Erinnerungen Die deutsch-sowjetische Freundschaft I

Eine Herzenssache für jeden DDR-Bürger

Die wichtigste Form der Liebe in der DDR war die der Liebe und Freundschaft zur Sowjetunion - die "Herzenssache" eines jeden DDR-Bürgers. Dazu einige amüsante Episoden von Hartmut Feist.

von Hartmut Feist

Vor einigen Wochen, im Mai 2004, brachte das Magdeburger Kabarett "Die 3 von der Zankstelle" einen Sketch über die Liebe in der DDR. Demnach gab es in der DDR drei Formen der Liebe: die Liebe zwischen Mann und Frau, die gleichgeschlechtliche Liebe und die Liebe zur Sowjetunion.

Die Liebe zwischen Mann und Frau sei in der DDR besonders gefördert worden. Der Babyboom der 70er Jahre zeige dies deutlich. Die Liebe zur Sowjetunion aber wurde gefordert. Liebe und Freundschaft zur Sowjetunion mussten die Herzenssache aller DDR-Bürger sein. Die organisatorischen und praktischen Voraussetzungen dafür sollten durch die "Gesellschaft für die deutsch-sowjetische Freundschaft" geschaffen werden. Dementsprechend sollten alle DDR-Bürger, insbesondere in den Betrieben, Mitglieder der "Gesellschaft für deutsch-sowjetische Freundschaft" (DSF genannt) sein. Dazu sind uns ein Paar Episoden eingefallen ...

Die ersten Erfahrungen mit den sowjetischen Freunden waren bei mir, 1945 als Achtjähriger, natürlich zwangsläufig wenig freundschaftlich. Die Mutter wurde vergewaltigt, aber ich, als blondes Kind, auf dem Schoß geschaukelt, ein Offizier wollte mich sogar mit nach Moskau nehmen und Stalin vorstellen. Aber das war natürlich Spaß. Diese ersten Erfahrungen wurden bald verdrängt – und so bin auch ich als Lehrling 1951 Mitglied der DSF geworden. Ohne auch nur einmal aktiv zu werden, bin ich es bis 1989 geblieben ...

1. Die Sache mit der Hundehochzeit

Als 28-Jähriger war ich unter zwei Kandidaten ausgewählt worden, Abteilungsleiter einer Ingenieursabteilung aus acht bis zehn Ingenieuren zu werden, was den anderen, deutlich älteren Bewerber natürlich sehr verärgert hatte. Eines Tages, kurz nach der Berufung, war die Betriebsdelegiertenkonferenz der DSF angesetzt worden und ich sollte als Delegierter teilnehmen. Ich hatte aber schon etwas anderes vor und musste außerdem sowieso schon zu diversen anderen Veranstaltungen von Partei, Gewerkschaft usw. Deshalb schlug ich vor, dass jemand anders an meiner statt gehen sollte. Wie schon mein Großvater sagte: "Ich muss doch nicht auf jeder Hundehochzeit dabei sein".

In der nächsten Parteiversammlung machte der beste Freund meines damaligen Mitbewerbers ein riesiges Fass auf. Es habe sich ihm das Herz im Leibe umgedreht, dass ein junger staatlicher Leiter die Veranstaltungen der DSF mit einer Hundehochzeit vergleiche. Damit hätte ich bewiesen, dass ich nicht würdig sei, eine Abteilung zu führen. Man solle meine Berufung rückgängig machen und seinem Freund die Aufgabe übertragen.

Ich gebe zu: Ich musste lange nach einer Ausrede suchen und habe sehr herumgestottert. Da ich aber beim Großteil der Genossen ganz gut angesehen und mein Mitbewerber aus ganz unterschiedlichen Gründen nicht wirklich beliebt war, wurde meine Bemerkung als eine ungeschickte Bemerkung im jugendlichen Leichtsinn bagatellisiert. Immerhin bin ich acht Jahre lang Leiter dieser Abteilung geblieben.

2. Wie man zu einer Funktion in der DSF kommen konnte

Einmal habe ich dazu beigetragen, dass ein völlig überraschter Kollege plötzlich eine Funktion in der DSF erhielt. Und das kam so: Wir hatten nach und nach in landschaftlich schöner Umgebung in Thüringen acht Bungalows gebaut. In den 70er Jahren erhielten alle einen zentralen Wasser- und Abwasseranschluss mit Duschen und Innentoiletten. Die ersten vier Bungalows hatten aber vorerst noch eine zentrale Außentrockentoilette, das Wasser musste eimerweise aus einer nahe gelegenen Quelle geholt werden. Die Quelle versiegte auch im Winter nicht, doch dauerte es gut zwanzig bis dreißig Minuten, bis ein Eimer voll gelaufen war.

Irgendwann im Februar 1970 oder 71 machte ich mit meiner Familie in einem der Bungalows Ski-Urlaub. Ich musste Wasser haben, wartete an der Quelle und wartete und wartete, dass der Eimer endlich voll lief. Der stellvertretende Parteisekretär, der in einem der anderen Bungalows wohnte, gesellte sich mit seinem leeren Eimer zu mir. Wir unterhielten uns über dies und jenes. "Wenn ich am Montag wieder im Betrieb bin, werde ich ein ziemliches Problem haben", sagte er plötzlich. "Ich muss einen neuen Vorstand für die Betriebsgruppe der DSF zusammensuchen. Nach dem Vorfall in der Kampfgruppe, kann Genosse X unmöglich Vorstand der Betriebsgruppe bleiben. Einen neuen Stellvertreter brauche ich auch noch. Einen neuen Vorsitzenden habe ich schon gefunden, das wird Genosse Y, der Leiter der technischen Abteilung. Aber es ist einfach kein Stellvertreter zu finden." "Kann von deinen jungen Ingenieuren nicht einer die Funktion übernehmen?", fragte er mich. "Denk doch mal nach ..."

"A. ist in der freiwilligen Feuerwehr, B. ist aktiv im Rudersport, C. ist zu zurückhaltend, außerdem spielt er Tischtennis. D. macht nichts und kann gut reden!" "D., kenne ich den?", fragte der Parteisekretär. "Der ist so ein Langer", meinte ich. "Vielleicht habe ich ihn schon mal gesehen", der Parteisekretär. "Den nehmen wir! Ist er Mitglied in der DSF?" Ich glaubte es zwar, war mir aber nicht sicher. Doch der Parteisekretär ließ nicht locker: "Du musst mir einen Gefallen tun. Rede mit ihm und mache ihm klar, dass er stellvertretender Vorsitzender der Betriebsgruppe der DSF werden soll. Sollte er noch nicht Mitglied sein, muss er sofort eintreten. Wenn ich als Parteisekretär komme, schalten die jungen Kollegen doch sofort auf stur." "Für die Partei und für dich tue ich doch alles", bemerkte ich leicht ironisch.

Nach meiner Rückkehr aus dem Urlaub und der ersten Erledigung wichtiger betrieblicher Dinge, suchte ich D. an seinem Arbeitsplatz auf: "Bist du Mitglied der DSF?" "Nein", entgegnete er, "muss ich denn in jedem Verein sein?" "Dann musst du sofort eintreten", erwiderte ich. "Warum das?", wollte er wissen. "Ich bin doch nicht verrückt!" "Weil du der stellvertretende Vorsitzende der DSF-Betriebsgruppe werden sollst", klärte ich ihn auf. "Ich??! Wer hat sich denn diesen Quatsch ausgedacht?", fragte er entsetzt. "Das haben der stellvertretende Parteisekretär und ich beim Wasserholen in der Bungalow-Siedlung beschlossen", räumte ich kleinlaut ein. Daraus entwickelte sich ein halbstündiges Gespräch. - Schließlich stimmte er zu.

D. ist letztendlich bis 1989 stellvertretender Vorsitzender geblieben, hat im Vorstand den größten Teil der Arbeit erledigt und es dadurch tatsächlich geschafft, dass die Kontakte zu sowjetischen Menschen nicht nur politisches Blabla waren, sondern wirklich freundschaftliche Züge annahmen.

3. Wer opfert sich für Feiern?

Zu den so genannten Festtagen war es üblich, dass sich Delegationen der Betriebe und Pateneinheiten der Roten Armee gegenseitig besuchten. Etwa am Tag der Sowjetarmee, zum Tag des Sieges (9. Mai) oder am Tag der Oktoberrevolution (7. November). Es begann jedes Mal zwischen den Mitgliedern der Werkleitung, der Parteileitung, der DSF Betriebsgruppe ein heftiger Streit darüber, wer diesmal zur Feier gehen müsste. Frei nach dem Motto "Nun können auch die anderen mal!", versuchte man sich zu drücken so gut es ging.

Die Ursache dafür war aber keineswegs politischer Natur, sondern hatte vielmehr gesundheitliche Gründe. Bevor Gorbatschow an die Macht kam, floss bei diesen Feiern der Alkohol, insbesondere der Wodka, in Strömen und vor allem tat es der Freundschaft Abbruch, dabei nicht mitzuhalten. Nach der Feier wurden die deutschen Teilnehmer zwar mit russischen Militärfahrzeugen nach Hause gebracht, doch war der nächste Tag mit so manchen erheblichen gesundheitlichen Problemen belastet: Die Teilnehmer hatten einen schweren Kater ...

Zuletzt aktualisiert: 28. September 2004, 16:08 Uhr