche und zu ihm käme.

Das Musterungsgespräch wurde damit abrupt beendet, und man beschied den unbequemen Wehrpflichtigen, sich in einer Woche wiederum bei der Behörde einzufinden zur weiteren Klärung der Sachlage. "Nun weißt Du auch, wie die Zusammensetzung unserer Stube zustande gekommen ist", hatte Johannes geendet, "denn es ist dann gleich ein Auto hinaufgefahren zum Jägersberg, hat man mir später gesagt.“ Ich aber platzte prompt mit meiner Frage heraus: "Und ist auch schon jemand zu Dir gekommen?" - "Das musst Du mich nicht fragen!", hatte Johannes hart geantwortet, und es war das einzige Mal, dass er mich zornig ansah.

6. DEZEMBER
Heute sind wir alle Mann zu Andreas in die Krankenstube gezogen und haben ihm ein paar Lieder gesungen. Andreas Bein ist genagelt worden, und es ist ein ganz übler Bruch. Der Kommandeur hat uns gelobt wegen der Singerei. Er scheint Johannes und mich zu verwechseln, dabei sehen wir doch ganz verschieden aus.

12. DEZEMBER
Wir hatten wieder drei Tage Wache, diesmal bei ungewöhnlicher Kälte. Es ist nun entschieden, dass wir alle das Weihnachtsfest in der Kaserne verbringen werden, getrennt von Frau und Kindern. Einzig Artur hat noch eine Chance, seine Frau ist erkrankt und wir alle haben sein Urlaubsgesuch befürwortet, was in der Dienstvorschrift nicht vorkommt und also eine Ungeheuerlichkeit ist.

13. DEZEMBER
Ralph hat jetzt immer Diesel in seinem Schrank stehen, eine kleine Flasche mit der Aufschrift "Haarwäsche". Er hat seine lieben Schwierigkeiten mit dem Armeeleben. Möge er das nie vergessen!

Weihnachten

16. DEZEMBER
Heute Abend beim Singen haben wir erstmals Weihnachtslieder gesungen. Sogar ein paar Uffze sind gekommen zum Zuhören. Aber plötzlich war der Spieß da und hat mächtigen Krach geschlagen. Wir wurden in den KartoffelkeIler befohlen und hatten aus dem Wintervorrat die faulen herauszulesen, Schaufeln gab's nicht dazu, alles mit der Hand. Wir haben gestunken wie die Wiedehopfe.

18. DEZEMBER
Weihnachtspakete sollen gekommen sein, hat Klaus, der Schreiber erfahren. Der Gewohnheit gemäß werden sie erst mal einbehalten und auf Alkoholika hin untersucht: schütteln genügt. Wenn etwas gefunden wird, muss das Paket in der Spießstube ausgepackt werden. Der "Stoff" wird dann mit Protokoll eingezogen, denn der Gemeine darf keinen Alkohol haben. Mein Uffz sagte, dass ein großes Paket für mich dabei sei, aber es gluckere nicht. Braves Christelchen! Neun kleine Schnapsflaschen hatte ich bestellt, und sie stecken im Weihnachtsstollen. Wir waren heute Nachmittag zum Singegruppen-Ausscheid und sollen auf den zweiten Platz gekommen sein, und wieder war es die Madeleine von Dijon, die spontanen Beifall bekam. Das singt sich aber auch schön.

22. DEZEMBER
Vaters dritter Todestag.
Artur kam heute glückstrahlend in die Stube gerannt und hat dann geheult wie ein kleiner Junge. Er durfte seine Sonntagskleidung anziehen und für 3 Tage heimfahren. Unsere Unterschriften hatten also doch geholfen. "Natürlich haben die geholfen, so was hat der Stab gern und zeigt dann seine Menschlichkeit“, hatte mir unser Oberleutnant Gero-Armin zugeblinzelt. Dieser Mann gehört zu den Gestalten, ohne die eine Armee nicht existieren kann, und durch deren aufrichtige Geradheit und männliche Würde der Wehrdienst überhaupt nur auszuhalten ist. Wir sollten die Schikane mit den faulen Kartoffeln nicht zu tragisch nehmen, unsere Stube würde immer etwas anders behandelt als andere.

23. DEZEMBER, SONNTAG
Wir hatten abends im Kulturklub gesessen, Johannes mit der Gitarre, Heimatlieder gesungen und auch Abendlieder. Der Kommandeur war unvermutet hereingekommen und hatte eine Weile zugehört. "Aber bitte auch ein paar fröhliche Kampflieder", sprach er schließlich laut dazwischen, "dass das nicht zu besinnlich wird morgen".

24. DEZEMBER
Es wurde zuerst gar nicht besinnlich. Vormittags war wieder Schutz-Übung, und am frühen Nachmittag wurden wir auf die Wiese vor der Kaserne befohlen und hatten die Zigarettenkippen, Kronenverschlüsse, Streichhölzer und Glasscherben aufzulesen. Ich musste an die Weihnachtsgeschichte denken: "Es begab sich aber zu der Zeit, das ein Gebot ausging vom Kaiser Augustus..." Wie verstehbar war doch jener Augustusbefehl gewesen im Vergleich zu diesem hier. Reiner und Bodo waren weiß vor Zorn. Der Kommandeur sah vom Fenster aus zu und bekrittelte dann das Resultat. Viermal mussten wir von vom anfangen. Es war schon dunkel, als wir endlich aufhörten.

Die Glocken tönten vom fernen Jena herauf. Dann saßen wir um den Tisch herum, hatten die Briefe unserer Frauen gelesen und die Pakete ausgepackt, Kerzen angezündet, Nüsse und Gebäck auf Pappteller aufgeschichtet, saßen um den Tisch herum und sangen, sangen, sangen Weihnachtslieder zur Gitarre. Hinter uns auf den Schränken drohte das Sturmgepäck Teil1 und Teil 2, aber es hatte keine Macht über uns. Zwei Uffze waren hereingekommen, standen im Dunkeln hinter uns und brummten leise mit. Ralph hatte seine Pfeife angezündet. Ich bin dankbar", hatte Johannes dann gesagt, und als wir ihn fragend ansahen, meinte er:

"Weihnachten ist eben doch etwas Schönes. Meine Frau hat geschrieben. Sie hat eine Menge Pakete bekommen, Geschenke für die Kinder und für uns zu Weihnachten. Von anderen Frauen, die sie gar nicht kennt. " Und er sah in die Runde, und wir strahlten und taten, als ob wir nichts wüssten. Andreas hatten wir aus der Krankenstube geholt. Er hat seine Fettkreide genommen und uns auf ein Blatt Papier gemalt. Dann schlich sich Johannes aus unserer Runde. Als er später wiederkam, sah er nachdenklich aus und traurig. "Anderen geht es viel, viel schlimmer, " sagte er nur und betrachtete angestrengt die Weihnachtskerze.

Kein Genosse

10. JANUAR
Heute ist Christels Geburtstag, und wir sind nun seit drei Tagen im Feldlager bei Dessau am Elbufer. "Des Soldaten Prüfung" sah heute früh so aus: Ich kam mit dem Frühstück von der Feldküche, links in der Hand das Kochgeschirr mit der Suppe, rechts die Semmeln und die Butter, vorbei am Kommandeurszelt. Gerade kam der Kommandeur heraus, ich hatte nicht mehr Gelegenheit, ihm auszuweichen, nahm aufrechte Haltung an und marschierte mit Blickwendung an ihm vorbei. "Genosse Soldat, kommen Sie mal her!" "Zu Befehl, Genosse Oberstleutnant!" "Machen Sie das mal weg!", und er wies auf den Erdboden. Eine Tretmine. "Genosse Oberstleutnant, gestatten Sie, dass ich eine Schaufel hole." "Nein, das muss jetzt gleich weg.“

Ich sah ihm einen kurzen Moment erstaunt in die Augen, legte das Kochgeschirr und die Semmeln auf den Erdboden und bohrte dann meine Hände tief in den Sand, hob das Corpus Delicti vorsichtig heraus und warf es ins Gebüsch. Mein Frühstück warf ich dann gleich hinterher. Mein Gott, welch' ein Dreckskerl. Irgendwann werde ich's ihm heimzahlen. Abends singen wir immer, wenn alles dunkel ist, denn der Generator ist zu schwach, um alle Zelte zu beleuchten. Ich musste an Christel denken, als wir von der Madeleine sangen am Brunnen von Dijon...

23. JANUAR
Seit gestern sind wir wieder auf dem Jägersberg, und wie nicht anders zu erwarten, wurde unsere Kompanie gleich zur Wache eingeteilt. Mich hatte man wie zumeist an den KDP (= Kontroll- und Durchlass-Punkt) beordert- "nur die Würdigsten dürfen dort wachen", hatte der Spieß gehetzt, und das Schicksal wollte, dass ich gerade von 6 bis 8 Uhr Wache zu stehen hatte. Als der Kommandeur den Eingang passierte, hatte ich Haltung anzunehmen und Meldung zu machen. "Oberstleutnant, auf Wache am KDP keine besonderen Vorkommnisse!" Schon wollte er vorbeigehen, stutzte, kam zurück: "Sagen Sie das noch mal!“ - "Oberstleutnant, auf Wache am KDP keine besonderen Vorkommnisse!" Diesmal schwankte meine Stimme etwas. "Das heißt Genosse Oberstleutnant! Wiederholen Sie!" "Zu Befehl! Oberstleutnant, auf Wache am KDP keine besonderen Vorkommnisse!"

"Wache!!! Abführen den Mann! In den Arrest!" Mein Unteroffizier Stephan hatte zitternd die Szene beobachtet, schrie nach dem wachhabenden Offizier, und mit lautem Gebrüll wurde ich entwaffnet und abgeführt. "Du dumme Sau", schrie mich Stephan an. Es war Abend geworden, als der Politnik zu mir kam. Auch er schrie, drohte mit dem Militärstaatsanwalt und verlangte schließlich eine Erklärung. Ich erzählte den Vorfall an der EIbe und schloss mit den Worten: "Dieser Mann ist für mich kein Genosse, und das werde ich so auch dem Militärstaatsanwalt sagen.“ "Auf Befehlsverweigerung gegenüber dem Kommandeur gibt es Arrest in der Strafanstalt Schwedt, Sie dummer Hund", brauste er auf und verschwand.

Schweigend hatte mich am nächsten Tag der Spieß abgeholt. Ich musste meine Sachen packen, als keiner drin war in der Stube 73. Dann holte mich mein Unteroffizier auf den Park, wir stiegen auf unser Fahrzeug und fuhren zum Bahnhof. "Das Fahrzeug muss zur Reparatur nach Storkow", sagte mein Unteroffizier, und in seiner Stimme war Freude zu hören. Es wurde auf einen Waggon verladen, mein wackerer Oberleutnant Gero-Armin stand dabei und blinzelte mir zu. "Du dummer Junge", sagte er "der Kommandeur hat Dich doch nur mit Johannes verwechselt, damals im Feldlager."

Die rechte Kraft, anderen zu helfen

Das war mein Abschied von Jena.
Johannes hat in der Folgezeit noch manche hässliche Gemeinheit dort erlebt, bei der Ralph nicht immer eine gute Rolle spielte. Da Johannes schließlich Spieß-Schreiber geworden war, bekam er zuletzt bei der Vorbereitung der Entlassung auch seine eigene Personalakte in die Hand und konnte nun lesen, was Kirchenrat Lotz aus Eisenach dem Wehrkreiskommando mitgeteilt hatte und damit die Einberufung provoziert hatte: "...steht er nach Abschluss des Studiums zu Ihrer Verfügung." - Als Johannes nach seiner Armeezeit Pfarrer wurde in der Brehm-Kirche zu Renthendorf und seine erste Predigt hielt, saß Gero-Armin in Zivilkleidung mitten unter den Bauern, Johannes hätte ihn fast nicht erkannt. Später wurde ich Pate bei Hannes jüngster Tochter, und schließlich hat Johannes unseren Frieder getauft. Da hatte er seine Gitarre mitgebracht zum Singen..."Kommst Du heute nach Dijon..."

Johannes ist heute Kreistagsabgeordneter. Man sagt, sein Name habe auf der Liste derer gestanden, die 1989 interniert werden sollten. Eigentlich hatte er damals weggehen wollen aus Thüringen. Doch fünf Dörfer hat er heute seelsorgerisch zu betreuen, inzwischen schon drei Dorfkirchen wiederaufgebaut und geweiht, und die wichtigste Aufgabe ist für ihn der wiedereingeführte Religionsunterricht.
"Den kann man nur richtig halten, wenn die Kinder unsereinem die Botschaft auch abnehmen können. Das erreicht man nicht durch Worte. Das rechte Christentum kann man sowieso nicht predigen. Das kann man nur leben. Aber dann, dann hat man auch die rechte Kraft, anderen zu helfen, wenn sie in seelischer Not sind."