Erinnerung Mit "deutschem Gruß" bei der Kampfgruppe

Nennen wir ihn Herrn Zwanzig, er war damals, 1970/71, schon ein älterer Kollege um die 55. Er war als Materialeinkäufer beschäftigt und sehr gut in seiner Arbeit. Er wurde folgendermaßen beschrieben: "Wenn sie Zwanzig vorne rausschmeißen, kommt er hinten wieder rein". Er spielte aber immer den großen Sozialisten und Widerstandskämpfer gegen den Faschismus und war deshalb auch Vorsitzender der Betriebsgruppe der DSF geworden.

Aufgrund seines Alters war er in der Kampfgruppe im Innendienst tätig. Diese Kämpfer hatten für Verpflegung, Unterkunft und sonstige Organisation zu sorgen. Bei einer Wochenendkampfgruppenausbildung war er der so genannte Kommandeur vom Dienst. Seine Aufgabe war es, die Hundertschaft nach den Pausen antreten zu lassen und dem Kommandeur Meldung machen. Er ließ uns also nach der Mittagspause antreten und rief: "Zur Meldung an den Kommandeur die Augen links!" Der Kommandeur trat vor. Zwanzig hob den Arm zum "Deutschen Gruß" und meldete: "Genosse Kommandeur, Kampfgruppe zum Nachmittagsdienst angetreten." – Und schon merkte er seinen Fehler. Langsam ließ er den Arm sinken und begann zu stottern ...

Es brach ein großer Tumult aus. Nicht aber aus Empörung oder Wut, sondern vor Begeisterung und Freude über dieses einmalige, fast kabarettreife Ereignis. Eine Lachsalve folgte der anderen. Die Kämpfer schlugen sich gegenseitig auf die Schulter. Sogar einzelne "Heil Hitler"- und "Sieg Heil"-Rufe ertönten. Die Hundertschaft geriet aus den Fugen. Der Kommandeur, ansonsten ein ziemlich "scharfer Hund", versuchte die Situation zu retten: "Genossen, seit 25 Jahren versuchen wir sozialistisches Bewusstsein in die Köpfe unserer Menschen zu bekommen und ihr wisst alle, wie schwer das ist. Die Faschisten haben es in zwölf Jahren geschafft, die Köpfe der Menschen so zu manipulieren, dass unserem Genossen Zwanzig so was heute noch passiert. Ich bitte euch, Genossen, die Sache bleibt unter uns."

Das war ein unerfüllbarer Wunsch. Ein solch sensationelles Erlebnis ließ sich nicht geheim halten. Wir waren von der Übung kaum zurück, da hatte es sich in Stadt und Betrieb bereits herumgesprochen. Das Gelächter war groß. Der Tenor des Ganzen war ironisch und ein hämisch: "In der Kampfgruppe wurde der 'Deutsche Gruß' wieder eingeführt." – Kollege Zwanzig durfte danach nicht mehr Vorsitzender der Betriebsgruppe der DSF sein. Beruflich hat er seine Arbeit bis zum Rentenalter fortgesetzt. Noch lange musste er sich einen von bösartigen Zungen erdachten Spruch anhören: "Und trittst du bei Herrn Zwanzig ein, so soll dein Gruß 'Heil Hitler' sein."