Bericht Mein erfülltes Arbeitsleben in der Gemeinschaft

von Ilse Süß

Nach dem 2. Weltkrieg

Als der Zweite Weltkrieg mit seinen ganzen Schrecken zu Ende ging, war ich knapp 18 Jahre alt. Ich war gerade dem schrecklichen Bombenangriffen in Dresden entgangen und in mein Heimatdorf zurück gekehrt. Nach dem Ende des Krieges lag alles in Scherben und ich fand erst nach Monaten eine Arbeit. Ich arbeitete in einem Betrieb 10 km entfernt. Diese Strecke legte ich mit dem Fahrrad zurück. Ich konnte nicht wählen, denn ich musste ja Geld verdienen. Vater starb 1947 an Krebs ( 49 Jahre alt), kurz zuvor erhielten wir die Nachricht dass mein einzigster Bruder in der Eiffel kurz vor Ende des Krieges gefallen war. Die Schwester war 15 Jahre alt und bei einem Bauer im Dienst.

Meine Nerven gingen mit mir durch und ein nervöses Herzleiden machte es mir unmöglich die tägliche Wegstrecke mit dem Fahrrad zur Arbeit zu bewältigen. Aber ich musste Geld verdienen und meine Mutter vorübergehend mit ernähren, da diese nach dem Tod meines Vaters keinerlei Einkommen hatte. Damals gab es noch keine Witwenrente, aber auch keine Arbeit auf dem Lande. Deshalb suchte ich verzweifelt am Arbeitsort ein Zimmer, dies war aber nicht möglich, da alles schon durch die vielen Flüchtlinge belegt war. Das hatte sich wohl im Ort herum gesprochen, denn mich sprach eines Tages ein mir unbekannter Mann an, der mein Problem kannte. Er sprach mit mir und bot mir an, wenn ich in die SED eintrete, werde er mir ein Zimmer besorgen. Ich hatte mit meinen nun 20 Jahren keinerlei Ahnung über Parteizugehörigkeit, aber für mich gab es keine Überlegung, ich ergriff diesen Strohhalm und wurde Mitglied de SED. Ich habe mich zwar nie besonders dafür eingesetzt, habe es aber auch nie bereut, denn der Gedanke des Sozialismus war für das Volk gut, nur die Verwirklichung gegenüber eines starken Kapitalismus war nicht möglich. Das erkennen wir wohl jetzt erst richtig!

Ich verblieb übrigens nach der Wende in der PDS, denn Schuldgefühle brauchte ich keine zu haben, denn ich habe nie etwas schlechtes getan noch habe ich einem Menschen etwas zu Leide getan. Im Gegenteil, wo ich helfen konnte, habe ich es getan. Nicht verstehen konnte ich die Wendehälse, die zu DDR Zeiten 300% waren und die ersten waren beim Austritt. Sie hatten wohl ein schlechtes Gewissen oder wollten sich wieder einen neuen Posten in der neuen Zeit sichern. Und davon gab es viele! Viele haben auch den Sprung geschafft!

Eine Wohnung in Hoyerswerda und Arbeit beim Kader

Die Zugehörigkeit zur SED brachte mein Leben nicht durcheinander. 1949 heiratete ich. Mein Mann war damals Heizer in einer größeren Holzfabrik und es war schwere körperliche Arbeit. Der Verdienst war mager. 1950 wurde unser Sohn geboren. Ich habe durch Heimarbeit etwas dazu verdient, es reichte aber trotzdem nicht. Dazu war unsere Wohnung feucht und mit Schimmelpilz befallen, die Abwässer mussten über die Straße in einem Bach entsorgt werden und es gab keine Möglichkeit eine bessere Wohnung zu bekommen.

1955 erschienen die ersten Artikel in den Zeitungen über den Aufbau der "Schwarzen Pumpe" und dem Bau der zweiten Sozialistischen Wohnstadt in Hoyerswerda. Mein Mann und ich berieten und beschlossen nach Hoyerswerda zu ziehen. 1956 fing mein Mann im Wohnungsbaukombinat in Hoyerswerda an zu arbeiten und 1958 bekam er dann eine Wohnung auf Grund unserer schlechten Wohnverhältnisse zugeteilt.
Wir waren überglücklich, diese Wohnung war der Inbegriff für unser Leben. Eine abgeschlossene Wohnung, mit Küche, Bad, Wohn- Schlaf- und Kinderzimmer. Es war ein herrliches Gefühl! So ging es auch allen anderen Mitbewohner im Haus. Es bildete sich eine schöne Hausgemeinschaft und wir waren alle recht zufrieden. Da wir uns doch noch vieles anschaffen mussten, wollte ich versuchen, etwas dazu zu verdienen. Da ich aus gesundheitlichen Gründen keine körperlich schwere Arbeit machen konnte, aber auch keinen Beruf hatte, kam nur eine Arbeit im Büro in Frage. Deshalb entschloss ich mich, einen Steno- und Schreibmaschinenkurs zu belegen. Während dieser Zeit hatte man meinen Mann angesprochen, ob er nicht bereit wäre, als Arbeiterkader beim Rat des Kreises zu arbeiten. Damals fragte man nicht unbedingt nach Kenntnissen und Zeugnisse, man musste Arbeiter sein. Schließlich waren wir ein Arbeiter und Bauernstaat. Da mein Mann aber mit Büro nichts am Hut hatte, erzählte er, dass ich eine Arbeit im Büro suche. Ich wurde sofort zur Kaderleitung bestellt und auch sofort eingestellt. Es wurde gerade dringend eine Kraft für Haushalt uns Schreibarbeit in der Abteilung Verkehr gesucht. Diese Stelle war sogar einigermaßen gut bezahlt.

Ich möchte zu meiner Schande gestehen, dass ich keinerlei Ahnung von Haushaltsführung hatte. Schreiben konnte ich auch noch nicht richtig und Fehler beim Schreiben machte ich auch. Da man aber als Arbeiterkader gefördert wurde durfte ich mich anstrengen und dazulernen! Und ich lernte eisern und fleißig. Mein Vorgesetzter war auch erst ein Jahr vor mit als Arbeiterkader eingesetzt worden und hatte volles Verständnis. Unsere Abteilung hatte arbeitsmäßig ein hartes Brot. Wir hatten die Bereiche Straßenwesen, Wasserwirtschaft, Transportwesen, Energie und Kfz-Wesen kam später dazu. 1967 übernahm ich dann den Bereich Kfz-Wesen. Mir unterstanden alle Kfz-Betriebe, Fuhrbetriebe, Tankstellen und Wasch- und Pf1egedienste des Kreises. Es war eine schwere Aufgabe, aber ich kämpfte mich durch. Bis auf Wenige hatte ich mit allen Betrieben ein gutes kameradschaftliches Verhältnis. Sie kamen mit ihren Problemen und Sorgen zu mir, denn mir konnten sie bedenkenlos alles erzählen, auch Dinge die nicht jeder hören sollte oder durfte!

Es gab auch eine Arbeitsgruppe Handwerk. In dieser Gruppe wurde alles besprochen wie zum Beispiel Gewerbegenehmigungen, Ersatzteilprobleme. Es wurden aber auch gemeinsame Feiern, die vom Kfz-Meister der Handwerkskammer organisiert. Diese Gemeinschaft war ganz toll und hat sich bis in die heutige Zeit erhalten. Bei Jubiläen der Handwerksmeister wird gemeinsam gefeiert, zu denen ich noch oft eingeladen werde und da ist die Wiedersehensfreude immer groß. Bei diesen Zusammenkünften erkennt man jedoch, dass die meisten Betriebe sehr große Probleme haben und zwar die alte Zeit nicht wieder zurück wünschen, sich aber vieles anders vorgestellt haben. Immer wieder kommt zum Ausdruck, dass die Gemeinsamkeit und der Zusammenhalt trotz Planungsdruck und Materialschwierigkeiten sehr schön war.

Ein erfülltes Leben in der DDR

Wir waren in der Abteilung ein tolles Team und wir hielten zusammen wie Pech und Schwefel. Jeder war soweit geschult, dass er bei Schwierigkeiten die ersten Schritte einleiten konnte (wie z. B. Wasserknappheit, Winterdienst Verkehrsunfälle und sonstige Katastrophen). Der größte Teil von uns waren schon viele Jahre in der Abteilung tätig. Wir waren nur 7 Kollegen und Kolleginnen und wir verstanden uns sehr gut. Mit 60 Jahren ging ich in Rente (1987) und ich freute mich darauf. Gefeiert habe ich mit der Familie und den Arbeitskolleginnen und -kollegen. Die Handwerksmeister kamen zur Gratulation und feierten mit. Wir feierten in einer Gaststätte und es war ein besonderer Abschluss meines Arbeitslebens. Ich kann zu Recht sagen, meine Arbeit hat mein gesamtes Leben bereichert, ich möchte es nicht missen! Dieses erfüllte Leben war nur " Damals in der DDR" möglich. Denn dies ist in der jetzigen Zeit nicht mehr möglich. Diese Empfindungen haben viele Menschen im Osten Deutschlands, die die DDR erlebt haben (mußten).

Ich bin der Auffassung, solange nicht aufgehört wird über die DDR herzuziehen und überzogene Urteile gefällt werden, werden immer mehr Menschen im Osten die PDS wählen, denn den meisten Menschen ging es gut und sie waren zufrieden. Außer das es nicht immer alles zu kaufen gab und nicht alle Reisen ins Ausland gemacht werden konnten. Aber ohne Geld kann man sie jetzt auch nicht machen. Damals konnte aber jeder Urlaub mit der Familie für billiges Geld machen und sich erholen. Die vielgepriesene Freiheit hat die Menschen ohne Arbeit" unfrei" gemacht. Das kannte damals in der DDR kaum einer.

Zuletzt aktualisiert: 20. August 2004, 12:49 Uhr