Erlebnisbericht Meine alte Heimat

von René Gronau

Im Großen und Ganzen zufrieden

Ich heiße René Gronau, bin 31 Jahre noch, lebe in Köln und habe meine Kindheit und Jugend in der DDR verbracht. Ich machte mir nie zu große Gedanken um die Situation damals, mir gingen andere Sachen im Kopf umher als über die Politik nachzudenken, war sicher noch zu jung! Da wo man hineinwächst, da kennt man nichts anderes und so war es bei mir auch! Ich war so im Ganzen schon zufrieden, wuchs soweit es mir bewusst ist, glücklich und geborgen auf. Meine Familie hatte die üblichen Probleme, Scheidung, Verlust und wenig Geld, kamen aber dank unserer Mutter immer gut zurecht und mussten auf wenig verzichten!

Ein Oma-Ersatz und Kinder, mit denen man nicht spielen durfte

Die Aktivitäten als Pionier gefielen mir sehr, ich hatte eine Aufgabe in der Gemeinschaft und viele Arbeitsgemeinschaften nebenher, wo ich am Ende nur einer beiwohnte, denn zu vieles gefiel mir dann doch nicht! In unserer Nachbarschaft war es echt toll, wir hatten ja nie eine Oma und gegenüber von uns wohnte Frau Else Schwarz, sie wurde mein Oma-Ersatz. Nach der Schule ging ich immer zu ihr. Sie kochte, backte und schenkte uns Westschokolade und anderes, meine Mutter ging abends immer bis 20 Uhr zu ihr rüber und ich manchmal mit, es war toll.

In unserem Hausaufgang wohnten zwölf Familien, aber alle waren meistens nett und hilfsbereit, ebenfalls eine gute Gemeinschaft. Ganz oben wohnten Familien, deren Väter bei der Stasi waren, deren Kinder sollten mit mir nicht spielen, was sehr doof war, denn wir waren gleich alt und hatten dadurch die gleichen Interessen, aber es wurde mit dem Älterwerden immer schlimmer und ich hatte ja auch meine eigenen Freunde gefunden.

Damals fiel es mir nicht so auf, es wunderte mich, aber heute verstehe ich, dass sie nichts dafür konnten! Über uns wohnte eine Lehrerfamilie, die immer unsere laute Musik ertragen musste, wenn die Mutter arbeiten war, die Arme bekam dann den Ärger!! Sorry!!

Und schon kam der Westen und schluckte uns...

Was mir später nicht gefiel, war mit 15 Jahren das ZV-Lager in der neunten Klasse, da mussten wir für 14 Tage aufs Land und wurden mit der Verteidigung des Vaterlandes vertraut gemacht, mussten den Umgang mit den Waffen erlernen und andere Übungen absolvieren, na ja, das war dann langsam so, dass ich mir anfing Gedanken über das System zu machen, mir kamen immer mehr Fragen und Verwunderungen auf, die sich dann in großen Schritten klärten.

Zum Glück konnte ich durch die Hürde durchbrechen und den Zivildienst später machen, was sich durch die Wende von selbst auflöste. Es kam das Erwachen und das Herausreißen aus der sich vorgestellten und gelebten Zukunft, was wäre nun anders oder besser für mich, ich befasste mich mit der DDR und schon kam der Westen und schluckte uns, sollte ich mich freuen oder nicht, ich hatte nur Angst!

Beschützt und geborgen in der DDR

Aber erinnere ich mich an mein Leben als Kind und Jugendlicher, fand ich mein Leben wirklich gut. Ich hatte viel Spaß und Ablenkung, viele Freunde, es gab viele Freizeitmöglichkeiten, alles freiwillig zwar mit politischem Aspekt, aber nur einem kleinen. Ich fühlte mich immer sicher und zufrieden, sehr beschützt und alles kommt mir so rosarot vor, war es sicher nicht immer, aber meistens! Als Jugendlichen wurde uns auch einiges geboten, so dass wir nicht auf dumme Gedanken kamen. Politisch fand ich mich zu nichts gezwungen oder bekam es nicht mit, was ich nicht denke!

Von der Stasi abgeführt

In meiner Lehre in Sachsen kam ich schon in Kontakt mit der Stasi. Meine Familie hatte 1988 die Ausreise beantragt, ab da an wurde ich wach. Sie kamen auf die schwarze Liste und wurden schikaniert. Im Jahr der Wende gingen mein Bruder und ich zum Bahnhof und trennten uns zur Sicherheit. Ich holte einige Zugverbindungen für die Nachhausefahrt von Zwickau nach Pasewalk, welche nach Prag und sonstige. Ich kam nicht weit. Da ich nur die Auskunft wollte, ging ich von der Auskunft zum Fahrkartenschalter, fragte nach den Preisen und als ich mich umdrehte, wurde ich schon von drei Männern abgeführt und musste mit ins Nachbargebäude in Untersuchungshaft.

Dort musste ich Rede und Antwort stehen. Es kamen verschiedene Personen, mit denen ich reden musste und alles wurde protokolliert. Mein Ausweis wurde zerstört, damit ich das Land nicht verlassen konnte. Das Ganze ging mehr als vier Stunden oder länger. Ich weiß es nicht mehr. Dann konnte ich endlich gehen. Ich sagte natürlich nichts, ich erzählte denen etwas vom Pferd, obwohl ich mir vor Schiss bald in die Hosen gemacht hätte!

Traurig, dass es die alte Heimat nicht mehr gibt

Aber das war noch nicht das Ende. Ich musste meine Sachen im Wohnheim am nächsten Morgen durchsuchen lassen und auf der Arbeit und in der Berufsschule ging das Gerücht rum, ich wäre aufsässig geworden von heute auf morgen. Ein paar Monate später kam dann die Wende - meine Erlösung, gerne gab ich meinen Heldenstatus auf und lebte schnell mein neues Leben bis heute. Es gefällt mir am besten, es ist irgendwie traurig aber schön, dass es die alte Heimat nicht mehr gibt! Wenn ich mich zum Schluss an die letzten Tage der DDR denke, war es das reinste Chaos in mir und meinen Gefühlen. Ich musste diese schwierige Zeit lange ignorieren, aber nun ist alles doch recht toll verlaufen und der Rest Geschichte!

Zuletzt aktualisiert: 31. August 2004, 18:21 Uhr