Erlebnisbericht Hasenjagd in Reipisch

Reipisch erwacht nach dem Krieg

Obwohl das Leben zu dieser Zeit noch immer von Not und großer Armut geprägt war, begannen die Menschen bereits kurz nach dem Krieg ein geselliges und sportliches Leben in Gang zu setzen. Schon im Jahre 1946 wurde wieder Fußball und Handball gespielt.
Auch die Reipischer wollten wieder an ihre sportliche Vorkriegsgeschichte im Handball anknüpfen. Das war aber sehr schwierig, da das Dorf sehr klein ist und einige gute Handballspieler dem Nazi-Krieg zum Opfer gefallen waren.

So blieb den sportbegeisterten Reipischern nichts weiter übrig, als auf die Sportler zu warten, die sich noch in Kriegsgefangenschaft befanden und deren Heimkehr alle ersehnten. Schließlich waren ja für den damals noch üblichen Großfeldhandball je Mannschaft, genau wie beim Fußball, mindestens elf Spieler erforderlich.

Zwischenzeitlich beschäftigte man sich in Reipisch mit dem anderen Hobby, das es da noch gab: die Musikkapelle. Die jungen (oder jüngeren) Männer mussten entweder Sportler oder Musiker oder noch besser beides sein. Die Reipischer Stimmungs Tanzkapelle (RST) war wegen der tollen Stimmung, die sie bei jedem Auftritt verbreitete, außerordentlich beliebt bei Jung und Alt. Sport und Musik das passte ja auch irgendwie gut zusammen. Sportlerbälle gab es zu jeder Gelegenheit. Bei großen Siegen, nach Pokalwettbewerben, beim Aufstieg in die höhere Spielklasse aber auch wenn Niederlagen "beweint" werden mussten. Das alles musste aber in Reipisch erst noch geschafft werden.

Das Spiel kann beginnen

Im Jahre 1948 war es dann soweit. Mit den Heimkehrern hatten wir endlich die zur Aufnahme des Spielbetriebes erforderliche Zahl an Spielern zusammen und nahmen unter dem Vereinsnamen "SG Reipisch" in der 2. Kreisklasse des Kreises Merseburg am Wettkampfgeschehen teil. Aber was war das für eine Mannschaft? Der älteste Spieler war zu dieser Zeit bereits 37 Jahre alt und für zwei 16-Jährige musste für das Spielen in der 1. Männermannschaft eine Sondergenehmigung eingeholt werden. Nicht alle hatten eine Sportsfigur oder zeichneten sich durch besonderes Geschick aus. Aber sie wurden alle gebraucht (wegen der elf Mann). Und so war es auch nicht verwunderlich, dass es besonders im ersten Jahr des regelmäßigen Spielbetriebes ein paar deftige Niederlagen setzte.

Der Rückkehrer und das Problem

Die Zeit der Niederlagen war aber bald vorbei und dann gab es in jedem Jahr etwas zu feiern. Die Meisterschaft, den Aufstieg in die höhere Spielklasse, einen Pokalsieg. Und da sind wir beim eigentlichen Thema angelangt. Nach der Staatsgründung, als es dann die DDR tatsächlich gab, kam der letzte Heimkehrer aus der Kriegsgefangenschaft. Es war natürlich ein Handballer und das war wieder ein Grund zum Feiern. Um die kulinarische Ausgestaltung einer solchen Feier geht es hier.

Natürlich gehörte dazu ein richtiges Festessen. Die schmalen Zuteilungen aus den Lebensmittelkarten waren indes nicht geeignet ein halbwegs "schlennnerhaftes" Menü auf den Tisch unseres Gasthauses zu zaubern, zumal alle Vereinsmitglieder einschließlich Ehepartner teilnehmen sollten. Da war guter Rat zunächst mal teuer. Wir saßen in der Spielersitzung zusammen und berieten wie das mit dem Festessen zu bewältigen war, ohne allzusehr auf die Betteltour zu gehen z.B. bei den Bauern oder den wenigen Geschäftsleuten im Dorf. Diese waren oftmals noch "zach wie Hosenleder". Doch bald kündigte sich eine tolle Lösung an.

Not macht erfinderisch

Wir hatten in unserer Jugendmannschaft ein paar ganz pfiffige Jungs, die, geprägt in den Kriegsjahren, so richtig in die von umfassender Not gekennzeichnete Nachkriegswelt Deutschlands, vor allem in der Sowjetzone, passten. Und die hatten einen außerordentlich witzigen Vorschlag zu bieten. Diese Burschen - ich möchte sie nicht namentlich nennen - deren Väter den schrecklichen Krieg nicht überlebt hatten, waren von seelischer und materieller Nachkriegsnot besonders hart betroffen.

Auf ihren jungen Schultern lastete sogar teilweise die Verantwortung für das Überleben ihrer Familien in dieser schweren Zeit. Sie hatten festgestellt, dass sich der Bestand an Wildtieren auf den Feldern und in den Fluren im Geiseltal nach dem Kriege sehr positiv entwickelt hatte. Insbesondere gab es eine große Zahl von Feldhasen. Der Gedanke an einen Hasenbraten entstand zwangsläufig.

An den Hasenbraten denken und ihn dann tatsächlich in der Pfanne zu haben, sind aber zwei ganz verschiedene Dinge. Hasen sind zu schnell, als dass man sie haschen könnte. Schießen konnte man sie auch nicht. Eine Waffe zu besitzen war lebensgefahrlich in jener Zeit, auch wenn man sie gar nicht benutzte. Da fiel ihnen dann ganz plötzlich das Märchen von Hase und Igel ein. Nicht dass sie etwa auch mit den Hasen um die Wette laufen wollten. Nein, das Märchen brachte sie aber auf die Idee, dass man die Hasen überlisten muss, wenn man keine andere Möglichkeit hat, sie zu fangen.

Handballer auf Hasenjagd

Und so zogen sie denn - drei Freunde - in die Flur, um die Hasen zu suchen. Besonders im Spätherbst, wenn der Acker schon mal mit ein bisschen Schnee gepudelt ist, waren die Hasen in ihren Erdmulden leicht zu entdecken. Die Freunde näherten sich ihnen behutsam und kreisten jeweils so ein Häschen ein, zogen den Kreis immer enger, bis das arme Tier übertölpelt werden konnte. Näher möchte ich den für so ein Langohr recht unangenehmen Vorgang nicht erläutern.

Das klappte natürlich nur weil so ein Hase doch ein rechter Hasenfuß ist und manchmal sitzen bleibt, statt wegzulaufen und sich auf seine schnellen Läufe zu verlassen. Trotzdem war dieser Hasenfang ein Geduldspiel und nur selten von Erfolg gekrönt.
Uns gefiel diese Jagdmethode ganz außerordentlich, glaubten wir doch, dass der Erfolg mit der Anzahl der "Jäger" steigen könnte. Und so wurde nicht lange gefackelt, ein Termin für die Jagd festgelegt und an einem Samstagnachmittag machten wir uns mit etwa 30 Sportfreunden auf die Jagd.

Auf die Idee, dass wir dabei ein Unrecht begingen, kamen wir nicht. Daher störte es uns auch nicht, dass der Ortspolizist (ich weiß gar nicht mehr ob der damals schon ABV hieß) meist am Abend in unserem Gasthaus saß und so die Planung für unseren Jagdausflug in allen Einzelheiten erfuhr. Geäußert hat er sich dazu jedenfalls nicht.

Die Jagd selbst war ein unglaubliches Spektakel, das sicher keiner der Teilnehmer je vergessen hat. Da blieb schon mal so ein Jäger im aufgeweichten Acker stecken und verlor dabei seine Schuhe. Oder ein älterer Sportler machte, unter dem Gelächter seiner Freunde, den aussichtslosen Versuch, einen flüchtenden Hasen zu verfolgen. Ein anderer warf seine Jacke über so einen Meister Lampe, um ihn dann zu greifen, musste sich dabei jedoch ein paar derbe Kratzer gefallen lassen- und der Hase war weg. Das wurde mit großer Schadenfreude quittiert.

Es zeigte sich eben, dass die Fangmethode unserer jugendlichen Fachleute nicht so leicht zu übertreffen war. Bedauerlich, dass es zu dieser Zeit noch kaum die Möglichkeit gab, das Geschehen mit dem Fotoapparat oder gar einer Filmkamera festzuhalten. Allerdings hielten wir das Ereignis damals keineswegs für so bedeutungsvoll, um es der Nachwelt zu zeigen.

Mit Hilfe der fachkundigen Anleitung unserer jugendlichen "Experten" gelang es uns dann tatsächlich, fünfzehn Langohren zu fangen und unter großem Jubel in das Dorfgasthaus zu transportieren, wo sie von der Wirtin in Empfang genommen wurden. Sie war selbstverständlich bereit, das Festmahl zu bereiten. Seltsamerweise saß auch jetzt der Dorfpolizist wieder im Gasthaus, was uns wie gesagt gar nicht störte.

Zu früh gefreut?

Am darauf folgenden Samstag fand das Fest dann statt. Wir hatten uns alle "fein gemacht" und freuten uns auf den Hasenbraten, denn nicht erst durch den Baron von Münchhausen wussten wir,
dass der Hasenbraten vom Wild zum besten für Feinschmecker gehört. Es sollte ein ganz großes Ereignis werden.

Als wir uns nun im Gasthaus trafen, saß - wie könnte es anders sein - wiederum der Dorfpolizist an seinem Stammplatz, diesmal in Begleitung eines Herrn, den wir alle nicht kannten. Er stellte sich aber bald vor und so erfuhren wir, dass es der Jagdbeauftragte des Geiseltalreviers war. Dieser Mann, bestens unterrichtet durch den Ortspolizisten, machte uns unmissverständlich klar, dass unser Jagdabenteuer illegal war, denn das Wild in den Fluren gehörte natürlich dem Staat, und mit dem Jagdausflug unseres Sportvereins war der Straftatbestand des Wilderns erfüllt.

Dass wir recht naiv an die Sache herangegangen waren und glaubten, dass das Wild niemandem gehörte, kaufte uns der Jagdbeauftragte natürlich nicht ab und beschlagnahmte die in der Pfanne bruzelnden Hasenteile. Als wir so erkennen mussten, dass wir uns strafbar gemacht hatten, fuhr uns der Schreck doch ganz schön in die Glieder und wir bangten um unser Festessen.

Erst erjagt, dann bezahlt

Die Komik der ganzen Sache war diesem Herrn selbstverständlich auch nicht entgangen und so behandelte er die Angelegenheit recht milde. Unter der Voraussetzung, dass wir bereit waren, die Hasen zu bezahlen, wollte er von einer Strafanzeige Abstand nehmen! Wir nahmen diesen Friedensvorschlag natürlich an, weil wir da gewissermaßen mit dem blauen Auge davon kamen.

Und so entstand die absurde Situation, dass wir die Langohren, die wir mit so großer Mühe gefangen hatten, jetzt bezahlen mussten. Die Wirtin unseres Gasthauses war eine hervorragende Köchin und hatte einen ausgezeichneten Hasenbraten gezaubert. Der war von einer ganz besonderen Qualität. Infolge der außergewöhnlichen Jagdmethode konnte man sicher sein, dass in dem Fleisch nicht ein einziges Schrotkorn zu finden war!

Spaßverderber Ortspolizist

Vor der Kontrolle war es der Wirtin noch gelungen, von dem fast fertigen Braten große Teile zu verstecken, so dass wir wenigstens nicht die gesamte Beute bezahlen mussten. Ich kann heute nicht mehr sagen, ob der festgelegte Preis gegen geltendes Preisrecht verstieß, zumal es damals bestimmt keinen Laden gab, in dem Wild verkauft wurde. Das soll aber nur eine scherzhafte Bemerkung sein, denn wenn ich mich recht erinnere, haben wir unsere Hasen für einen lächerlichen Preis gekauft, verbunden mit der Auflage nie wieder wildern zu gehen.

Polizist und Jagdbeauftragter schlugen unsere Einladung, an dem Fest teilzunehmen, aus. Da konnten wir dann endlich zum gemütlichen Teil des Festes übergehen. Es begann mit einem Riesengelächter und dauerte die ganze Nacht - ich meine bis zur Polizeistunde, die es damals gab. Und selbstverständlich wurde zu diesem leckeren Essen auch ausgiebig getrunken. Es war ein feuchtfröhliches Gelage. Die Polizeistunde wurde natürlich auch kontrolliert. Sicher kann jeder erraten, dass die Kontrolle wiederum vom Ortspolizisten vorgenommen wurde, der wohl den Verdacht hegte, dass wir uns an diesem Tag ein zweites Mal strafbar machen wÜrden. Aber da waren wir auf der Hut.

Prominente Hasenjäger

So ging dieses außergewöhnliche Festessen zu Ende und es war ein wichtiges und markantes Ereignis in der Sportgeschichte von Reipisch. Das war aber nur die halbe Geschichte. Sportlich und gesellschaftlich war das ganze Geiseltal eigentlich ein großes Dorf. Dazu zählen muss man natürlich noch die Ortschaften des Klia-Tales (Blösien, Geusa, Atzendorf und Zscherben) sowie Großkayna und Reichardswerben. In nahezu jedem Ort wurde Fußball oder Handball gespielt.

Die Sportler und die Sportanhänger (heute würde man sie vielleicht als Fans bezeichnen) kannten sich untereinander bestens, zumal viele in den Braunkohlenwerken eine gemeinsame Arbeitsstelle hatten. Große Veranstaltungen in den einzeh1en Ortschaften waren nicht selten Treffpunkte für viele Teilnehmer aus dem ganzen Geiseltal. Das kulturelle Geschehen stand im Blickpunkt des Interesses der gesamten Bevölkerung. Und so war es nicht verwunderlich, dass die Reipischer Hasengeschichte sich bereits am nächsten Tag wie ein Lauffeuer im ganzen Geiseltal verbreitet hatte.

Was den Handball betrifft, hatten sich die "Reipscher" im Geiseltal und darüber hinaus bereits großen Respekt verschafft. Dass sie aber auch so gute "Jäger" waren, verwunderte doch sehr. Es war eine Posse ersten Ranges, die kein Regisseur hätte besser in Szene setzen können. Und noch etwas zeichnete das Geschehen aus: Es handelte sich um eine authentische Geschichte, wie sie nur das Leben schreibt!

Großen Anteil an der Verbreitung hatte die Straßenbahnlinie, die die einzelnen Ortschaften des Geiseltales zwischen Merseburg und Mücheln wie eine Schnur miteinander verband. Von Haltestelle zu Haltestelle hieß es: Schon gehört, was da in Reipisch passiert ist? Ist das nicht zum Totlachen? Und in der Tat. Bald lachte das ganze Geiseltal und darüber hinaus der ganze Kreis Merseburg über diese höchst amüsante Geschichte.

Die Straßenbahnschaffner riefen die Haltestelle in Reipisch nicht mehr mit "Zickenreipsch" (das ist der uralte Spitzname für das kleine Dorf) sondern mit "Hasenreipsch" aus. Auch das erzeugte immer wieder große Heiterkeit, wenn auch das Interesse an dem Ereignis nach Monaten langsam verebbte. Mit dieser nicht ganz legalen Aktion, hatten die Reipischer Handballer den Menschen in der näheren und weiteren Umgebung, vielleicht ein bissehen ungewollt, viel Spaß bereitet, in einer Zeit in der es noch immer wenig zu lachen gab.