Autobiographie Freiheit, die ich meine - Teil III

Mein Leben in der "DDR"

Jürgen-Kurt Wenzel beschreibt den eintönigen Haftalltag, grausam durchbrochen von Willkürakten, Schikane, Gewalt. Aber er erzählt auch von den Gerüchten, die den Häftlingen Hoffnung machen und von Freundschaften, die überleben helfen.

von Jürgen-Kurt Wenzel

Die mir schon bekannte grüne Minna steht mit offener Seitentür auf dem Hof. Mehrere Bewacher mit Schulterriemen, Schaftstiefeln, stehen auf dem dunklen Hof, bellende, kurz gehaltene Schäferhunde an der Leine, welche geifernd bedrohlich nahe kommen. Der Blick geht zurück zu den düsteren Gitterfenstern mit den die Blicke abwehrenden Milchglasblenden. Zwei Mann mit vorgehaltener Maschinenpistole drängen zum Einsteigen. Die Tür zum roten Klinkerbau öffnet sich.

Pummel, die Hände kurz geschlossen. Ein rothaariger stämmiger Typ mit Tausenden von sympathischen Sommersprossen im Gesicht und den kräftigen Armen betritt den Hof. Ich will...

"Einsteigen!!"

Ein plötzlicher Hieb mit dem Kolben der MP treibt mich rasend vor Schmerz in eines der vergitterten engen Transportzellen. Ein Schlag oder mehrere. Mein Bein gehorcht mir nicht. Später ist es öfter bis zum Knie taub. Pummel kommt gefesselt in den anderen Käfig. Die Bewacher sitzen mit den Maschinenpistolen in Griffposition auf der Querbank. Der Hund hechelt und knurrt. Die auf den Rücken gefesselten Hände schmerzen bis zu den Schultern. Grinsen der Vopos.

Der LKW setzt sich in Bewegung. In der ersten Kurve fliege ich von der Bank. Ich kann mich nicht festhalten. Das Bein gehorcht immer noch nicht. Wir fahren. Keine Kurven. Ich habe eine stabile Haltung gefunden. Irgendwann wieder Unruhe. Kurven. Halten, fahren. Vertraute Geräusche, ein Tor öffnet sich. Riegel fallen ins. Schloss. Der Gitterkäfig öffnet sich.

"Raus! Raus!!"

Ein enger, düsterer, aber wie immer ähnlich rot verklinkerter Backsteinhof. Gitter. Der letzte Blick. Pummel, mit väterlichem Blick, im Drahtverschlag. "Rein da!"

Der übliche ekelige Gestank nach Bohnerwachs und miefiger Plaste. Keine Gesichter. Eigenartige Drähte in Armhöhe an den Wänden. Reißleinen für die Bewacher bei Bedrohung. Am Ende eine schwere offene Holztür. Das übliche Schloss. Riegel. Neu, eine Klappe in der Tür. Kein Gesicht. Die Stimme aus dem Hintergrund: "Rein da!"

Die Tür fällt krachend zu. Allein.

Wie lange bin ich in dem Loch?

Ein enger Raum. Mit Glasbausteinen trübes Fenster. Oben ein kleiner Schlitz. Ein gekippter Stein für Frischluft oder gegen den Gestank?? Auf der rohen Holzpritsche eine Pferdedecke. Der übliche nach Chlor stinkende Kübel. Ein derber Holzhocker und ein schmaler Tisch. Ölfarbe an den Wänden. Ein kleiner Wandschrank. Wie lange bin ich in dem Loch?

Die Klappe in der Tür fliegt auf. Essen fassen. Gaffen. "Wie viel Brot? Schnell, schnell!" Ein Blechnapf mit Muckefuck, drei Scheiben Graubrot, ein Klecks Margarine, etwas Schmierwurst, usw. Tage, Wochen immer das Gleiche.

Die Tage vergehen zwischen Schwitzen und Frieren. Schlafen nur in Rückenlage, die Hände auf der Pferdedecke. Ewig leuchtet diese verfluchte Lampe hinter dem Maschendraht über der Tür. Schlafen?? Jähes Aufschrecken aus den wirren Träumen. Zurückschlagen der Riegel. "Hände auf die Decke!" Manchmal träume ich von hinter dem Horizont. Von Mutti, aber mehr von Großvater. Gütig schaut er. Freiheit die ich meine. Es kommt mal anders. Friedensvertrag. Nachts fliegen die Türen auf. Ein grinsender GI steht Kaugummi kauend in der Tür. Riegel krachen.

Wieder ein Traum. Ich liege mit Renate in der Laube. Es ist heiß. Wir treiben es bis zur Ekstase. Morgens klebt die gestreifte Armeeunterhose. Scham.

Maschendraht. Wände. Mauern.

Die Klappe fliegt auf. Essen fassen. Kübel raus. Wie viele Tage? Es ist Wochenende. Ich habe gelernt, dann ist duschen angesagt. Herrlich, dieser kurze Moment, das spärliche heiße Wasser aus der verkalkten Düse. Keine Gesichter. Das Bein schmerzt immer noch. Raus treten. Rechts lang! Ich stolpere durch die nächste offene Tür. Freigang. Freigang. Ein enger zwischen hohen Mauern liegender Hof. "Gänse!" Rauer Beton. Mein Blick sucht den Himmel. Maschendraht. Ein. Posten auf einer Plattform. Wieder diese Maschinenpistole. Die Bedrohung.

Wer konnte wohl Mauer und Draht und Wand und Mauer und, und, und überwinden? Ein Vöglein würde im Draht stecken bleiben. Eine Eidechse kann nicht fliegen. Ich schreibe meine Gedanken auf den glänzenden Stragula-Fußboden. Man kann die Gedanken mit dem Feudel auslöschen. Der Fußboden muss immer glänzen, sonst droht Schikane und Strafe. Raus treten.

Wieder keine Gesichter. Links lang. Wieder die Drähte. Auf den Hof. In der Minna drängen sich unbekannte stumme Gestalten. Die Türe der engen Drahtkäfige krachen zu. Tür auf. Der LKW fahrt los. Kurze Fahrt. Halten. "Raus! Raus!" Uniformen mit Maschinenpistolen. In der Reihe. Bei Fluchtversuch wird von der Schusswaffe Gebrauch gemacht.

Durchgangsstation Zuchthaus Cottbus.

Güterwagen. Gleise. Man treibt uns an. Immer wieder die drohenden Gewehrläufe. Ängstliche Gesichter. Junge und Alte. Grotewohlexpress. Ich habe mir nie ausgemalt, wie der von außen aussieht. Enge Minizellen mit gewölbten Plastiksitzen. Undurchsichtige Fenster. Vier Mann eine Zelle. Stickend heiß. Eng. Wir kommen ins Gespräch. Jeder klagt sein Leid. Erzählt besonnen. Unschuldig.

Wenn Honecker das wüsste. Das hatte man bei den Nazis auch gesagt. Ich hab sie vergessen. Es war immer irgendein Elend. Aber viele wollten auch nur von Deutschland nach Deutschland. München, Berlin, Hamburg, Hafen, Reeperbahn. Die Phantasie bekam Flügel.

Ich muss mal.

Zaghaftes Klopfen an der Tür. Die Blase drückt. Außerdem habe ich Durst. Es schmerzt. Ich klopfe stärker. Ruhe!! Ich klopfe lauter. Die enge Tür fliegt auf. Ich werde von zwei derben Fäusten auf den engen Gang gezerrt. "Was isn?" - Ich muss mal." Acht auf den Rücken. Gelächter. Der Wagen schwankt. Meine Arme sind gefesselt. Das Bein schmerzt. Taubheit breitet sich aus. Die Blase scheint zu platzen. Ich heule vor Wut. Scham breitet sich aus. Heiß rinnt es ins Hosenbein. Der Schmerz geht in Wohlsein über. "Du Sau, du Schwein!" Man schubst mich in die enge Zelle zurück.

Niemand muss mehr. Aber es stinkt fürchterlich. Beim kurzen Halten des Zuges stupide Bahnsteiggeräusche. Tür auf. Einsteigen. Stimmen. Aussteigen, das zum Ritual gewordene Umsteigen der Jammergestalten in die grüne Minna. Zuchthaus Cottbus, wie wir erfahren. Durchgangsstation. Warnung!! Namen werden geflüstert. Vorsicht vor Arafat!

Der große Nazi-Hund.

Eines Tages stinkender roher Fisch. Mein Daarm beruhigt sich erst, als er schmerzt vom unhaltbaren Entleeren. Eiskalter Schweiz lässt mich vor Schüttelfrost frieren. Ich bin am Ende. Es ist heiß geworden in den kargen Zellen und auf den Höfen. Wenigstens sind keine Blenden vor den Gittern. Man kann die braunen Körper der Außenkommandos sehen.

Nur Kriminelle mit proletarischem Klassenbewusstsein. Eine neue Erfahrung. Teile und herrsche. Die Drohung. Wenn ihr nicht spurt, öffnen wir die Zellen. Die machen euch reaktionäre Elemente fertig. Kapos haben sie von den Nazis übernommen, raunte jemand. Raus treten zum Transport.

Grotewohlexpress. Grüne Minna. Wieder öffnet sich eine Tür. Ein hoher Backsteinbau. "Rein da!!" Drei Etagen U-Bau. Lange eiserne Treppen zwischen den Stationen. Zelle an Zelle. An den Ecken die Kübelzelle. Gegenüber der Glaskäfig des Stationsleiters. Erziehers. Ich stolpere die Eisenstufen hoch. Zwischen den Stationen keine Fallnetze. Später höre ich den Anstaltsleiter: "Ackermann hat sie entfernen lassen." Wer lebensmüde springt, ist selber schuld. Nachschub ist planbar.

Am Ende der Treppe stand breitbeinig drohend eine drahtige uniformierte Gestalt. Nazibild. Ich habe immer mehr das Gefühl, man hat sie uns in der Schule so beschrieben. In der eine Hand das genietete Gewalt verbreitende Schlüsselbund, in der anderen der wippende Gummiknüppel. Fletschende Zähne. Drei Pickel auf den Silber umwickelten Schulterstücken. Zum Offizier hatte er es nicht geschafft. Der "große Hund", wie er sich in meine Seele einfraß.

Otto tröstet mich.

"Doppelter Ausbrecher, willst zum Klassenfeind. Bei mir biste richtig. Ab in die Zelle.“ Die Knüppel treffen schmerzhaft meine Schulter. Tür auf. Ein Stoß mit dem Ende des Knüppels treibt mich bis auf das Bett unter dem Fenster. Die Tür fällt krachend zu. Riegel krachen. Ein kahlköpfiger Mann mit freundlich rundem Gesicht streckt mir die Hand entgegen. Otto.

Otto tröstet mich! Otto weiß Bescheid. Er hat tausend Tricks und Rat in allen Nöten. Versteckte geheimnisvolle Döschen mit Zwiebeln und Gläser mit Wein aus Marmeladenresten in geheimen Ecken und Nischen der Zelle. Otto, ein alter Sozialdemokrat aus Danzig. Er war bei den Nazis in Buchenwald. Kannte Thälmann und hatte keine gute Meinung von diesem. Im Krieg war er auf dem Bau und hat den Führerbunker in Berlin mit gebaut. Er kannte viele Geschichten. Und könnte Trösten.
Tage vergingen.

Staatsfeinde werden in der Tischlerei nicht gebraucht

Einteilen zur Arbeit. Irgendein Wachtmeister hatte gefragt, was ich könne. Beim Großvater hatte ich Spaß beim Tischlern und Basteln in Haus und Hof. Arbeitseinsatz Tischlerei. Abschied von Otto. Ich stehe mit meinem Bündel Elend auf Station. Es ist heiß. Der Wachtmeister geht auf einen großen Strafgefangenen zu. Bekleidet mit einer auffallend korrekten Knastuniform. Schwarzglänzende längere und nach hinten gekämmte Haare mit arrogantem Auftreten. Der Wachtmeister reicht ihm meine Akte. Flüchtiges Blättern.

Ausbrecher, Staatsfeinde, kann ich in der Tischlerei nicht gebrauchen. Zurück auf die Zelle. Ein junger Mitgefangener, er erzählt, er wäre aus Waldheim verlegt. Dort war eine Meuterei. Es wäre Blut geflossen und das Mobiliar hatte mannshoch gelegen. Er erzählte, ich wäre an den Doppelmörder Degen geraten. Wilde Geschichten von Salzsäure usw.
Der hätte im Hause eine Sonderstellung. Selbst die Wachtmeister hätten Angst vor ihm. Er hatte eine offene Zelle, seine willfährigen Geliebten konnten jederzeit zu ihm, und im Haus spionieren.

Er hatte auch einen auffallend engen Gang. Böse Zungen sagten, er könne sonst den Stuhl nicht mehr halten. Mein Zellenkamerad verweigerte Essen. Er wollte sich beim Verbindungsoffizier oder Anstaltsleiter beschweren. Prompt wurde er unter Wasser auf Einzelzelle verlegt. Zum Waschen gab es nur Seifenwasser, erzählten die Kalfaktoren. Er hat wohl eine Woche ausgehalten. Ich wurde zurück verlegt. Doppelzelle.

Ein sommersprossiger Melker aus Mecklenburg. Seine kräftigen Hände hatten wohl dem Falschen blaue Augen geschlagen. Wir kamen gut miteinander aus. Die Tür flog auf. Raus treten zum Arzt. Eingangsuntersuchung. Bücken, tasten, klopfen, Zunge raus, der Nächste. Vorstellen beim Zahnarzt. Auf den Stuhl. So ein Typ in Weiß fuhrwerkt mir im Mund herum. Der schiefe Schneidezahn am Unterkiefer muss raus! Kräftige Hände halten mich wie Schraubstöcke im Stuhl. Mein Kiefer wird aufgespreizt, in dem kräftige Finger in mein Kiefergelenk drücken. Blitzen einer Stange. Schmerzen. Nutzlos, der Versuch des Aufbäumens, Kurzes Zerren. Beißender Schmerz! Der Zahn fliegt in den Müll.

Abtreten. Ich zittere vor Wut und Schmerz.

Wenn sie dich einsperren, arbeite!

Ich werde zur Arbeit eingesetzt. Elmo heißt es. Dort werden Elektromotoren hergestellt. Kupferwicklungen für den Export. Aluminium für die Republik. Ich arbeite als Spuler. Ist so eine Schlüsselstellung. Die Produktion ist davon abhängig. Ich versuche zu überleben. Großvater sagte einmal: "Wenn sie dich einsperren, arbeite! Dann hast du den Rücken zur Wand." Ich wollte überleben. Erziehungsgespräch beim großen Hirsch. Drohend sitzt er hinterm Schreibtisch.

"Ich gehe auf jeden Fall in den Westen." Die Faust kracht auf den Schreibtisch. Ein schwerer gläserner Aschenbecher zischt an meinem Kopf vorbei. Plötzlich steht er hünenhaft vor mir. Er stinkt aus dem Mund. Er tritt mir mit dem Knie zwischen die Beine. Ich bekomme keine Luft. Vor Schmerz wimmernd liege ich auf dem Boden. Wenn ich bloß Luft bekäme. Wüstes Gebrüll: Klassenfeind, reaktionäres wohltätiges Schwein, Sieg über den Kapitalismus, Wir kriegen jeden klein. Langsam bekomme ich Luft. Die Hoden schmerzen bis heute. Zurück auf die Zelle. Einzelhaft.

Zwei, drei Tage, dann raus treten zur Arbeit. Ich erfahre, der Plan war in Gefahr. Sie fanden keinen fähigen Spuler. Großvater hatte Recht.

Die Zeit wurde gesichtslos. Die Zellen und die Kameraden wechselten. Gute und schlechte, ab und an wieder nur zu zweit mit Neuen, die auffallend viel fragten oder drohten, sie würden sich von mir nicht die frühzeitige Entlassung verderben lassen. Einsame Prügeleien.

Bilder, die sich einfressen.

Ich entdeckte, dass ich sehr kräftig war, trotz meiner sehr zierlichen Figur. Es wurde ruhiger. Manche Wachtmeister versorgten uns mit Nachrichten. Mancher war wohl strafversetzt. Es herrschte Unruhe im Haus. Die Uniformierung veränderte von heut auf morgen. Schaftstiefel, Schulterriemen, rauer Ton.

Unruhen im Westen. Wissen die 68-iger was sie tun? Mit diesem letzten freien Drittel der Welt? Ostermärsche, brennende Autos, Randale in der Welt unserer Hoffnungen und Träume.

Häme bei den Schließern, Verunsicherung, Schweigen bei den wenigen Anständigen. Ackermann richtet eine Nicht-Arbeiterstation ein. Arbeitsverweigerer und Häftlinge, die ihre Norm nicht erfüllten, wurden auf der Mittelstation isoliert. Beim Einrücken von der Arbeit konnten wir mit ansehen, wie ihre Verpflegung - heißes Wasser aus dem Armeekübel und ein winziges Stückchen Brot - verteilt wurde. Die abgemagerten Jammergestalten mussten mit ihrem Geschirr bis auf den Gang heraustreten, damit wir die ausgemergelten Gestalten sehen konnten.

Bilder, die sich einfressen, wie aus dem Dritten Reich! Gleichzeitig veranstaltet Ackermann für die progressiven Kriminellen Hähnchen-Essen.

Krieg zwischen Israel und den Arabern. Kassiber wechselten die Zellen. Wildeste Gedanken, Ausbruch, freiwillig zur Israelischen Armee, gegen die Araber, gegen die Russen. Stimmungen erinnerten an den 17. Juni 1953, Ungarn 1956, die Amerikaner.

Es wurde ein Hexenkessel.

Ich war gerade eingeschlafen. Die Zellentür flog auf. Stahlhelm. Hundegekläff. "Raus! Raus!" Die Gänge waren überfüllt mit Strafgefangenen von allen Stationen. Überall Uniformen in dieser Kampfmontur. Gesichter zur Wand. Beine gespreizt, Hände ins Genick. Mir schlottern die Knie, die Zähne klappern wie ein Maschinengewehr. Aus den Zellen fliegen die Sachen der Gefangenen über die Brüstung ins Erdgeschoss, wirre Haufen aus Decken, Bekleidung, Seifendosen, Zahnpasta usw. bildend. Irgendjemand reißt mir die Hände auf den Rücken und treibt mich über den Gang auf den Hof.

Den Hof! Wir kannten die Bedrohung hinter diesen Gittern, von den Freistunden. Dort war das Fallbeil. Wir wussten von der Existenz der Todesstrafe. Es war die Zeit der Bluthilde. Hilde Benjamin. Danach kam Streit. Ein Strafgefangener war fürchterlich verprügelt worden und hatte sich irgendwie beschweren können. Streit schrie: "Der Wachtmeister hätte im proletarischen Zorn gehandelt." In der dünnen Unterwäsche mit der ewig rutschenden Hose und den zu kurzen gestreiften Beinen fror ich fürchterlich. Wir hatten das Gitter erreicht.

Meine Arme wurden nach hinten hochgerissen und ans Gitter geschlossen. Ich versuchte auf Zehenspitzen den Schmerz zu lindern. Höhnisches Lachen. Eine Stimme: " Wenn wir wiederkommen bist du dran! In der Ecke haben wir Wlassow erschossen."

Wlassow??

Angst und die Kälte. Die Zähne klappern. Dann Gefühle von Trotz. Heldentum, Andreas Hofer. Nur, es schmerzte so in den Armen. Das Bein ist taub. Die Füße versagen. Frieren. Plötzlich ist alles vorbei. Die Fessel löst sich. Eine ruhige Stimme sagt fast väterlich: "Zurück auf die Zelle." Wie ich dort hinkam, weiß ich nicht! Ich sehe nur noch den Trümmerhaufen im Zellentrakt. Tagelanges Aufräumen.

Gerüchte: Amnestie, Freikauf, Strafrechtsreform - Hoffnung.

Ich werde verlegt. Sechs-Mann-Zelle. Werner, Werner Zabel. Ich erfahre, er war Messeleiter bei Siemens. Hat spioniert. Auch er ein kahlköpfiger, kräftiger, väterlicher Typ. Wir freunden uns an. Später nach meiner Entlassung bekomme ich lange Pakete von ihm aus Westberlin. Ich habe seine Spur verloren.

Es geht wieder zur Arbeit. Der Plan geht vor. Da war auch noch dieser Mitgefangene, ein junger Journalist vom Springer Verlag. "Ich helfe dir!!" Hat er meine Daten in den Westen geschmuggelt - helfende Hände Hamburg? Wieder Unruhe im Haus. Man munkelt von Amnestie, Freikauf, eine neue Dimension, die zur fixen Idee und Hoffnung wird. Freikauf - das waren so Gerüchte. Es half Hoffnung zu entwickeln. Strafrechtsreform. Andere Kategorien. Hafterleichterung. Werners Vater wird in den Westen entlassen. Gerüchte über Gerüchte.

Sachen packen. Es geht auf eine große Gemeinschaftszelle. Wir liegen zu dreißig Gefangenen auf dem Fußboden. Keine Zellenordnung. Gerüchte. Dann raus zum Transport. Grotewohlexpress. Alles schon Routine. Man hat gelernt, wie man durchkommt. Ankunft in Berlin-Hummelsburg. Eine Dreißig-Mann-Zelle erwartet mich.

Festes routiniertes Kapo-System. Ich freunde mich mit einem kräftigen Typen an. Er bekommt meine Zigaretten. Ich hatte mir das Rauchen in Brandenburg von heute auf morgen abgewöhnt. Und damit den großen Hund zur Weißglut gebracht. Ich wollte mich nicht mehr wegen weggeworfener Kippen prügeln oder das Seegras der uralten Matratze rauchen. Er beschützte mich.

Teil I Jürgen-Kurt Wenzel erzählt von seiner Kindheit und dem geliebten Großvater.

Mit 17 Jahren unternimmt er einen Fluchtversuch - erste Haft-Erfahrungen.

Eine Odyssee beginnt.

Teil II Wenzel schildert seine erste große Liebe, mit ihr unternimmt er einen Fluchtversuch.

Dieser scheitert - wieder kommt er in Haft.

Dort macht er die schmerzhafte Erfahrung: Als politischer Häftling hat man keine Rechte.

Teil III Eintöniger Haftalltag, grausam durchbrochen von Willkürakten, Schikane, Gewalt.

Aber Wenzel erzählt auch von den Gerüchten, die Hoffnung machen.

Und von Freundschaft, die überleben hilft.

Teil IV Das Leben nach der Haft: Liebe, Heirat, Freundschaft, Familie.

Die Stasi hat ihn im Visier, der Ausreiseantrag ist gestellt.

Doch die Freiheit wartet.

Zuletzt aktualisiert: 10. September 2004, 13:26 Uhr