Erlebnisbericht Autobahnkontrolle

Der Trabi, der nicht mehr wollte

Wir hatten Urlaub und fuhren nach Werder in den betriebseigenen Bungalow. Es war ein heißer Sommertag Anfang der achtziger Jahre. Nachdem wir die Jenaer Berge überwunden hatten und sich Sand und Kiefernwald zeigten, freuten wir uns auf Potsdam und die seenreiche Gegend. Geräusche im Motor ließen uns aufhorchen, wir mussten anhalten. Der Motor ist fest, vielleicht hilft Abkühlung. Wir schoben unseren Trabant bis an die Autobahnbrücke und auf den Fahrbahnrand und öffneten die Motorhaube.

Mein Mann hatte schon eine Ahnung, dass der Motor hin ist. Er versuchte, ihn aber noch mal anzulassen. Jetzt wo wir ins Flachland kommen, noch diese Panne schimpfte ich. Ich muss nach Potsdam telefonieren, mein Cousin schleppt uns in eine Werkstatt, schlug er vor. Das war aber leichter gesagt als getan. Auf einmal winkte er einem herankommenden Auto. Den Fahrer fragte er, können Sie mich bis zur nächsten Raststätte mitnehmen. Sie redeten miteinander, mir rief er zu, bleib beim Auto bis ich wiederkomme und stieg ein.

Ich schaute ratlos meinem davonfahrenden Mann nach und dann noch auf die Uhr, es war gegen 10.00 Uhr. Ein Leipziger Trabbifahrer hatte ihn mitgenommen, mehr wusste ich nicht. Ich setzte mich wieder ins Auto und wartete. Also warten musste ich ja wohl, dass waren seine eindringlichen Worte und beim Fahrzeug bleiben. Der Urlaub fängt ja gut an, hing ich meinen Gedanken nach und strickte weiter. Nur gut das mein Strickzeug nicht ganz unten im Kofferraum lag, denn wir hatten einiges an Proviant mit.

Die gute Thüringer Wurst fur die Verwandten in Potsdam und alles, was wir für das kommende Wochenende brauchten und noch mehr. Tütensuppen, Pudding- und Kaltschalenpulver, Wurst- und Fischkonserven. Da sollte mal einer sagen, es gibt nichts zu kaufen. Man musste eben nur zeitig anfangen zu sammeln. Die C-Vitchen waren im Sommer immer ausverkauft, also wurden die im Januar gebunkert. Dieses Brausepulver mit Coffein und Zitrone schmeckte mir besser als die Limonade aus den Flaschen.

Genauso die Gebäckmischungen standen bei mir hoch im Kurs, denn die waren gut und haltbar. Wo mochte nur mein Mann sein, hatte er seinen Cousin telefonisch erreicht? Bis sie wieder hierher fahren würden, das dauerte noch...

Skeptische Polizisten

Nach einiger Zeit fuhlte ich mich beobachtet und spähte zur Autobahnbrücke. Richtig, auf
der rechten Seite stand ein Polizeiauto und ein Uniformierter schaute mit einem Fernglas zu mir. Man darf nicht hier halten, ich ahnte schon, dass gleich etwas auf mich zukam. Einige Minuten später fuhren sie vor. Die Volkspolizei führte eine Kontrolle durch, ich legte die Papiere vor. Dann wurde ich belehrt, dass ich nicht hier stehen bleiben darf.

Der Motor ist fest, mein Mann holt Hilfe. Wie lange das noch dauert, konnte ich nicht sagen. Die Polizei wusste längst, dass ich schon über zwei Stunden da stand. Ich musste den Motor anlassen, damit sie sich von der Panne überzeugen konnten. Warum sollte ich denn sonst hier rumstehen, fragte ich verwundert. Aber da viel mir ein, dass ich mich im Berliner Raum befand und es oft Zwischenfälle mit dem Transitreisenden nach Westberlin gegeben hatte. Sie trafen sich auf Parkplätzen mit ihren Verwandten und übergaben Westgeld, Keybords und andere elektronische Gegenstände, die es bei uns nicht gab. Man hatte mich in Verdacht, dass ich auf jemanden wartete.

Sie müssen von der Autobahn runter, wir schleppen sie zur nächsten Autobahnmeisterei ab. Das kommt gar nicht in Frage, mein Mann kommt bestimmt gleich, wir haben uns ausgemacht, dass ich hier im Auto warte. Meine strikte Weigerung hatte Erfolg, ärgerlich zog die Volkspolizei ab. Einer fragte noch, haben sie etwas zu trinken dabei, ich bedankte mich höflich. Das fand ich sehr nett, denn es war so heiß, dass die Luft flimmerte.

Endloses Warten am Straßenrand und wieder Polizei

Meine innere Ruhe war dahin, mit der Polizei will man schließlich keinen Ärger haben. Eine ganze Wagenbesatzung gegen mich, ich war schon ein bisschen stolz, mich behauptet zu haben. Um mich abzulenken, begann ich unseren Picknickkorb zu plündern. Aber allein schmeckte es mir nicht, immer schielte ich in den Wald und auf die Brücke. Ich fühlte mich verlassen und allein. Sehen konnte ich nichts, aber ich wusste, ich bin nicht allein. Das ich observiert wurde, war mir klar.

Die Mittagsglut heizte das Auto auf, ich hatte die Tür zum Fahrbahnrand offen und steckte die Beine raus. Ansonsten ist ein Sommertag im Nu rum, aber hier verging die Zeit nicht. Was wird mein Mann machen und wo war er überhaupt. Ich machte mir schon einige Sorgen. An der Raststätte "Michendorf" versuchte er immer wieder seinen Cousin telefonisch zu erreichen, bis er Erfolg hatte. Sie machten aus, dass er ihn abholt und sie unser Auto abschleppen.

Zu dem Zeitpunkt wusste ich aber noch nichts davon, Kommunikation war zu diesem Zeitpunkt unmöglich. Wir konnten nicht telefonieren, wir hatten keine Handys. Ich war von der Außenwelt abgeschnitten und so kam ich mir auch vor. Ziemlich unsicher saß ich am Straßenrand und wartete. Auf einmal kamen sie wieder, die Autobahnpolizei fuhr vor. Sie stiegen aus und ich wurde aufgefordert, die Autobahn zu verlassen. Sie stehen schon den ganzen Tag hier, das ist nicht statthaft. Wir haben das Auto neben der Fahrbahn abgestellt, verwies ich wieder darauf.

Das ist kein Weg, sondern nur die Verbreiterung der Brücke. Wir rufen die Autobahnmeisterei an und die schleppen sie ab, das ist gleich die nächste Abfahrt. Kommt gar nicht in Frage, konterte ich. Mein Mann muss jeden Moment kommen, ich warte hier. Vier Mann standen vor mir und versuchten mich einzuschüchtern. Da wurde ich erst recht zickig, ich blickte sie mutig an und vertraute auf meinen Instinkt, dass mich niemand zwingen könnte.

Verärgert zogen sie ab, sie hatten ihren Vorfall aber nicht befehlsmäßig abgearbeitet. Langsam wurde ich unsicher, warum fuhr mein Mann nicht per Anhalter wieder zurück. Ich starrte in die vorbeifahrenden Autos der Gegenfahrbahn, aber keiner hielt an. Wie hypnotisiert blickte ich ihnen entgegen und der Tag ging vorrüber, es war später Nachmittag.

Die Erlösung

Was würde die Autobahnpolizei das nächste Mal vorbringen, ein drittes Mal würde es mir sicher nicht gelingen mich stur zu stellen. Wenn es dunkel wird, haben sie eine Handhabe gegen mich, denn es war lebensgefährlich, neben der Autobahn zu stehen. Gleich daneben der Wald, alles war so unübersichtlich, dass man mich dort nicht sehen konnte. Ich musste im Auto bleiben, komme was da wolle. Ich ließ den Kopf hängen, mochte nicht mehr hinaussehen zur Fahrbahn.

Aus dem Augenwinkel heraus erkannte ich Winken und Gestikulieren, das waren sie. Endlich die Erlösung, der Stress der vergangenen Stunden war verschwunden. Ich stieg aus und versuchte meine verschwitzten und verknitterten Sachen glatt zu streichen. Meine Hände klebten, denn ich hatte vor lauter Verzweiflung ein Marzipanbrot gegessen. Es war so klebrig wie süß, aber es hat mich nicht aufgeben lassen.

Nach dem Wenden waren sie endlich da, mein Rainer und Wolfgang, der Cousin aus Potsdam. Ich stieg vorn ein, winkte noch zum Abschied dem Wald zu und schaute, ob ich auch allein den Weg nach Werder gefunden hätte. Mädchen, acht Stunden hast du gewartet, das ist ja eine Leistung. Ich zuckte die Schultern, es war zwar eine Ewigkeit, aber was blieb mir übrig. Diese Ungewissheit war das Schlimmste.

Als wir den Bungalow bezogen, war die Welt wieder in Ordnung. Jetzt hatten wir erst einmal ein paar Tage kein Auto, aber wir hatten ja alles mit. Wir waren damals leichter zufrieden zu stellen und gegenseitige Hilfe war das A und 0 in jeder Beziehung.