Bandporträt "FLEXIBEL" II

Die Band bekommt zwischen 1987 und 1989 einige Auftritte. Während sich immer mehr Menschen für die Musik von "FLEXIBEL" begeistern, arbeitet der Staat daran, die Band endgültig zu verbieten.

von Ralf Mattern

Die Bühne erkämpfen

Es kann sich heute wohl keiner so richtig vorstellen wie es war, Auftritte zu bekommen. Wir lebten in einer Zeit, in der es keine CD's gab, Tonstudios sehr rar gesät waren, aber andererseits ein großer Bedarf nach neuen, unverbrauchten Bands existierte. Selbstverständlich versuchten wir, wie schon erwähnt vom Mixer während der Proben und Konzerte auf Kassetten unsere Songs mitzuschneiden, um Demo-Bänder zu haben.

Doch die Hauptmöglichkeit an Gigs zu kommen, war die Mundpropaganda. Freunde von uns sprachen Veranstalter an, die uns dann buchten und wiederum weiter empfahlen. Speziell in die Richtungen Belzig - Brandenburg - Potsdam - Berlin und Hettstedt - Merseburg - Leipzig lief das so. Im 100 km Umfeld kümmerten wir uns selbstverständlich selbst. Natürlich hatten es die Bands, die in der staatlichen Künstleragentur waren, einfacher, gebucht zu werden. Und auch etliche Veranstalter machten es sich recht einfach, in dem sie eben nur auf diese Möglichkeit der Künstleragentur zurückgriffen.

Kassette weg und die Stasi lädt ein

Im Herbst 87 wurde ich das erste Mal zur Stasi vorgeladen. Das war schon kurios: Im Frühjahr 1987 besang ich zu Hause ein Tonband für unseren Sänger Manfred Niedung, damit der bei sich zu Hause die neuen Songs einstudieren konnte, und das eben nicht auch noch auf der Probe passieren musste. Manni ging jedoch mit dem Tonband nicht gleich nach Hause, sondern erst noch zur Disko, um sich dort mit ein paar Freunden zu treffen. Vielleicht waren es ein paar Bier zuviel gewesen, zumindest verlor Manni das Tape beim Verlassen des Saals. Es war zwar ärgerlich, aber wir machten uns keinen weiteren Kopf, es war halt weg. Erst später sollte sich herausstellen, dass das Tonband nicht verloren blieb, der Chef der allgegenwärtigen FDJ-Ordnungstruppe hatte es nämlich gefunden, hörte sich zu Hause das „subversive Zeug“ an und überbrachte es tags darauf der Stasi.

Da auf dem Band natürlich kein Name stand, rätselte man zunächst, wer denn wohl solche Texte singt. Im August 1987 - also reichlich später - fanden die erwähnten DDR-offenen Chansontage statt, an denen ich teilnahm. Das Abschlussprogramm war eine öffentliche Veranstaltung, die offiziell mitgeschnitten wurde, und an der ich mit meinem „Schnüffellied“ teilnahm. Dieser Song erregte dann bei denen, die in dem Lied auch angesprochen wurden, erhebliche Aufmerksamkeit. Die Stasi verglich daraufhin den offiziellen Mitschnitt mit der gefundenen Kassette und konnte nun eine Übereinstimmung feststellen.

So kam es dann im September 1987 zur ersten Vorladung, da ging es um die genannte Sache sowie um die „Beantwortung“ unserer Eingabe an den Staatsrat, die wir verfassten, in der wir uns für die Schließung der DDR-Atomkraftwerke einsetzten. Es saßen mir drei Mitarbeiter des Kulturkabinetts, zwei Mitarbeiter des Kreisumweltamtes und zwei Schweigende, die sich jedoch eifrig alles notierten, gegenüber. Das Problem war: Ich hatte mich bei der Abschlussveranstaltung der Chansontage dem Publikum, das vorwiegend aus dem Kreis Wernigerode kam, vorgestellt: „Ich heiße zwar Mattern und komme aus Wernigerode, habe jedoch nichts mit dem gleichnamigen Prunkbau in Wernigerode zu tun.“ Gemeint war ein wegen der Fassade umstrittenes neues weithin sichtbares Hotel in Plattenbauweise in der Harzstadt, das den Namen des verstorbenen SED-Funktionärs Hermann Matern trug.

Da diese Ansage wegen des Mitschnittes den Kulturfunktionären bekannt war, wurde mir von denen zunächst unterstellt, etwas persönlich gegen Hermann Matern, gegen die SED und überhaupt gegen die DDR zu haben und die Sprache der Faschisten zu sprechen. Generell kann man sagen, dass mit einer solchen Unterstellung auch zukünftig die „Gespräche“ begannen: Mal hätte ich offen zur Republikflucht aufgerufen, mal arbeitete ich im Auftrag der „Kirche von unten“, mal würde ich Saboteure mit meinen Liedern ermuntern usw. Über zwei, drei Stunden legte ich dann jeweils meine Position dar, was dann ausreichte, dass die Situation nicht weiter eskalierte. Ich hatte, was mich betraf, auch nichts zu verbergen, schließlich wollte ich, dass die wissen, dass ich einiges in der DDR für kritikwürdig hielt.

Ein Telegramm - Absender unbekannt

So richtig pervers wurde es erst, als es persönlich wurde. 1988 lebte ich in Trennung von meiner damaligen Freundin. Eines Tages bekam sie ein Telegramm mit meinem Absender, mit der Aufforderung, dass sie mich doch nun endlich in Ruhe lassen solle. Ein paar Tage später fragte sie mich, ob ich denn unfähig sei, so etwas im Gespräch zu klären. Da ich von nichts wusste (das Telegramm stammte eben nicht von mir) erfuhr ich auf Nachfrage von der Post den wahren Absender. Der lebte in Berlin-Marzahn, nicht in der "Platte", sondern nebenan im Dorf.

Tatsächlich fand ich die Adresse bei einem Besuch in Berlin, anlässlich des PINK FLOYD-Konzertes am Reichstag, welches man ja an der Mauer mithören konnte. Doch den Namen des Telegrammschreibers kannte man weder in dem in Frage kommenden Haus, noch in der gleich gegenüberliegenden Kneipe noch in der örtlichen Poststelle...

Das Konzert in Wernigerode - eine Falle?

Das oben schon erwähnte mitgeschnittene Konzert in Wernigerode, im Clubhaus des damaligen ELMO-Werkes, war offensichtlich von vornherein als Falle angelegt. In unserer Heimatstadt spielten wir sehr selten. Zum einen gab es generell selten Live- Musik zu hören, zum anderen kannten die Veranstalter uns auch als Konsumenten in ihren Häusern. Da gab es eben ein recht distanziertes Verhältnis. Im Herbst 1988 sind wir uns dann trotzdem einig geworden.

Im Klubhaus des größten Betriebes, des Elektromotorenwerkes, sollte im November ein Konzert stattfinden. Der Klubhauschef weigerte sich jedoch, im Vorfeld Werbung für uns zu machen. So stand an der Monatsvorschau am Klubhaus lediglich „Konzert“. Zu dieser Zeit hatte man als Veranstalter alle Macht und jedes Recht. Man munkelte, dass er unser Publikum nicht in seinem Etablissement haben wollte. Dass diese Gestalt eben finster war, das hat wie schon erwähnt auch und bestimmt nicht nur Egon Linde von TRANSIT mitbekommen.

Die Fans wurden ausgeladen

Das Konzert haben wir über Mundpropaganda bekannt gemacht, Poster hatten wir damals noch nicht. Das hatte dann auch sehr gut geklappt, allerdings schickte man uns drei Tage vor dem Termin ein Telegramm, in dem stand, dass unser Konzert nicht stattfinden könne, da an diesem Tag „dringende Umbaumaßnahmen im Haus nötig seien“. Uns wurde ein Termin eine Woche später angeboten, den wir dann auch wahrnahmen. Dass an dem ursprünglichen Termin ganz normal eine Disko im Klubhaus stattfand, erfuhren wir erst später.

All unsere Freunde waren im Klubhaus, und als sie fragten, warum kein Konzert und nur Disko ist, bekamen sie keine richtige Antwort. Auch sagte ihnen niemand, dass das Konzert eine Woche später stattfindet. Der neue Konzerttermin rückte heran und die Zahl der Ordnungskräfte wurde erheblich vergrößert. Langhaarige, Punks und andere „zweifelhaft Aussehende“ erhielten keinen Zutritt, so dass wir letztlich vor einem Publikum spielen mussten, das mit unserer Musik eher wenig anfangen konnte.

Der steinige Weg zur Gage

Zunächst bekamen wir auch keine Gage für dieses Konzert. Als wir diese noch am Konzertabend forderten, bekamen wir zur Antwort, dass das nur der Klubhausleiter machen kann, der aber nicht da ist. Das wäre aber nicht so schlimm, denn ich könne mir am nächsten Tag das Geld beim Klubhausleiter abholen. Dem war aber nicht so: „Unser Auftritt sei schlecht gewesen, sowohl technisch als auch von der Stimmung her...“ Als ich diesen Typen fragte, woher er denn das wissen wolle, schließlich war er doch gar nicht da, meinte er, dass es einen Mitschnitt gäbe, der aber schon ganz woanders wäre...

Unser Schlagzeuger (und „Leiter“) Michael Fey ging zum Kreiskulturkabinett, zum Mitarbeiter für Rockmusik- eben genau zu jenem, der uns die Einstufungspapiere gab, und der den „Nebenjob“ bei der Stasi hatte. Mit dessen „Hilfe“ oder wie auch immer, erhielten wir dann Anfang 1989 doch noch unsere Gage für den Gig im Klubhaus.

Im Heimatort unerwünscht

Wie schon erwähnt, war es für uns recht schwierig, in der Heimatstadt aufzutreten. Dort schwirrten stets Gerüchte durch die engen Gassen. Ich weiß noch, als ich im Frühjahr 1989 in unsere Stammkneipe kam, fragten mich zwei Bekannte ganz erstaunt, ob ich denn schon wieder aus dem Knast entlassen sei - obwohl ich ja nie - bis auf die Brandenburger „Zuführung“ - verhaftet war.

In Anbetracht der sonst recht unspektakulären Gegenwart in einer 40.000-Einwohner-Stadt zu DDR- Zeiten gingen solche Gerüchte dann auch recht schnell von Mund zu Mund. Außerhalb des Kreises, ja eher noch außerhalb eines 80 km Umkreises (also bis zur Bezirksstadt) war es allein wichtig, nicht in einschlägigen „Polizeiberichten“ zu stehen und natürlich auch die „Auftrittspappe“ zu haben, die vor jedem Konzert der jeweilige Veranstalter einsehen durfte.

Grölende Fans und dann das Auftrittsverbot

Trotzdem erhielt FLEXIBEL im Sommer 89 Auftrittsverbot. Das Auftrittsverbot wurde uns im Juli 1989 vor einem geplanten Open-Air-Konzert in Blankenburg/Harz ausgesprochen. Im Vorfeld dazu gab es im Frühjahr '89 einen weiteren Gig in der Region. Wir spielten in Blankenburg im Saal des Forschungs- und Entwicklungswerkes der Reichsbahn. Der Saal fasste etwa 500 Leute, es wurden jedoch nur 400 eingelassen, während draußen noch weitere 200 vergeblich warteten. Die Wartenden hörten von drinnen unsere Songs, und einige sangen die ihnen bekannten Lieder mit. Logisch, dass immer besonders solche Textzeilen haften bleiben, die oft wiederholt werden oder die besonders „sticheln“. Bei einem Song war es z.B. „ 'Ne neue Ordnung braucht die Welt“, bei einem anderen „Wir wollen heute leben und nicht in hundert Jahren“ usw. Das hörten natürlich auch die, die berufsmäßig zu hören hatten.

Nachdem das Konzert beendet war, gab es mit einigen Leuten auf deren Heimfahrt noch Stress mit der örtlichen Transportpolizei. Auch dafür wurden wir verantwortlich gemacht. Als dann kurz darauf in einer Stadtverordnetenversammlung von Blankenburg, die u.a. das für den Sommer geplante Open-Air zum Thema hatte, der Blankenburger Stadt-FDJ-Chef aufstand und sagte, dass FLEXIBEL doch verboten ist und das Open Air gar nicht stattfinden könne, war alles weitere für uns abzusehen. Die Kreisleitung der FDJ lud uns vor, und wollte ihr Engagement bei uns erst mal ruhen lassen, da man nichts genaues wisse. In der örtlichen Presse stand dann noch kurz die Mitteilung, daß das Open-Air-Konzert ausfällt.

Wieder sprachen wir im Glauben, den Rockmusik-Mitarbeiter des Kreiskulturkabinetts auf unserer Seite zu wissen, dort vor, um mit seiner Hilfe das Open Air doch noch durchzuziehen. Das klappte natürlich nicht, und als wir zum Konzert vorfuhren stand dort bereits die Polizei und das halbe Blankenburger Kulturamt. Nach der Wende erzählte mir „mein“ Stasi- Gesprächspartner, den ich irgendwann mal zufällig traf, dass das Ganze „von Magdeburg“, also vom Bezirk, aus gesteuert wurde, Wernigerode selbst war ziemlich tatenlos. Da der gesamte Part ab Anfang 1988 in meinen Stasi-Akten fehlt, kann ich das nicht so nachprüfen.

Weiterkämpfen für die Musik und die Stasi "spielt auf Zeit"

Wir sind jedoch nach dem verhinderten Open Air zu einem Rechtsanwalt gegangen, der für uns die Sache klären sollte. Zwei Tage später fuhren wir in den Urlaub nach Ungarn, aus dem unser Sänger Manni nicht in die DDR zurückkehrte. Ich wusste nicht, dass er vorhatte, in den „Westen“ zu gehen. Als ich dann wieder zu Hause war, fand ich zwei Briefe: Einen von Manni und eine Vorladung zum Kreiskulturkabinett. Dort teilte man mir mit, dass, da der Sänger ja nicht in die DDR zurückgekehrt sei, die Band ja nun sowieso nicht mehr existieren kann, und auch die Schreiben des Rechtsanwaltes nun nicht mehr beantwortet werden müssten. Doch nicht nur da irrten die Kulturbürokraten, die sich zu diesem Zeitpunkt – Ende August 1989 - auch nicht mehr so sicher waren, wie das in der DDR so weiter geht und erst mal versuchten, auf Zeit zu spielen.

"FLEXIBEL" setzt sich durch - "eine Genugtuung"

Im September sollte in Wernigerode ein Ableger der Berliner Umweltbibliothek gegründet werden. Eigentlich war abgesprochen, dass ich dort als Liedermacher bei der Gründungsparty auftrete. An dem Tag Ende September wurde jedoch dort nicht die Umweltbibliothek gegründet, sondern das Neue Forum. War mir natürlich auch Recht. Nach Party stand uns da allen nicht der Sinn, da keiner so recht wusste, ob und wie das Ganze vielleicht eskaliert. Außerdem galt es dringend zu diskutieren. Ende Oktober organisierten zwei Wernigeröder Musiker, die auch aus der Liedermacher-Szene kamen, die „Erste Liedersession“ im Kulturhaus in Wernigerode.

Beide Organisatoren betraten damit Neuland und zugleich gab es einen Affront gegen das Kreiskulturkabinett, da unter einer riesigen und intensiven Anteilnahme der Öffentlichkeit nicht nur wir eine dreiviertel Stunde spielten, sondern generell von allen beteiligten Musikern Kritik an den Machthabern geübt wurde, ohne dass eine unvermeidliche Resolution vorgelesen wurde. Dass der Kulturhauschef ohne Absprache mit der Kulturbürokratie am Ende des Abends versprach, dass das nicht die letzte „Liedersession“ gewesen sei, und tags darauf die hiesige Tageszeitung schrieb, „dass mit diesem Abend wohl auch das Auftrittsverbot der Gruppe FLEXIBEL hinfällig geworden“ sei, war dann mehr als nur Genugtuung.

Nach 1989

Soviel zur DDR-Geschichte der Band FLEXIBEL. Nach der Wende benannten wir FLEXIBEL in „AufBruch“ um. Die Zeiten hatten sich doch ziemlich dramatisch verändert. Das sollte auch in unserem Bandnamen so zum Tragen kommen, zumal mittlerweile zwei neue Musiker unseren dritten Bassisten Tom Schulz und mich begleiteten, von der ursprünglichen Besetzung also nur noch ich dabei war. In der Schreibweise von AufBruch liegen ja auch die verschiedensten Bedeutungen: etwas Starres aufbrechen, nunmehr vorwärts aufbrechen, das Motto "Auf Bruch"- im Sinn, etwas zu zerbrechen oder einen Bruch zu machen mit sich oder anderen oder einen Einbruch, brechen im Sinne von sich übergeben...

Wir machen noch heute Musik – es gibt mittlerweile drei CDs, die bei den Plattenfirmen A.M. Music und Bellaphon erschienen sind, etliche Sampler-Beiträge und ein Buch, in dem ich die - verbotenen - DDR-Texte der Band (und als Liedermacher) veröffentlicht habe.

Zuletzt aktualisiert: 27. Februar 2009, 14:38 Uhr