Autobiographie Freiheit, die ich meine - Teil IV

Mein Leben in der "DDR"

Jürgen-Kurt Wenzel erzählt vom Leben nach der Haft: von Liebe, Heirat, Freundschaft, Familie und Kindern. Die Stasi hat ihn im Visier, doch der Ausreiseantrag ist gestellt. Die Freiheit wartet. Und es ist nur eine Frage der Zeit, dass es mal anders kommt.

von Jürgen-Kurt Wenzel

Wieder Arbeitseinsatz. Zwangsarbeit. Verweigern wurde streng bestraft. Na ja, und dann diese Selbsterziehung in der Gruppe. Wenn einer nicht will oder kann, machen ihn die Kapos fit.
Ich arbeite für das EAW-Berlin. Schalter. Schütze. Lange Fließbänder mit jungen und alten Sklaven.
Aber da war so ein stämmiger Zivilarbeiter. Rundes gutmütiges Gesicht. Segelohren.

"Strafgefangener, gehen sie Kartons falten." Stapel ungefalteter Kartons in einem fensterlosen Nebenraum. Pappgestank. Zwischen den ersten Kartonpäckchen Zeitungspapier. Ein dickes Stullenpaket. Dick belegt mit Wurst und Schinken.
Ich hab öfters Kartons gefaltet.

Weiterbildung in der Abendschule. In allen Fächern eine Eins.

Meldungen vom Vietnamkrieg in den zensierten Nachrichten in den obligaten NDs. My Lai. Amerika, Zweifel. Die ständige Desinformation bei den Politgesprächen verwirrt. Es gibt Abwechslung. Nach Hause kein Kontakt. Gewöhnung an die andere Welt. Eine Abendschule bietet Weiterbildung an. Fächer: Staatsbürgerkunde, Geschichte, Mathematik, 9. Klasse. Ich war nie sehr gut in Mathe. Nach einem Jahr bekomme ich ein Zeugnis, als Einziger in allen drei Fächern eine Eins.

Tage danach stellt sich ein Zivilist vor. Redet von erstaunlichen Leistungen, fragt nach Zukunftsplänen nach der Haft. Man könne mich brauchen. Nun sie sagten immer, wer in den Westen will, ist doof, geisteskrank oder nur ein reaktionärer Feind. Doof war ich nicht. Das hatte ich bewiesen. Aber in den Westen wollte ich trotzdem.
Er kam nie wieder.

Die Entlassung und die Nachricht von Großvaters Tod.

Ich stellte schriftlich einen Ausreiseantrag zu meinem Vater nach Westberlin bei meiner Entlassung. Der Ton wird wieder eisiger. Eines Tages rasende Bauchschmerzen. Mein Leib ist bretthart. Ich werde auf die Krankenstation geschleppt. Schreckliche Schmerzen. Der Stuhlgang versagt. Wimmern mit angezogenen Beinen im Doppelstockbett. Kein Arzt. Morgens wird eine Schüssel mit irgendeinem Mehlkleister in die Zelle geschoben. Eklig, hab einmal kurz probiert. Schmerzen sind unerträglich. Ich drücke mir mit dem Finger den sich nach außen stülpenden Enddarm zurück.

Blut. Hilfloses Wimmern.

Mama, Großvater. Verfluchte Schweine. Wehe euch, wenn ich draußen bin. Kurz vor meiner Entlassung lassen die Schmerzen nach. Am Tage vor der Entlassung - Erziehungsgespräch. Die üblichen Phrasen. Bewähren, sonst wehe, Klassenfeind! Wie beiläufig ein Telegramm auf dem Schreibtisch. Opa verstorben - Mama!!

Eiskalte Lähmung, nicht verstehen.
Opa!! Lieber.

Verfluchte Hunde. Rache, Schmerz, Großvater.

Großmutter war im Jahre davor gestorben. Irgendwie war das anders. Was jetzt? Ich war hilflos. Das erste Mal richtig allein. Ich warf mich mit angezogenen Beinen aufs Bett. Niemand hinderte mich. Tränen bis ich tief einschlief. Effektenkammer. Die wenigen Habseligkeiten. Ein wenig Bargeld für die Fahrkarten. Die Schuhe. Die Schuhe neu besohlt. Schreck!!

Werde ich gleich wieder verhaftet? Die Papiere sollten zum Klassenfeind. Niemand hinderte mich.
Im Zug auf der Toilette löste ich die Schuhsohle. Der Schuster auf den Effekten in Brandenburg - auch ein Mörder erzählte man - hatte die Blätter säuberlich in die neue Gummisohle eingearbeitet.
Wieder eine neue Erfahrung. Nachdenklichkeit. Fremde Schicksale.
Wer ist gut oder böse??

Neuanfang. Ich bin erwachsen.

Halberstadt - Mein Zimmer in der alten Backstube, mit der Teerpappe unter der Tapete. Anmelden im VPKA-Kreisamt. Arbeitsempfehlung: Elmo Wernigerode. Die vom Ministerium des Inneren lehnen das ab. Grenzkreis. Kontrolle.

Ich suche mir selbst Arbeit. Fange im HO als Heizer an. So ein Keller am Fischmarkt. Öde Arbeit. Wasserdruck, Temperaturen beobachten, Feuer unterhalten. Kohlen schippen. Langweilig und wenig Geld. Mutter erzählt, seit mehreren Jahren bekommt sie Pakete von Tante Gertrud und Onkel Kurt aus Hamburg. Hamburg?

Hilfe von drüben. Hoffnung!

Wer hilft mir, wer sind Tante Gertrud und Onkel Kurt? Erste persönlich gehaltene Briefe. Zwischen den Zeilen, wir können helfen. Helfende Hände Hamburg. Ich bin auf Brautschau. Ich bin erwachsen. Ich besteige mit einem Freund diesen Doppelstockwaggon in Wernigerode. Ein enges Kleid mit weißem Mädchenkragen. Schmale gemalte Augenbrauen in dem lieblichen Gesicht. Pubertäres Gehabe. Wir necken und ich entwinde das Seidentuch. Sie riecht gut. Wo arbeitest du? Im Elmo als Motorenwicklerin. Es blitzt im Gehirn. Wir sehen uns wieder. Das Tuch bekommt sie trotz Protest nicht zurück.

Eine neue Arbeit und eine neue Liebe.

Ich bewerbe mich im Elmo, werde als Spuler eingestellt. Sie steht an der Maschine gegenüber. Mein Tuch, frotzeln. Blicke. Sie sieht selbst in dem geblümten Kittel gut aus. Abends im Zug. Sie sitzt im Abteil und blättert wie an jenem Tag in einer bunten Zeitschrift. Ich setze mich zu ihr. Das Tuch. Ablenkung und Necken. Sie muss auf halber Strecke aussteigen. Eines Tages bleibt sie sitzen. Wir schleichen heimlich in mein Zimmer. Es wird heiß im Bett. Der Druck der vergangenen Jahre weicht längst vergessenen Gefühlen.

Renate hatte ich noch einmal kurz im Auerhahn getroffen. Sie rauchte. Hatte die blonden Haare ähnlich ihrer Mutter hochgesteckt. Keine Gefühle mehr. Kein Neuanfang. Aber jetzt.

Wie nach einem Dammbruch quoll es hervor, der Drang nach Leben, Liebe, Geborgenheit. Es nahm kein Ende. Immer häufiger hielt der Zug umsonst auf diesem kleinen Bahnhof. Wir lagen eng umschlungen. Mutter stand mit hochrotem Kopf in der Tür. Köpfe unter die Bettdecke.

Ärger bahnte sich an. Trotz. Ich bin erwachsen. Heiraten. Sie nahm mich mit nach Hause. Dieses kleine alte Fachwerkhaus in dem Dorf mit der mächtigen Burg und den weithin sichtbaren Burgfried. Schwiegermutter. Eine resolute noch recht korpulente Mittfünfzigerin. Schwiegervater ein drahtiger Maurersmann mit schwieligen Händen und gütigen Augen. Na ja, und die halbwüchsigen Brüder.

Heiratspläne und ein neuer Freund.

Ich saß am Tisch. Ein Teller mit deftigem Essen stand vor mir. Der Knastologe war angenommen. "Geheiratet wird aber kirchlich" drohte Schwiegermutter Erna. Nachkonfirmation gegenüber.
Der Pastor, welcher nach der Sonntagsmesse immer der Brüder und Schwestern im freien Teil unserer Heimat gedachte. Dadurch machte mir sogar der Gottesdienst noch mehr Spaß.

Irgendwann lernte ich Siggi kennen. Ein netter Typ mit einem Prachtweib und zwei niedlichen lockigköpfigen Buben und der stocksteifen Mutter mit den listigen Augen und dem klaren Verstand. Siggi baute seine Datsche. Er hatte gerade als Kraftfahrer gekündigt, da der zum Bau benötigte LKW nicht mehr gebraucht wurde. Er arbeitete jetzt als Bühnengehilfe im Volkstheater. Am Ende der Spielzeit bestand die Aussicht die Latten der Bühnenbilder als Dachlatten für das neue Dach des fortgeschrittenen Baus zu erwerben.

Fang da auch an. Die Ballettmiezen. Freies Arbeiten. Nach den Vorstellungen tolles Beisammensein. Oh, oh und die vom Ballett. Ich bekam den Job. Volkstheater, eine eigene Welt, Bergtheater. Es war eine schöne Zeit. Siegfried kündigte. Das Dach war fertig. Die Heizung stand an. Er fing in der Gießerei in Blankenburg an.

Ein Baby kündigt sich an. Annäherung an den Stiefvater.

Dann eines Tages, die zärtlichen Hände fassen fest. Ein unbegreiflicher feuchter Blick der großen Augen unter den schmalen Brauen. Wir müssen heiraten. Wir bekommen ein Baby. Himmelhoch jauchzend. Nichts mehr von Klassenfeind. Politik. Heiraten, Familie, ein Kind. Rasendes, sich unendlicher Zärtlichkeit ergießendes Glück.

Die Pakete mit dem Duft aus dem Westen kamen regelmäßig.

Stiefvater war eigentlich ganz nett!! Er baut aus Latten und Folie vor dem Backofen eine Kochnische. Wer von den Jungen bekam schon eine eigene Wohnung. Stiefvater. Ich hatte mehr von ihm erfahren. Truppführer in Stalingrad. Verwundung. In der Not nach dem Krieg Arbeit beim Russen. Alte Seilschaften aus dem Schützengraben. Kasernierte Volkspolizei. Wegen der Kriegsverletzung dann zu Konsum. Wer weiter wollte, musste in die Partei.

Hochzeit. Wohnung. So etwas wie Wohlstand.

Mutter leitet eine kleine Verkaufsstelle. Beziehungen bahnten sich an. Wir haben, was habt ihr? Mangelware wurde unter dem Ladentisch verkauft. Wir heirateten in diesem kleinen Ort mit der Burg und dieser mächtigen Schinkel-Kirche auf dem Friedhof. Es war eine schöne große Hochzeit. Schade um den schönen weißen Schleier aus dem Westen mit den Margeritenblüten. War von Tante Mia, dieser kräftigen Mamsell aus Duisburg. Das Baby strampelte tüchtig vor dem Altar. Das Brautkleid wölbte sich und die kleine Beule wanderte.

Wir bekamen eine Wohnung.

Wieder Beziehungen, Mutter, Stiefvater. Hinterhof, 2. Stock, unter dem flachen Teerdach mit dem bis an die Pappe gerissenen Schornstein. Ein vom Hof aufragender hölzerner Balkon. Zwei Zimmer zur Sonne. Ein Taubenverschlag. Wegen des löchrigen Giebels hatten die Tauben freien Einflug. Eine kleine Küche mit dem Fenster zum Flur. Gemeinschaftsklo eine Etage tiefer. Oft war die Brille noch vom Vorgänger warm. Viel Zement und Spucke und es entstand eine Puppenstube.

Wir hatten Beziehungen und manch kleine Antiquität verschönerte die leeren Zimmer mit dem ewig qualmenden Ofen. Ich hatte die Ziegel des Mauerwerks rot und die Fugen weiß angemalt. Der hölzerne Balkon grün, und das Gründerzeitschnitzwerk wieder weiß abgesetzt. Eine Kinderschaukel war am Balken befestigt. Manch neugieriger Blick der vorbeigehenden Passanten traf unsere stolzen Blicke.

Alltag. Glück. Christian.

Es war ein Junge, Christian. Ein prächtiges Kerlchen von über acht Pfund. Die Geburt verzögerte sich. Die Wehen wurden unterdrückt. Es war Wochenende und der Plan war erfüllt. Die Herztöne. Nun wurde nachgeholfen. Ist das der Grund für seine heutige Epilepsie?

Die Aufregung legte sich. Glück kehrte in die kleine Wohnung ein. Da war wieder die bunte Wiege. Einen alten Schützenorden und die Wiege hatte ich von Großvaters Dachboden gerettet.

Die Arbeit im Elmo war zur Routine geworden. Ich arbeitete mit Frieda, deren Zigarette nie ausging, weshalb ihre Finger quittegelb waren, in der Kabelmacherei. Wegen der hohen Normerfüllung war mein Gehalt verhältnismäßig gut.

Staatssicherheit: Wir vergessen keinen.

Kollege Wenzel zur Verwaltung. Der Meister wies mir den Weg. Klopfen. In einem abgedunkelten Raum. Gitter vor dem Fenster, zwei Fremde hinter dem Tisch. Aktentaschen auf dem Tisch. Fragende Blicke. Jovial der Linke. Die Hand ausstreckend. Zurückhaltend, wie in den Hintergrund rückend, der Andere. Staatssicherheit.

Der schlanke Dunkelhaarige stellte sich vor. Wir haben gehört... Die Worte rauschen vorbei. Herzrasen. Jähes Aufflammen der Erinnerung. Zellen, Gitter, Schreie, Klassenfeind, wir vergessen keinen. Plötzlich ein Kuvert aus der Tasche. Flugblätter mit staatsfeindlichen Texten. Sie müssen beweisen, sonst... Unterschreiben Sie.

Ich stammelte Bedenkzeit.

Ist ja nicht so schlimm, sie melden sich und erzählen vom Gottesdienst oder so. Angst vor Verhaftung und im Westen arbeiten sie an der Fluchthilfe, Ausreise. Der Antrag ist gestellt. Onkel Kurt gibt sich als mein Vater aus. Die vielen Briefe über Siggis Adresse. Pastor Martin sagt unterschreiben und abwarten.

Die beiden, einer stellt sich als mein Führungsoffizier Lindner vor. Ich entdecke, dass er gegenüber in der Platte wohnt. Oft schaut er hoch zum Balkon mit der Schaukel. Der roten Wand mit den weißen Fugen und dem quirligen kleinen Kerlchen, welcher in der Schaukel jauchzt. Ich wehre mich. Mein Deckname ist Karl Schäfer. Großvater.

Sie begreifen nicht. Ich triumphiere in der Angst. Klopfen an der Tür zur konspirativen Wohnung in der Zuckerfabrik. Deckname Karl Schäfer. Ein alter Herr öffnet. Vermutlich Arbeiterveteran. Bohnenkaffee, ein Schreibblock. Der Pastor hat gesagt... Unnützes Geschreibe. Eindringliche Gespräche mit Lindner.

Die Treffen werden weniger. Sie brauchen vorerst nicht mehr kommen. Wütende Blicke. Anita hat bei der Firma "Hamm wa nich. Kriegen wir nich rein"-HO-Halberstadt Abteilung Elektro angefangen. Mutter leitet den Intershop auf dem Bahnhof. Westkontakt. Trinkgeld für die kleine mollige freundliche Verkäuferin.

Normalität kehrt ein, doch der Ausreiseantrag ist gestellt.

Der Druck ließ wieder nach. Normalität kehrte wieder ein. Christian gedieh prächtig. Herrlich das Toben im Wald. Eltern und Schwiegereltern waren stolz, die Politik und die Vergangenheit rückten in den Hintergrund. Siggi drängte, fang doch auch in der Gießerei an. Schaffst du. Über tausend Mark sind immer drin. Ich kündigte.

Es war heiß, dreckig, schwer. Mir zitterten die blutigen Hände, ich konnte keinen Löffel halten. Nächtliches Niesen ließ die Bettwäsche schwarz werden. Kohlenstaub, Graphit. Die blutenden Hände wurden schwielig, kräftiger. Der Körper gewöhnte sich. Die Knete stimmte. Ich kaufe auch einen Heizkessel mit Radiatoren. Wird gleich am Hallentor weiterverkauft. Ich kenne den Käufer nicht. Vom Gewinn bezahlen wir unser neues Schlafzimmer.

Die Bonzen verdienten weniger. Der Wohlstand wuchs, Küche, neuer Fernseher. Immer noch Westpakete und die lieben Briefe. Sehnsucht am Horizont, welche vom Alltag verdrängt wurde.

Ich war krank geschrieben. Obligate Auszeit von der schweren Arbeit. Rotationsprinzip unter den Kollegen im sozialistischen Kollektiv. Wochen davor, der Werkbus hatte Verspätung. Beim Betreten der Gießerei neugierige Blicke. Schulterklopfen. Wie hast du das gemacht?? Viele fragten. Was war geschehen?

Die Sache klärte sich. Eine Betriebsversammlung war kurzfristig im Essensaal angesetzt. Der Betriebsparteisekretär, ein KPD-Mann aus dem Westen, und eine Abordnung des MdI Halberstadt hielten eine Rede: Genossen, Kollegen, in unseren Reihen ist ein reaktionärer Klassenfeind, Ausreiseantrag usw. Die Kollegen meldeten Protest. Fleißig, kollegial usw. Die Versammlung endete ohne den gewünschten Erfolg. Im Gegenteil. Wohin willst du werde ich gefragt. Promptes entgegnen, Hamburg. Schreib mal!! Gehst Du auch auf die Reeperbahn? Männerfragen.

Hamburger: "Ruh dich aus, wir machen das schon."

Jürgen, wir dürfen raus!

Ich bin in der Wohnung. Anita ist auf Arbeit im HO. Plötzlich lautes Rufen im Treppenhaus: "Jürgen, Jürgen wir dürfen raus!" Sie stürmt die Treppe rauf, fällt mir jauchzend um den Hals. Die Beine strampeln in der Luft. Atemlos. War bei dem MdI. Nächste Woche in Magdeburg, Zoll, Sachen packen, Hamburg. Die Lähmung weicht. Fieberhaftes Nachdenken. Die Schranktür, Schubladen öffnen sich. Lähmung zwischen den Habseligkeiten. Zaghaftes klopfen beim VST-Leiter im Vorderhaus. Spowa. Stockende Erklärung.

Freundliches wortloses Schulterklopfen. Es findet sich eine hölzerne Geschirrkiste. Die wichtigsten Andenken an die Großeltern, ein Kobaltgeschirr mit Streublümchen. Ein Bild mit Goldrand, zwei Säbelchen, etwas Wäsche und Besteck passen hinein. Ein bekannter Antiquitätenhändler in der Stadt beschafft eine Unbedenklichkeitserklärung. Verschicken der Kiste, wieder Beziehung der Mutter zur Reichsbahn. Ein kleiner Container findet sich. Die nächsten Tage, Laufzettel. Banken, Behörden, meistens freundliches Schulterklopfen. Glückwunsch wildfremder Menschen, auch mit Parteiabzeichen.

An jenem Abend, wir sitzen mit Mutter und Stiefvater am Küchentisch. Drucksen.
"Vati, Wir müssen dir was sagen." Wissendes Lächeln auf dem Gesicht. "Ihr wollt in den Westen." Mutter erstarrt zur Salzsäule. Angstvoller Blick. Schweigen. "Wenn ich in eurem Alter wäre, würde ich auch gehen." Was sagt er?? Ungläubige Blicke kreuzten den Tisch, mit den nestelnden Händen. Ich werde ihm das nicht vergessen.

Mutter weint.

Es gibt kein Zurück. Noch einmal Gefahr: Es klingelt an der Tür. Fremde im Treppenhaus. Sie fragen, wie wir das mit der Ausreise geschafft hätten. Schweigen. Tür zu.

Abschied und Marienborn.

Wir stehen auf dem Bahnsteig. Jeder steht wohl neben sich. Nicht glauben, nicht begreifen. Einsteigen. Vorsicht am Bahnsteig. Hektisches Drücken, Trauer, Winken. Christian begreift nicht, die großen Augen unter dem Lockenkopf schauen fragend. Die Kiste hatte Siggi Tage zuvor zum Zoll gebracht. Er hielt zu uns. Ein Verwandter wollte den neuen Fernseher nicht geschenkt. Hat sich Tage danach selbst einen gekauft. 2500 Mark.

Wir sitzen im Abteil. Wie damals auf der Hochzeitsreise nach Posen. Anita wollte einen Lederrock, moderne Schuhe mit dicker Sohle und vielleicht Salzstangen und Kaugummi, und und und. In Polen soll es so etwas geben. Uns gegenüber saß ein Reisender. Parteiabzeichen im Trevira-2000-Anzug, weißes Nylonhemd. Auszeichnung von der Brigade. Verdienter Werktätiger.

Eine Woche nach Warschau. Auszeichnung, Geschwafel. Wir hören weg.

Frankfurt Oder, tönt es vom Bahnsteig. Reisende in die Volksrepublik Polen, Warten. Die Tür geht auf. Passkontrolle. Dieser Ton. Ängstlich sträuben sich die Nackenhaare. Blättern in den Reisepapieren. Der verdiente Werktätige lachte gequält, stammelt von Warschau und Auszeichnung…

Ich will das nicht mehr hören. Wir kuscheln. Der Zug ruckelt. Irgendjemand sagt, die Lok wird gewechselt. Die Fahrtrichtung ändert sich, wir fahren rückwärts. Wir schlafen aneinander gekuschelt ein. Wir träumen von Posen, den gefüllten Geschäften. Westsachen, ob sie das Ostgeld nehmen?? Ich werde wach.

Ungläubig schaue ich zum Gegenüber. Er sitzt in Fahrtrichtung. Ich pruste los. Der Ruß der polnischen Dampflok hatte sein ehemals weißes Nylonhemd schwarz gefärbt. Schadenfreude. Wir schubsten uns das herzhafte Lachen verkneifend an und ließen ihn schlafen. Posen. Aussteigen, letzte schadenfrohe Blicke auf den verdienten Genossen. Er erwachte gerade und starrte ungläubig, ja verzweifelt, auf seine Montur.

Ich bot den westreisenden Rentnerinnen im Abteil die Packung mit den teuren Pralinen aus dem Delikat an. Höfliche Ablehnung. Danke schön. Sie aßen Westpralinen. Helmstedt. Marienborn. Letzte Passkontrolle. Grenzpersonal mit Spiegeln an langen Stielen. Prüfende Blicke auf die Waggonverkleidung.

Herzklopfen. Der Zug fährt an. Halten.

Freundliche Zöllner in fremden Uniformen. Herzlich Willkommen. Ungläubige Blicke auf unsere jungen Gesichter mit den Tränen auf den Wangen. Einsteigen in den Personenzug nach Hamburg. Pfiffe. Der Zug fährt an.

Epilog.

Wir sind unseren Weg gegangen. Onkel und Tante wurden Oma und Opa. Neue Freunde, ein neuer Beruf mit Staatsexamen, Note sehr gut. Neuanfang im schönen Aukrug. Zwei weitere Wonneproppen, Juliane und das späte Nesthäkchen Matthias wuchsen in diese herrliche heile Welt.

Mutter ist zwei Jahre vor der Wende an Magenkrebs gestorben. Hatte erstmals eine Einreise.
Schwiegervater starb vorher an Lungenkrebs. Mutter wurde in einer mit Holztapete beklebten sargähnlichen Kiste beerdigt. Sie hielten immer noch Reden von Sozialismus und so. Mir war die Kehle zugeschnürt.

Lindner tauchte unter, die Justiz sah keinen Prozessgrund.
Pastor Martin verleugnete mich.
Siggi und Ricarda haben die Freundschaft bewahrt.
Schwiegermutter erlebte die Wende und hatte noch etwas von der nun menschenwürdigen Rente. Trotz Wegfall des Zuckergeldes.

Vater war in Berlin ein Jahr vor der Wende verstorben.
Stiefvater verlebt die Rente als leitender Angestellter vom Klassenfeind.

Schwesterchen hat Angst, ich würde Großvaters Acker fordern. Ach ja, in den vielen Paketen - einen Teil hatte ja die Stasi für sich konfisziert - waren ja nur getragene Sachen und billiger Aldikram. Man hat es immer gleich in den Keller getragen. Unbrauchbar.

Großvater sagte einmal: "Man kann alt werden wie eine Kuh, man lernt immer noch dazu!"

Ich lebe wieder in Deutschland. 15 Jahre nach dem "Es kommt mal anders".

Ich stehe an der Ampel, mein Sechszylinder schnurrt leise. Meine Blicke gebannt auf das riesige Wahlplakat. "Es reicht! Gerechte Politik, sozial wählen - PDS."

Hört das nie auf mit den alten und neuen Genossen? Haben die Menschen so schnell vergessen oder wieder nichts gewusst wie bei den Nazis?

Gänsehaut!! Wächst wieder eine "DDR"? Diesmal ohne Gänsefüßchen bis hinter den Horizont?

Teil I Jürgen-Kurt Wenzel erzählt von seiner Kindheit und dem geliebten Großvater.

Mit 17 Jahren unternimmt er einen Fluchtversuch - erste Haft-Erfahrungen.

Eine Odyssee beginnt.

Teil II Wenzel schildert seine erste große Liebe, mit ihr unternimmt er einen Fluchtversuch.

Dieser scheitert - wieder kommt er in Haft.

Dort macht er die schmerzhafte Erfahrung: Als politischer Häftling hat man keine Rechte.

Teil III Eintöniger Haftalltag, grausam durchbrochen von Willkürakten, Schikane, Gewalt.

Aber Wenzel erzählt auch von den Gerüchten, die Hoffnung machen.

Und von Freundschaft, die überleben hilft.

Teil IV Das Leben nach der Haft: Liebe, Heirat, Freundschaft, Familie.

Die Stasi hat ihn im Visier, der Ausreiseantrag ist gestellt.

Doch die Freiheit wartet.

Zuletzt aktualisiert: 10. September 2004, 15:16 Uhr