Bericht Die "Schubert-Gruppe" I

von Hans-Werner Stichling

Verhängnisvolle Klebezettel

Nachdem ich ab Januar 1950 wieder bei meinen Eltern wohnte, bemerkte ich öfters, dass mein Vater abends nochmals wegging und wenn er zurückkam, irgendetwas was er mitbrachte in der Dachkammer versteckte. Zu bemerken wäre noch, dass wir in der Bothmerstraße 76 in der 4. Etage zwei ehemalige Mädchenkammern bewohnten und eine Dachkammer hatten, in der unsere Kohlen eingelagert waren.

Eines Tages als ich einmal allein in der Wohnung war untersuchte ich die Dachkammer genauer und fand unter dem Kohlenhaufen einen Schuhkarton mit Klebezetteln cirka fünf mal fünf Zentimeter groß, die auf der Rückseite gummiert waren und vorn als Text Losungen gegen die kommunistische Gewaltherrschaft und gegen die Vertreibung hatten.
Jetzt wusste ich endlich, was das Geheimnis meines Vaters war. Fortan entnahm ich öfters mal diese Klebezettel und klebte sie selbst, meistens auf dem Weg zur Wohnung meiner Verlobten am Stadtrand, sowie in der Spruckerstraße und in der Bothmerstraße.

Text der Klebezettel:

Geheime Zusammenkünfte

Mein Vater musste wohl dies bemerkt haben, sagte aber nichts, denn er wollte mich bestimmt aus dieser Sache heraushalten, doch dann sagte er einmal zu mir "du kannst ja mal mitkommen". Ich ging auch mit, unterwegs sprachen wir beide kein Wort miteinander.

Heute weiß ich, dass wir zur Familie Länger in der Grünstraße gingen. Herr Länger war ein ehemaliger Arbeitskollege von meinen Vater. Als wir dort ankamen, waren bereits mehrere Personen in der Wohnung, es wurde aber kein Licht angemacht, sodass man sich gegenseitig kaum erkennen konnte. Was dort leise gesprochen wurde, kann ich heute nicht mehr sagen, aber ich nehme an, es wurden dort auch die erwähnten Klebezettel verteilt und Informationen ausgetauscht. Nachdem diese Zusammenkunft beendet wurde, gingen die Anwesenden getrennt und in Abständen aus der Wohnung.

Mein Vater sprach nie über diese Zusammenkunft und auch nicht über die Klebezettel mit mir. Er wollte mich einfach nicht in diese Angelegenheit mit hineinziehen.

Mit dem Vater in der Gartenparzelle - die Ruhe vor dem Sturm

Mittwoch der 20. September, es war ein wunderschöner Herbsttag. Ich war seit Anfang 1950 wieder in meiner Heimatstadt Guben, zwar nicht in der alten Heimat jenseits der Neiße, denn von dort hatten uns ja die Polen vertrieben, sondern im Westteil von Guben. Arbeit hatte ich auch bei der Reichsbahn wieder und war im Oberbaustofflager tätig.

Durch meine Tätigkeit bei der Reichsbahn bekam ich von dort eine Gartenparzelle am Kaltenborner Damm zugewiesen und wir machten uns, mein Vater und ich, daran den Garten herzurichten. Es war ein ehemaliger Schuttplatz und so hoben wir die gesamte
Gartentfläche ca. 75 Zentimeter tief aus und siebten die "Erde" durch. Am Ende war die Fläche wieder sauber, aber es war mehr Asche als Mutterboden.

Zum Schluss richteten wir noch einen alten Einmannbunker auf, der dort vergraben war und richteten ihn als Wasserbehälter her. Mein Vater, ein großer Gartenfreund, schaffte es diesen ehemaligen Schuttplatz als Garten herzurichten.
So kam es, dass wir fast täglich dort waren und weitere notwendige Arbeiten durchfuhrten.
Inzwischen hatten wir, meine Verlobte und ich geheiratet.

"Was wollen denn die von mir, ich habe doch nichts gemacht"

Es kam der 20. September 1950. Mein Vater, meine Mutter und ich waren im Garten, meine Frau war zu Hause. Gegen 17.00 Uhr verließen wir, meine Mutter und ich, den Garten und gingen nach Hause, mein Vater blieb noch dort, um noch etwas fertig zu stellen. Als wir in der Wohnung ankamen, waren dort zwei Männer bei meiner Frau und durchsuchten die Wohnung. Ich wurde aufgefordert, meinen Vater aus dem Garten zu holen.

Als ich dort ankam, informierte ich ihn über das was vorgefallen war und sagte ihm auch, das er nach Hause kommen solle. Er antwortete mir darauf nur mit den Worten: "Was wollen denn die von mir, ich habe doch nichts gemacht" und ging mit mir nach Hause. Als wir dort ankamen, hatten diese beiden Personen die Wohnung durchsucht, aber meines Erachtens kein belastendes Material gefunden. Lediglich zwei alte Zeitschriften "Der Schwarzwälder Bote", welche meine Schwester hin und wieder mal zum Ausstopfen der Päckchen verwendete und die mein Vater aufgehoben hatte, nahmen sie mit.

Die erwähnte Dachkammer durchsuchten sie nicht, da sie von dieser nichts wussten. Am nächsten Tag ging ich am Nachmittag sofort in die Kammer, aber der Karton mit den Klebezetteln war verschwunden. Ich nehme an, meine Mutter hatte ihn schon verbrannt.
Mein Vater wurde aufgefordert, sich anzuziehen und mitzukommen, er solle sich aber eine Decke mitnehmen denn es könnte länger dauern. Das war das letzte Mal, dass wir ihn sahen, auch hörten wir nichts mehr von ihm.

Die Tage nach dem Vorfall: Hoffnung und Ungewissheit

An den Tagen nach diesem Vorfall hatten wir immer noch Hoffnung, dass sich alles zum Guten wenden und mein Vater bald wieder erscheinen würde. Aber diese Hoffnung ging dann doch bald verloren.

In dem Haus, in dem wir wohnten, sprach kaum jemand mit uns darüber, aber es war wohl die Angst dieser Menschen, dass sie eventuell auch mit hineingezogen werden könnten. Denn so etwas sprach sich ja herum und die Furcht vor der Sowjetischen Geheimpolizei (NKWD) war groß. Ich selbst war damals ein engagierter junger Gewerkschafter, der noch daran glaubte, dass jetzt in der jungen DDR demokratische Verhältnisse herrschten. Ich hatte bereits eine Gewerkschaftsschule hinter mir und war Mitglied des Bezirksvorstandes der IG Eisenbahn in Cottbus.

Nach diesem Vorfall mit meinem Vater wollte ich sofort meine Funktion niederlegen und meinen Funktionärsausweis deshalb in Cottbus abgeben. Als ich dies auf meiner Arbeitsstelle den Kollegen mitteilte, wurde mir das von anderer Stelle untersagt und ich wurde aufgefordert, nur mit einem Angehörigen der damaligen Transportpolizei nach Cottbus zufahren, damit ich keine "Dummheiten" mache. Dies geschah auch und ich kam wieder wohlbehalten mit meinem "Schutzpatron" in Guben an.

Mehrmals versuchten meine Mutter und auch ich bei der Polizeidienststelle in Guben Auskunft über den Verbleib meines Vaters zu bekommen, aber man antwortete nur mit Achselzucken, keiner gab uns eine Auskunft darüber bzw. einen Hinweis.

Erste Aufklärungsversuche

1951 schrieb ich an den damaligen Präsidenten der DDR und bat um Aufklärung in dieser Angelegenheit. Mir wurde dann am 24.03.1951 mitgeteilt, dass diese Angelegenheit dem Minister für Staatssicherheit übergeben werde. Es kam aber so, dass dann der damals zuständige Minister Zaisser abgelöst wurde (Zaisser/Herrnstadt-Prozess) und dadurch dies wohl alles unterging. Die neuen "Machthaber" in diesem Ministerium beschäftigten sich nicht mehr mit dieser Angelegenheit.

Die Zeit ging dahin, ich hatte aber keine Möglichkeit mehr, weitere Nachforschungen anzustellen, denn die DDR-Behörden hüllten sich in Schweigen und gaben grundsätzlich keine Auskunft darüber. Was ich nicht wusste, aber vermutete, war, dass meine Schwester in der BRD weitere intensive Nachforschungen anstellte, mir aber aus Sicherheitsgründen auf dem Postwege keine Informationen gab, da dies zu gefährlich gewesen wäre.

1976 bekam ich anlässlich der Silberhochzeit meiner Schwester die Genehmigung, dort hinzufahren und bekam dann erstmalig Einsicht in ihre Unterlagen. Was hatte sie erreicht?

Durch den Suchdienst des DRK konnte ein Mitangeklagter, Herr Mai, ermittelt werden. Er als Gewährsmann bestätigte, dass er unseren Vater in Potsdam bei dem Prozess vor dem Sowjetischen Militärtribunal gegenübergestanden hatte. Weitere Angaben konnte er aber auch nicht machen.

Brief von Herrn Walter Mai

Keine neuen Informationen

Ein weiterer Versuch, über die Kampfgruppe gegen Unmenschlichkeit (KgU) in Berlin Näheres zu erfahren, blieb erfolglos.

Brief von der Kampftruppe gegen Unmenschlichkeit

Zu erwähnen wäre hierbei noch, dass die Verbindungsaufnahme mit Herrn Mai und der KGU, beide waren in West-Berlin, aus Sicherheitsgründen nur mit Luftpost durchgeführt werden konnte und durfte. Diese Briefe waren auch mit Stempeln versehen Z.B. "Helft den Angehörigen der politischen Gefangenen" oder nur "Helft den politischen Gefangenen".

Ein Heimkehrer weiß mehr

So blieb das Schicksal meines Vaters im Großen und Ganzen immer noch im Dunkeln. Lediglich meine Mutter erzählte uns einmal, es muss wohl 1953/54 gewesen sein, dass ein Bekannter aus Guben, der selbst jahrelang in russischer Haft war, ihr folgendes berichtete:

Ein Kamerad von ihm, der im Jahre 1953 aus Russland nach der Ostzone heimkehrte, sei mit meinen Vater zusammen in einem Lager in Workuta am Eismeer gewesen. Mein Vater lasse uns grüßen und hoffe bald heimzukommen. Er mache leichte Lagerarbeiten. Da aber zu diesem Zeitpunkt, wie später bekannt wurde, bereits das Todesurteil an meinen Vater vollstreckt war, erscheinen mir die Angaben dieses "Heimkehrers", der sich ja nicht zuerkennen gab, sehr rätselhaft. Ich werde deshalb diesbezüglich später näher darauf eingehen.

Erste Erfolge und die bittere Wahrheit

1989 kam endlich die "Wende", ich konnte jetzt intensiver weitere Nachforschungen über den Verbleib meines Vaters anstellen. Von der Konrad-Adenauer-Stiftung und der Friedrich-Ebert-Stiftung bekam ich erstmalig wichtige Informationen. Besonders von der Konrad-Adenauer-Stiftung ging mir ein sehr wichtiger Hinweis zu. Frau Dr. Kaff schickte mir eine Broschüre von Herrn Heinz Bräuer, "Wider das Vergessen" , in der die ersten wichtigen Hinweise zur "Schubert-Gruppe" in Guben enthalten waren. Doch es fehlten darin Angaben, die meinen Vater betrafen.

Bemerken möchte ich zu dieser Broschüre noch, das Herr Bräuer diese nach bestem Wissen und Gewissen erstellt hat und dafür gebührt ihm Dank. Leider hatte er zur Zeit der Abfassung 1994 keine fundierten Unterlagen zur Verfügung. Er konnte sich also mehr oder weniger nur auf Aussagen und auf wenige Briefe von Zeitzeugen u.a. von Plath, Selig und Mai berufen.

Erst durch Dr. Wagenlehner, Direktor des Instituts für Archivauswertung in Bonn, war es möglich, detaillierte Unterlagen aus dem Archiv der sowjetischen Geheimpolizei (NKWD) in Moskau sowie beglaubigte Kopien von Urteil, Rehabilitationsbeschluss (22.Juni 1995) für alle 21 Verurteilten sowie die Strafakte meines Vaters ausgehändigt zu bekommen.

Frau Dr. Kaff gab mir den Hinweis, mich mit Herrn Dr. Wagenlehner, Direktor des Instituts für Archivauswertung in Bonn, in Verbindung zu setzen. Ich tat es sofort. Dr. Wagenlehner bat mich um eine Vollmacht, damit er mit den Nachforschungen über meinen Vater in Moskau beginnen konnte. Zugleich lief aber bereits auch ein Nachforschungsantrag von mir beim Zentralarchiv in Moskau, von dem mir zwischenzeitlich mitgeteilt wurde, dass mein Vater am 27.Juni 1951 erschossen wurde. Sein Leichnam wurde im Krematorium - Donskoje Friedhof - eingeäschert.

Dr. Wagenlehner konnte aufgrund meines Hinweises, den ich vom Zentralarchiv in Moskau erhalten hatte, weitere Nachforschungen anstellen, die dazu führten, dass er folgendes zu ermitteln vermochte: "Alle in Moskau hingerichteten Stalingegner, gleich welcher Nationalität, wurden im Donskoje-Krematorium eingeäschert. Ihre Asche wurde in der Abteilung drei des Friedhofs bestattet, jeweils gekennzeichnet im Feld mit der zugehörigen Jahreszahl, im Falle meines Vaters mit "51".

Die wirklichen Schuldigen können nicht mehr zur Verantwortung gezogen werden, aber ihre Verbrechen an - selbst inzwischen von Seiten der russischen Justiz entsprechend uneingeschränkt rehabilitierten - unschuldigen Menschen dürfen so wenig wie die Verbrechen der Rider-Zeit ignoriert und vergessen werden!

Das einzige Erinnerungsstück

Abschließend noch eine Anmerkung. Ende 1999 beantragte ich über die Deutsche Botschaft in Moskau beim Obersten Militärstaatsanwalt der RF die Rückgabe des persönlichen Eigentums meines Vaters, vor kurzer Zeit erhielt ich den Personalausweis meines Vaters zurück.

Schreiben vom Obersten Militärstaatsanwalt in Moskau (Übersetzung)

Zuletzt aktualisiert: 01. Juni 2005, 12:13 Uhr